Ein Gewissensruf aus den hinteren Reihen: Warum meine Kritik meist den Westen trifft

Wer meinen Blog aufmerksam liest und hier mehr als nur einen Text konsumiert hat, wird schnell feststellen: Ich argumentiere sehr oft und sehr scharf gegen die Politik des Westens. Kritik an nicht-westlichen Akteuren findet man bei mir dagegen eher selten. Ich glaube, dieses Ungleichgewicht bin ich meiner Leserschaft schuldig zu erklären. Mit diesem Artikel möchte ich den Versuch unternehmen, die tieferen Gründe dafür darzulegen.

Der erste und grundlegendste Grund liegt in meiner tiefen Überzeugung, dass die Politik der westlichen Regierungen das geopolitische Grundübel unserer Zeit darstellt. Aus dem Westen kommen in der modernen Historie allzu oft die Unruhestifter, die Kriegsgewinner und die Gewalttäter. Sie zetteln Kriege an, sie führen sie, und sie füttern sie kontinuierlich mit Waffen. Am Ende geschieht all das mit einem übergeordneten Ziel: um die eigene Macht zu zementieren, auszubauen oder aggressiv zu verteidigen.

Heißt das im Umkehrschluss, dass der Rest der Welt ausschließlich aus Engeln besteht? Natürlich nicht. Und es bedeutet erst recht nicht, dass die Menschen im Westen von Natur aus schlechter wären als Menschen irgendwo anders auf dieser Erde. Es bedeutet schlicht, dass die aktuellen globalen Umstände und Strukturen solche Handlungen westlicher Regierungen massiv begünstigen.

Das mag abstrakt klingen, ist aber im Kern relativ einfach psychologisch und strukturell zu erklären: Wer die mächtigsten Länder der Welt führt und dabei keinerlei völkerrechtliche oder politische Strafen zu fürchten hat, ist weitaus eher geneigt, Dinge zu tun, die für andere Staaten undenkbar wären. Wer der Welt über 500 Jahre lang weitgehend ungestraft seinen Willen aufzwingen konnte, verfällt unweigerlich in eine gefährliche historische Hybris.

Man stelle sich zur Veranschaulichung eine Gruppe von Kindern vor: Man nimmt ein einziges Kind heraus und sagt ihm, dass es keinerlei Konsequenzen zu fürchten hat, ganz gleich, was es den anderen Kindern antut. Alle anderen Kinder hingegen werden für jedes Fehlverhalten wie gehabt bestraft. Was wird passieren? Wenn dieses eine Kind den anderen etwas antut und straffrei bleibt, wird es mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit zum Tyrannen. Genau das ist mit den westlichen Staaten passiert.

Würde ein anderes Land in die exakt gleiche Machtposition aufsteigen, die heute beispielsweise die USA innehaben – würde es also als alleiniger globaler Hegemon auftreten –, gehe ich davon aus, dass dieses Land nach einigen Jahrzehnten ganz ähnliche destruktive Handlungen begehen würde wie der Westen heute. Doch aktuell ist genau das nicht der Fall. Die reale, wirkmächtige Hegemonie liegt immer noch beim Westen, und genau deshalb muss sich die Kritik primär gegen ihn richten.

Der zweite Aspekt betrifft die persönliche Verantwortung und die Logik demokratischer Teilhabe. Ich lebe hier, ich wähle hier, und ich zahle meine Steuern hier. Den ohnehin geringen Einfluss, den ich politisch überhaupt ausüben kann, habe ich ausschließlich hier in unserem System. Ich habe diesen Einfluss weder in Russland noch in Brasilien, China oder sonst wo auf der Welt.

Darum halte ich es für meine unbedingte moralische Verpflichtung, die Fehler und Verbrechen zu benennen, die hier begangen werden – und zwar auch in meinem Namen. Allzu oft handelt es sich dabei eben nicht mehr nur um handwerkliche „Fehler“, sondern um völkerrechtliche und moralische Verbrechen. Diese gilt es konsequent anzuprangern, um zumindest ein kleiner, beharrlicher Gewissensruf aus den hinteren Reihen der Gesellschaft zu sein. Es ist billig, die Vergehen fremder Regierungen zu kritisieren, auf die man keinerlei Einfluss hat, während man vor der eigenen Haustür die Augen verschließt.

Damit kommen wir zum dritten wesentlichen Punkt: dem Wissen um diese Vergehen, Verbrechen und Kriegshandlungen. Was hier im Westen oder durch den Westen passiert, bekomme ich aus verschiedensten Kanälen mit. Ich kann die Informationen miteinander abwägen und bin so – so hoffe ich zumindest – einigermaßen in der Lage, die Glaubwürdigkeit der Quellen durch diesen internen Vergleich einzuschätzen.

Wenn es jedoch um Schreckensmeldungen aus Ländern geht, die im geopolitischen Fadenkreuz des Westens stehen – etwa dass in China die Uiguren systematisch unterdrückt werden, im Iran Frauen drakonisch drangsaliert werden oder auch über die massive Gewalt in den palästinensischen Gebieten im Kontext Israels –, dann erfahre ich diese Dinge fast ausschließlich über unsere westlichen, oft regierungsnahen oder geopolitisch voreingenommenen Medien. Es ist mir kaum möglich, deren Wahrheitsgehalt und Glaubwürdigkeit auch nur annähernd unabhängig zu prüfen.

In der Regel läuft es so ab: Zuerst beherrschen dramatische Schreckensmeldungen die Schlagzeilen. Nach einiger Zeit – manchmal vergehen Wochen, Monate oder gar Jahre – werden diese Darstellungen klammheimlich relativiert oder brechen in sich zusammen. Doch weder die ersten Sensationsmeldungen noch die späteren Relativierungen sind für uns als normale Bürger wirklich überprüfbar.

