Wir haben Klimaschutzmanager in fast jeder Kommune, Klimaschutzkonzepte in jeder Schublade und Klimabilanzen für jedes Stadtgebiet. Und doch kann uns niemand sagen, was dieses ganze Geld bewirkt hat.
Ich behaupte: Was uns als Klimaschutz verkauft wird, sind oft statistische Taschenspielertricks.
Wir bezahlen Personal und Papier, wir verbuchen Rezession und mildes Wetter als Erfolg, und das Entscheidende — die nachweisbare Wirkung — fordert niemand ein. Klingt provokant? Schauen wir uns die Fakten an. Und zwar nicht an irgendeinem Beispiel, sondern an einem, das jeder selbst nachprüfen kann.
Am 13. Oktober 2026 berichtete der General-Anzeiger auf seiner Seite „Umwelt und Natur“ aus dem Umweltausschuss der Stadt Bad Honnef. Die Überschrift des Artikels von Claudia Sülzen: „Mehr als eine halbe Million Euro für das Klima“. Darunter das Versprechen: „Was bislang investiert wurde und was es gebracht hat.“ Der Beigeordnete Holger Heuser legte die Kosten offen, Klimaschutzmanager Swen Schmitz ordnete die neue Energie- und Treibhausgasbilanz ein. Alle Zahlen sind öffentlich, die Bilanz 2021 bis 2024 steht im neuen Klimaschutz-Dashboard der Stadt.
Die Kostenseite: Vom 1. Februar 2022 bis zum 21. September 2026 hat Bad Honnef rund 536.000 Euro in den Klimaschutz gesteckt. 315.000 Euro davon Personal, 221.000 Euro Konzept und Projekte — das Thermografieprojekt Climap 72.000 Euro, das Klimaschutzkonzept selbst 61.000 Euro, die Klimaschutztage 48.000 Euro. Der Bund gab 175.000 Euro dazu, bei der Stadt bleiben 361.000 Euro. Und die Förderquote ist von 75 auf 40 Prozent gefallen, der Eigenanteil wächst also.
Die Erfolgsseite: Die Treibhausgasemissionen im Stadtgebiet sanken von 183.700 Tonnen im Jahr 2021 auf 167.100 Tonnen im Jahr 2024. Minus neun Prozent. Der Energieverbrauch ging von 623.000 auf 548.000 Megawattstunden zurück.
Zwei Zahlen, nebeneinander und so zieht jeder automatisch den Schluss: eine halbe Million, neun Prozent weniger, hat sich doch gelohnt. Genau darauf ist die Darstellung gebaut.
Nur steht in derselben Bilanz ein Satz, den man zweimal lesen muss. Die Veränderungen ließen sich „nicht unmittelbar einzelnen kommunalen Klimaschutzmaßnahmen zuschreiben“, weil die Bilanz das gesamte Stadtgebiet umfasse — Haushalte, Unternehmen, Verkehr. Dieser Satz ist fachlich völlig korrekt. Er ist aber auch das Eingeständnis, dass die Überschrift ihr Versprechen nicht halten kann. Niemand weiß, was die 536.000 Euro gebracht haben. Die Stadt weiß es nicht, der Klimaschutzmanager weiß es nicht. Dem Zeitungsbericht ist dabei nichts vorzuwerfen, er gibt wieder, was die Stadt vorgelegt hat, und zitiert sogar den entscheidenden Nebensatz. Vorzuwerfen ist, wie eine Verwaltung ihre eigene Leistung darstellt. Und wie selbstverständlich wir alle diese Darstellung lesen.
Woher kommen die neun Prozent dann? Aus vier Quellen, und keine davon hat mit kommunaler Politik zu tun:
Der Strommix: Kommunale Bilanzen rechnen nach der BISKO-Systematik mit dem Emissionsfaktor des deutschen Bundesstrommix. Der ist gesunken, von 433 Gramm CO₂ je Kilowattstunde im Jahr 2022 über 386 im Jahr 2023 auf 363 im Jahr 2024. Im Klartext: Eine Kommune kann exakt dieselbe Menge Strom verbrauchen wie im Vorjahr und steht trotzdem besser da. Sie muss dafür nichts tun. Gar nichts.
