Städte und Kreise in NRW melden große Erfolge beim Energiesparen in Schulen und Rathäusern. Nachgerechnet bleibt fast nichts übrig. Was an Erfolg bleibt, leisten die Energieversorger. Das Billigste und Wirksamste, gute Betriebsführung, bleibt liegen. Teure Neubauten machen die Klimabilanz sogar schlechter. Bezahlt wurde mit Milliarden Euro Steuergeld – und niemand prüft nach.
Wie beim Diesel

Erinnern Sie sich an den Dieselskandal? Auf dem Prüfstand waren die Autos sauber. Auf der Straße stießen sie ein Vielfaches aus. Bezahlt haben die Käufer und die Luft in den Städten.
Beim Klimaschutz in den Schulen, Rathäusern und Kitas in Nordrhein-Westfalen läuft es ähnlich. Nur braucht es dafür keine Schummel-Software. Es reichen die Rechenregeln, nach denen Städte und Kreise ihre Erfolge melden. Und bezahlt wird mit Steuergeld.
„Es braucht keine Schummel-Software. Es reichen die Rechenregeln.“
Ich habe nachgerechnet. Mit den Energieberichten von 25 Städten, Kreisen und Verbänden, mit 409 Prüfberichten der Gemeindeprüfungsanstalt NRW (gpaNRW) und mit den Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes. Alles öffentlich, alles nachprüfbar. Das Ergebnis: Was die Gebäude wirklich einsparen, ist kaum von Zufall zu unterscheiden. Die großen Erfolge gibt es vor allem auf dem Papier.
Was ist die gpaNRW?
Die Gemeindeprüfungsanstalt Nordrhein-Westfalen prüft alle Städte, Gemeinden und Kreise des Landes, immer wieder, im Abstand von einigen Jahren. Dabei hält sie auch fest, wie viel Wärme die Schulen je Quadratmeter verbrauchen, nach einheitlichen Regeln und mit herausgerechnetem Wetter. Diese Zahlen stehen in den Prüfberichten, nicht in den Erfolgsberichten der Kommunen. Sie taugen deshalb als Maßstab für das ganze Land.
Gespart wird fast nichts
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe meldet eine „witterungsbereinigte Reduktion der CO₂-Emissionen von 63 Prozent“. Köln meldet 34,5 Prozent weniger Heizenergie seit 2005. Das klingt gewaltig. Schaut man genauer hin, findet man drei Helfer. Mit Klimaschutz an den Gebäuden hat keiner davon etwas zu tun.
Der erste Helfer ist das Klima. Es ist messbar wärmer geworden. Allein dadurch ist der Heizbedarf in dreißig Jahren um rund 14 Prozent gesunken, auch in Gebäuden, an denen nie ein Handwerker war. Der zweite Helfer ist die Energiekrise: Seit 2022 sind die Heizungen schärfer eingestellt, Flure bleiben kühl, in Büros galten eine Zeit lang 19 Grad. Der dritte Helfer ist die Bilanz selbst.
Rechnet man das Wetter heraus und nimmt nur die Jahre vor der Krise, bleibt fast nichts. Im Mittel der ausgewerteten Kommunen sank der Wärmeverbrauch von 2005 bis 2019 um 0,2 Prozent im Jahr. Das wärmere Klima allein schaffte 0,5 Prozent. Die Gebäude haben also weniger gespart, als die Natur ihnen geschenkt hat.
Die Zahlen der gpaNRW für das ganze Land sind noch deutlicher. Bei den Schulen von 66 Kommunen, die zweimal geprüft wurden, sank der Verbrauch je Quadratmeter im Mittel um 0,1 Prozent, das Wetter herausgerechnet. In 32 Kommunen ist er gestiegen, in 33 gesunken. So sieht Zufall aus, nicht Fortschritt.
Was heißt „witterungsbereinigt“?
In einem kalten Winter wird mehr geheizt als in einem milden. Damit man die Jahre vergleichen kann, rechnet man den Verbrauch auf ein Jahr mit Durchschnittswetter um. Grundlage ist die Gradtagzahl: Für jeden Heiztag wird gezählt, um wie viele Grad es draußen kälter war als 20 Grad drinnen, und das über das ganze Jahr zusammengezählt (als Heiztag gilt ein Tag unter 15 Grad). Je höher die Zahl, desto kälter das Jahr. In NRW sinkt sie seit Jahrzehnten, um gut 5 Prozent je Jahrzehnt. Was nach der Bereinigung an Einsparung übrig bleibt, müsste das Verdienst der Gebäude sein: Dämmung, neue Fenster, bessere Heizung.

