Wer die aktuellen Debatten verfolgt, hört es an jeder Ecke: Wir müssen aufrüsten, wir müssen in unsere „Sicherheit“ investieren. Kaum eine Behauptung macht deutlicher, wie gezielt Desinformation heute verbreitet wird – und zwar direkt von Regierungsseite. Doch nehmen wir diesen Leitsatz einmal nüchtern auseinander. Dabei zeigen sich schnell zwei fundamentale Begriffsfehler. Der erste ist die Vorstellung, man könne in Rüstung „investieren“. Für einen einzelnen Investor, der als Kriegsgewinnler massive Renditen einstreicht, mag das stimmen. Für eine gesamte Gesellschaft ist eine sogenannte „Investition“ in Rüstungsgüter jedoch ökonomisch so sinnvoll wie eine Investition in Abrissbirnen.
Lassen wir an dieser Stelle alle moralischen Bedenken, die Schrecken des Krieges, Rüstungsexporte und die daraus resultierenden Flucht- und Migrationsbewegungen bewusst beiseite. Betrachten wir das Thema rein aus einer wehrtechnischen, mathematischen und gesellschaftlichen Perspektive: Was bedeutet Sicherheit eigentlich, und wird sie durch mehr Rüstung erhöht oder gesenkt?
Sicherheit bedeutet im Kern, dass die Wahrscheinlichkeit eines schädlichen und ungewollten Ereignisses gering bleibt oder sinkt. Auf eine Gesellschaft angewandt heißt das: Das Lebensrisiko für den einzelnen Bürger muss minimiert werden. Sieht man dies, zumindest in Teilen, als staatliche Aufgabe an, ist der Staat dafür verantwortlich, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Risiken minimieren und Lebenschancen maximieren.
Doch wenn heute Spitzenpolitiker von „Sicherheit“ sprechen, muss man sich fragen: Welche und wessen Sicherheit meinen sie eigentlich? Oft geht es dabei primär um die eigene persönliche und berufliche Absicherung – die Sicherheit, im Ministeramt zu bleiben oder sich nach der politischen Karriere einen lukrativen Aufsichtsratsposten in der Industrie zu sichern. Für andere bedeutet Sicherheit der maximale geopolitische Einfluss des Staates oder schlicht die Stabilität der eigenen Regierung.
Es gibt hier einen tiefen Riss zwischen der Sicherheit, die der Bevölkerung am Herzen liegen sollte, und den Interessen einzelner Akteure. Das verhält sich ähnlich wie in der Wirtschaft: Auch dort blicken die Volkswirtschaft und die Betriebswirtschaft auf völlig unterschiedliche Weise auf dieselben Abläufe, aber mit konträren Zielen.
Höhere Rüstungsausgaben bedeuten zunächst schlicht massive Staatsausgaben. Geld, das der Staat hier ausgibt, muss er an anderer Stelle entweder einnehmen oder einsparen. Eine Finanzierung über Schulden verschiebt dieses Problem nur nach hinten – erhöht um die fälligen Zinsen.
Praktisch bedeutet das: Ein hochgerüsteter Staat verliert die finanzielle Kraft, andere fundamentale Lebensrisiken von seiner Bevölkerung fernzuhalten. Wer hier einwendet, Rüstung und Gesundheit seien völlig getrennte Haushaltstöpfe ohne Querverbindung, übersieht die ökonomische Realität. Die Wissenschaft belegt den sogenannten „Crowding-Out-Effekt“: Ein Anstieg der Pro-Kopf-Militärausgaben um nur ein Prozent führt statistisch zu einem Rückgang der öffentlich finanzierten Gesundheitsausgaben um 0,623 Prozent. In der Folge steigen die Zuzahlungen, die Bürger direkt aus eigener Tasche für ihre Gesundheit aufbringen müssen, drastisch an.
Zudem entzieht Rüstung der Realwirtschaft produktives Kapital und Arbeitskräfte. Eine Million Euro, investiert in Rüstung, schafft im Schnitt nur 6,9 Arbeitsplätze. Die gleiche Summe in Bildung würde 19,2 Arbeitsplätze schaffen. Weniger reguläre Arbeitsplätze bedeuten weniger Einzahler in die Sozialsysteme. Wenn Staaten Krieg führen oder durch Waffenexporte Kriege befeuern, führt das zu Fluchtbewegungen. Nimmt Deutschland Kriegsflüchtlinge auf, die hier ins Bürgergeld rutschen, werden für diese Menschen keine kostendeckenden Krankenversicherungsbeiträge abgeführt. Am Ende wird also das reguläre Gesundheitssystem massiv belastet.
