So kann es nur abwärts gehen:
Ich habe heute eine Fristverlängerung für meine Steuererklärung beantragt.
Nicht weil Belege fehlen. Sondern weil ich Zeit brauche, um den automatisierten Datenabruf zu beantragen. Den brauche ich, um Daten vom Finanzamt abzurufen. Die trage ich dann in die Steuererklärung ein – und reiche sie beim Finanzamt ein.
Ich hole also beim Finanzamt Daten ab, um dem Finanzamt mitzuteilen, was das Finanzamt weiß. Und um das zu dürfen, muss ich das Finanzamt um mehr Zeit bitten. Damit ich den Antrag für den Datenabruf stellen kann. Das ist Digitalisierung in Deutschland!
Habe ich erwähnt, dass ich die Fristverlängerung in Ermangelung der Zugangsdaten per Brief beantragen musste? Und dass der Zugangscode auch per Brief kommen sollte? Naja, immerhin könnten Briefe in Deutschland schneller unterwegs sein, als es das Internet an manchen Orten ist.
Der Abruf hat im Übrigen jahrelang funktioniert. Gleiche Software, gleiche Zugangsdaten, gleicher Klick. Jetzt will sie plötzlich eine neue Freischaltung.
Warum? Keine Ahnung. Vielleicht sind die Zugangsdaten abgelaufen. Vielleicht hat jemand etwas geändert. Nachsehen kann ich es nicht – die Software läuft online, ich sehe nur das Ergebnis. Was gestern ging, geht heute nicht, und was sich geändert hat, erfahre ich nicht. Die Frist läuft trotzdem weiter.
Zweiter Akt: Die erzwungene Lüge: Mein Arbeitszimmer. Ein Raum, ein Schreibtisch, ein Mensch. Vormittags Arbeitgeber, nachmittags ein paar Mails zur Kreistagsarbeit, abends ein Antrag für den Rat.
Die Steuererklärung will wissen, an wie vielen Tagen ich das Zimmer für welche Tätigkeit genutzt habe. Pro Tag nur eine Nutzung. Entscheiden Sie sich. Sie sind zu Wahrheit verpflichtet, Sie sind zur Beantwortung verpflichtet, in Kombination mit einer niemals korrekt zu beantwortender Fragestellung eine nicht erfüllbare Aufgabe.
Ich werde vom Staat gezwungen, eine falsche Angabe zu machen. Früher hieß das Steuerhinterziehung. Heute heißt das Pflichtfeld. Dieses Land mag sich ja daran gewöhnt haben, dass (fast) jedes Profil im Web, dass die meisten Bewerbungen mehr oder weniger falsche Aussagen enthalten, aber das der Staat mich zu falschen Angaben zwingt, ist schon eine neue Qualität.
Und so geht es weiter: Für die Grundsteuerreform musste ich Daten aus dem Liegenschaftskataster abschreiben – Daten, die der Staat seit Napoleon erhebt. Ich bin nicht nur Steuerzahler, ich bin in den Augen dieses Staates wohl auch Kurierdienst. Unbezahlt, aber dafür mit Haftung.
Das ist irre.
Ach nein. Das ist Deutschland.
Dieser Artikel erschien erstmals am 17.10.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von stevepb auf Pixabay.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de