Die Krise zeigt, was möglich war

Erst mit der Energiekrise ging der Verbrauch deutlich zurück, in vielen Kommunen um rund 10 Prozent. Und er blieb unten, auch nachdem die Sparverordnung des Bundes im April 2023 ausgelaufen war. In Dortmund stieg er 2024 um gerade 1,3 Prozent, in Köln sank er sogar weiter.
Das passt nicht zu dem Bild, das man von der Krise hat: frierende Beamte bei 19 Grad. Diese Grenze galt nur für Büros. Schulen und Kitas, die den größten Teil der Wärme verbrauchen, waren ausgenommen. Dortmund hatte für alle Krisenmaßnahmen zusammen nur rund 5 Prozent Einsparung erwartet.
Gespart haben die Verwaltungen vor allem, indem sie ihre Heizungen besser einstellten: Heizzeiten, Absenkbetrieb, Regelung. Paderborn schreibt, die geforderte Einsparung sei „durch konsequente Betriebsoptimierung der Heizungsanlagen“ schon 2022 erreicht worden. Das kostete fast nichts und brauchte keinen einzigen Handwerker. Es brachte in ein, zwei Jahren mehr als fünfzehn Jahre Sanierung.
„In ein, zwei Jahren mehr als fünfzehn Jahre Sanierung – fast ohne Kosten.“
Warum geschah das nicht früher? Möglich war es die ganze Zeit. Es brauchte erst eine Gaskrise und hohe Preise.
Was war die Energiesparverordnung?
Im Herbst 2022 drohte Gasmangel. Der Bund verordnete deshalb vom 1. September 2022 bis zum 15. April 2023 Sparmaßnahmen: höchstens 19 Grad in Büros öffentlicher Gebäude, keine Heizung in Fluren und Foyers, kein warmes Wasser nur zum Händewaschen, keine Beleuchtung von Denkmälern. Schulen, Kitas, Kliniken und Pflegeheime waren von den Temperaturgrenzen ausgenommen. Eine zweite Verordnung verlangte bis September 2024, größere Gasheizungen zu prüfen und richtig einzustellen.
Erfolg per Taschenrechner
Wie kommen dann Erfolge von 47 oder 63 Prozent zustande? Vor allem durch andere Emissionsfaktoren. Wer Ökostrom einkauft oder wessen Fernwärme-Lieferant seinen CO₂-Wert senkt, steht sofort besser da. Gespart wird dafür keine einzige Kilowattstunde.
Aachen ist das beste Beispiel. Dort sank das CO₂ der Wärme von 2012 bis 2023 um 47 Prozent. Der Grund: Der Emissionsfaktor der Fernwärme wurde auf ein Drittel gesenkt. Der tatsächliche Wärmeverbrauch ist im selben Zeitraum gestiegen. In Dortmund fiel das CO₂ um 47 Prozent, der Verbrauch nur um 9 Prozent.
Was ist ein Emissionsfaktor?
Der Emissionsfaktor gibt an, wie viel CO₂ eine Kilowattstunde Strom oder Wärme verursacht. Bei Erdgas sind es rund 200 Gramm. Die CO₂-Zahl in einer Klimabilanz ist einfach Verbrauch mal Faktor. Wer den Faktor ändert, ändert das Ergebnis, ohne dass im Gebäude weniger geheizt wird. Für die Aachener Fernwärme stand bis 2019 ein Faktor von 180 Gramm in der Bilanz, ab 2020 von 60 Gramm. Die Heizkörper in den städtischen Gebäuden haben davon nichts gemerkt.

