In den westlichen Medien und auch in den Reihen der US-Regierung hört man in diesen Tagen immer wieder dieselbe verständnislose Frage: Warum gibt der Iran nicht auf? Angesichts der massiven Schäden und der völkerrechtswidrigen, unprovozierten Angriffe durch die USA und Israel müsse Teheran doch einsehen, dass ein Einlenken der einzige Weg sei. Diese Frage zeugt von einer erschütternden ideologischen Verblendung. Wer so fragt, weigert sich schlichtweg, die Welt für einen Moment aus der Perspektive des Irans zu betrachten.
Aus iranischer Sicht käme die Aufgabe der eigenen Verteidigungsfähigkeit einem nationalen Suizid gleich. Was dem Land blüht, wenn es den Forderungen des Westens nachgibt, lässt sich in der unmittelbaren Nachbarschaft studieren. Die Blaupausen westlicher Einmischung heißen Syrien, Libyen, Afghanistan und Gaza. Wer sich wehrlos macht, wird nicht in Frieden gelassen, sondern in Schutt und Asche gelegt. Das ist das absolute Horrorszenario.
Mit wem hat der Iran es zu tun?
Man muss sich vor Augen führen, wer in diesem Krieg auf der anderen Seite steht. Einer der ersten großen Schläge der USA und Israels traf Ende Februar die Shajareh-Tayyebeh-Schule in der südiranischen Stadt Minab. Rund 170 Menschen, fast ausschließlich Schulmädchen, Lehrer und Eltern, wurden getötet. Die USA mögen das als Kollateralschaden bei einem Angriff auf eine benachbarte Marinebasis abtun, aber für den Iran stellt sich das völlig anders dar: Die USA prahlen ununterbrochen mit der chirurgischen Präzision ihrer Waffensysteme. Wenn also solche Präzisionswaffen eine voll besetzte Schule treffen, muss man von Absicht ausgehen – oder von einer so tiefen moralischen Verkommenheit, dass zivile Opfer schlichtweg völlig gleichgültig hingenommen werden.
Besonders perfide: Es handelte sich um einen „Double-Tap“-Schlag. Der zweite Treffer erfolgte gut 40 Minuten nach dem ersten, genau dann, als Überlebende und Helfer am Unglücksort zusammenkamen, um Menschen aus den Trümmern zu retten. Solche Taktiken sind durch das Kriegsrecht in keiner Weise gedeckt. Wenn dies Absicht war, handelt es sich um ein unzweifelhaftes Kriegsverbrechen.
Verträge mit dem Westen sind das Papier nicht wert
Warum sollte Teheran einem solchen Gegner vertrauen? Die USA haben immer wieder bewiesen, dass sie Verhandlungen und Friedensgespräche im besten Fall ignorieren und im schlimmsten Fall als tödliche Falle nutzen. Wir erinnern uns: Der iranische General Qasem Soleimani wurde 2020 im Irak ermordet, als er sich auf dem Weg zu Vermittlungsgesprächen befand. Das internationale Atomabkommen (JCPOA), an das sich der Iran hielt, wurde von den USA ohne jegliche sachliche Begründung einfach einseitig zerrissen.
Die Lehre, die Teheran daraus zwingend ziehen muss, ist glasklar: Selbst wenn der Iran jetzt nachgeben, abrüsten und sämtliche Forderungen erfüllen würde – die USA und Israel würden jede Vereinbarung früher oder später wieder über den Haufen werfen. Sie würden immer neue Bedingungen stellen, so lange, bis der Iran völlig wehrlos ist. Und wehrlos zu sein bedeutet den Sturz in den Abgrund, wie wir es in Gaza sehen, wo der Völkermord bis heute unbeirrt weitergeht. Da sind selbst die aktuellen Ankündigungen von US-Präsident Donald Trump, der dem Iran offen damit droht, ihn in die Steinzeit zurückzubomben und „in der Hölle“ leben zu lassen – was im Übrigen die offene Ankündigung weiterer Kriegsverbrechen darstellt –, aus iranischer Sicht das kleinere Übel. Für Teheran ist selbst die völlige Zerstörung in einem endlosen Abwehrkampf weniger schlimm als das Schicksal eines wehrlosen Opfers.
Ein unbezwingbarer Gegner: Warum Überleben gleichbedeutend mit Siegen ist
Zudem wäre es ein fataler Irrtum des Westens, den Iran lediglich als machtloses Opfer zu betrachten. Teheran hat handfeste Gründe, darauf zu vertrauen, diesem massiven Druck standhalten zu können. In diesem Konflikt gilt für den Iran eine einfache strategische Wahrheit: Gewinnen heißt hier schlichtweg überleben. Solange der iranische Staat und seine Strukturen nicht kollabieren, ist der Angriff gescheitert.