Die Berichte bezüglich der Uiguren beispielsweise stützen sich meist auf Satellitenbilder, die lediglich irgendwelche unbestimmten Gebäudekomplexe zeigen, oder auf Fotos von Menschen, die genauso gut auf einem normalen Klassenausflug sein könnten. Man präsentiert uns Materialbestellungen für angebliche Umerziehungslager, aber einen wirklich lückenlosen, überzeugenden Beleg oder gar gerichtsfesten Beweis bekommt die Öffentlichkeit selten zu sehen.

Ähnlich verhielt es sich mit den Opferzahlen im Zuge der inneren Unruhen im Iran, die anfänglich im Westen unkritisch mit weit über 30.000 beziffert wurden – eine Zahl, die sich bei näherer Betrachtung als äußerst obskur erwies. Gleichzeitig ist völlig klar – und wurde von westlichen Geheimdienstmitarbeitern mittlerweile sogar offen zugegeben –, dass diese inneren Unruhen vom Westen gezielt angeheizt und teils bewaffnet wurden, inklusive massiver Währungsmanipulationen, um die Kaufkraft der Bevölkerung zu schwächen und das Regime zu destabilisieren. In einer solchen Gemengelage fällt es unendlich schwer, die nackten Tatsachen festzustellen oder die Schuldigen eindeutig zu benennen. Es gibt in solchen Konflikten fast nie nur den einen Schuldigen.

Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten schlicht zu oft erlebt, wie unsere Medien manipuliert wurden – man denke an die inszenierten oder instrumentalisierten Giftgasangriffe in Syrien oder die erfundenen Massenvernichtungswaffen im Irak, die als Vorwand für völkerrechtswidrige Kriege dienten. Ich kann und will vieles davon einfach nicht mehr ungeprüft glauben.

Warum ich die Verbrechen des Westens dann dennoch glaube? Die Antwort ist simpel: Weil sie von beiden Seiten quasi bestätigt werden. Und das ist vielleicht der einzig verbliebene Lichtblick des Westens: Es gibt hier trotz allem noch investigative Nischenmedien, Whistleblower und kritische Quellen, die solche Vorwürfe von innen heraus bestätigen. Allerdings ist der zeitliche Verzug dabei über die Jahre immer größer geworden. Diese Bestätigungen kommen fast nie im Moment des Geschehens, sondern erst dann, wenn sich die erhitzte Volksseele längst wieder abgekühlt hat und sich kaum noch jemand für die vergangenen Ereignisse interessiert. Dennoch ergibt sich im Rückblick ein klares, verifiziertes Bild. Ein solches Maß an verlässlicher Gegenrecherche und interner Bestätigung fehlt uns bei Berichten über geopolitische Gegner meist völlig – zumindest mir, da ich schließlich kein Geheimdienstler bin.

Hinter all diesen Überlegungen steht meine feste persönliche Überzeugung, dass Menschen von Natur aus in der Regel weder rein „gut“ noch fundamental „böse“ sind. Es sind die konkreten Umstände, die den Menschen formen. Wenn die Umstände aus einem System bestehen, welches völkerrechtswidrige Verbrechen nicht bestraft, sondern womöglich sogar belohnt, dann wird dieses System immer wieder Menschen hervorbringen, die im Schutz dieser Strukturen schreckliche Dinge tun.

Dies ist völlig unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Religion. Gerade die Religion wird von westlichen Kommentatoren immer wieder gerne herangezogen, um zu behaupten, dort existiere ein inhärent gewalttätiger Kern, der zwangsläufig ein brutales System erschaffe. Aber das stimmt so nicht, zumindest nicht im Ansatz. Alle großen Weltreligionen besitzen eine solche Fülle und Ambivalenz an historischen Texten, dass sich jeder Akteur exakt das heraussuchen kann, was er für seine aktuellen Zwecke gerade benötigt.

Je nach der Struktur der Herrschenden und je nach dem herrschenden Zeitgeist werden genau die Textpassagen instrumentalisiert, die man gerade als nützlich erachtet. Nicht die Religion schafft also das gewalttätige System, sondern das gewalttätige System pickt sich aus der Religion heraus, was es für seine Legitimierung braucht. Ebenso gibt es Systeme, die von außen gezielt auf Aggression und Gewalt getrimmt werden – beispielsweise indem man sie durch drakonische Sanktionen wirtschaftlich so abschnürt, dass lebenswichtige Ressourcen extrem knapp werden. Dass Ressourcenknappheit den Ausbruch von innerer und äußerer Gewalt drastisch wahrscheinlicher macht, liegt auf der Hand und ist eine logische strukturelle Folge.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir eine friedlichere und bessere Welt haben können, wenn der Westen seine absolute, arrogante Vormachtstellung verliert. Aber zu dieser Wahrheit gehört eben auch der entscheidende zweite Schritt: Der Westen darf an der Spitze der Weltordnung nicht einfach durch irgendeine andere Großmacht ersetzt werden, die dann exakt dieselbe imperiale Rolle einnimmt.

Wir Menschen müssen endlich lernen, Macht global breiter zu verteilen. Wir brauchen eine echte multipolare Ordnung, die auf Kooperation und gegenseitiger Kontrolle statt auf globaler Hegemonie basiert. Sollte uns dieser historische Lernprozess gelingen, steht uns mit einiger Wahrscheinlichkeit eine bessere Zukunft bevor.

Dieser Artikel erschien erstmal am 08.06.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Djordje Nikolic auf Pixabay.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de