Dazu kommen Rechenfehler und Ungereimtheiten. Sie gehen alle in dieselbe Richtung: zugunsten der Bilanz. Der Landschaftsverband teilt seinen Verbrauch nach meiner Nachrechnung doppelt durch die Fläche. So meldet er 48,4 statt 37,6 Prozent Rückgang. In Köln steht in zwei Jahren genau derselbe Witterungsfaktor wie im Vorjahr. Rechnet man mit dem sonst üblichen Faktor, wird aus der gemeldeten Einsparung 2022 ein Anstieg.
Und dann die schönen Planwerte. Kölner Passivhaus-Mensen verbrauchten 60 bis 76 Prozent mehr als geplant. Passivhaus-Kliniken des Landschaftsverbands verbrauchten das Anderthalb- bis Zweifache des Grenzwerts. Schuld sei, so der Landschaftsverband, das Nutzerverhalten. Beim Diesel war es der Fahrstil.
Was ist ein Passivhaus?
Ein Passivhaus ist so dicht und so gut gedämmt, dass es kaum noch Heizung braucht. Als Planwert gelten höchstens 15 Kilowattstunden Heizwärme je Quadratmeter und Jahr. Ein gewöhnliches Schulgebäude braucht ein Vielfaches davon. Ob der Planwert im Alltag erreicht wird, zeigt erst die Messung.
Gefeiert im Rathaus, geleistet beim Versorger

Man könnte einwenden: Na und? Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. Kommt der Strom dann aus Wind und Sonne und die Wärme aus sauberen Quellen, ist es fürs Klima egal, wie gut eine Schule gedämmt ist.
Fürs CO₂ stimmt das. Aber warum sollen Gebäude dann überhaupt sparen? Die Antwort von Gesetzgeber und Verwaltungen: Saubere Energie ist knapp. Windräder, Solaranlagen, Wärmepumpen und Netze reichen nur, wenn der Bedarf sinkt. Paderborn schreibt es für seine Gebäude so hin: „Bis 2035 muss der Heizenergieverbrauch um ca. 40% sinken und der Anteil regenerativ erzeugter Wärme und Abwärme den Bedarf vollständig decken.“ Die Europäische Union verlangt von allen öffentlichen Stellen, auch von den Kommunen, jedes Jahr 1,9 Prozent weniger Energie. Gezählt werden dabei Kilowattstunden, nicht Tonnen CO₂.
Genau daran scheitern die Gebäude. Ihr Verbrauch sank vor der Krise um 0,2 Prozent im Jahr, ein Zehntel dessen, was Brüssel verlangt. Gesunken sind nur die CO₂-Zahlen, und die senken andere. In Aachen habe ich die Minderung von 47 Prozent in ihre Teile zerlegt: Fast zwei Drittel stammen aus dem neuen Emissionsfaktor der Fernwärme, ein knappes Drittel aus dem milden Wetter. Die Gebäude selbst haben 2023 zwei Prozent mehr verbraucht als 2012. In Paderborn stammt fast die Hälfte der CO₂-Minderung aus Ökostrom.
„Gefeiert wird im Rathaus. Geleistet wird beim Versorger.“
Das ist eine Zwickmühle, aus der die Erfolgsmeldungen nicht herauskommen. Bleibt die Energie fossil, zählt jede Kilowattstunde als CO₂. Dann müssten die Gebäude sparen, und sie sparen kaum. Wird die Energie klimaneutral, zählt jede Kilowattstunde als Last für die knappe saubere Erzeugung. Dann müssten die Gebäude erst recht sparen, und sie sparen genauso wenig. In beiden Fällen kommt der Erfolg, den die Berichte den Gebäuden zuschreiben, von den Versorgern.
Die Gebäude reichen ihre Aufgabe also weiter. Was sie nicht einsparen, müssen zusätzliche Windräder, Solaranlagen, Leitungen und Speicher liefern. Bleibt es beim Tempo vor der Krise, brauchen die kommunalen Gebäude 2045 nach meiner Rechnung rund die Hälfte mehr Energie, als wenn sie die Vorgabe der EU einhielten.

