Haltung statt Handlung: Der Weg in den organisatorischen Systemkollaps

Vor wenigen Tagen wurde die Bonner Nordbrücke für den gesamten Verkehr gesperrt – eine elementare Lebensader für die Stadt Bonn und das Umland. Erst kurz zuvor wurde die Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid nach jahrelanger Sperrung, Abriss und Neubau wieder freigegeben. Diese Vorfälle sind keine Einzelfälle, sondern Symptome eines viel tiefer liegenden Verfalls. In Gesprächen mit hochrangigen Mitarbeitern von Behörden, Parteien und Unternehmen wird mir immer wieder schonungslos gespiegelt: Die Organisationsfähigkeit in diesen Strukturen ist kaum noch gewährleistet.


Diese Wahrnehmung wird durch aktuelle Studien eindrucksvoll bestätigt. Eine Untersuchung der Hertie School aus dem Frühjahr 2025 zeigt: 60 Prozent der Verwaltungsmitarbeiter und sogar 81 Prozent der externen Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft halten den Staat mit seinen Aufgaben für überfordert. Nur 8 Prozent der Behördenmitarbeiter sind mit dem digitalen Fortschritt der letzten Legislaturperiode zufrieden. Die repräsentative forsa-Umfrage im Auftrag des dbb beamtenbund und tarifunion vom Juli 2025 ergab, dass 73 Prozent der Deutschen den Staat für dysfunktional und überfordert halten – ein Wert, der seit fünf Jahren kontinuierlich steigt.

Wir erleben eine Zeit, in der die Nachrichten voll sind von Meldungen über die Spaltung der Gesellschaft, in der die Bürokratie wuchert und in der moralische „Haltung“ allenthalben über pragmatische „Handlung“ gestellt wird. All diese Dinge stehen in einer Verbindung zueinander.

Staaten und Gesellschaften unterliegen historischen Zyklen. Schon die alten Griechen haben präzise beschrieben, wie diese Zyklen im Allgemeinen verlaufen. Festzustellen bleibt: In der Endphase eines solchen Zyklus nimmt die Bürokratisierung extrem zu. Die Privilegien einzelner Akteure oder Akteursgruppen werden ausgebaut, während das Gemeinwohl immer mehr unter Druck gerät. Während zu Beginn eines Zyklus die Macht noch auf viele Köpfe verteilt ist, nähert sich das System an seinem Ende einer massiven Massierung der Macht an.

Genau das erleben wir aktuell. Die Regelungsdichte reicht mittlerweile bis in den Mikrobereich und ist teilweise in sich widersprüchlich. In einer solchen Phase bedürfte es dringend einer Regeneration. Historisch betrachtet fanden solche Erneuerungen meist auf dramatische und nicht wünschenswerte Art und Weise statt – durch Revolutionen, Naturkatastrophen oder Kriege.

In unserer heutigen Situation tritt ein zweites Problem hinzu, das einen möglichen Neuanfang massiv erschwert: Der Zeitgeist der „Haltung statt Handlung„.

Die moralisch einwandfreie Gesinnung wird weit über das pragmatische Handeln zur Erreichung eines Ziels gestellt. Wenn ich das vermeintlich „Richtige“ tue, dann gilt es allein aus moralischen Gründen als richtig – völlig unabhängig davon, wie desaströs das tatsächliche Ergebnis ausfällt. Die Konsequenzen dieser Prioritätensetzung sind fatal:

  • Von Unternehmen wird die Verwendung von Gendersternchen in der Kommunikation in höherem Maße gesellschaftlich erwartet, als die Zahlung eines gerechten Lohnes.
  • Am Ende hat die alleinerziehende Mutter kein Geld, um ihre Kinder adäquat zu bilden und zu erziehen – sie wird dafür jedoch mit „geschlechtergerechter“ Sprache belohnt.

Wenn es nur die Sprache wäre, wäre das vielleicht noch auszuhalten. Aber die Auswirkungen treffen das fundamentale Funktionieren unseres Staates – und hier kommen wir zurück zu den einleitend genannten Brücken.

Seit Jahrzehnten gilt das Autofahren als nicht mehr opportun. Im Zuge dieser Haltung wurden unzählige Stellschrauben genutzt, um die Priorität des Autos massiv zurückzufahren. Diese tief verankerte, ideologische Verachtung des Individualverkehrs hat massiv – wenn nicht sogar ursächlich – dazu beigetragen, dass die Infrastruktur über Jahrzehnte derart vernachlässigt wurde.