Und die Trümpfe für dieses Überleben sind gewaltig. Geografisch gleicht der Iran einer gigantischen Festung. Ein Land von dieser schieren Größe und mit einer derart bergigen Topografie ist durch Bodentruppen faktisch kaum zu erobern. Hinzu kommt eine jahrzehntelange, akribische Vorbereitung auf genau dieses Szenario. Der Iran hat riesige, tief in die Berge getriebene Tunnelkomplexe und unterirdische Fabriken errichtet. Diese Anlagen sind selbst für schwerste Bunkerbrecher kaum zu zerstören und sichern die militärische Produktion und den Nachschub völlig unabhängig von der Lufthoheit des Gegners.
Militärisch setzt der Iran auf hochentwickelte, asymmetrische Fähigkeiten. Das Land verfügt über ein absolut fortschrittliches Drohnen- und Raketenprogramm, das den Angreifern empfindliche Schläge versetzen kann. Zur See kontrolliert Teheran mit der Straße von Hormus eines der wichtigsten Nadelöhre der Weltwirtschaft. Mit einer Flotte aus schwer zu ortenden Schnellbooten und U-Booten kann der Iran diese für den globalen Handel essenzielle Route jederzeit bedrohen oder blockieren.
Auf der anderen Seite steht eine US-Militärmaschinerie, deren logistische Achillesferse immer deutlicher zutage tritt: die Schwäche in Sachen Munitionsnachschub. Die USA mögen im ersten Moment die überwältigende Feuerkraft besitzen, aber in einem Zermürbungskrieg hat der Iran mit seiner strategischen Tiefe und Unabhängigkeit den längeren Atem.
Das Netzwerk des Irans und die wachsende Isolation der USA
Ein weiterer entscheidender Faktor, der dem Iran in diesem Konflikt in die Karten spielt, ist sein weitreichendes und gut organisiertes Netzwerk an Verbündeten. Teheran steht in dieser Auseinandersetzung keineswegs allein da. Die sogenannte „Achse des Widerstands“ ist an mehreren Fronten hochgradig aktiv: Die Huthi im Jemen, die Hamas in Palästina, die Hisbollah im Libanon sowie verbündete Aufständische im Irak binden massiv amerikanische und israelische Ressourcen. Auf geopolitischer Ebene erfährt der Iran zudem elementare Rückendeckung durch globale Schwergewichte. Es ist längst ein offenes Geheimnis, dass China und Russland Teheran mit strategisch wichtigen Satellitendaten versorgen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Waffen sowie die dringend benötigten Rohstoffe für die Aufrechterhaltung der eigenen Rüstungsproduktion liefern.
Während der Iran sich auf diese regionalen und globalen Partner stützen kann, erleben wir auf Seiten der USA eine historische diplomatische Isolation. Von einer geschlossenen westlichen Front kann keine Rede sein. Selbst europäische NATO-Staaten und neutrale Länder verweigern sich der amerikanischen Kriegsführung: Staaten wie Frankreich, Italien, Spanien und die Schweiz haben den USA die Überflugsrechte für diese Einsätze teilweise oder sogar gänzlich untersagt. Die globale Dynamik bewegt sich spürbar weg von einer bedingungslosen Gefolgschaft für Washington hin zu einer strategischen Neutralität.
Diese Abkehr zeigt sich nirgendwo so deutlich wie in der Golfregion selbst, wo die unberechenbare Führung in Washington ehemals eiserne Allianzen zersetzt. Wenn US-Präsident Donald Trump in offener Respektlosigkeit verlangt, der saudische Kronprinz müsse ihm wörtlich „den Arsch küssen“, dann offenbart das eine amerikanische Außenpolitik, die selbst von den eigenen Verbündeten zunehmend als schlichtweg irre und toxisch wahrgenommen wird. Die unmittelbare Folge: Ein Schwergewicht wie Saudi-Arabien schwankt spürbar in seiner US-Loyalität, während Staaten wie Katar und der Oman sich ganz offen bemühen, sich vom amerikanischen Einfluss zu emanzipieren. Diese massive diplomatische Verschiebung, gepaart mit dem Verlust des eigenen Rückhalts, schwächt die Position der USA dramatisch und stellt einen weiteren enormen strategischen Vorteil für den Überlebenskampf des Irans dar.
Die ökonomische Zeitbombe: Warum die Zeit für den Iran spielt
Doch nicht nur militärisch und geopolitisch, auch wirtschaftlich sitzt der Iran an einem extrem langen Hebel. Wer glaubt, die USA könnten diesen Krieg schnell und schmerzlos durchziehen, irrt gewaltig. Der Iran kontrolliert faktisch die Straße von Hormus, das wichtigste Nadelöhr der Weltwirtschaft, und lässt Transporte nur noch selektiv passieren. Das betrifft nicht nur Öl und Gas, deren Preise auf den Weltmärkten ohnehin schon explodieren. Die Bedrohung für die globalen Lieferketten reicht viel tiefer und betrifft den Kern der westlichen Industrie.
