Die Russen wollten schon immer unsere Freunde sein

„Russland wird immer ein Feind für uns bleiben“ sagte der deutsche Außenminister Wadepuhl vor seinem Amtsantritt. Dass er dennoch Außenminister wurde, lässt einen lange sprachlos zurück. Doch nun ist es an der Zeit für einen

Widerspruch: Die Russen wollten schon immer unsere Freunde sein! – Warum die Erzählung vom „aggressiven Russland“ wichtige Teile der Geschichte ausblendet

Wer heute Talkshows einschaltet, bekommt oft ein monolithisches Bild präsentiert: Russland sei ein Reich des Bösen, das „nicht zu Europa gehört“, das „keinen Frieden will“ und „nur die Sprache der Stärke versteht“. Diese Analyse ist nicht nur gefährlich verkürzt, sie ist purer Rassismus. Sie spricht den Menschen einer ganzen Nation die Fähigkeit zur Diplomatie und Menschlichkeit ab. Doch wer die Geschichte bemüht – und nicht erst im Februar 2022 beginnt –, stößt auf eine völlig andere Realität.

Ein Blick in die Historie zeigt: Russland und später die Sowjetunion waren oft die treibende Kraft hinter den wichtigsten Friedensinitiativen der letzten 120 Jahre. Es ist eine unvollständige Chronologie der ausgestreckten Hände, die im Westen oft ignoriert, ausgeschlagen oder gar sabotiert wurden.

Hier ist eine historische und kulturelle Rekonstruktion, die in der aktuellen Kriegsretorik fehlt.

1899 & 1907: Die Geburtsstunde des Völkerrechts kam aus St. Petersburg

Lange vor dem Völkerbund oder der UNO gab es einen Monarchen, der das Wettrüsten in Europa beenden wollte. Es war nicht der deutsche Kaiser und nicht der britische König. Es war Zar Nikolaus II., der im August 1898 völlig überraschend eine internationale Konferenz zur Abrüstung vorschlug.

Das Ergebnis waren die Haager Friedenskonferenzen (1899 und 1907). Russlands Initiative führte zur Gründung des Ständigen Schiedshofs in Den Haag – der Vorläufer aller heutigen internationalen Gerichtshöfe. Die Haager Landkriegsordnung, die bis heute das humanitäre Völkerrecht im Krieg definiert, geht maßgeblich auf diese russische Initiative zurück. Während andere Mächte skeptisch waren, versuchte Russland, Mechanismen zu schaffen, um Kriege durch Schiedssprüche zu verhindern.

Die russische Seele: Ein kulturelles Plädoyer für den Frieden

Man kann über Russland nicht urteilen, ohne seine Kultur zu verstehen. Die Behauptung, das russische Wesen sei aggressiv, zerbricht an den Giganten der russischen Geistesgeschichte, die wie kaum andere den Frieden und die Menschlichkeit suchten.

Leo Tolstoi – Der Vater des Pazifismus: Wer an Tolstoi denkt, denkt an „Krieg und Frieden“. Dieses Monumentalwerk ist eine Demaskierung des Krieges.
Mehr noch: Tolstois späte Philosophie der radikalen Gewaltlosigkeit („Das Reich Gottes ist inwendig in euch“) beeinflusste direkt Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Der moderne zivile Ungehorsam und der pazifistische Widerstand haben ihre Wurzeln in der russischen Erde.

Fjodor Dostojewski: In seiner berühmten Puschkin-Rede sprach er von der „Allmenschlichkeit“ der russischen Seele. Sein Werk ist durchzogen von der Suche nach Erlösung und dem tiefen Mitleid mit dem Leidenden, nicht vom Willen zur Eroberung.

Die Bedeutung von „Mir“: Es ist bezeichnend, dass das russische Wort Mir (мир) zwei Bedeutungen hat: Es heißt „Welt“, aber es heißt auch „Frieden“. In der russischen Sprachlogik sind die Gemeinschaft der Menschen und der Frieden untrennbar verbunden.