Das Wetter: Das Umweltbundesamt nennt die milden Wintermonate als einen der Haupttreiber des bundesweiten Rückgangs 2024. Milde Winter heißt weniger Heizen. Das wirkt in jeder Kommune gleich, ob mit Klimaschutzmanager oder ohne.
Die Industrie: Die Produktion der Metall- und Elektroindustrie in NRW lag im Februar 2026 rund 29 Prozent unter dem Vorkrisenniveau von 2018, die energieintensiven Zweige waren ausnahmslos rückläufig. Wer nicht produziert, verbraucht keine Energie. In der Bilanz ist das ein Erfolg. In der Realität ist es ein Standortproblem.
Die Energiepreise: Der Großhandelspreis für Strom stieg von durchschnittlich 3,5 Cent je Kilowattstunde auf 8,9 Cent im Jahr 2025 und Anfang 2026 auf knapp zehn Cent, Gas von 1,7 auf 3,7 bis 4,3 Cent. Produktionslinien, die sich damit nicht mehr rechnen, werden abgeschaltet oder verlagert. Die Emissionen wandern mit — aus der deutschen Bilanz heraus, nicht aus der Atmosphäre.
Der Expertenrat für Klimafragen hat das für die Bundesebene in einen Satz gefasst: Der Erfolg gehe „vor allem auf einen geringeren Energieverbrauch durch die schwächelnde Wirtschaft“ zurück. Die deutschen Emissionen sanken 2024 um drei Prozent auf 650 Millionen Tonnen, der Energiesektor um 7,4 Prozent, und zwar durch weniger Kohlestrom und mehr Stromimport. Letzteres heißt übersetzt: Der Strom wird woanders erzeugt und woanders bilanziert.
Und was ist mit dem einen Bereich, den eine Kommune wirklich in der Hand hat, mit Straßen, Parkraum, Bussen und Radwegen? Der Verkehr in Bad Honnef ist um sieben Prozent gestiegen und verursacht inzwischen 53 Prozent aller Emissionen. Genau dort, wo kommunale Politik wirken könnte, ist die Bilanz schlechter geworden. Gefeiert wird der Rückgang, der von Wetter, Weltmarkt und Bundesstatistik kommt.
Dabei sitzt der eigentliche Selbstbetrug noch eine Stufe tiefer, nämlich im Bezugsrahmen. BISKO bilanziert den Endverbrauch, alles also, was im Stadtgebiet verbraucht wird. Was daraus folgt, sollte uns beunruhigen: Stellt ein Betrieb in Bad Honnef seine Produktion ein und kommen dieselben Güter künftig aus China, hergestellt mit einem Strommix, der ein Vielfaches des deutschen emittiert, dann verbessert sich die Bad Honnefer Bilanz, während die globalen Emissionen steigen. Die Bilanz misst nicht Klimaschutz. Sie misst lokalen Verbrauch. Ob dessen Rückgang Fortschritt oder Niedergang bedeutet, sagt die Zahl nicht. Keine dieser Zahlen ist falsch, keine ist manipuliert, sie sind nur so zusammengestellt, dass sie eine Wirkung vortäuschen, die sie nicht belegen. Das ist der Taschenspielertrick: nicht die gefälschte Zahl, sondern der verschwiegene Bezugsrahmen.
