In meinem vorherigen Artikel „Der Gefühlsstaat“ habe ich dargelegt, dass viele weitreichende Entscheidungen in Deutschland gar nicht auf harten Fakten basieren. Weder im Vorfeld noch im Nachhinein wird eine seriöse Kosten-Nutzen-Analyse oder eine Evaluation durchgeführt. Wer einmal anfängt, mit diesem analytischen Blick durch die Welt zu gehen, dem fallen die Schuppen von den Augen. Doch bei genauerer Betrachtung musste ich feststellen: Es ist noch viel schlimmer.
Es ist nicht nur so, dass viele Dinge rein aus dem Bauch heraus entschieden oder schlichtweg nicht auf ihre Wirksamkeit geprüft werden. Nein, wir haben zunehmend Fälle, in denen Zahlen und Fakten aus ideologischen Gründen passend gemacht werden.
Ich will den Verantwortlichen gar nicht unterstellen, dass sie absichtlich lügen. Wenn man versucht, zukünftige Entwicklungen zu prognostizieren, gibt es immer einen Korridor der Wahrscheinlichkeiten – ein Best-Case- und ein Worst-Case-Szenario. Meine These lautet: Die Ideologisierung ist in vielen Bereichen so weit fortgeschritten, dass Verantwortliche unbewusst und standardmäßig immer nur das Best-Case-Szenario annehmen – und damit regelmäßig grandios auf die Nase fallen.
Ein prominentes Beispiel ist die Energiepolitik. Seit Jahren werden erhebliche Mengen an Windenergieanlagen in Deutschland zugebaut. Hunderte Milliarden an Subventionen flossen in diesen Ausbau. Dennoch verpufft ein wachsender Teil dieser Energie als sogenannter „Geisterstrom“. Warum führt ein massiver Zubau nicht automatisch zu proportional mehr nutzbarem Strom? Immer mehr Windanlagen müssen abgeregelt werden und stehen still, wenn der Wind stark weht, weil das Netz den Strom auf einmal gar nicht aufnehmen kann. Und wenn Flaute herrscht, nützen auch zehntausend zusätzliche Rotoren nichts.
Mich erinnert diese Logik fatal an ein Unternehmen, in dem ich früher gearbeitet habe. Die Firma gewann ihre Kunden hauptsächlich durch Telefonakquise. Es gab einen Datenstamm von etwa 30.000 potenziellen Kunden und drei Verkäufer am Telefon. Jeder dieser drei Mitarbeiter betreute 3.000 potenzielle Kunden – zusammen deckten sie also 9.000 ab. „Potenziell“ bedeutete in der Praxis: Die allermeisten von ihnen wurden vielleicht alle zwei bis drei Jahre einmal angerufen, um zu prüfen, ob man sie als Kunden gewinnen konnte. Einige wenige wurden tatsächlich zu echten Kunden. Diese kleine Gruppe wurde dann wesentlich häufiger kontaktiert, denn mit ihnen machte man den regelmäßigen Umsatz – man verkaufte ihnen zuerst die Software selber, dann regelmäßig Updates, Seminare, Fortbildungen und das ganze restliche Programm.
Irgendwann kam die Firmenleitung auf eine simple Idee: Wenn wir das Verkaufsteam verdreifachen, verdreifachen wir auch den Umsatz! Plötzlich saßen dort neun Verkäufer. Rein rechnerisch betreute nun jeder von ihnen 3.000 potenzielle Kunden, insgesamt wurden also 27.000 Kontakte bearbeitet. Doch das Projekt scheiterte krachend. Warum? Weil die ersten drei Verkäufer sich natürlich längst die niedrig hängenden Früchte, die leicht zu gewinnenden Kunden, herausgepickt hatten. Mit jedem weiteren Verkäufer wurde die Akquise zäher, die gewonnenen Kunden kleiner und der Aufwand größer. Eine Verdreifachung des Personals führte eben nicht zu einer Verdreifachung des Umsatzes.
Genau diesen simplen linearen Denkfehler machen unsere Planer beim Windkraftausbau.