Ausgaben für Rüstung haben zudem einen extrem niedrigen fiskalischen Multiplikator von etwa 0,80. Für jeden Euro, den der Staat in Waffen steckt, fließen im besten Fall nur 80 Cent über Kaufkraft in die Gesellschaft zurück. Zum Vergleich: Investitionen in das Bildungs- oder Gesundheitssystem weisen einen Multiplikator von bis zu 4,30 auf. Betrachtet man den Staat wie eine Versicherung, ist das aktuelle Vorgehen absurd: Die Beiträge für die Bürger steigen, während die Auszahlungen im Schadensfall gegen null gefahren werden.
Über die ökonomische Schwächung hinaus erzeugt die Aufrüstung ein klassisches Phänomen der Friedensforschung: das Sicherheitsdilemma. Wenn ein Staat massiv aufrüstet, fragen sich die Nachbarstaaten zwangsläufig, gegen wen sich diese Kapazitäten richten. Dient das wirklich der Verteidigung, oder droht ein Angriff? Die Folge ist ein wechselseitiges, unkontrolliertes Aufschaukeln.
Diese Dynamik senkt die Wahrscheinlichkeit eines Krieges nicht, sie erhöht sie dramatisch. Empirische Modelle zeigen: Liegt die statistische Wahrscheinlichkeit für einen Krieg aufgrund ungelöster territorialer Streitigkeiten bei bereits hohen 0,885, treibt ein zusätzlicher militärischer Rüstungswettlauf diesen Wert auf enorme 0,967. Jeder Staat beginnt zu kalkulieren, wann der strategisch günstigste Zeitpunkt für einen Schlag ist. Besitzt man im Moment einen Rüstungsvorsprung, entsteht ein immenser Anreiz, einen Präventivschlag durchzuführen, bevor der vermeintliche Gegner seine Rüstungsziele erreicht hat. Der Unterlegene, der durch seine Aufrüstung eigentlich Sicherheit schaffen wollte, provoziert genau dadurch den Angriff.
Besonders gefährlich wird dies, wenn die Aufrüstung „suboptimal“ verläuft – also gar nicht primär von äußeren Bedrohungen getrieben wird, sondern vom Prestigehunger der Politik oder dem Selbsterhaltungstrieb bürokratischer Militärorganisationen. Das provoziert unnötige Paranoia bei den Nachbarn.
Eine riesige Armee existiert nicht isoliert in Kasernen fernab der Gesellschaft. Sie benötigt eine gigantische logistische, technologische und industrielle Infrastruktur, die tief in das zivile Leben eines Landes eingewoben ist. In der militärischen Zielplanung spricht man von der „Target Density“ (Zielstruktur-Dichte).
Je mehr eine Nation aufrüstet, desto mehr zivile Netzwerke, Rechenzentren, Stromnetze und Schienenwege verschmelzen mit dem militärischen Apparat. Große Militärmächte betrachten solche sogenannten „kriegserhaltenden Objekte“ längst als legitime Angriffsziele im Kriegsfall. Die Zivilbevölkerung rückt damit unweigerlich ins Zentrum der Kampfzone. Völlig absurd wird es, wenn Politiker die Doktrin der „Gesamtverteidigung“ („Total Defense“) ausrufen. Wenn die gesamte Zivilgesellschaft für Logistik und Abwehr herangezogen wird, verwischt die Grenze zwischen Zivilist und Soldat. Zivilisten verlieren potenziell ihren völkerrechtlichen Schutzstatus und mutieren zu legitimen militärischen Zielen.
Ein weiterer, oft marginalisierter Aspekt ist die Brutalisierung der Gesellschaft. Wer eine große Armee aufbaut, muss Truppen in Konflikte entsenden, schon allein, um teure Waffensysteme in der Praxis zu testen. Danach kehren Hunderttausende Veteranen in die Gesellschaft zurück.
Die „Military Transition Theory“ belegt die enormen psychologischen Verwerfungen bei dieser Reintegration. Den Heimkehrern fehlt die klare Struktur, die Kameradschaft und der Lebenszweck, den das Militär bot. Selbst ohne Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) fallen viele in ein tiefes Loch aus Isolation und Entfremdung.
