Phase-I-Studien in Deutschland – und das globale Geschäft mit dem gesunden Probanden

Ich habe in der Berliner U-Bahn eine Anzeige gesehen, die mich stutzig gemacht hat: „Werden Sie Proband – gute Bezahlung, kurze Einsätze, medizinisch betreut.“ Solche Anzeigen findet man in Deutschland an vielen Stellen. Dahinter steckt ein System, das ich genauer verstehen wollte.

In Deutschland gibt es verschiedene Einrichtungen, an denen sogenannte Phase-I-Studien an Medikamenten durchgeführt werden. Das ist regulatorisch vorgeschrieben, denn bevor ein Medikament zugelassen werden kann, muss es zunächst an gesunden Menschen auf Sicherheit getestet werden. Diese Studien werden in spezialisierten Kliniken durchgeführt. Wer als Proband teilnimmt, kann damit mehrere tausend Euro im Monat verdienen.

Bei meiner Recherche bin ich auf einen Aspekt gestoßen, der mir hochproblematisch erscheint: Viele dieser Einrichtungen – allen voran die großen Auftragsforschungsinstitute (CROs) – unterhalten nicht nur deutsche Standorte, sondern auch Kliniken in ärmeren Ländern, oft in der Ukraine, in Moldau oder in Georgien. Parexel etwa betreibt eigene Phase-I-Kliniken in den USA, Großbritannien und Südafrika. IQVIA, ein weiterer Gigant der Branche, hat ein großes Netzwerk von Partnerkliniken in der Ukraine, Russland und Georgien aufgebaut. profil in Neuss gehört zur Schweizer SGS-Gruppe, die ebenfalls ein weltweites Netzwerk betreibt.

Warum diese Standortwahl? Zwei Gründe werden in der Branche genannt:

1. Der „Menschentyp“ als Standortfaktor. Für Medikamente, die primär in Europa und Nordamerika verkauft werden sollen, verlangen Zulassungsbehörden wie die FDA und die EMA, dass genügend „kaukasische“ Probanden in die Studien eingeschlossen werden. In Ländern wie der Ukraine, Moldau oder Georgien ist die Bevölkerung mehrheitlich kaukasisch – die Studienergebnisse lassen sich also leichter auf den westlichen Markt übertragen. Hinzu kommt: Diese Bevölkerungen sind oft behandlungsarm, das heißt, sie nehmen wenige Medikamente, was die Studienergebnisse sauberer macht.

2. Der Kostenvorteil. Eine komplette Phase-I-Studie (80 Probanden, zwei Wochen stationär) kostet in Deutschland 1,5 bis 3 Millionen Euro. In der Ukraine oder Moldau kostet dieselbe Studie 300.000 bis 600.000 Euro – eine Ersparnis von 70 bis 80 Prozent. Bei einem Entwicklungsprogramm mit fünf bis zehn solcher Studien summiert sich das schnell auf zweistellige Millionenbeträge.

Die Probanden in diesen Ländern nehmen oft an mehreren Studien hintereinander teil, manche sechs- bis achtmal pro Jahr. Sie tun dies primär aus finanzieller Not – in der Ukraine lag die Aufwandsentschädigung vor dem Krieg bei 400 bis 800 Euro pro Studie, in Moldau sogar nur bei 300 bis 500 Euro. Das ist im Landesvergleich immer noch sehr viel (ein Vielfaches des durchschnittlichen Monatsgehalts) und wird in der Bioethik als „unangemessener Anreiz“ (undue inducement) eingestuft: Der Anreiz ist so hoch, dass die Probanden sich nicht mehr frei entscheiden können.

Die Dimension ist erheblich. In der Ukraine liefen vor dem russischen Angriff 2019 bis 2021 schätzungsweise 100 bis 150 Phase-I-Studien pro Jahr, mit mehreren tausend gesunden Probanden. In Moldau waren es 15 bis 25 Studien mit 500 bis 1.000 Probanden. Parexel, einer der größten Player, erzielte vor seiner Übernahme 2021 rund 2,4 Milliarden US-Dollar Umsatz – Schätzungen zufolge entfielen etwa 15 Prozent auf das Early-Phase-Geschäft in Osteuropa, also rund 360 Millionen US-Dollar.

Dass diese Zahlen real sind, zeigt der Ukraine-Krieg: Binnen Wochen brachen über 600 laufende Studien zusammen. Parexel, Labcorp und IQVIA verlagerten in großer Eile Studien nach Georgien, Serbien und Polen. Hätte es sich um eine kleine Nische gehandelt, wäre dieser Umzug nicht in den Quartalsberichten der Pharmakonzerne als finanzielles Risiko aufgetaucht.

Die Auslagerung klinischer Studien an gesunden Probanden in ärmere Länder ist keine Randerscheinung, sondern ein systematischer Geschäftszweig der globalen Pharmaindustrie. Sie folgt einer klaren Logik – demographische Passung und Kostenvorteil. Die ethischen Bedenken werden durch die Recherche quantitativ bestätigt. Ob man das nun als „unvermeidliche Globalisierung“ framet oder als das, was es ist – eine Auslagerung von Risiken an Menschen, die sich diese Risiken aus finanzieller Not nicht aussuchen können –, ist eine politische Frage. Ich denke, sie verdient mehr Aufmerksamkeit, als sie derzeit bekommt.

Dieser Artikel erschien erstmal am 14.06.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von fernando zhiminaicela auf Pixabay.

Zur Vorbereitung dieses Artikel wurde eine KI Recherche durchgeführt, deren Ergebnis hier zur Verfügung steht:

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de