Die Forschung an hochsensiblen biologischen Erregern steht zurecht zunehmend im Zentrum einer hitzigen Debatte. Auffällig ist dabei, dass der Begriff der „Gain-of-Function“-Forschung (GoF) in der wissenschaftspolitischen Diskussion derzeit neu geordnet und aufgespalten wird. Man versucht, unbedenkliche Forschungen, wie etwa genetische Modifikationen in der molekularen Onkologie oder Neurobiologie, bei denen es um zelluläre Vorgänge ohne jegliches pandemisches Risiko geht, scharf von den tatsächlichen Gefahren zu trennen. Für Experimente an Erregern, die pandemische Ausmaße annehmen können, wird daher zunehmend der Begriff „Pathogens with Enhanced Pandemic Potential“ (PEPP) verwendet. Doch diese formale Trennung lenkt von einem viel tieferliegenden, grundsätzlichen Problem ab.
Bereits bei der Frage, was genau „ansteckend“ oder „gefährlich“ ist, offenbart sich ein grundlegender Denkfehler. Landläufig definieren wir Ansteckung schlicht als Übertragung von Mensch zu Mensch oder von Tier zu Mensch. In der Realität ist Übertragbarkeit (Transmissibilität) jedoch kein binäres System – es gibt keinen einfachen Schalter zwischen „nicht ansteckend“ und „hochinfektiös“. Es ist ein komplexes, fließendes Spektrum.
Selbst Verhaltensweisen und soziale Phänomene, die mit bestimmten biologischen Eigenschaften oder Anfälligkeiten – etwa bei Suchterkrankungen – verknüpft sind, weisen Muster sozialer „Ansteckung“ auf. Die Biologie ist dynamisch und stark vernetzt. Wir haben spätestens während der Corona-Pandemie gelernt, dass sich Ansteckungsraten zwar messen und modellieren lassen, die Natur sich aber nicht an starre Laborgrenzen hält. Wenn schon die exakte Klassifizierung eines Pathogens in der Natur fließend ist, wie anmaßend ist es dann zu glauben, wir könnten diese Risiken im Labor künstlich steigern und dabei jederzeit die absolute Kontrolle behalten?
Befürworter dieser hochriskanten Forschung argumentieren stets mit dem potenziellen Nutzen für die Menschheit. Das primäre wissenschaftliche Ziel sei es, das evolutionäre Potenzial von Zoonosen präventiv zu antizipieren. Wenn wir verstehen, wie Viren mutieren und auf den Menschen überspringen (Spillover), können wir Impfstoffe und Therapien entwickeln, noch bevor der Ernstfall eintritt. Es ist in der Wissenschaft unbestritten, dass solche Erkenntnisse durch diese Forschung schneller gewonnen werden können.
Anschließend wird eine simple Nutzen-Risiko-Abwägung präsentiert: Der Nutzen – gerettete Menschenleben durch schnelle Impfstoffentwicklung – sei gigantisch. Das Risiko hingegen sei dank moderner Hochsicherheitslabore (BSL-4), strenger Gesetze und ethischer Kommissionen minimal und absolut beherrschbar.
Diese Rechnung hat jedoch einen gewaltigen Haken: Sie stimmt nur dann, wenn das Risiko eines Ausbruchs aus diesen Einrichtungen tatsächlich gegen Null tendiert. Und genau das ist empirisch und historisch widerlegt.
Die These, dass ein hundertprozentiger Schutz vor dem Transfer kleinster biologischer Erreger in oder aus einer geschützten Umgebung technisch möglich ist, hält der Realität nicht stand. Die Geschichte der Biosicherheit ist geprägt von Ausbrüchen, die beinahe mit gesetzmäßiger Sicherheit eintreten:
- Das Marburg-Virus (1967): Einer der ersten dokumentierten Ausbrüche eines hochpathogenen Erregers in Europa fand nicht im Dschungel statt, sondern durch importierte Affen in Forschungseinrichtungen in Marburg, Frankfurt und Belgrad. Es gab 31 Infektionen und sieben Tote.