Genau dieses Muster – symbolische Haltung statt funktionaler Handlung – zeigt sich auch bei den großen Digitalisierungsprojekten. Beim dritten Bürokratieentlastungsgesetz (BEG III) sollte die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) allein 1,17 Milliarden Euro Entlastung bringen. In der Praxis etablierte der Gesetzgeber aus „Bedenken“ eine Holschuld: Arbeitgeber müssen nun aktiv in Krankenkassenportale schauen, statt automatisch informiert zu werden. Statt des alten „gelben Scheins“ entstand ein neuer, zeitkritischer und fehleranfälliger digitaler Kontroll- und Erinnerungsprozess – mit massiv höherer Belastung für die ohnehin überlasteten Personalabteilungen. Ähnlich verhält es sich beim Wirtschaftsserviceportal NRW oder dem gescheiterten OZG: Glänzende Frontends bei fragmentierten, nicht integrierten Backends erzeugen in den Kommunen oft mehr manuellen Aufwand als zuvor.

Diese Haltung diktiert auch andere Bereiche: Forschungsgelder werden oft nur noch bewilligt, wenn schon in der Beantragung deutlich wird, dass die aktuell gewünschten Narrative bedient werden. Die Wissenschaft wird in einen ideologischen Korridor gezwängt.

Wenn wir die Geschichte bemühen, finden wir unheilvolle Parallelen:

  • Die chinesische Kulturrevolution: Unter dem Motto „Rot vor Experte“ galt ideologische Linientreue mehr als Fachwissen. Experten, die nicht als hundertprozentige Verfechter der offiziellen Haltung galten, wurden auf die Felder geschickt, während ahnungslose Genossen die Leitung von Fabriken übernahmen. Die Folge waren Millionen Tote und der wirtschaftliche Ruin.
  • Der Tugendterror der Französischen Revolution: Auch damals reichte es nicht mehr aus, Gesetze zu befolgen. Man musste die absolute Übereinstimmung mit den als „Tugend“ deklarierten Positionen belegen.

Unsere heutige Spaltung ist zwar noch weit davon entfernt, Menschen wegen einer falschen Haltung auf die Guillotine zu schicken. Aber sie ist stark genug ausgeprägt, um dafür zu sorgen, dass Menschen, die gegensätzlichen politischen Strömungen angehören, in Organisationen oft nicht mehr konstruktiv zusammenarbeiten können. Das betrifft Behörden, Unternehmen und insbesondere auch Parteien. Es wird verstärkt, weil oft diejenigen bevorzugt werden, die eine besonders laute moralische Haltung für sich reklamieren.

Legen wir all diese Ebenen übereinander, wird klar, wo wir auf der Eskalationsleiter stehen: Wir haben das obere Drittel erreicht. Der massive Unmut in der Bevölkerung ist unausweichlich, schon allein deshalb, weil staatliche Strukturen zunehmend zusammenbrechen, Anträge nicht mehr bearbeitet und Verfahren nicht mehr geführt werden.

Ein zentraler Mechanismus dieser Lähmung ist die sogenannte Administrative Burden. Durch Digital Self-Service und Co-Production lagert der Staat immer größere Teile der Dateneingabe, der formalen Prüfung und der Navigation durch das Regulierungsdschungel auf Bürger und Unternehmen aus. Diese werden zu unbezahlten, unfreiwilligen Sachbearbeitern der Verwaltung. Die Belastung zerfällt in Lernkosten (Verstehen nutzerunfreundlicher Portale), Befolgungskosten (Formulare, Nachweise, Konvertierungen) und vor allem psychologische Kosten (Frustration über undurchschaubare Black-Box-Algorithmen, Ablehnungen ohne Erklärung, das Gefühl des Kontrollverlusts). Was als Entlastung verkauft wird, erzeugt in der Praxis oft genau das Gegenteil – und zwar systematisch.

Dieser Kollaps wird durch den nahenden demografischen Wandel weiter zementiert.
Allein im öffentlichen Dienst stehen in den nächsten zehn Jahren 1,38 Millionen altersbedingte Abgänge bevor – bei bereits heute rund 500.000 vakanten Stellen. Das entspricht fast 27 Prozent des aktuellen Personalbestands. Experten der Initiative „BürokratEASY“ rechnen vor: Um einen totalen Kollaps zu verhindern, müssten mindestens 50.000 zeitraubende, redundante und in sich widersprüchliche Vorschriften in Bund und Ländern gestrichen werden. Geschieht dies nicht, droht eine dramatische Arbeitsverdichtung, explodierende Bearbeitungszeiten und ein weiterer Anstieg von Burnout und innerer Kündigung. Gleichzeitig wird die ohnehin schwindende Handlungsfähigkeit durch affektive Polarisierung weiter zerstört: 66 Prozent der Beschäftigten nehmen eine massive Zunahme politischer Diskussionen am Arbeitsplatz wahr, die für 45 Prozent regelmäßig zu handfesten Konflikten führen. 42 Prozent der AfD-Sympathisanten lehnen eine Zusammenarbeit mit Kollegen linksliberaler Parteien innerhalb des eigenen Unternehmens kategorisch ab. Wenn politische Identität die professionelle Rolle überlagert, funktionieren Matrixorganisationen, Projektteams und interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht mehr.