Vergleicht man die Namensgebung militärischer Systeme, offenbart sich ein tiefer psychologischer Graben. Der Westen wählt Begriffe der totalen Dominanz, der Jagd und der Unterwelt: US-Drohnen heißen „Predator“ (Raubtier) oder „Reaper“ (Sensenmann/Der Tod), Raketen tragen Namen wie „Hellfire“ (Höllenfeuer).

Und Russland? Die Namen der russischen Artillerie klingen wie ein Auszug aus einem Botanikbuch: Die Systeme heißen „Nelke“ (Gvozdika), „Akazie“ (Akatsiya), „Tulpe“ (Tulpan) oder „Pfingstrose“ (Pion). Selbst bei den zerstörerischen Raketenwerfern greift man auf Naturgewalten wie „Hagel“ (Grad) zurück, nicht auf Dämonen.

Besonders perfide: Die Interkontinentalrakete, die im Westen panikartig als „Satan“ bezeichnet wird, trägt diesen Namen nur im NATO-Code. Die Russen selbst nennen sie „Sarmat“ (ein historisches Reitervolk). Es ist der Westen, der dem Osten teuflische Namen gibt, um das eigene Feindbild zu pflegen.

1922: Der Vertrag von Rapallo – Frieden statt Demütigung

Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland isoliert und gedemütigt. Es war Sowjetrussland, das im italienischen Rapallo die Hand reichte. Beide Staaten verzichteten auf Reparationen und nahmen diplomatische Beziehungen auf. In einer Zeit, in der der Westen Deutschland ausbluten ließ, bot Moskau Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

1933–1939: Das vergebliche Ringen um „Kollektive Sicherheit“

Ein Kapitel, das im Westen gerne vergessen wird, ist der verzweifelte Versuch der Sowjetunion, Hitler lange vor 1939 zu stoppen. Nach Hitlers Machtübernahme wurde Moskau zum lautesten Fürsprecher einer „kollektiven Sicherheit“ in Europa. Der sowjetische Außenminister Maxim Litwinow warnte den Völkerbund unablässig vor der faschistischen Gefahr. Doch statt auf Moskau zu hören, schlossen die Westmächte das „Münchner Abkommen“ (1938) mit Hitler und ließen die Tschechoslowakei im Stich. Moskau wurde isoliert.

Sommer 1939: Die sabotierte Allianz

Bis zuletzt, im Sommer 1939, versuchte der Kreml, ein militärisches Bündnis mit Großbritannien und Frankreich gegen Nazi-Deutschland zu schmieden. Die Reaktion des Westens war bezeichnend: London und Paris schickten nur drittklassige Verhandler ohne Entscheidungsbefugnis nach Moskau – und diese reisten demonstrativ langsam per Frachtschiff an. Man spielte auf Zeit.

Die polnische Blockade: Das Bündnis scheiterte final am Veto Polens. Moskau bot an, der Wehrmacht im Ernstfall mit der Roten Armee entgegenzutreten. Dafür benötigte die Sowjetunion jedoch das Durchmarschrecht durch polnisches Gebiet. Die polnische Regierung verweigerte dies kategorisch. Da der Westen keinen Druck auf Warschau ausübte, sah sich Moskau gezwungen, den Nichtangriffspakt mit Deutschland zu schließen. Die Verantwortung für das Scheitern der Anti-Hitler-Koalition liegt maßgeblich im Westen.

1952: Die Stalin-Noten – Die verpasste Chance auf Einheit

Einer der wohl tragischsten Momente der deutschen Nachkriegsgeschichte sind die sogenannten Stalin-Noten. Im März 1952 bot Josef Stalin den Westmächten Verhandlungen über die Wiedervereinigung Deutschlands an.