Nehmen wir ein weiteres, sehr alltägliches Beispiel: das Heizen. Ich wohne in einem über 100 Jahre alten Haus. Meine Gasheizung ist drei Jahre alt. Wir lassen einmal im Jahr das Gas für die Haupt- und die Einliegerwohnung liefern, was etwa 1.800 Euro kostet. Dazu kommen Schornsteinfeger und Wartung mit rund 200 bis 250 Euro. Macht unterm Strich knapp über 2.000 Euro im Jahr.
Das Dach ist isoliert, die Fenster sind doppelt verglast. Eine Außenisolierung gibt es nicht. Wollte ich nun auf eine Wärmepumpe umsteigen, zöge das eine solche Isolierung zwingend nach sich. Die Kosten dafür belaufen sich auf mindestens 100.000 Euro. Bei einem Zinssatz von 4 Prozent wären das 4.000 Euro im Jahr – allein für die Zinsen! Da ist noch keine einzige Kilowattstunde Strom für die Wärmepumpe bezahlt, noch kein Cent getilgt und auch die Wartung ist noch nicht mit einbezogen.
Trotzdem rechnen einem sogenannte Experten unermüdlich vor, dass sich eine Wärmepumpe auch für alle Immobilien lohnen würde. Selbst wenn sich der Gaspreis verdoppeln würde, entspräche das geradeso der Zinslast für den Umbau. Wer nun einwirft, dass ich die Investition ja nach 20 Jahren abbezahlt habe, übersieht die Realität. Ich bin fast 60 Jahre alt. Es ist eine offene Frage, ob ich diesen Tag überhaupt noch erlebe. Und selbst wenn: Welche Lebensdauer hat denn eine Außenisolierung und die moderne Wärmepumpe eigentlich? Auch hier wird schlichtweg alles schöngerechnet. Ab diesem Punkt wird dann mit Zuschüssen argumentiert. Und ja, die gibt es. Aber um sie zu bekommen, muss man sich eine Stellungnahme eines Energieberaters einholen. Und darauf erheben sich dann in der Regel weitere Verpflichtungen zu noch besserer Dämmung und Zwangsentlüftung, was weitere Kosten nach sich zieht. Wie man es auch dreht und wendet, es ist eine Milchmädchenrechnung.
Das vielleicht krasseste Resultat dieser systematischen Blindheit im großen Maßstab war das Gebäudeenergiegesetz (GEG) der vergangenen Bundesregierung. Die Best-Case-Illusion der Politik lautete: Wir kündigen de facto ein Verbot an, und die Bürger werden brav auf Wärmepumpen umsteigen. Die Realität sah anders aus: Es brach Panik aus. Die Menschen sahen enorme Kosten auf sich zukommen und bauten noch schnell massenhaft neue Öl- und Gasheizungen ein. Sie handelten aus ihrer Perspektive dabei durchaus rational. Ein Gesetz, das dem Klima helfen sollte, hat in der Praxis durch die vollkommene Ignoranz gegenüber der menschlichen Psychologie einen klassischen Vorzieheffekt ausgelöst und eine fossile Welle zementiert.
Ein drittes Beispiel ist die Mobilität. Ich fahre einen Hyundai Atos, Baujahr 2005. Es gibt Leute, die wollen mir erzählen, ich würde der Umwelt etwas Gutes tun, wenn ich diesen Wagen, von dem ich hoffe, ihn noch zehn Jahre fahren zu können, jetzt verschrotten und ein Elektroauto kaufen würde.
Das kann einfach nicht aufgehen. Eine evidenzbasierte Systemanalyse (Ökobilanz-Studie, VDI, Ende 2023), wie sie beispielsweise vom Verein Deutscher Ingenieure durchgeführt wurde, belegt das. Die Produktionskosten für meinen alten Atos stellen sogenannte „Sunk Costs“ dar und gehen folgerichtig mit null Kilogramm CO2 in eine ab heute laufende Vergleichsrechnung ein.
Will ich ein Elektrofahrzeug mit vergleichbarer Langstreckentauglichkeit erwerben, sprechen wir über ein Fahrzeug, das gut 40 Prozent schwerer ist als ein vergleichbarer Verbrenner. Ein solches E-Auto startet nämlich mit einem gewaltigen ökologischen Rucksack von rund 15 Tonnen CO2 aus der reinen Herstellung, hauptsächlich wegen der Batterie. Rechnet man den deutschen Strommix für die verbleibenden 100.000 Kilometer meines vorhandenen Autos hoch, kommen weitere 7 Tonnen CO2 im Betrieb hinzu. Das ergibt Gesamtemissionen von 22 Tonnen CO2.