Der Gesetzgeber macht es den Kommunen leicht. Nach dem neuen Gebäudemodernisierungsgesetz müssen sie ab 2030 ihre schlechtesten Gebäude verbessern. Die Pflicht gilt aber als erfüllt, wenn das Gebäude überwiegend mit Wärmepumpe, Biomasse oder Fernwärme beheizt wird. Für ein Gebäude, das abgerissen werden soll, gilt sie gar nicht. Und für Gas und Heizöl kündigt das Gesetz an, dass die Lieferanten ab 2045 nur noch klimaneutrale Brennstoffe verkaufen dürfen. Auch hier soll es der Versorger richten, nicht das Gebäude.
Was heißt „klimaneutral bis 2045“?
Das Bundes-Klimaschutzgesetz verlangt, dass Deutschland bis 2045 netto keine Treibhausgase mehr ausstößt. Netto heißt: Was dann noch ausgestoßen wird, muss an anderer Stelle wieder gebunden werden, etwa in Wäldern und Mooren. Ein festes Jahr, ab dem Strom und Wärme vollständig klimaneutral erzeugt werden müssen, steht nicht im Gesetz. Und es ist ein gewöhnliches Gesetz, das der Bundestag mit einfacher Mehrheit ändern kann.
Der Beton, den keiner zählt

Der größte blinde Fleck ist der Bau selbst. Wer ein Gebäude baut, bläst schon vor dem ersten Heiztag riesige Mengen CO₂ in die Luft, vor allem durch Zement und Stahl. Bei einem Schulneubau sind es nach den Kennwerten, die eine NRW-Kreisverwaltung selbst verwendet, rund 550 Kilogramm je Quadratmeter. So viel stößt ein unsaniertes Schulgebäude in 22 Jahren durch seine Heizung aus.
In den Energieberichten taucht dieser Posten als Zahl nicht auf. Von 25 untersuchten Kommunen verbucht ihn eine einzige in ihrer Klimabilanz. Und auch sie lässt ihn außen vor, wenn sie ihre Maßnahmen bewertet. Der Landschaftsverband schließt ihn ausdrücklich aus. Gleichzeitig lobt er die niedrigen Bauemissionen seiner neuen Schulen.
Was sind graue Emissionen?
So heißen die Treibhausgase, die beim Herstellen der Baustoffe, beim Transport und beim Bauen entstehen, später auch beim Austausch von Bauteilen und beim Abriss. Am meisten tragen Beton und Zement bei, dazu Stahl, Ziegel, Glas und Dämmstoffe. Man nennt sie „grau“, weil man sie nicht sieht: Sie stecken im fertigen Gebäude, bevor es zum ersten Mal beheizt wird. Gemessen werden sie nicht, sondern mit Kennwerten je Quadratmeter berechnet. Für einen Schulneubau in Massivbau setzt der Rhein-Sieg-Kreis 550 Kilogramm CO₂ je Quadratmeter an, für die Sanierung eines Bauteils 200.
Dabei wachsen die kommunalen Gebäude Jahr für Jahr. Köln hat von 2007 bis 2024 unterm Strich rund 290.000 Quadratmeter dazugebaut. Legt man die Bauemissionen dieses Zuwachses neben alles, was im selben Zeitraum im Betrieb aller Kölner Gebäude gespart wurde, die Krisenjahre eingeschlossen, dann zeigt sich: Der Bau hat doppelt so viel CO₂ verursacht, wie eingespart wurde. In Dortmund das Zweieinhalbfache, und da sind Ersatzneubauten noch nicht einmal mitgezählt.

„Der Bau hat doppelt so viel CO₂ verursacht, wie eingespart wurde.“
Für das einzelne Gebäude heißt das nach meiner Rechnung: Ein Ersatzneubau hat nach zwanzig Jahren mehr CO₂ verursacht als der alte Bau, an dem man gar nichts gemacht hätte. Auch ein Neubau braucht nach einigen Jahrzehnten neue Technik, ein neues Dach und neue Fenster. Rechnet man das mit ein, muss ein Ersatzneubau mit dem gemessenen Verbrauch gut sechzig bis siebzig Jahre stehen, bis er eine ordentliche Sanierung dauerhaft schlägt. Und das nur, wenn weiter mit Gas geheizt wird. Wird die Wärme bis 2080 klimaneutral, braucht er mehr als hundert Jahre. Eine gründliche Sanierung holt er nie ein. Verkauft werden Neubauten trotzdem als Klimaschutz. Das ist eine Mogelpackung.