Wer glaubt, die Auswirkungen ließen sich einfach durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz abwenden, täuscht sich gewaltig. IT-Experten warnen klar: Die zigtausenden bürokratischen Vorschriften sind in sich derart widersprüchlich, dass selbst die leistungsfähigste KI daran scheitern würde. Sie würde für den Menschen kaum nachvollziehbare Ergebnisse produzieren – nicht, weil sie falsch rechnet, sondern weil das Ausgangsmaterial völlig untauglich ist. Vor allem aber: Die neuen technischen Möglichkeiten, werden aller Erfahrung nach, Bürokratie nicht erleichtern, sondern sie massiv ausweiten!

Dies folgt nicht aus bösem Willen, sondern aus klaren ökonomischen und soziologischen Gesetzmäßigkeiten. Das Jevons-Paradoxon – bereits 1865 von William Stanley Jevons beschrieben – überträgt sich exakt auf die moderne Regulierung: Je effizienter KI und digitale Systeme Gesetze prüfen, Daten auswerten und Compliance kontrollieren können, desto günstiger und einfacher wird es, noch mehr und noch detailliertere Vorschriften zu erlassen. Die freiwerdenden Kapazitäten werden nicht zur Entlastung genutzt, sondern sofort mit neuen Anforderungen aufgefüllt. Ergänzt wird dies durch das Parkinsonsche Gesetz: Die bürokratische Arbeit dehnt sich genau in dem Maß aus, wie neue digitale Werkzeuge Zeit und Ressourcen freisetzen. Statt Stellen abzubauen oder Prozesse zu verschlanken, entstehen neue Kontrollschleifen, Reportingpflichten und Koordinationsrunden – ein selbstverstärkender Mechanismus, der die Bürokratie auf ein neues technologisches Plateau hebt.

Realistisch betrachtet stehen wir – wenn wir das von den historischen Erfahrungen ableiten –  vor einem Zeitfenster von wenigen Jahren, bis es zu einer elementaren Wandlung kommen wird. Diese Wandlung kann durch Krieg oder Umsturz erfolgen. Dabei muss ein solcher Umsturz nicht zwangsläufig mit massiver Gewalt einhergehen, solche Systemwechsel können auch weitgehend friedlich vonstattengehen.

Die Erfahrung lehrt, dass nach einem solchen Umbruch diejenigen, die mit den Ursachen des Zusammenbruchs identifiziert werden, in der Regel entmachtet werden.

Zukunftsgerichtete politische Kräfte sollten nicht danach streben, unter den aktuell geltenden Prämissen mitzuregieren. Das Festhalten am Rüstungswahn als vermeintliches Allheilmittel ist lediglich der Versuch, die Umstände hinauszuzögern und das Letzte aus dem System zu pressen, bevor es zusammenbricht – was gleichzeitig die Gefahr erhöht, dass dieses Ende in einem Krieg mündet. Selbst ein unwahrscheinlicher militärischer Sieg würde aber die eigentlichen Grundprobleme wie die erdrückende Bürokratie nicht lösen, sondern uns im besten Falle einige Jahre Zeit erkaufen.

Wir haben gesehen, wie das 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr größtenteils verpufft ist, weil es reichte, „Haltung“ zu zeigen, ohne sich handwerkliche Gedanken über den tatsächlichen Bedarf zu machen. Ähnlich wirkungslos verhält es sich mit den Mitteln für die Infrastruktur, die ebenfalls weitgehend verpuffen werden.

Wir stehen vor einem Zusammenbruch unserer Systeme. Wenn dieser erfolgt, öffnet sich ein historisches Zeitfenster. Es ist die Chance für frische politische Kräfte, den Neuaufbau funktional, pragmatisch und erfolgreich zu gestalten – aber nur, wenn wir bis dahin nicht der Versuchung erlegen sind, uns unter den heutigen, verkrusteten Verhältnissen an der Macht zu beteiligen.

Dieser Artikel erschien erstmal am 06.06.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Marina Constantinoiu auf Pixabay.

Zur Vorbereitung dieses Artikel wurden KI Analysen durchgeführt, deren Ergebnis hier zur Verfügung steht.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de