Wir kaufen teure Hardware in dem Glauben, dass sie uns gehört. Doch die Realität im digitalen Zeitalter sieht oft anders aus: Wir sind zunehmend nur noch geduldete Nutzer auf unseren eigenen Geräten. Tech-Konzerne greifen per Fernzugriff und über unsichtbare Updates tief in unsere Nutzungsrechte ein. Was früher als Hackerangriff gegolten hätte, steht heute als Erlaubnis im endlosen Kleingedruckten. Das muss sich ändern.
Die Beispiele für diese schleichende Entmündigung der Käufer häufen sich quer durch alle Branchen:
Der künstliche Cloud-Zwang für Saugroboter: Der IT-Sicherheitsforscher Dennis Giese weist seit Jahren nach, wie Hersteller von Smart-Home-Geräten ihre Käufer gängeln. Bereits auf dem 34. Chaos Communication Congress (34C3) 2017 demonstrierte Giese zusammen mit Daniel Wegemer, wie sie Root-Zugriff auf einen Xiaomi-Staubsaugerroboter erlangten und damit die vollständige Kontrolle über das Gerät übernahmen. Blockiert ein Nutzer aus Datenschutzgründen den ständigen Datenabfluss seines Saugroboters ins Internet, verweigert das Gerät offline oft den Dienst. Dass dies reine Schikane ist, beweist die Open-Source-Community: Mit alternativer Software wie dem Projekt „Valetudo“ – entwickelt von Sören Beye und ermöglicht durch die Forschungsarbeit von Dennis Giese – lassen sich diese Roboter komplett aus der Cloud befreien und lokal steuern. Valetudo ist nach eigenen Angaben auf „Tausenden von Robotern“ installiert. Die Hardware kann offline funktionieren – der Hersteller verbietet es nur, um Daten abzugreifen. Giese hat zudem auf der DEFCON 32 schwerwiegende Sicherheitslücken bei Ecovacs-Robotern aufgedeckt, darunter fehlende TLS-Zertifikatsprüfungen und nicht autorisierte Zugriffsmöglichkeiten auf Live-Kamerabilder.
Die gekaperte Mailbox: Ein massenhaftes Phänomen bei Handys. Nach simplen System- oder Provider-Updates wird plötzlich die Mailbox wieder aktiviert. Eingehende Anrufe und Nachrichten werden ohne das Wollen und Wissen des Nutzers abgefangen und umgeleitet. Die Kontrolle über die eigene Erreichbarkeit wird überschrieben.
Die Abo-Falle durch Einstellungsmanipulation: Hersteller verstellen systematisch lokale Optionen. Ein typisches Beispiel: Ein neues „Akku-Management“ greift ein und schaltet den Ton von Apps ab, sobald der Bildschirm dunkel wird. Der offensichtliche Zweck? Dem Nutzer soll eine ehemals funktionierende, kaufentscheidende Funktion weggenommen werden, um sie ihm anschließend als teures Premium-Abo wieder zu verkaufen.
Autos und E-Bikes als teurer Elektroschrott: Die Abhängigkeit von Servern wird bei Insolvenzen zum finanziellen Desaster für die Käufer. Als der E-Bike-Hersteller VanMoof 2023 in die Insolvenz ging, standen Besitzer vor dem Problem, dass das automatische Entriegeln ihres Rades per App nicht mehr funktionieren würde, sollten die Server abgeschaltet werden. Noch drastischer verlief der Fall des insolventen Elektroautoherstellers Fisker: Nach der Insolvenz des Unternehmens im Jahr 2024 wurden die Server abgeschaltet. Die Folge: Besitzer von Fisker-Ocean-Fahrzeugen – die einst zwischen 40.000 und 70.000 Euro kosteten – verloren den Fernzugriff über die Smartphone-App, die Ferndiagnose und wichtige, teils sicherheitsrelevante Software-Updates. Ein Besitzer beschrieb sein Fahrzeug zutreffend als „teures Rasenornament“.
Das ist kein hinzunehmender Kollateralschaden der Digitalisierung. Es ist die systematische Manipulation unseres Eigentums. Zusammen mit Forderungen von Bürgerrechtsorganisationen wie der Free Software Foundation Europe (FSFE) , dem Chaos Computer Club (CCC) und der „Right to Repair“-Bewegung müssen zwingend folgende rechtliche Konsequenzen gezogen werden:
Manipulation ohne aktives Einverständnis muss strafbar sein
Es darf rechtlich nicht ausreichen, dass sich Hersteller eine Blankovollmacht im Kleingedruckten sichern. Wenn Einstellungen auf einem Endgerät verändert werden oder Funktionen wegfallen, muss der Nutzer dies aktiv und im Vorfeld bestätigen (Opt-in). Geschieht diese Manipulation heimlich, muss dies als Straftatbestand behandelt und konsequent verfolgt werden.