Geplant für 80 Jahre, abgerissen nach 50

Ob sich ein Neubau für das Klima je lohnt, hängt also daran, wie lange er steht. In ihren Haushalten setzen die Kommunen für Schulen und Verwaltungsgebäude 40 bis 80 Jahre an. Wirtschaftlichkeitsvergleiche wie der der Stadt Bornheim für eine Schule rechnen mit 80 Jahren.
Was ist die Nutzungsdauer?
Im Haushalt einer Kommune wird ein Gebäude über eine feste Zahl von Jahren abgeschrieben, so wie ein Betrieb seine Maschinen abschreibt. Diese Nutzungsdauer wählt jede Kommune aus einer Rahmentabelle des Landes, für Schulen, Kitas, Feuerwehrhäuser und Verwaltungsgebäude in Massivbau zwischen 40 und 80 Jahren. Sie ist ein Rechenwert. Wie lange ein Gebäude wirklich steht, sagt sie nicht.
Die Ratsunterlagen zeigen etwas anderes. Ich habe 39 Fälle aus 15 Kommunen ausgewertet, in denen über Abriss, Neubau oder Sanierung entschieden wurde. Die Gebäude waren im Mittel 52 Jahre alt, Feuerwehrhäuser 51. Auch Bauten aus den 1980er Jahren stehen schon zur Disposition. Am Kölner Gymnasium Kreuzgasse werden eine Turnhalle von 1982 und ein Fachklassentrakt von 1985 abgerissen, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Beim Kölner Feuerwehrgerätehaus Porz-Langel von 1985 sieht die Stadt dringenden Handlungsbedarf.
Die Energie gibt dabei selten den Ausschlag. Die Technische Universität Dresden hat für das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung Fachleute befragt. Als Gründe für einen Abriss nannten sie vor allem Brandschutz, Sanierungskosten und ungünstige Grundrisse. Energetische Gründe nannte ein Einziger. Bei den jüngeren Bauten in den Ratsunterlagen sind es meist zu wenig Platz und gestiegene Anforderungen, bei Feuerwehrhäusern etwa die Norm für ihre Ausstattung.
Und die Nutzungszeit wird eher kürzer als länger. In Dänemark erfasst das Gebäuderegister jeden Abriss. Eine Auswertung von 124.000 Abrissen sagt für Bürobauten der 1960er Jahre rund 80 Jahre Lebensdauer voraus, für die der 2000er Jahre nur noch 37.
„Gerechnet wird mit achtzig Jahren, abgerissen wird nach gut fünfzig.“
Hier heißt der Prüfstand Nutzungsdauer: Gerechnet wird mit achtzig Jahren, abgerissen wird nach gut fünfzig. Steht ein Neubau so lange wie seine Vorgänger, liegt er selbst bei dauerhaft fossiler Wärme nur etwa gleichauf mit einer gewöhnlichen Sanierung. Wird die Wärme irgendwann klimaneutral, liegt er klar zurück. Hinter einer gründlichen Sanierung liegt er in jedem Fall.

Wie schwer das wiegt, zeigt eine einfache Modellrechnung. Werden Gebäude achtzig statt vierzig Jahre genutzt, sinken die Bauemissionen eines Gebäudebestands je Jahr um rund ein Drittel. Das ist rund ein Fünftel dessen, was die Gebäude heute durch ihre Heizung ausstoßen. Und es ist mehr, als die untersuchten Kommunen vor der Energiekrise im Betrieb gespart haben. Der größte Hebel ist also: Gebäude länger nutzen. In keiner Klimabilanz kommt er vor. Denn dort kommen die Bauemissionen gar nicht erst vor.
131.000 Euro für eine Tonne CO₂

Was das kostet, zeigt der Rhein-Sieg-Kreis. Er plant den Neubau eines Berufskollegs für geschätzt 110 bis 250 Millionen Euro. In seinem Klimaschutzkatalog führt er ihn als „Großhebel“. Bis 2045 soll der Neubau 1.370 Tonnen CO₂ einsparen. Der Kreis rechnet selbst mit 131.000 Euro je eingesparter Tonne. Zum Vergleich: Neue Heizkessel kosten nach den Planzahlen des Landschaftsverbands rund 250 Euro je Tonne.
Und selbst diese Rechnung ist noch zu schön. Die Bauemissionen des Neubaus von rund 10.000 Tonnen fehlen darin. Zieht man sie ab, spart der „Großhebel“ bis 2045 keine einzige Tonne. Er verursacht ein Vielfaches mehr.
Für den Neubau wurden 11,3 Millionen Euro umgewidmet. Sie stammen aus dem Investitionsbereich „Sanierung von Liegenschaften sowie Maßnahmen des Klimaschutzes und der Nachhaltigkeit“. Der Neubau, so die Verwaltung, „trägt zu den Zielen des Klimaschutzes und der Nachhaltigkeit bei“.
131.000 Euro je eingesparter Tonne CO₂ beim Neubau. Mit neuen Heizkesseln: rund 250 Euro.
Milliarden verbaut, keiner schaut nach

