Die dreifache Enteignung: Die wahre und bittere Geschichte von Monopoly

Monopoly gilt als das kapitalistische Brettspiel schlechthin. Wer die meisten Straßen kauft, Häuser baut und Hotels errichtet, treibt seine Mitspieler zielsicher in den Ruin. Doch das eigentliche Lehrstück in Sachen Kapitalismus findet nicht auf dem Spielbrett statt, sondern in der echten Welt. Die Geschichte von Monopoly ist eine Geschichte der dreifachen Enteignung – ein Lehrbeispiel dafür, wie aus einem kollektiven Gut der Profit für wenige generiert wird.

Die Geschichte von Monopoly beginnt nicht bei einem findigen Geschäftsmann, sondern im Jahr 1903 bei einer Frau namens Elizabeth „Lizzie“ Magie, die „The Landlord’s Game“ (Das Vermieterspiel) erfand. Hier liegt die vielleicht größte Ironie der ganzen Geschichte: Die ursprüngliche Version des Spiels war schlicht und ergreifend gesellschaftskritisch. Magie wollte damit die ausbeuterische Natur des unregulierten Kapitalismus und des privaten Grundbesitzes entlarven.

Ihr Spiel hatte ursprünglich zwei Regelwerke: Bei der einen Variante profitierten alle Mitspieler, wenn Reichtum geschaffen wurde – eine solidarische Vision. Bei der anderen Variante ging es gezielt darum, Monopole zu bilden und die Konkurrenten in den Bankrott zu treiben, um den Menschen zu demonstrieren, wie gnadenlos das reale Wirtschaftssystem ist.

Es ist bezeichnend, dass nur diese brutale Variante überlebte. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Spiel zu einem echten Gemeingut. Menschen zeichneten die Spielfelder auf Tischdecken, Wachstücher oder Pappkartons. Die Spieler selbst entwickelten das Spiel privat weiter, passten Regeln an und dachten sich eigene Straßennamen aus. Es war ein Spiel aus der Gesellschaft für die Gesellschaft. Dass die ursprüngliche, antikapitalistische Intention ausgelöscht und dieses über Jahrzehnte gewachsene kollektive Gut später von einem Einzelnen als seine „geniale Erfindung“ ausgegeben wurde, ist der erste Akt der Enteignung.

In den 1930er Jahren, während der großen Weltwirtschaftskrise, trat Charles Darrow auf den Plan. Der arbeitslose Verkäufer lernte das Spiel im Bekanntenkreis kennen, kopierte es mitsamt den von der Spielergemeinschaft erdachten Anpassungen und verkaufte es 1935 als seine eigene Erfindung an den Spieleverlag Parker Brothers.

Darrow wurde durch diesen Deal zum Millionär. Und die eigentliche Erfinderin? Lizzie Magie wurde mit lächerlichen 500 Dollar abgespeist. Parker Brothers kaufte ihr Patent damals billig auf, um Darrows Version rechtlich abzusichern und ungestört vermarkten zu können. Die Schöpferin der Grundidee und die Gesellschaft, die das Spiel über 30 Jahre lang geformt hatte, gingen leer aus.

Eigentlich sieht das Urheberrecht vor, dass geistiges Eigentum 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers gemeinfrei wird – es fällt also an die Gesellschaft zurück. Bei Monopoly wäre dieser Punkt längst erreicht. Doch hier zeigt der Kapitalismus ein weiteres Mal sein wahres Gesicht.

Um zu verhindern, dass die Gesellschaft ihr Recht an dem Spiel zurückerhält, nutzte und nutzt der Verlag (heute Hasbro) jede juristische Lücke. Durch massiven Gebrauchsmusterschutz und das Markenrecht wurden und werden einzelne Elemente des Spiels dauerhaft geschützt: Die spezifischen Farben der Straßen, das Design der Eckfelder (wie „Gehe in das Gefängnis“), die Schriftarten und die Spielfiguren. Diese Markenrechte verfallen nicht, solange sie genutzt und verteidigt werden.

Das Ergebnis: Das Spiel wird künstlich in der Hand eines Konzerns gehalten. Die Gesamtgesellschaft, der die Rechte an diesem Spiel längst rechtmäßig zustehen würden, wird durch juristische Taschenspielertricks ein drittes Mal enteignet.

Monopoly ist nicht nur ein Spiel über den Kapitalismus. Seine Entstehungs- und Vermarktungsgeschichte ist der Kapitalismus in Perfektion: Die Pervertierung einer gesellschaftskritischen Idee, die Aneignung kollektiver Leistungen, die Ausbeutung der eigentlichen Schöpfer und die dauerhafte Sicherung von Profiten durch juristische Tricks. Wer das nächste Mal die Schlossallee kauft, sollte sich bewusst sein, dass der größte Raubzug längst vor dem ersten Würfelwurf stattgefunden hat.

Dieser Artikel erschien erstmal am 21.05.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Doerge auf Pixabay.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de