Was heißt eigentlich seriös? Gerne ist im politischen Diskurs von sogenannten seriösen Medien die Rede. Ganz nebenbei wird dabei allen Dingen, die nicht gemeint sind, die Seriosität einfach abgesprochen. Doch darum geht es mir hier weniger. Ich möchte einmal auf eine Praxis dieser sogenannten seriösen Qualitätsmedien hinweisen und einfach mal die Frage stellen, ob man Anwender dieser Praxis wirklich als seriös betrachten sollte. Es geht hier um keine Kleinigkeit. Es geht um die tatsächliche Relevanz eben dieser Leitmedien, um ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit, um handfeste Werbeeinnahmen und um die Preise, die sie auf dem Markt diktieren.
Tatsächlich sehen wir, dass die Auflagen gedruckter Medien seit Jahrzehnten drastisch fallen, und das trifft auch und gerade die großen der Branche, die stets als die seriösen Taktgeber des Landes gelten. Seit dem historischen Höhepunkt im Jahr 1991 ist die täglich verkaufte Auflage der Tageszeitungen in Deutschland von ehemals 27,3 Millionen auf nur noch etwa 10,7 Millionen physische Exemplare im Jahr 2024 kollabiert. Das entspricht einem gewaltigen strukturellen Absturz der gedruckten und verkauften Auflage von über 60 Prozent. Dennoch wird vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) hartnäckig behauptet, dass fast 50,5 Prozent der Menschen in Deutschland – was über 32 bis 34 Millionen Bürgern entspricht – regelmäßig oder täglich eine gedruckte Zeitung lesen. Das ist völlig lebensfremd. Wen kennen wir eigentlich noch, der so eine richtige, physisch gedruckte Zeitung liest? Ich darf mit gutem Gewissen annehmen, dass es weit weniger als 50 Prozent sind.
Wenn man sich diese Zahlen genauer anschaut, dann fällt eines sofort auf: Mit „Lesern“ meinen diese Verlage und Verbände eben nicht die verkaufte Auflage. Die offizielle Leserschaft wird durch die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (agma) nicht anhand physischer Zeitungen, sondern über den rein statistischen Wert „Leser pro Ausgabe“ (LpA) ermittelt. Man geht einfach davon aus, dass für jede gedruckte Ausgabe eine gewisse Anzahl an Menschen darauf zugreift, weit über den eigentlichen Käufer hinaus. Während in den 1990er Jahren ein gedrucktes Exemplar statistisch von 1,28 Personen gelesen wurde, wird heute ein abenteuerlicher Multiplikator von 3,18 angelegt. Jedes gedruckte Stück Papier soll also heute von mehr als drei Menschen gelesen werden, und das in einer Gesellschaft, in der Single-Haushalte dominieren und die durchschnittliche Haushaltsgröße bei knapp unter 2,0 Personen liegt.
Um diese astronomischen Reichweiten künstlich zu erzeugen, setzt man auf hochgradig flüchtige Kontakte. In der Logik dieser Media-Analysen qualifiziert sich bereits als Leser, wer eine Zeitung beim Friseur, im Wartezimmer eines Arztes oder als rabattiertes Exemplar im Flugzeug auch nur für zwei Minuten flüchtig durchblättert. Die Medienforschung misst hier keine tiefe journalistische Auseinandersetzung, sondern lediglich die sogenannte Werbeträgerkontaktchance – also die statistische Möglichkeit, dass jemand eine Werbeanzeige gesehen haben könnte. Hinzu kommen gravierende Verzerrungen bei den Befragungen selbst: Menschen geben in Umfragen gerne an, seriöse Zeitungen zu lesen, weil es als Zeichen von Bildung und politischem Interesse gilt, was zu einer völlig überhöhten Selbstdarstellung führt. Gleichzeitig verschwimmen durch die Digitalisierung die Grenzen, sodass Leser einen Artikel, den sie digital auf dem Smartphone übermittelt bekamen, im Nachhinein fälschlicherweise als Lektüre der gedruckten Ausgabe abspeichern.
An der Seriosität und Aussagekraft dieser Befragungen zweifeln längst nicht mehr nur Forscher. Auch ein Gericht in Wien war der Meinung, dass solche ermittelten Leserzahlen grob von der Realität abweichen können und ordnete einen Warnhinweis an. Wir müssen hier juristisch präzise bleiben: Die Aussage des BDZV ist im strengen Kontext der Werbewirtschaft formal legitim, da sie sich auf etablierte B2B-Messmethoden für Anzeigenverkäufe stützt. Trägt man diese Zahl aber in den öffentlichen Diskurs, um eine medienpolitische Relevanz und eine gigantische Reichweite zu suggerieren, ist sie empirisch irreführend und euphemistisch.
Der Grund für diese Zahlenspiele ist ein rein wirtschaftlicher Überlebenskampf. Die Verlage brauchen diese künstlich aufgeblähte Reichweite einer hochgradig kaufkräftigen Leserschaft, um die im Vergleich zum Digitalen extrem lukrativen Preise für Print-Werbeanzeigen gegenüber Media-Agenturen rechtfertigen zu können. Auf Basis dieser fragwürdigen Zahlen geht es aber schon längst nicht mehr nur um private Werbeeinnahmen, sondern auch um die politische Durchsetzung staatlicher Zuschüsse. Ein Medium, das real kaum noch jemand liest, mit Steuergeldern zu bezuschussen, wäre geradezu eine obszöne Steuergeldverschwendung. Wer seine eigene gesellschaftliche Relevanz auf statistischen Luftschlössern aufbaut, anstatt sich der harten vertrieblichen Realität zu stellen, muss sich die Frage gefallen lassen, wie es um seine viel beschworene Seriosität wirklich bestellt ist.
Dieser Artikel erschien erstmals am 13.05.2026. Das Beitragsbild ist ein Beispiebild von Pexels auf Pixabay.
Zur Vorbereitung dieses Artikel wurden verschiedene KI Recherchen durchgeführt, die hier zur Verfügung stehen.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de