Das Recht auf Offline-Funktionalität (Kein App- und Cloud-Zwang)
Sämtliche Geräte, bei denen es technisch möglich ist – vom Saugroboter über den E-Scooter bis hin zum Solarpaneel auf dem Dach –, müssen lokal und offline voll funktionsfähig sein. Die Verbindung mit einem Hersteller-Server oder der Zwang zu einer Smartphone-App darf ausschließlich eine freiwillige Option für Zusatzfunktionen sein. Die FSFE fordert hier präzise „Device Neutrality“, also das Recht des Endnutzers, Geräte unabhängig von der Kontrolle durch Hersteller betreiben und jede beliebige Software installieren zu können.
Nationale Resilienz und Krisensicherheit
Die Offline-Fähigkeit von Geräten ist auch eine Frage der nationalen Sicherheit. Im Falle von Krieg, Sabotage oder Naturkatastrophen ist es fatal, wenn Millionen von Geräten und kritische Infrastrukturen von wenigen zentralen Servern abhängig sind. Ein Gegner könnte durch gezielte Angriffe auf diese Server schlagartig weite Teile unserer Infrastruktur lahmlegen.
Treuhand-Garantie für Server-Infrastruktur
Sollte ein Gerät für erweiterte Funktionen zwingend auf externe Server angewiesen sein, muss deren Betrieb weit über die gesetzliche Gewährleistungsfrist hinaus gesichert werden. Hersteller müssen verpflichtet werden, finanzielle Rücklagen auf einem unabhängigen Treuhandkonto zu hinterlegen. Die Insolvenz von VanMoof und Fisker hat gezeigt, dass diese Praxis nicht nur hypothetisch, sondern existenziell notwendig ist. Fisker-Besitzer mussten miterleben, wie ein potenzieller Käufer der Serverinfrastruktur zunächst scheiterte und es ungewiss blieb, ob die Fahrzeuge überhaupt weiterbetrieben werden können. Die Right-to-Repair-Richtlinie der EU, die seit Juli 2024 in Kraft ist, geht hier einen ersten Schritt, indem sie Hersteller verpflichtet, Produkte auch außerhalb der Garantie reparierbar zu halten.
Entkopplung von Sicherheits- und Funktionsupdates
Hersteller dürfen kritische Sicherheitsupdates nicht länger an unliebsame Funktionsänderungen koppeln. Es muss zwingend möglich sein, ein Gerät abzusichern, ohne akzeptieren zu müssen, dass der Hersteller ehemals gekaufte Funktionen streicht.
Recht auf offene Systeme bei Support-Ende
Zieht der Hersteller den Stecker oder stellt den Support ein, muss der Nutzer das Recht und die technische Möglichkeit erhalten, alternative Betriebssysteme auf seinem Eigentum zu installieren. Genau das fordern die CCC-unterstützten Projekte wie Valetudo seit Jahren ein. Künstliche Software-Sperren, die Hardware in Elektroschrott verwandeln, müssen verboten werden. Die FSFE setzt sich hier für ein umfassendes „Recht auf Installation und Deinstallation jeder Software auf jedem Gerät“ ein, ein Zustand, den sie bis zum Jahr 2048 erreichen will. In den USA wird zudem über den „REPAIR Act“ diskutiert, der Zugang zu Diagnose- und Reparaturdaten für unabhängige Werkstätten erzwingen soll.
Funktionsraub ist Betrug
Die willkürliche Abschaltung oder Einschränkung von Funktionen, die beim Kauf vorhanden waren, darf nicht legal sein. Ein solcher nachträglicher Eingriff entwertet das Produkt massiv und muss juristisch als Betrug geahndet werden. Der Fall Fisker zeigt, wie massiv diese Entwertung sein kann: Sicherheitslücken bleiben offen, die Fahrzeuge altern unkontrolliert und könnten langfristig zu Gefahren auf der Straße werden, weil Hersteller-Updates fehlen. Dies ist nicht hinnehmbar.
Quellen für die erfolgte Faktenüberprüfung:
- Heise: „34C3: Vernetzter Staubsauger-Roboter aus China gehackt“
- Valetudo-Projekt: „Cloud replacement for vacuum robots“ (Oktober 2025)
- ifun.de: „Ecovacs-Roboter nicht ausreichend gegen Fremdzugriff geschützt“ (August 2024)
- taz: „Insolvenz des Fahrradherstellers VanMoof: Vernetzt und weg“
- CHIP: „Großer Autobauer ist insolvent: Viele Fahrzeug-Funktionen nicht mehr verfügbar“ (Oktober 2025)
- e-fahrer: „E-Auto ohne automatische Updates: Sind die Fahrzeuge nur noch Schrott?“ (November 2024)
- Drumtisch: „Hersteller insolvent: Optionen für Elektroautobesitzer“ (Juni 2025)
- FSFE: „The Digital Markets Act turns 1: one year of pushing for Device Neutrality“ (September 2025)
- FSFE: „Device Neutrality“
- Right to Repair Europe: „The Current State of Right to Repair in the EU“ (Januar 2025)
- Differentialsplus: „Right to Repair Act 2025“ (November 2025)
- Sustainability Directory: „New EU ‘right to Repair’ Law Mandates Product Durability and Easier Fixes“ (Oktober 2025)
Dieser Artikel erschien erstmal am 14.05.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Kris auf Pixabay.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de