Ich habe kürzlich einen Artikel („Soziologie des Massenmordes„) von Jörg Räwel gelesen, der mich sehr beschäftigt hat. Er beschreibt, wie Organisationsformen menschliches Verhalten nicht nur beeinflussen, sondern in extremen Fällen überhaupt erst ermöglichen – und zwar auf fatale Weise. Massenmorde, einschließlich des Holocausts, werden dort nicht primär als Werk einzelner „böser“ Personen dargestellt, sondern als Ergebnis bestimmter Organisationsstrukturen, die Reflexion und Kontrolle systematisch ausschalten. Das „Böse hat kein Gesicht“, wie Räwel schreibt. Die „Banalität des Bösen“, die Hannah Arendt bei Adolf Eichmann beobachtete, liegt nicht in der monströsen Persönlichkeit, sondern in der bürokratischen Normalität eines Rädchens im Getriebe.
Ich halte das im Großen und Ganzen für sehr plausibel. Es gibt einzelne Punkte, bei denen ich anders akzentuieren würde, aber der Kern trifft etwas Wesentliches. Bevor ich auf die praktischen Konsequenzen für unsere heutige Gesellschaft eingehe, möchte ich bei etwas Grundsätzlicherem ansetzen – bei meiner Definition von Intelligenz, die ich bereits in einem früheren Artikel auf diesem Blog entwickelt habe.
In meinem Artikel „Intelligenz ist überall: Eine Frage der Ordnung“ habe ich dargelegt, dass Intelligenz kein exklusives Merkmal von Gehirnen oder bewussten Wesen ist. Sie entsteht überall dort, wo ein Ordnungssystem auf Substanz (Materie und Energie) über Zeit einwirkt.
Intelligenz ist in ihrer grundlegendsten Form die Eigenschaft eines Systems, durch das ständige Anwenden von Regeln im Laufe der Zeit ordnende und funktionierende Lösungen hervorzubringen.
Ein klassisches Beispiel sind Termiten oder Ameisen: Eine einzelne Termite ist nicht intelligent. Sie folgt nur winzigen, simplen Geruchsregeln. Wenn aber Millionen Termiten blind diesen einfachen Regeln folgen, bauen sie fantastische Türme mit perfekten Belüftungsschächten. Die Intelligenz steckt nicht im Kopf des Insekts, sondern in den Regeln des Systems. Genauso verhält es sich mit unserem Gehirn, mit evolutionären Prozessen oder mit Computerchips.
So gesehen ist die Organisationsstruktur selbst einer der Grundbausteine von Intelligenz – nicht nur bei Ameisen oder Neuronen, sondern ganz generell. Und wenn Strukturen Intelligenz erzeugen können, dann können sie umgekehrt auch Intelligenz behindern, verzerren oder sogar in ihr Gegenteil verkehren.
Es gibt nicht nur Schwarmintelligenz, sondern auch Schwarmidiotie. Wenn man intelligente Menschen in eine schlecht designte Struktur setzt, kann das kollektive Ergebnis schlechter sein als das, was die Einzelnen allein erreicht hätten. Groupthink, Filterblasen, Anreizsysteme, die kurzfristiges Denken belohnen, oder Entscheidungsprozesse ohne echte Rückkopplung – all das sind Beispiele dafür.
Räwels Artikel zeigt die extreme Variante: Organisationsformen, die nicht nur dumm, sondern ethisch katastrophal sind. Er argumentiert, dass Organisationen als Systeme von Entscheidungen funktionieren, die sich selbst reproduzieren – weitgehend unabhängig von der Psyche der beteiligten Personen. Solange die Erwartungen der Organisation erfüllt werden, ist es der Organisation egal, ob jemand innerlich ablehnt, was er tut. Die berühmte „idyllische“ Familienidylle neben Auschwitz wird dadurch möglich.