Mein alter Benziner käme auf der gleichen Distanz auf maximal 21 Tonnen CO2. Die reine CO2-Bilanzierung rät hier eindeutig zum Behalten des alten Autos, denn laut Lebenszyklusanalysen lohnt sich der Wechsel von einem intakten Verbrenner zu einem neu gebauten E-Auto oft erst nach Laufleistungen, die jenseits der Restlebensdauer liegen. Dafür brauche ich eigentlich nicht einmal genau nachzurechnen – der gesunde Menschenverstand reicht.
Diese konsequente Weigerung, Maßnahmen realistisch zu planen und später zu evaluieren, zieht sich durch unsere gesamte jüngere Geschichte. Nehmen wir die Riester-Rente. Die Best-Case-Illusion lautete: Der Bürger investiert privat, die Aktienmärkte steigen stetig, und die Lücke in der gesetzlichen Rente schließt sich nahtlos. Die Realität: Institute wie das DIW Berlin weisen immer wieder darauf hin, dass die enormen Verwaltungskosten der Versicherungskonzerne die staatlichen Zulagen oft komplett aufgefressen haben. Obwohl Millionen Verträge unrentabel sind, wurde dieses ineffiziente System nie ernsthaft korrigiert.
Oder die PKW-Maut. Anstatt auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu warten, wurden – angetrieben von politischer Hybris – bereits Verträge in dreistelliger Millionenhöhe unterschrieben. Der Worst-Case trat ein, das Gesetz scheiterte, und der Steuerzahler durfte fast eine Viertelmilliarde Euro Entschädigung zahlen.
Man muss es in aller Deutlichkeit sagen: Eine solche Entwicklung hat das Potenzial, ein Land und eine ganze Gesellschaft in den Abgrund zu reißen. Wenn eine Regierung systematisch die Realität verweigert, Warnungen in den Wind schlägt und aus rein ideologischen Motiven nur noch von utopischen Best-Case-Szenarien ausgeht, fährt sie die Wirtschaft sehenden Auges an die Wand. Genau die Experten, die sich unpraktikable Preismechanismen an der Tankstelle ausdenken, werden dann wieder zurate gezogen, um zu gucken, wie wir unsere Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Ganz ehrlich: Wer so etwas schon nicht hinkriegt, dem möchte ich erst gar nichts anvertrauen. Beim Öl-Embargo für die Raffinerie in Schwedt hieß es auch, es gäbe einen Plan für die Versorgung. Später kam heraus, dass man ein kurzes Gespräch im Flur des Ministeriums wohl kaum als „Plan“ bezeichnen konnte.
Doch nicht nur in Deutschland haben wir diese Probleme. Ein Blick nach Saudi-Arabien zeigt, dass auch dort gigantische, ideologiebasierte Flops hingelegt werden. Das futuristische Städtebauprojekt „The Line“ sollte das Nonplusultra der Moderne werden. Ein 170 Kilometer langes, spiegelndes Bauwerk in der Wüste. Und was passiert nun? Unter dem Druck der finanziellen und physikalischen Realität schrumpfen die gigantomanischen Pläne massiv in sich zusammen; die erste Bauphase wurde bereits dramatisch auf einen Bruchteil der ursprünglichen Länge eingedampft.