Geld war genug da. Allein das Konjunkturpaket II brachte den Kommunen in Nordrhein-Westfalen von 2009 bis 2011 2,2 Milliarden Euro. Davon gingen 1,38 Milliarden an Kitas, Schulen und Weiterbildung, laut Gesetz „insbesondere“ für ihre energetische Sanierung. Mit der Kommunalinvestitionsförderung des Bundes kamen bis etwa 2021 nach meiner Rechnung mindestens 2 Milliarden Euro mit Vorrang für energetische Sanierung zusammen. Rechnet man „Gute Schule 2020“ und das Schulsanierungsprogramm des Bundes dazu, sind es rund 6,5 Milliarden Euro für kommunale Gebäude, darin allerdings auch Neubauten und Digitalisierung. Ab 2025 folgen weitere 10 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen des Bundes.
Was war das Konjunkturpaket II?
Mit dem Konjunkturpaket II wollte der Bund 2009 die Wirtschaft durch die Finanzkrise bringen. Die Kommunen bekamen Geld für Investitionen, in Nordrhein-Westfalen rund 2,2 Milliarden Euro, etwa 123 Euro je Einwohner. Der größte Teil war für Bildungsbauten bestimmt, nach dem Gesetz „insbesondere“ für ihre energetische Sanierung. Wie viel davon tatsächlich in Dämmung und Heizung floss, weist fast keine Kommune aus.
Mindestens 2 Milliarden Euro mit Vorrang für energetische Sanierung. Was sie eingespart haben, hat niemand ausgewertet.
Viel Geld, kaum Wirkung

Was dieses Geld eingespart hat, hat nach meiner Durchsicht niemand ausgewertet. Nicht das Land, und keine der untersuchten Kommunen. Wo sich Ausgaben und Messwerte nebeneinanderlegen lassen, sieht man oft wenig. Aachen steckte 18 Millionen Euro ausschließlich in energetische Sanierungen. Danach blieb der bereinigte Verbrauch fast gleich und lag 2023 sogar über dem Wert von 2012. Troisdorf gab von 2010 bis 2021 rund 11,6 Millionen Euro für energetische Sanierungen aus. Sein bereinigter Verbrauch stieg von 2016 bis 2019 um knapp 5 Prozent. Der Landschaftsverband sparte in den zehn Jahren nach dem Konjunkturpaket weniger ein, als allein sein Heizkesselprogramm versprochen hatte.
Selbst nach den eigenen Planzahlen der Verwaltungen ist die Dämmung von Dächern und Fassaden ein teurer Weg. Eine eingesparte Tonne CO₂ kostet dort 850 bis 3.000 Euro, mit neuer Heiztechnik rund 250 Euro. Über die Energiekosten bezahlt sich keines dieser Vorhaben in weniger als 69 Jahren. Die Sanierung des Oberbergischen Kreishauses rechnet sich erst nach über 600 Jahren. Düsseldorf schreibt es selbst hin: 48,7 Millionen Euro investiert, 28,4 Millionen Euro Energiekosten gespart – nach vierzig Jahren.
Gewiss wären manche Dächer und Fenster ohnehin fällig gewesen. Nur weist keine Verwaltung aus, welcher Teil dem Klima galt. Verbucht wird die ganze Summe als Klimaschutz.