Es geht hier um die absoluten Grundstoffe der modernen Zivilisation: Helium, das zwingend für die Produktion von KI-Chips sowie für den Betrieb lebenswichtiger Medizintechnik wie MRT- und CT-Scanner benötigt wird. Es geht um Polymere für die Kunststoffindustrie, um riesige Mengen an Aluminium, um Schwefel und Schwefelsäure. Wenn diese Grundstoffe fehlen, trifft das in einer direkten Kettenreaktion auch die Düngemittelproduktion und damit die globale Landwirtschaft. Diese massiven Verknappungen stehen erst ganz am Anfang, und die Ausfallwellen werden die westlichen und insbesondere die amerikanischen Industrien im Laufe der Zeit mit voller Wucht treffen.
Selbst die scheinbare wirtschaftliche Unabhängigkeit der USA erweist sich hier als Illusion. Zwar verfügen die Vereinigten Staaten über eigene, gewaltige Öl- und Gasvorkommen und könnten sich theoretisch selbst versorgen. Doch in einer globalisierten Welt nützt das dem einfachen amerikanischen Bürger wenig. Wenn die Preise im Ausland durch die Blockade in Hormus massiv in die Höhe schießen, nutzen amerikanische Konzerne diese Gewinnmargen aus und exportieren ihre Ressourcen lukrativ auf den Weltmarkt. Die Folge: Der amerikanische Verbraucher zahlt die Zeche und wird im eigenen Land von massiven Preissteigerungen erdrückt.
Hinzu kommt eine eklatante strategische Schwäche der USA bei der allgemeinen Rohstoffversorgung. Die amerikanische Hightech- und Rüstungsindustrie hängt bei Seltenen Erden und anderen kritischen Materialien massiv von anderen Akteuren ab, allen voran von China. Peking wiederum hat nicht das geringste Interesse daran, diesen amerikanischen Krieg zu unterstützen oder Washington aus der Patsche zu helfen. Auch in diesem Bereich befinden sich die USA in einer Position der Schwäche.
Die USA mögen über die Feuerkraft verfügen, dem Iran kurzfristig massiven Schaden zuzufügen und das Land in Grund und Boden zu bombardieren. Doch einen Krieg zu „gewinnen“, bedeutet mehr, als nur Infrastruktur zu zerstören. Es bedeutet, den Willen des Gegners zu brechen. Ob sie den Iran besiegen können, ist allein eine Frage des Willens der Iraner – und dieser Wille wird nicht brechen, weil Nachgeben den sicheren Tod bedeuten würde. In diesem Zermürbungskrieg spielt die wirtschaftliche Zeitbombe unaufhaltsam gegen die USA und für den Iran.
Die unausweichliche Eskalation: Atombomben als letzte Sicherheitsgarantie
Wenn Nachgeben also keine Option ist, weil es den eigenen Untergang bedeutet, wie sieht dann ein Ausweg aus? Ein Einlenken des Westens ist unter dem aktuellen US-amerikanischen Präsidenten völlig unrealistisch. Die einzige Möglichkeit für den Iran, sich auf eine Verhandlungslösung einzulassen, wären eiserne Sicherheitsgarantien. Garantien, die so massiv sind, dass selbst die USA sie nicht brechen können.
Davon gibt es nicht viele. Die naheliegendste, auch wenn sie eigentlich niemand wollen kann, ist die nukleare Bewaffnung. Der Westen hat dem Iran unmissverständlich klargemacht: Wer keine Atombombe hat und unkooperativ ist, wird zerstört. Der Iran wird nun mit höchster Priorität nach Atomwaffen streben. Und das wird weitreichende Folgen haben: Länder wie Ägypten und Saudi-Arabien, aber auch Staaten wie Brasilien oder Südafrika, werden genau hinschauen, wie der Westen mit souveränen Staaten umgeht. Die Gefahr einer massiven globalen Aufrüstung ist die direkte Konsequenz dieser Politik.
Die einzige Alternative zu iranischen Atomwaffen wären glaubwürdige Schutzgarantien durch andere Weltmächte – namentlich Russland, China oder auch Indien. Viel mehr Optionen bleiben nicht.
Ein Abkommen für den eigenen Untergang?
Das Tragische an dieser Lage ist: Der Westen hat sich selbst in diese Situation manövriert. Wer heute mit den USA und ihren Verbündeten in einen solchen Krieg verwickelt wird, weiß, dass im Falle einer Niederlage nicht einfach nur eine Besetzung oder ein Regimewechsel ansteht. Das Land wird in Grund und Boden zertrümmert.
Wenn man sich nun in die Perspektive der Iraner versetzt, die dort ihre Kinder, ihre Heimat und ihre Zukunft haben: Wer würde angesichts der Vorbilder im Nahen Osten jemals wieder ein Abkommen mit diesen westlichen Staaten schließen wollen? Niemand unterschreibt freiwillig einen Vertrag, der den eigenen Untergang und schlimmstenfalls den Mord am eigenen Volk besiegelt. Deshalb wird der Iran nicht kapitulieren. Er wird kämpfen, bis zum letzten Moment – und er hat die Mittel dazu.
Dieser Artikel erschien erstmals am 06.04.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von mostafa meraji auf Pixabay.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de