Und wenn wir gerade bei Großprojekten und der eklatanten Verweigerung von Realität sind: Auch bei geopolitischen Konflikten kommen solche Irrungen vor. Die militärischen Eskalationen im Nahen Osten zwischen Israel, den USA und dem Iran basierten auf Seiten der Planer oft nicht auf soliden strategischen Auswegen, sondern auf völlig illusorischen Annahmen. Ähnliches darf man auch vermuten, als Russland die Ukraine überfallen hat. In beiden Fällen ging man von realitätsfernen Bedingungen aus. Die Russen dachten, die Ukrainer würden sie jubelnd begrüßen, und westliche Akteure unterliegen im Nahen Osten oft der Illusion, dass gegnerische Regime einfach zusammenbrechen, wenn man Führungskräfte ausschaltet. Das sind keine einfachen Fehlannahmen mehr. Es ist entweder Hybris oder ideologisch basierte Illusion – oft genug schließt das eine das andere nicht aus.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie wir in unserer Welt, die wir für so modern und wissenschaftsbasiert halten, einen Blödsinn nach dem anderen machen. Zur Erinnerung reicht ein Rückblick auf die Corona-Pandemie: Da spazierten Menschen völlig allein im Stadtpark mit einer FFP2-Maske im Gesicht herum, weil man es ihnen eingeredet hatte. Wir lächeln heute über das Mittelalter und halten uns für überlegen, weil wir keine Hexen mehr verbrennen. Die Hexenverbrennung mag ungleich mehr Opfer gefordert haben, sie war abgrundtief grausam. Aber die reine Logik, die hinter dem Tragen einer FFP2-Maske an der frischen Luft und weit abseits anderer Menschen steht, ist intellektuell keinen Millimeter weiter.
In manchen Bereichen werden Existenzen vernichtet, in anderen die Gesundheit unzähliger Betroffener. Wenn die sogenannte Transmedizin in Deutschland noch in großer Zahl Pubertätsblocker an Minderjährige gibt, die Probleme mit ihrer Geschlechterrolle haben, dann werden dafür lebenslange massive Gesundheitsprobleme in Kauf genommen. Von geschlechtsangleichenden Operationen ganz zu schweigen. Ein Blick über den Tellerrand zeigt, dass die Fakten hier längst eine andere Sprache sprechen: In Großbritannien hat der offizielle „Cass-Review“ des staatlichen Gesundheitswesens (NHS) diese Praxis vernichtend kritisiert. Die wissenschaftliche Beweislage für die Sicherheit dieser Medikamente sei bemerkenswert schwach, woraufhin die routinemäßige Verschreibung dort gestoppt wurde. Und doch ist es in Deutschland weiterhin kaum möglich, Zahlen und Fakten zu benennen, die dem herrschenden Narrativ widersprechen, ohne sich einem Shitstorm ideologisierter Fanatiker auszusetzen.
Dazu trägt auch eine Entwicklung in der Wissenschaft bei. Forscher berichten, dass Forschungsmittel für Themen, die nicht dem herrschenden Narrativ entsprechen, kaum zu finden sind. Die Wissenschaft weiß also nicht nur, was von ihr erwartet wird, sie spürt es direkt und existenziell an ihren Mitteln. Von befristeten Verträgen in der Wissenschaft und von Forschern, die aus ideologischen Gründen geschasst wurden, haben wir dabei noch gar nicht angefangen.
Ein weiteres Tabu ist die Geschlechtergerechtigkeit, wenn es um die Benachteiligung von Männern geht. Dabei soll gar nicht bestritten werden, dass Frauen an der einen oder anderen Stelle durchaus Nachteile in der Gesellschaft haben. Aber wie man an der Diskussion des Gender-Pay-Gaps sieht, ist schon das in vielen sogenannten wissenschaftlichen Aussagen ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Wie kann es denn als wissenschaftlich gelten, in der öffentlichen Debatte ständig den unbereinigten Wert von 16 Prozent heranzuziehen, der Teilzeit- mit Vollzeitbeschäftigungen und völlig unterschiedliche Berufe vermischt? Der vom Statistischen Bundesamt bereinigte Gender-Pay-Gap liegt bei lediglich 6 Prozent. Und wenn es dann um die handfeste Benachteiligung von Männern geht, wird es ganz dünn. „Mein Körper gehört mir“, könnten ebenfalls Männer rufen, die nicht in den Krieg ziehen wollen.
Aber selbst wenn die Wissenschaft es schaffen würde, zu einem der ideologisierten Themen neue Erkenntnisse zu gewinnen, wäre noch lange nicht ausgemacht, dass diese Informationen die Menschen auch erreichen. Denn da gibt es noch die Gatekeeper in den Medien. Diese fungieren als weiterer massiver Filter; dazu habe ich einen eigenen Artikel geschrieben, der hier aufrufbar ist.