Dasselbe Muster findet sich auf der Kostenseite, und dort steht ein Nebensatz, der mehr wiegt als die Überschrift: Nicht in den 536.000 Euro enthalten seien „die kommunale Wärmeplanung, das Klimaanpassungskonzept und das Mobilitätskonzept“. Die liefen über andere Förderprogramme. Man muss sich klarmachen, was das bedeutet. Die Kostenbasis ist unvollständig, die Wirkungsbasis ist vollständig. Die neun Prozent umfassen alle Sektoren, also auch alles, was Wärmeplanung und Mobilitätskonzept bewirken sollen, deren Kosten stehen aber nicht in der Rechnung. Und Fördergeld aus einem anderen Topf ist kein Geschenk, es ist dasselbe Steuergeld, und die Eigenanteile zahlt ebenfalls die Stadt. Für eine Kommune dieser Größe sind für die drei ausgeklammerten Bereiche grob 200.000 bis 650.000 Euro anzusetzen, die reale Kostenbasis liegt damit zwischen 736.000 Euro und 1,19 Millionen Euro.
Rechnen wir es durch. Die Reduktion betrug 16.600 Tonnen. Nimmt man nur die genannten 536.000 Euro, kostet die Tonne CO₂ rund 32 Euro, und das ist die Zahl, die sich in einer Pressemitteilung gut ausnimmt. Nimmt man nur den städtischen Eigenanteil, sind es 22 Euro. Mit der vollständigen Kostenbasis steigt es auf 44 bis 72 Euro je Tonne. Aber all diese Zahlen unterstellen, dass die gesamte Reduktion den kommunalen Maßnahmen zu verdanken ist, also genau das, was die Stadt selbst bestreitet. Rechnen wir es deshalb ehrlich: Angesichts von Strommix, Wetter und Industrierückgang ist ein kommunaler Anteil von unter zehn Prozent die plausible Annahme. Dann kostet die vermiedene Tonne 443 bis 717 Euro. Bei fünf Prozent sind es 887 bis 1.434 Euro. Zum Vergleich: Im europäischen Emissionshandel kostet die Tonne seit Jahren zwischen 60 und 90 Euro.
Man könnte dieselbe Wirkung also für einen Bruchteil erzielen, indem man Zertifikate kauft und stilllegt. Niemand tut das, weil sich damit keine Klimaschutztage veranstalten lassen.
Und noch eine Kleinigkeit, die in keiner Pressemitteilung auftaucht: Die Ausgaben laufen von Februar 2022 bis September 2026, die Emissionsdaten von 2021 bis 2024. Die Zeiträume decken sich nicht einmal. Ein Teil des Geldes wurde nach dem Ende der Messung ausgegeben, ein Teil des Rückgangs trat vor dem Beginn der Ausgaben ein. Schon deshalb darf man diese beiden Zahlen gar nicht nebeneinanderstellen.
Jetzt wird es unangenehm, denn Bad Honnef ist in dieser Geschichte nicht der Sünder, sondern der Sparer. 4,76 Euro pro Einwohner und Jahr, während das Umweltbundesamt für eine Kleinstadt rund 25 Euro für nötig hält. Bad Honnef gibt also weniger als ein Fünftel dessen aus, was als ambitioniert gilt. Wir reden hier über das Minimalniveau. Rechnen wir dieses Minimalniveau auf 83,5 Millionen Einwohner für ganz Deutschland hoch, dann sind das rund 400 Millionen Euro im Jahr, über viereinhalb Jahre also etwa 1,8 Milliarden Euro. Mit der vollständigen Kostenbasis wären es 545 bis 880 Millionen Euro im Jahr. Und auf dem Niveau, das das Umweltbundesamt für richtig hält, wären es rund 2,1 Milliarden Euro jährlich, über denselben Zeitraum 9,4 Milliarden Euro. Das ist eine Hochrechnung und keine Erhebung, die Methode steht hier, jeder kann sie nachrechnen oder mit eigenen Annahmen ersetzen. Und sie betrifft ausschließlich das kommunale Klimaschutzmanagement, also Personal, Konzepte, Infoveranstaltungen und Thermografie. Nicht die Fördermilliarden für Gebäudesanierung, nicht die Ladeinfrastruktur, nicht die EEG-Umlage.