- SARS-CoV-2 (COVID-19): Die Debatte um den Ursprung der schlimmsten Pandemie seit 100 Jahren hält an. Ein Laborunfall in Wuhan wird von internationalen Experten, Geheimdiensten und Untersuchungsausschüssen mittlerweile als höchst plausibel eingestuft.
- Das Hayabusa2-Paradigma: Um die Absurdität der „absoluten Isolation“ zu verdeutlichen, lohnt ein Blick in die Raumfahrt. Japan – eine der technologisch am weitesten entwickelten Nationen der Welt – brachte eine Asteroidenprobe zur Erde. Trotz unlimitierter Budgets, extremer Reinraumbedingungen und der Zusammenarbeit mit internationalen Spitzenforschern reichte eine winzige Lücke in der Prozesskette (bei einer Röntgen-Untersuchung in einem britischen Partnerlabor) aus, um die Probe massiv mit einem alltäglichen, irdischen Bodenbakterium (Bacillus subtilis) zu kontaminieren.
Wenn nicht einmal hochindustrialisierte Nationen mit beispiellosem Aufwand verhindern können, dass gewöhnliche Bakterien von außen nach innen dringen, verliert die Behauptung, man könne hochentwickelte Viren mit absoluter Perfektion im Labor einkerkern, jede Glaubwürdigkeit.
Der größte Risikofaktor bleibt dabei der Mensch selbst. Mechanische Systeme verschleißen , aber vor allem menschliches Versagen (der sogenannte „Human Factor“) ist für einen Großteil der Laborvorfälle verantwortlich. Ein übersehener Haarriss in einem Handschuh, chronische Ermüdung oder ein simpler Kommunikationsfehler reichen aus, um die gesamte technische Abschirmung zunichtezumachen.
Ein System, das permanent gegen die Entropie und die Invasivität der Mikrobiologie ankämpfen muss, wird im Zeitverlauf unweigerlich versagen. Die Risiko-Nutzen-Analyse fällt damit drastisch anders aus und verkehrt sich ins Gegenteil. Bei experimentell modifizierten Erregern mit potenziell pandemischem Potenzial reicht ein winziges, unvermeidbares Restrisiko aus, um eine Katastrophe globalen Ausmaßes auszulösen.
Dabei dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, es handele sich hierbei um ein isoliertes Problem einiger weniger Labore weltweit. Allein in der Bundesrepublik Deutschland existiert eine weitreichende Forschungsinfrastruktur, die unter anderem vier Biosicherheitslabore der höchsten Schutzstufe (BSL-4) umfasst. Mittlerweile haben über 120 Forschungseinrichtungen, Universitäten und Fachgesellschaften im Land eigene Kommissionen für sicherheitsrelevante Forschung eingerichtet, was die schiere quantitative Dimension dieser Arbeiten verdeutlicht. Diese wissenschaftlichen Projekte sind fundamental internationalisiert und tief in globale Konsortien eingebettet. Auch staatliche und militärische Akteure mischen in diesem Feld global massiv mit: So betreibt beispielsweise das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr weitreichende internationale Forschungsnetzwerke im Bereich von Viren und biologischen Erregern (siehe: https://www.bmvg.de/de/aktuelles/institut-fuer-mikrobiologie-der-bundeswehr-11312). Das unkalkulierbare Risiko potenziert sich somit durch ein dichtes, weltweites Netz an zivilen und militärischen Einrichtungen, die tagtäglich an den Grenzen der Beherrschbarkeit operieren.
Dieses unkalkulierbare Risiko rechtfertigt nur eine einzige logische Konsequenz: Die Forschung an der künstlichen Steigerung der Gefährlichkeit von hochtoxischen Erregern muss gestoppt werden.
Dieser Artikel erschien erstmals am 14.06.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Gerd Altmann auf Pixabay.
Zur Vorbereitung dieses Artikels wurden KI Recherchen durchgeführt, welche hier zur Verfügung stehen.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de