Manchmal würde es bereits reichen, nach Parallelen in anderen Ländern oder in der Vergangenheit zu suchen, um prognostizieren zu können, wie sich ein Vorhaben entwickeln könnte. Aber wer von seiner Sache zu 110 % überzeugt ist, hält so etwas für Ketzerei.
Dieses Ausblenden der Realität ist längst kein isoliertes Problem mehr, das nur beim Heizungsbau oder der E-Mobilität auftritt. Wir haben es mit einem gesamtgesellschaftlichen Paradigmenwechsel zu tun. Der Soziologe Max Weber unterschied schon 1919 zwischen der Verantwortungsethik und der Gesinnungsethik. Der Verantwortungsethiker kalkuliert die realen Folgen seines Handelns kühl ein. Der Gesinnungsethiker hingegen berauscht sich an seiner eigenen guten Absicht – scheitert das Projekt, ist aus seiner Sicht die Welt schuld, nicht sein unzulänglicher Plan. Heute hat die Gesinnungsethik die westlichen Gesellschaften fast vollständig gekapert. In Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur wird Rationalität zunehmend unter Generalverdacht gestellt. Wer Kosten-Nutzen-Rechnungen aufmacht oder auf physikalische wie wirtschaftliche Realitäten hinweist, gilt schnell als Zyniker oder Ketzer. Wir haben den Kompass der Aufklärung aus der Hand gelegt und uns kollektiv einer Hypermoral unterworfen, in der Haltung mehr zählt als Handwerk.
Es ist der Kern des Problems. Wir haben Ideologien, die so überhöht wurden, dass sie schon fast einer religiösen Verehrung entsprechen. Und es sind genau diese Themenbereiche, die besonders betroffen sind. Dazu gehören Migration, Klima, Geopolitik (Wir sind die Guten!), Identitätspolitik usw. In einer solchen Umgebung ist es nicht mehr opportun nachzufragen und Thesen zu prüfen.
Die Geschichte lehrt uns: Wenn ein System jede Korrekturfähigkeit verloren hat, heilt es sich nicht durch gute Ratschläge. Es heilt sich durch den schmerzhaften Aufprall auf der Realität. Ob im Preußen von 1806, im China der 1970er Jahre oder der Sowjetunion nach Tschernobyl – immer war es die harte Wand der physikalischen oder ökonomischen Wirklichkeit, die den ideologischen Nebel brutal auflöste.
Auf genau diese Wand steuern wir derzeit zu. Unsere Aufgabe für jene, die die Best-Case-Illusionen heute schon durchschauen, ist es daher nicht, das Unvermeidliche aufzuhalten. Unsere Aufgabe ist es, für den Tag nach dem Aufprall bereitzustehen: Mit kühlem Verstand, harten Fakten und echtem Pragmatismus. Damit wir danach nicht einfach in die Arme der nächsten irrationalen Ideologie treiben, sondern endlich wieder lernen, die Wirklichkeit auszuhalten.
Wenn wir akzeptieren, dass unsere Institutionen – von den Ministerien über die Leitmedien bis in die Wissenschaft – flächendeckend von dieser Gesinnungsethik befallen sind, müssen wir ehrlich sein: Das System kann sich nicht mehr selbst heilen. Ein neu geschaffener Normenkontrollrat oder eine zusätzliche Aufsichtsbehörde würden sofort wieder mit denselben ideologischen Formeln rechnen. Man kann eine Ideologie nicht mit ihren eigenen Instrumenten besiegen. Ebenso wenig hilft es, das Pendel einfach nur mit roher Gewalt in die entgegengesetzte ideologische Richtung ausschlagen zu lassen, in der dann pure Willkür herrscht. Auch das ist keine Rückkehr zur Vernunft, sondern nur eine andere Form der Krankheit.
Ein Blick in die Geschichte zeigt uns die bittere, aber unumstößliche Wahrheit: Wenn Gesellschaften derart in der Best-Case-Illusion verknöchert sind, werden sie nicht durch kluge Ratschläge geheilt. Sie heilen erst durch den harten, unweigerlichen Aufprall auf der Realität.