Allein die kommunale Wärmeplanung, die alle rund 10.700 Gemeinden bis Mitte 2028 vorlegen müssen, kostet bei 100.000 bis 300.000 Euro je Kommune zusammen 1,1 bis 3,2 Milliarden Euro. Einmalig, für Papier. Nicht für eine einzige verlegte Leitung.
Und jetzt die Gegenprobe, die den ganzen Vorgang entlarvt: Bad Honnefs 16.600 Tonnen entsprechen 0,66 Tonnen pro Einwohner in drei Jahren. Auf Deutschland hochgerechnet sind das rund 55 Millionen Tonnen und damit ziemlich genau der tatsächliche nationale Rückgang in diesem Zeitraum. Also exakt jener Rückgang, den das Umweltbundesamt und der Expertenrat mit schwacher Wirtschaft, mildem Wetter und Kohleausstieg erklären.
Wir geben eine halbe bis zwei Milliarden Euro im Jahr aus und erhalten dafür einen Rückgang, der sich von Rezession und Wetter nicht unterscheiden lässt. Nicht einmal im Ansatz.
Wer jetzt denkt, das sei das Problem kleiner Städte mit leeren Kassen, sollte sich die nächste Ebene ansehen. Der Rhein-Sieg-Kreis weist in seinem Bilanzbericht 2026 „umfassende energetische Sanierungen mit einem Investitionsvolumen von über 250 Millionen Euro (2012–2022)“ aus. Eine Viertelmilliarde, ausgewiesen als Klimaschutzleistung. Ich bezweifle diese Zahl im Übrigen, weil daruntrer auch ganz andere Projekte summiert wurden, aber es ist die Zahl der Verwaltung, legen wir sie also zugrunde. Was hat sie gebracht? Der Umweltausschuss hat am 21. Februar 2025 ausdrücklich beschlossen, die Maßnahmen hinsichtlich ihrer CO₂-Einsparung zu quantifizieren. Die Antwort der Verwaltung: Eine Quantifizierung sei nicht möglich. Eine Viertelmilliarde Euro, als Klimaschutz verbucht, und auf ausdrücklichen Beschluss des zuständigen Ausschusses die Auskunft, man könne die Wirkung nicht beziffern.
Was sich dagegen sehr wohl beziffern lässt, ist noch bemerkenswerter. Die Emissionen der kreiseigenen Gebäude sanken von 5.492 Tonnen im Jahr 2012 auf 2.006 Tonnen im Jahr 2020. Von dieser Minderung ab 2014 entfallen 69 Prozent auf einen einzigen Vorgang: den Wechsel zu zertifiziertem Ökostrom zum 1. Januar 2016. Kosten: der Zertifikatszuschlag von rund 1,8 Cent je Kilowattstunde, bei etwa 4,5 Millionen Kilowattstunden also rund 81.000 Euro im Jahr, das sind 32 Euro je vermiedener Tonne. Gespart hat dieser Vorgang keine einzige Kilowattstunde. Er hat eine Zeile in der Beschaffung geändert. Der bauliche Weg, der tatsächlich Energie spart, liegt dagegen zwischen 356 und 7.123 Euro je Tonne und Jahr, je nachdem, welchen Anteil der 250 Millionen Euro man als energetisch bedingt ansetzt. Faktor 11 bis 220 gegenüber dem Zertifikat.