Entscheidend ist für Räwel: Organisationen haben von sich aus nur ein schwaches Potenzial zur Selbstreflexion. Sie treffen zukünftige Entscheidungen auf Basis vergangener Entscheidungen. Damit sie nicht entgleisen, brauchen sie externe Reflexions- und Kontrollinstanzen – unabhängige Gerichte, kritische Medien, wissenschaftliche Gegenstimmen, politische Opposition, zivilgesellschaftliche Organisationen. Wenn diese Instanzen ausgeschaltet oder gleichgeschaltet werden, kann eine Organisation mit Macht (Staat, Militär, Miliz) zur Tötungsmaschine werden.
Dazu kommen weitere Mechanismen: Die Verantwortungsdiffusion – jeder ist nur für einen kleinen Teil zuständig und fühlt sich deshalb weniger verantwortlich. Schriftliche Befehle zu schweren Verbrechen bleiben oft bewusst vage. Und es gibt eine Trennung zwischen denen, die theoretisch über Leid entscheiden, und denen, die es in der Praxis ausführen und damit auch persönlich mit den Folgen konfrontiert werden.
Das Stanford-Prison-Experiment von 1971 hat gezeigt, wie stark eine bestimmte Struktur normales Verhalten in kurzer Zeit verändern kann – auch wenn das Experiment methodisch umstritten ist und der Versuchsleiter starken Einfluss hatte.
Das ist keine Entschuldigung für individuelle Täter. Es ist eine notwendige Unterscheidung zwischen zwei Fragen: Wie konnte es zu diesem Verbrechen kommen? Und: Wer trägt welche Schuld? Beides muss man getrennt behandeln – sonst landet man in totalitären Logiken, in denen am Ende niemand mehr verantwortlich ist.
Hier schließt sich für mich ein weiterer Gedanke an. Ethik ist keine bloße Moral oder Gefühlsache. Sie ist eine besonders komplexe Form intelligenten Verhaltens. Wer heute Methoden anwendet, die er morgen nicht gegen sich selbst gerichtet sehen will, denkt langfristig. Wer die Bedürfnisse der ihn umgebenden Gruppe mit in sein denken einbezieht, steigt ebenfalls auf eine weitere Entwicklungsstufe. Er berücksichtigt Rückkopplungen über Zeit und über Personengrenzen hinweg. Das ist genau das, was komplexe, reflexive Systeme leisten können – und was reine Macht- oder Ideologieorganisationen systematisch unterdrücken.
Wenn Organisationsstrukturen Reflexion behindern, behindern sie damit auch Ethik. Das Ergebnis ist nicht nur Dummheit, sondern Verrohung bis hin zu organisiertem Massenmord. Räwels These und mein Kerngedanke treffen sich hier: Bestimmte Organisationsformen erzeugen mehr oder weniger intelligentes – und damit mehr oder weniger ethisches – Verhalten.
Wenn ich diese Linie auf unsere aktuelle Situation anwende, wird es unbequem. Ich sehe an mehreren Stellen Tendenzen, die genau jene Reflexions- und Kontrollinstanzen schwächen, von denen Räwel spricht.
Politisch erleben wir eine starke Polarisierung. Je nach Bundesland wählen 30 bis 40 Prozent AfD. Gleichzeitig gibt es massive Bestrebungen, diese Partei systematisch von Machtpositionen fernzuhalten – inklusive Versuchen, parlamentarische Kontrollrechte über Geheimdienste, Richterbestellungen oder Verwaltungspersonal einzuschränken. Das sind keine kleinen technischen Anpassungen, sondern Eingriffe in die Balance der Gewalten.
Die Rückkehr der Wehrpflicht und die Erfassung männlicher Ausreisewilliger sind weitere Indikatoren für eine Gesellschaft, die sich auf Konfliktmodi umstellt.
Überall – in Verwaltung, Justiz, Bildung, Medien – beobachte ich eine zunehmende Ideologisierung. Nicht mehr die sachliche Funktionslogik steht im Vordergrund, sondern moralische oder identitätspolitische Zuschreibungen. Das ist genau jener Übergang vom „Sachprimat“ zum „Personprimat“, den Räwel in seinem Artikel als gefährlich beschreibt.