Optimieren, sanieren, neu bauen: die verkehrte Reihenfolge
Legt man alles nebeneinander, ergibt sich eine klare Rangfolge. Ganz oben steht, was am wenigsten kostet: die Heizungen richtig einstellen und überwachen, Flure nicht heizen, defekte Anlagen schnell finden. Danach kommt neue Technik, etwa eine neue Heizungsanlage. Dann die Dämmung von Dach, Fenstern und Fassade. Ganz unten steht der Neubau.
Der Rhein-Sieg-Kreis hat das in seinem eigenen Maßnahmenkatalog durchgerechnet, für alle Vorhaben nach derselben Methode. Ein Energiecontrolling mit zwei Stellen soll bis 2045 rund 5.380 Tonnen CO₂ einsparen. Es kostet 3,24 Millionen Euro, also 602 Euro je Tonne. Die neue Heizung einer Schule kostet 309 Euro je Tonne. Der Neubau des Berufskollegs in Troisdorf kostet 131.000 Euro je Tonne. Das Energiecontrolling spart fast viermal so viel CO₂ wie der Neubau, für weniger als zwei Prozent des Geldes. Und es bringt sogar Geld ein: Nach meiner Rechnung sinken die Energiekosten um 310.000 bis 465.000 Euro im Jahr, die zwei Stellen kosten höchstens 200.000 Euro.
„Optimieren ist der Königsweg, Sanieren der Mittelweg, Neubauen der Holzweg.“
Der Kreis weiß das. In seinem Katalog steht der Grundsatz, CO₂ „zuerst dort einzusparen, wo es je Tonne am günstigsten ist“. Er schreibt sogar selbst, der Neubau liege je Tonne „etwa 420 Mal so hoch“ wie die neue Heizung der Schule. Getan wird das Gegenteil. Der Neubau heißt im Katalog „Großhebel“. Drei Komplettsanierungen kosten zusammen 617,5 Millionen Euro und sparen bis 2045 keine einzige Tonne. Die zwei Stellen für das Energiecontrolling aber sind „bislang nicht im Stellenplan abgebildet“. Anfangen könnten sie frühestens Ende 2027.

Nicht jeder Neubau ist überflüssig. Wo Platz fehlt oder der Brandschutz es verlangt, mag er nötig sein. Dann ist er aber eine Bauentscheidung und kein Klimaschutz. Als Klimaschutz verbucht, verbrennt er Geld: Hunderte Millionen allein in einem Kreis, Milliarden im ganzen Land. Die wirksamste Maßnahme kostet fast nichts. Und sie bleibt liegen.
Ziele beschlossen, Ergebnis vergessen

Am schlimmsten ist: Kaum jemand prüft nach. Der Rhein-Sieg-Kreis beschloss 2008, sein CO₂ bis 2014 um 40 Prozent zu senken. Ob er das geschafft hat, wurde nach meiner Durchsicht nie berichtet. Einen Energiebericht gibt es seit 2021 nicht mehr. Für das folgende Jahrzehnt meldet der Kreis „umfassende energetische Sanierungen mit einem Investitionsvolumen von über 250 Mio. Euro“. Aufgeschlüsselt wird das nicht.
Neuss hat seit 2019 keinen Energiebericht mehr vorgelegt, Wipperfürth seit 2020. Rheinbach wertet einen „weitestgehend konstant[en]“ Verbrauch „durchaus als Erfolg“. Wer in zehn Jahren 40 Prozent einsparen will, muss jedes Jahr 5 Prozent schaffen. Gemessen werden 0 bis 1 Prozent. Folgen: keine.
Das ist der eigentliche Skandal. Allein für drei Großvorhaben, die der Rhein-Sieg-Kreis als Hebel des Klimaschutzes führt, sind 560 Millionen bis fast eine Milliarde Euro veranschlagt. Für keines davon findet sich in einer öffentlichen Unterlage ein CO₂-Vergleich mit Sanierung oder Weiternutzung. Ihre Bauemissionen fehlen in der Bewertung.
Gezahlt wird für eine Wirkung, die niemand nachmisst. Was in den Berichten steht, ist zum großen Teil ein Erfolg auf dem Papier: wärmeres Klima, Krise und die Arbeit der Energieversorger. Beim Diesel brauchte es unabhängige Messungen auf der Straße, um den Schwindel mit den Prüfstandswerten aufzudecken. Beim Klimaschutz der Kommunen liegen die Messwerte längst vor.
Quellen:
Energieberichte von 25 Kommunen und Verbänden, 409 gpaNRW-Prüfberichte, DWD
Fundstellen und Rechenwege im Bericht „Klimaschutz bei kommunalen Gebäuden in NRW“. Fotos: Pixabay (Pixabay-Lizenz).
Dieser Artikel erschien erstmals am 08.11.2026. Das Beitragsbild ist ein Beispielbild von webandi auf Pixabay. Der Artikel wurde unter Einsatz von KI erstellt.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de