Als das alte Preußen vor 1806 in seiner ständischen Arroganz und Unbeweglichkeit erstarrt war, verweigerte es jede Modernisierung. Erst die totale militärische Vernichtung durch Napoleon bei Jena und Auerstedt lieferte den nötigen Schock. Das Land stand vor der Auslöschung. Dieser Schmerz erzwang die Preußischen Reformen, brachte die Wissenschaft in die Bildung und die Leistungsträger in die Verantwortung.
In der Sowjetunion war es kein primär militärischer, sondern ein physikalischer Aufprall. Jahrzehntelang hatte man die Realität durch geschönte Planzahlen und Parteitagsbeschlüsse ersetzt. Doch 1986 explodierte der Reaktor in Tschernobyl. Strahlung lässt sich nicht durch Ideologie wegreden. Die Realität brach so brutal durch die Lügenfassade, dass der ideologische Nebel zerfetzte und das verkrustete System gezwungen war, den Blick auf die Wahrheit zuzulassen.
Und schließlich China: Unter Mao Zedong trieb die Planwirtschaft das Land mit völlig irren Best-Case-Illusionen in den Ruin und in beispiellose Hungersnöte. Die Kulturrevolution verfolgte jeden Rest von intellektueller Vernunft als Ketzerei. Der Schock des totalen zivilisatorischen Zusammenbruchs war nötig, um dem radikalen Pragmatismus zum Durchbruch zu verhelfen: „Egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist, sie muss Mäuse fangen.“ Die Ideologie musste dem messbaren Ergebnis weichen.
Das bringt uns zu einer unbequemen, aber enorm hoffnungsvollen Erkenntnis: Sowohl China als auch Russland (als historisches Erbe der Sowjetunion) haben diesen tiefen Fall durchlebt. Sie haben den horrenden Preis für die totale Überideologisierung ihrer Gesellschaften gezahlt. Aber sie haben aus dieser Katastrophe gelernt. Sie sind wieder aufgestiegen, weil sie den harten Pragmatismus und die Orientierung an realen geopolitischen und wirtschaftlichen Fakten als Überlebensstrategie verinnerlicht haben. In dieser speziellen Hinsicht haben sie uns eine existenzielle historische Erfahrung voraus, die wir eigentlich wertschätzen und studieren müssten.
Doch genau hier beißt sich die sprichwörtliche Katze in den Schwanz. Unsere eigene Ideologie verbietet es uns, ausgerechnet dorthin zu schauen. In unserem geopolitischen Narrativ haben wir uns so zementiert auf der Seite der ‚Guten‘ verortet, dass wir Länder wie Russland oder China pauschal zu den absoluten Antagonisten erklären. Diese ideologische Verblendung hat bereits handfeste, messbare Konsequenzen: An deutschen Universitäten brechen die Anfängerzahlen für Fächer wie Sinologie und Slavistik dramatisch ein. Weil China und Russland medial oft nur noch als das Böse markiert werden, trauen sich junge Menschen nicht mehr, diese Sprachen und Kulturen zu studieren. Wir bauen unser Wissen über genau jene Länder aktiv ab, von denen wir eigentlich lernen müssten, wie man nach einem ideologischen Totalschaden den wirtschaftlichen und pragmatischen Wiederaufstieg meistert. Jeder Versuch, diesen Wiederaufstieg nach dem ideologischen Kollaps als Lehrstück zu betrachten, gilt bei uns sofort als Ketzerei und Verrat an den eigenen Werten. Die Ideologie verhindert die Heilung von der Ideologie.
Und so steuern wir sehenden Auges weiter auf unseren eigenen, unvermeidlichen Aufprall zu – sei es durch den schleichenden Verlust unserer industriellen Basis, das Scheitern ungedeckter Großprojekte oder eine dramatische Überdehnung in außenpolitischen Konflikten.
Der Aufprall wird schmerzhaft sein, aber er ist nicht zwingend das Ende. Die Geschichte Preußens, Russlands und Chinas beweist: Gesellschaften können das überleben und danach gestärkt, vernünftiger und pragmatischer in die Zukunft gehen.
Dieser Artikel erschien erstmals am 05.04.2026. Das Artikelbild wurde mit Gemini generiert.
Zur Vorbereitung dieses Artikels wurde eine KI Recherche durchgeführt, deren Ergebnis hier zur Verfügung steht.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de