Auf gesellschaftlicher Ebene führt dieser Prozess zu einer handfesten Verrohung, wie sie der Historiker George L. Mosse in seiner „Brutalisierungsthese“ am Beispiel der Weimarer Republik aufzeigte. Militärische Verhaltensmuster, Gehorsam und Gewaltaffinität schwappen in den zivilen Raum über. Das entlädt sich am heftigsten im engsten familiären Umfeld: Studien belegen, dass 26 Prozent der männlichen Militärangehörigen körperliche Gewalt gegen ihre Partnerinnen (Intimate Partner Violence) ausüben. Parallel dazu lässt sich beobachten, wie Staaten mit großen Armeen dazu neigen, auch ihre regulären Polizeikräfte massiv zu militarisieren, was den zivilen Rechtsstaat von innen heraus aushöhlt.
Zudem droht handfeste politische Instabilität: Übersteigt die militärische Kapazität einer Fraktion innerhalb des Staates ihre politische Repräsentanz, steigt die Wahrscheinlichkeit eines internen Bürgerkriegs um bis zu 50 Prozent.
Die Annahme, dass eine kopflose Erhöhung der Rüstungsausgaben die Verteidigungsfähigkeit stärkt, ist ein Trugschluss. Unter politischem Druck werden Hunderte Milliarden freigegeben, ohne dass tragfähige Konzepte vorliegen. Die Industrie liefert völlig veraltete oder nicht funktionsfähige Systeme, da die eigentliche Entwicklung Jahrzehnte dauert.
Ein prägnantes Beispiel ist das Desaster um den Digitalfunk der Bundeswehr. Es zeigte sich: Die Geräte passten nicht in die Armaturen, brauchten zu viel Strom und waren völlig unbrauchbar. Ein zweistelliger Milliardenbetrag wurde hier im wahrsten Sinne des Wortes versenkt. Wir kaufen Kampfjets aus den USA, die uns abhängig machen, Schiffe, die nicht schwimmen, und Drohnen, die den Praxistest nicht bestehen.
Geopolitische Feindschaften – ob mit Russland oder perspektivisch mit direkten Nachbarn wie Polen oder Frankreich – wachsen auf der Basis von Rüstung und Geographie, nicht aus reiner Ideologie. Wenn beide Länder heute schon diskutierten, sich wegen eines hochgerüsteten Deutschlands ebenfalls rüsten zu müssen, sehen wir das Sicherheitsdilemma in Aktion.
An dieser Stelle werden viele ungläubig den Kopf schütteln. Ein Wettrüsten mit Polen oder Frankreich? Das seien doch unsere engsten Verbündeten! Doch werfen wir einen Blick auf das, was in unseren Nachbarländern tatsächlich gesagt wird, abseits der diplomatischen Sonntagsreden.
In Polen nimmt man die deutsche Aufrüstung keineswegs als schützenden Schirm wahr, sondern als handfeste Bedrohung. Jarosław Kaczyński, der jahrelang die polnische Politik prägte, formulierte es unmissverständlich: Er warf Deutschland unverhohlen vor, unter dem Deckmantel der EU ein „Viertes Reich“ aufbauen zu wollen. Er warnte davor, dass Berlin heute „mit friedlichen Methoden Pläne verwirklicht, die es einst mit militärischen Methoden verwirklichen wollte.“ Solche Aussagen sind keine rhetorischen Ausrutscher, sondern spiegeln die tiefen historischen und geografischen Ängste der Polen wider. Polen liegt eingeklemmt zwischen Russland und Deutschland. Wenn nun Deutschland neben seiner massiven wirtschaftlichen Dominanz auch noch zur stärksten konventionellen Militärmacht Europas aufsteigt, schrillen in Warschau alle Alarmglocken. Das geht so weit, dass in Polen heute völlig ernsthaft über den Aufbau einer eigenen Atombombe debattiert wird – explizit als Gegengewicht zu einem hochgerüsteten Deutschland.