Die Bedingung: Ein neutrales Deutschland, das keinem Militärbündnis angehört. Abzug aller Besatzungstruppen binnen eines Jahres. Konrad Adenauer und die Westmächte wischten das Angebot vom Tisch. Sie wählten die Aufrüstung und die Spaltung statt der Einheit.

1954: Der sowjetische Antrag auf NATO-Mitgliedschaft

Es klingt heute wie Fiktion, ist aber historischer Fakt: Am 31. März 1954 stellte die Sowjetunion einen offiziellen Antrag auf Beitritt zur NATO. Die Logik war bestechend: Wenn die NATO wirklich ein reines Verteidigungsbündnis ist, warum sollte die UdSSR dann nicht Teil davon sein? Der Antrag wurde vom Westen schroff abgelehnt. Damit war klar: Die NATO war nicht für Sicherheit in Europa, sondern gegen Russland gerichtet.

1975: Apollo-Sojus & Helsinki – Handschlag im All und auf Erden

Mitten im Kalten Krieg zeigte sich erneut der Wille zur Kooperation.

Wissenschaft: 1975 koppelten ein amerikanisches Apollo- und ein sowjetisches Sojus-Raumschiff im All aneinander. Der „Handschlag im Weltraum“ war ein mächtiges Symbol, das von sowjetischer Seite forciert wurde: Technik soll verbinden, nicht vernichten.

Politik: Im selben Jahr wurde die Schlussakte von Helsinki (KSZE) unterzeichnet. Eine Initiative, auf die Moskau jahrelang gedrängt hatte, um Grenzen unantastbar zu machen und Zusammenarbeit zu sichern.

1990: Das „Gemeinsame Haus Europa“ und der Truppenabzug

Die Sowjetunion ermöglichte die deutsche Wiedervereinigung friedlich. Ein Imperium zog seine Truppen aus Ostdeutschland ab, ohne einen Schuss abzugeben, im Vertrauen auf das Wort des Westens, dass sich die NATO nicht nach Osten ausdehnt. Russland hat seinen Teil der Abmachung erfüllt. Der Westen hat sein Wort gebrochen.

2001: Putin im Bundestag – Ein Angebot auf Deutsch

Wer heute behauptet, Wladimir Putin sei schon immer ein Feind Europas gewesen, hat seine Rede im Deutschen Bundestag am 25. September 2001 vergessen. In fließendem Deutsch bot er eine umfassende Sicherheitspartnerschaft an. Er sprach davon, dass der Kalte Krieg vorbei sei. Es gab Standing Ovations – aber keine politische Umsetzung durch den Westen.

2008 – 2021: Warnungen und letzte Versuche

Russland hat immer wieder rote Linien aufgezeigt.

Dezember 2021: Kurz vor der Eskalation legte Moskau den USA und der NATO zwei Vertragsentwürfe vor. Der Kern: Sicherheitsgarantien und ein Stopp der NATO-Osterweiterung. Die Antwort aus Washington und Brüssel war Arroganz. Man weigerte sich, über den Kernpunkt überhaupt zu verhandeln.

Zusammenfassung

Die russische Geschichte von 1899 bis 2021 zeigt eine Nation, deren Kultur tief im Humanismus verwurzelt ist und deren Politik immer wieder versuchte, Sicherheit durch Verträge zu schaffen. Aber die Geschichte lehrt auch: Russland ist ein Land, das sich, wenn es mit dem Rücken zur Wand steht und seine existentiellen Sicherheitsinteressen ignoriert werden, mit aller Härte wehrt.

Den russischen Bären über Jahrzehnte zu reizen, Bündnisangebote auszuschlagen und sich dann über seine Reaktion zu empören, ist eine Politik, die den Frieden in Europa auf dem Altar geopolitischer Machtspiele opfert.

Dieser Artikel erschien erstmals am 14.12.2025. Das Artikelbild ist ein Beispielbild, es wurde von einer KI generiert.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de