Die Gegenprobe beim Geld fällt genauso aus: Von 2010 bis 2017 stiegen die Energiekosten des Kreises um 13,1 Prozent, die Marktpreise für vergleichbare Abnehmer um 11,6 Prozent. Genau in dieser Zeit flossen 10,4 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket II in energetische Sanierung. Je Quadratmeter und preisbereinigt lag der Aufwand 2017 zwischen 0,8 und 18,6 Prozent über dem Wert von 2010. Eine Einsparung zeigt keine einzige Rechenvariante. Dazu passt der letzte Befund: Der zugesagte jährliche Energiebericht wurde genau einmal vorgelegt, am 2. Dezember 2021, für die Jahre 2018 bis 2020. Seit der Wahlperiode 2025 bis 2030 existiert das Gremium, das ihn empfangen sollte, nicht mehr. Und die tatsächlichen Energiekosten der Jahre 2018 bis 2025 sind in den öffentlichen Unterlagen überhaupt nicht auffindbar. Nennen wir es, wie es ist: Das ist kein Betrug, es ist etwas, das politisch schwerer wiegt. Niemand rechnet nach, weil niemand nachrechnen muss.
Bleibt die kleinste Ebene, die des einzelnen Bürgers. Erinnerst du dich an das gute Gefühl, als die App am Balkonkraftwerk zum ersten Mal die erzeugte Wattzahl anzeigte? Dieses Gefühl verursacht beim Menschen oft eine erhöhte Bereitschaft zum Energieverbrauch. Ich habe an anderer Stelle durchgerechnet, ob Balkonkraftwerke mehr Verbrauch verursachen, als sie erzeugen. Das Ergebnis in einem Satz: Es ist nicht entscheidbar, und für einige Situationen ist die These plausibel. Eine Anlage am Geländer liefert real 350 bis 500 Kilowattstunden im Jahr und spart 30 bis 50 Euro. Ein dauerhafter Mehrverbrauch von 400 Kilowattstunden, also ein zusätzliches Kühlgerät oder ein nachlässiger Umgang mit Standby, kippt die Bilanz. Gemessen hat das für Balkonkraftwerke bis heute niemand.
Der Punkt ist nicht, dass Balkonkraftwerke schlecht wären. Der Punkt ist die Struktur, und sie ist auf allen drei Ebenen dieselbe. Oben werden 250 Millionen Euro als Klimaschutz ausgewiesen, ohne Wirkungsnachweis. In der Mitte stehen 536.000 Euro neben neun Prozent, ohne nachweisbaren Zusammenhang. Unten hängt ein Modul am Geländer und erzeugt vor allem das Gefühl, etwas getan zu haben. Von der Einzelperson über die Kommune bis zum Kreis gibt es keine Ebene, auf der jemand die Wirkung belegen kann. Was es gibt, ist auf jeder Ebene eine Zahl, die nach Erfolg aussieht.
Und jetzt kommt der Teil, an dem die Selbstlüge aufhört, ein Ärgernis zu sein, und anfängt, ein Schaden zu werden. Denn in demselben Zeitungsbericht steht auch, wie diese Stadt mit Maßnahmen umgeht, deren Wirkung sich messen lässt. Bad Honnef hat ein Klimaanpassungskonzept: mehr Bäume, Entsiegelung, öffentliche Trinkbrunnen. Fünf weitere Trinkbrunnen waren geplant, die Investition auf rund 178.000 Euro geschätzt, eine Förderung wäre möglich gewesen. Die Verwaltung empfiehlt, das Projekt nicht weiter zu verfolgen und keinen Förderantrag zu stellen. Begründung: die schwierige Haushaltslage und die langfristige Verpflichtung. Der eigentliche Grund sind 2.000 bis 3.000 Euro Betriebskosten je Standort und Jahr, die nicht gefördert werden.
Halten wir das nebeneinander. Das Klimaschutzmanagement kostet 536.000 Euro in viereinhalb Jahren, laufend etwa 119.000 Euro jährlich, seine Wirkung ist nicht zurechenbar und nach eigener Auskunft nicht quantifizierbar, und es wird fortgeführt. Die fünf Trinkbrunnen kosten 178.000 Euro einmalig und 10.000 bis 15.000 Euro jährlich, ihre Wirkung ist an jedem Hitzetag unmittelbar sichtbar, und sie werden nicht einmal beantragt. Für die 536.000 Euro, deren Wirkung die Stadt nicht nachweisen kann, hätte sie rechnerisch 15 Trinkbrunnen bauen können. Der Betrieb aller 15 hätte rund 38.000 Euro im Jahr gekostet, weniger als ein Drittel der jährlichen Klimaschutzausgaben. Gebaut wird keiner.