Auch in Frankreich blickt man mit Entsetzen auf die deutsche Aufrüstung. Ein drastisches Beispiel ist der massive diplomatische Eklat um den sogenannten „Sky Shield“. Bundeskanzler Olaf Scholz verkündete im Alleingang den Aufbau eines europäischen Luftverteidigungssystems unter deutscher Führung und kaufte dafür amerikanische und israelische Rüstungsgüter – ohne Paris vorher auch nur einzubinden. In Frankreich wertete man das als bewussten Affront. Französische Militärexperten und Regierungsberater warnen seitdem offen vor einer strategischen Dominanz Deutschlands, die das Machtgleichgewicht in Europa sprengt. Seit Jahrzehnten galt in Europa die unausgesprochene Arbeitsteilung: Frankreich ist die militärische Führungsmacht mit Atomwaffen, Deutschland der wirtschaftliche Riese, der sich militärisch zurückhält. Wenn Deutschland diese Balance nun mit gigantischen Rüstungsetats bricht und französische Rüstungsinteressen ignoriert, sieht Paris seine eigene geopolitische Position existenziell bedroht.
Diese realen politischen Reaktionen unserer direkten Nachbarn zeigen das Sicherheitsdilemma in seiner reinsten Form. Wir rüsten auf, vorgeblich um uns gegen einen Feind im Osten zu schützen. Doch durch das schiere Gewicht dieser massiven Aufrüstung zerstören wir das Machtgleichgewicht in unserem direkten Umfeld. In der Geopolitik zählen für Nachbarn niemals unsere aktuellen, friedlichen Absichten – denn Regierungen und Absichten können sich nach jeder Wahl ändern. Es zählen ausschließlich unsere harten militärischen Fähigkeiten. Wenn wir zur bestimmenden Militärmacht aufsteigen, zwingen wir unsere europäischen Nachbarn förmlich dazu, uns wieder als potenzielle Bedrohung wahrzunehmen und ihrerseits gegen uns aufzurüsten. Die Rüstungsspirale macht eben nicht an den Grenzen verfeindeter Blöcke halt. Sie frisst sich direkt in das Herz unserer eigenen Bündnisse und sät dort das Misstrauen für die Konflikte von morgen.
Wir müssen den Antrieb dieser ganzen Wahnsinnsspirale trockenlegen. Der Motor sind nicht nur ein paar im Fernsehen bellende Ideologen, die von „Kulturen, in denen das Töten einen anderen Stellenwert hat“, reden – was nur ein modernerer Code für das Unwort des „Untermenschen“ ist. Der wahre Motor ist die Rüstungsindustrie, die exorbitante private Gewinne verspricht, diese in Lobbyarbeit ummünzt und so die Bedrohungsszenarien künstlich am Leben hält.
Wir brauchen sofort einen Ausstieg auf der Rüstungs– und Konfrontationsspirale. Darüber hinaus aber gilt: Um das dauerhaft zu stoppen, gibt es nur zwei konsequente Maßnahmen:
- Verstaatlichung der Rüstungsindustrie: Mit Waffen darf kein privater Gewinn gemacht werden. Punkt. Wenn niemand mehr privat an Rüstung verdient, verschwindet auch das massive finanzielle Interesse daran, Feindbilder zu pflegen und Völker gegeneinander aufzuhetzen. Der Staat stellt dann nur noch exakt das her, was zur reinen Verteidigung objektiv notwendig ist.
- Rückwirkende Haftung der Verantwortlichen: Wir müssen juristische Mechanismen schaffen, um Rüstungsunternehmen, ihre Vorstände und Großaktionäre persönlich zur Verantwortung zu ziehen, wenn ihre Waffen Flucht, Mord und Vertreibung verursachen. Das historische Vorbild ist die Zigarettenindustrie. Auch dort wurden die Konzerne nach Jahrzehnten der Lüge und Lobbyarbeit zu massiven Schadensersatzzahlungen verurteilt.
Wir müssen an das Kapital dieser Akteure gehen. Aktionäre interessieren sich nicht für Moral, sie interessieren sich für Zahlen. Wenn sie begreifen, dass Rüstungsgewinne sogenannte Pyrrhusgewinne sind, die man ihnen in Zukunft rückwirkend wieder abnehmen wird, bricht das Geschäftsmodell des Krieges in sich zusammen. Nur so entziehen wir der Rüstungslobby auf Dauer den Sauerstoff.
Dieser Artikel wurde erstmals am 18.05.2026 veröffentlicht. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Džoko Stach auf Pixabay.
Zur Vorbereitung dieses Artikels wurde eine KI Recherche durchgeführt, die hier zur Verfügung steht.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de