Die offiziell genannten Gründe sind, meiner Meinung nach, vorgeschoben: § 188 StGB dient nicht in erster Linie der Bekämpfung von Hass und Hetze, sondern dem Machterhalt. Die extreme Aufrüstung wird mit dem Schutz vor Russland begründet – obwohl selbst hochrangige Militärs und Geheimdienstler wiederholt klar gemacht haben, dass Russland aktuell weder willens noch in der Lage ist, die NATO anzugreifen. Stattdessen erhöht diese Politik die Unsicherheit, weil sie Russland in die Ecke drängt und Provokationen weiter antreibt. Wer den ersten Schuss abgibt, muss nicht zwangsläufig der sein, der den Krieg erzwungen hat.
Auch die Ausweitung der Macht von Landesmedienanstalten, das faktische Verbot russischer Medien (nicht nur das Senden, sondern auch der Konsum), die Unterdrückung pro-palästinensischer Demonstrationen und die enge Zusammenarbeit mit Teilen der israelischen Regierung, die offen faschistische Tendenzen zeigt und nach meiner Einschätzung am Völkermord in Gaza beteiligt ist, dienen letztlich demselben Zweck: dem Machterhalt. Mächtige zocken mit dem Leben und Schicksal einfacher Menschen. Wenn sie erkennen, dass sie sich verzockt haben könnten, erhöhen sie nicht etwa den Einsatz an eigener Verantwortung, sondern den Einsatz an Leben anderer.
Die konkreten Entwicklungen, die ich hier nur skizziere, habe ich in früheren Artikeln (z. B. hier, hier und hier) auf diesem Blog ausführlicher dokumentiert. Sie alle schwächen die strukturellen Voraussetzungen dafür, dass Macht kontrolliert und reflektiert wird.
Ich konzentriere mich in diesem Artikel bewusst auf Deutschland. Ich lebe hier, ich wähle hier, ich spreche die Sprache und kenne die Kultur. Mein Einfluss ist hier größer als in jedem anderen Land – und damit auch meine Verantwortung. Was dieses Land tut, geschieht auch in meinem Namen. In anderen Ländern sind deren Bürger gefragt. Auch das habe ich in einem eigenen Artikel schon deutlich erklärt.
All diese Entwicklungen bauen Reflexionsmöglichkeiten ab. Sie schwächen die „Schutzwälle“, die ein Rechtsstaat braucht, damit Organisationen mit Macht nicht entgleisen. Wenn ich diese Linie konsequent weiterdenke, sehe ich die reale Gefahr eines autoritären, letztlich faschistoiden oder totalitären Systems – nicht weil plötzlich lauter böse Menschen an die Macht kommen, sondern weil die Strukturen die notwendige Reflexion und Kontrolle immer weiter einschränken.
Organisationen sind keine neutralen Werkzeuge. Sie sind mächtige Strukturen, die Intelligenz erzeugen oder zerstören können – und die ethisches oder verheerendes Verhalten begünstigen. Wie ich in „Intelligenz ist überall: Eine Frage der Ordnung“ gezeigt habe, entsteht Intelligenz aus Ordnung, die auf Substanz über Zeit einwirkt. Räwels Analyse des Holocausts und anderer Massenverbrechen zeigt, wohin es führt, wenn die Kontrollinstanzen ausfallen. Meine Beobachtung der aktuellen deutschen Entwicklung zeigt, dass genau diese Instanzen an vielen Stellen unter Druck geraten oder bewusst geschwächt werden.
Es braucht keine besonders bösen Menschen, damit Schlimmes geschieht. Es reicht oft schon eine Struktur, die Reflexion, Verantwortung und Kontrolle nicht die notwendige Stärke verleiht.
Auf der anderen Seite bietet diese Erkenntnis auch eine Chance: Die Möglichkeit bei Anwendung das Grauen der Systeme in Zukunft verhindern zu können.
Die wichtigste Erkenntnis bleibt: Strukturen entscheiden. Und Strukturen können wir verändern.
Dieser Artikel wurde erstmal am 22.06.2026 veröffentlicht. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Gerd Altmann auf Pixabay.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de