Kühlung in Schulen, Kitas, Krankenhäusern und Pflegeheimen: Die Wirkung ist am ersten heißen Tag messbar, in Grad Celsius und in Krankenhauseinweisungen. Und sie hat einen Vorzug, den kaum jemand ausspricht: Der Kühlbedarf fällt genau dann an, wenn die Sonne scheint. Photovoltaik und Klimatisierung passen zeitlich fast perfekt zusammen, eine solarbetriebene Kühlung belastet das Netz in der Spitze nicht, sie entlastet es. Wer eine sinnvolle Verwendung für Solarstrom sucht, hat sie hier.
Trinkwasservorsorge: Neue Speicher, Verbundleitungen, Netzsanierung. Nach den Dürrejahren 2018 bis 2020 und sinkenden Grundwasserständen ist das keine Zukunftsfrage mehr. Die Wirkung ist in Kubikmetern Vorhaltung messbar.
Entsiegelung, Bäume, Verschattung, Trinkbrunnen und Hitzeaktionspläne: messbar in Oberflächentemperatur, und bei Hitzeaktionsplänen in Sterbefällen.
Hochwasservorsorge: Nach 2021 muss man das im Rhein-Sieg-Kreis niemandem erklären.
All das hat eine Eigenschaft, die der symbolischen Klimapolitik fehlt. Die Wirkung tritt in Tagen ein, nicht in Bilanzjahren, sie ist einem konkreten Euro zurechenbar, und sie tritt unabhängig davon ein, was der Rest der Welt tut. Die Emissionsminderung einer Kommune von 25.000 Einwohnern ist im globalen Mengenproblem dagegen schlicht nicht sichtbar.
Warum steigt dann niemand aus diesem System aus? Die Antwort steht in den Zahlen selbst, und sie hat vier Teile:
Gefördert wird das Konzept, nicht die Wirkung: Personal und Papier werden bezuschusst, in Bad Honnef erst mit 75, dann mit 40 Prozent. Betriebskosten werden nicht bezuschusst. Genau daran scheitern die Trinkbrunnen, nicht an der Investition, sondern an 2.000 Euro Unterhalt pro Jahr und Standort. Die Förderarchitektur belohnt das Erstellen von Konzepten und bestraft das Betreiben von Infrastruktur. Eine Kommune, die auf diese Anreize rational reagiert, produziert Papier und baut keine Brunnen. Man kann es ihr kaum vorwerfen.
Der Wirkungsnachweis wird nirgends verlangt: Keine Förderrichtlinie fordert eine bereinigte Vorher-Nachher-Bilanz, niemand muss ausweisen, was eine Tonne gekostet hat. Und wenn er doch einmal verlangt wird, wie im Umweltausschuss des Rhein-Sieg-Kreises am 21. Februar 2025, lautet die Antwort, er sei nicht möglich. Konsequenzen? Fehlanzeige.
Der Maßstab belohnt das Scheitern der Wirtschaft: Je mehr Industrie abwandert und je wärmer die Winter werden, desto besser sieht die kommunale Bilanz aus. Ein Erfolgsmaßstab, der bei Rezession nach oben zeigt, ist kein Erfolgsmaßstab.
Und die Erzählung ist für alle Beteiligten bequem: Die Verwaltung kann Tätigkeit nachweisen, die Politik Erfolg verkünden, der Bürger sich für 400 Euro ein gutes Gewissen ans Geländer hängen. Wer in dieser Runde nach der Zurechenbarkeit fragt, verdirbt allen die Bilanz. Deshalb fragt niemand.
Daraus folgt kein Weniger an Klimapolitik, sondern ein Anderes. Jede kommunale Treibhausgasbilanz müsste um Witterung, Produktionsentwicklung und Strommix bereinigt und mit einer ausgewiesenen Zurechnung versehen werden, denn ohne diese drei Korrekturen ist sie kein Erfolgsnachweis, sondern ein Stimmungsbild. Wärmeplanung, Klimaanpassungs- und Mobilitätskonzept gehörten in dieselbe Rechnung wie die Wirkung, die sie erzeugen sollen, alles andere ist der Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Jede Maßnahme müsste ihren Preis je Tonne ausweisen, und zwar neben dem Zertifikatspreis im Emissionshandel, und wer teurer ist als der Markt, müsste erklären, warum. Bei knappen Mitteln hätte Vorrang, was nachweisbar wirkt, also Kühlung, Trinkwasser, Entsiegelung, Hitze- und Hochwasservorsorge, während eine Maßnahme, deren Wirkung sich nicht von mildem Wetter unterscheiden lässt, nachrangig wäre. Betriebskosten müssten förderfähig werden, denn solange der Bund Konzepte finanziert und Unterhalt nicht, werden Kommunen Konzepte bestellen und Brunnen abbestellen — das ist kein Versagen der Kommunen, das ist die Konstruktion. Und ein Energiebericht, der in 15 Jahren einmal vorgelegt wird, und ein Empfängergremium, das abgeschafft wurde, sind keine Kontrolle: Wer öffentliches Geld als Klimaschutz ausweist, muss die Wirkung jährlich belegen oder die Bezeichnung nicht benutzen.
Diese Beispiele zeigen, dass wir eine schrumpfende Industrie als Klimaerfolg verbuchen, einen milden Winter als Politikergebnis und eine geänderte Zeile im Bundesemissionsfaktor als kommunale Leistung. Wir stellen Ausgaben neben Wirkungen, zwischen denen niemand einen Zusammenhang belegen kann, und nennen das eine Bilanz. Wir bezahlen Konzepte und lassen Trinkbrunnen weg, weil der Unterhalt nicht gefördert wird. Und wir hängen uns ein Modul ans Geländer, das 40 Euro im Jahr spart, und halten das für Beteiligung.
Festzuhalten ist, dass nichts davon im Sinne falscher Zahlen gelogen ist. Alle Zahlen in diesem Text stammen aus offiziellen Unterlagen und sind korrekt erhoben; die Kosten je Tonne, die Hochrechnung auf Deutschland und die Trinkbrunnen-Vergleiche sind meine eigene Rechnung mit offengelegten Annahmen, und wer andere für richtig hält, kann sie einsetzen — an der Größenordnung ändert das nichts. Gelogen ist die Verbindung zwischen den Zahlen. Die Selbstlüge besteht nicht darin, dass wir zu wenig tun, sie besteht darin, dass wir behaupten zu wissen, was unser Tun bewirkt. Und solange diese Lüge Wahlkämpfe gewinnt, Förderbescheide auslöst und Pressemitteilungen füllt, wird sich an der Sache selbst nichts ändern. Am Klima nicht, und an der Hitze in den Pflegeheimen schon gar nicht.
Quellen:
General-Anzeiger, 13.10.2026: „Mehr als eine halbe Million Euro für das Klima“ von Claudia Sülzen
Stadt Bad Honnef: Energie- und Treibhausgasbilanz 2021–2024, Bericht im Umweltausschuss, Klimaschutz-Dashboard
Umweltbundesamt: Emissionsdaten 2024, Emissionsfaktoren des deutschen Strommix, Studie zum konsumtiven Finanzbedarf kommunalen Klimaschutzes
Expertenrat für Klimafragen: Einschätzung zum Emissionsrückgang 2024
Rhein-Sieg-Kreis: Bilanzbericht 2026, Mitteilung M 1887/25, Energiebericht 2018–2020 vom 02.12.2021
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