Rambo-Radfahrer: Wenn der grüne Heiligenschein zur Gefahr wird

Wer bei schönem Wetter mit dem Hund, den Kindern oder älteren Menschen spazieren geht – sei es in der Stadt oder auf dem Land –, kennt die Situation nur allzu gut: Auf belebten Wegen dauert es keine zwei Minuten, bis der nächste Radfahrer heranrauscht. Mit ungebremster Geschwindigkeit wird von Weitem geklingelt, in der festen Erwartung, dass die Fußgänger gefälligst sofort zur Seite springen.

Dabei offenbart sich eine bemerkenswerte Doppelmoral. Dieselben Radfahrer pochen gegenüber Autofahrern lautstark darauf, dass diese ihre Geschwindigkeit anpassen und mit großem Sicherheitsabstand überholen – was mittlerweile ja auch gesetzlich in der Straßenverkehrsordnung verankert ist. Dagegen ist grundsätzlich überhaupt nichts einzuwenden; der Stärkere sollte immer auf den Schwächeren Rücksicht nehmen. Das Problem ist jedoch: Genau diese Rücksichtnahme, die der Radfahrer vom Autofahrer einfordert, ist er selbst gegenüber den noch schwächeren Fußgängern allzu oft nicht bereit zu erbringen.

Wie kommt es zu dieser Diskrepanz? Es wäre naiv zu glauben, Radfahrer seien von Natur aus die schlechteren Menschen. Die wahren Ursachen liegen tiefer.

Der „Heiligenschein-Effekt“ und das Punktekonto im Kopf

Ein psychologisches Phänomen liefert hier sehr aufschlussreiche Erklärungsansätze. In der Forschung ist der sogenannte „Moral Licensing“-Effekt (die moralische Lizenzierung) gut dokumentiert. Studien zeigen: Menschen, die glauben, etwas besonders Gutes für die Welt zu tun – etwa weil sie im Bioladen einkaufen –, neigen im Anschluss signifikant häufiger zu egoistischem oder regelwidrigem Verhalten. Sie verbuchen gewissermaßen interne „Charakterpunkte“ für ihre gute Tat und glauben, sich diese an anderer Stelle wieder auszahlen lassen zu dürfen, sei es durch das unberechtigte Parken auf Behindertenparkplätzen oder eben durch das rücksichtslose Vorbeidrängen an Fußgängern.

Der Radfahrer, der meint, mit jedem in die Pedale getretenen Kilometer die Umwelt zu schonen, erteilt sich selbst unbewusst die Erlaubnis, andere Regeln im Gegenzug etwas lockerer zu sehen. Dies erklärt auch das Verhalten jener Radfahrer, die man auf dem Dorf am Wochenende scharenweise im Wald antrifft, wo sie ohne Rücksicht die Tiere verscheuchen und die Natur stören. Gerade auf dem Land kommt ein wesentlicher Faktor hinzu: Der Radverkehr ist hier fast ausschließlich reiner Freizeitverkehr. Er ersetzt in der Regel keine Autofahrten zur Arbeit, sondern findet zusätzlich statt. Die wenigsten radeln auf dem Land, um alltägliche Dinge zu erledigen, für die sie sonst Auto, Bus oder die eigenen Beine genutzt hätten.

Infrastruktur und das Gefühl der Unverletzlichkeit

Verstärkt wird diese Mentalität durch eine Verkehrspolitik und Infrastrukturplanung, die zunehmend einseitige Prioritäten setzt. Man muss sich nur die Straßenaufteilung an großen Knotenpunkten ansehen: Nicht selten prangt dort eine signalrot markierte Fahrradspur von drei bis vier Metern Breite. Der Fußgänger hingegen wird direkt daneben auf einen schmalen, weiß gestrichelten Streifen von vielleicht einem oder anderthalb Metern verwiesen. Solche Proportionen senden eine klare Botschaft an den Radfahrer.

Diese Bevorzugung setzt sich in zahlreichen Sonderregeln und einer laxen Strafverfolgung fort. Sei es die Erlaubnis, entgegen der Einbahnstraße zu fahren, oder die weitreichende Tolerierung nicht verkehrssicherer Fahrräder. Man muss sich im Winter morgens nur einmal vor eine x-beliebige Schule stellen: Dutzende Schüler sind im Dunkeln ohne oder mit defektem Licht unterwegs, ohne dass dies ernsthaft sanktioniert wird. All das suggeriert dem Radfahrer kontinuierlich: „Wir dürfen das. Wir sind die wahren Hüter des Verkehrs.“

Menschliche Schutzschilde der grünen Verkehrspolitik

Dieses von der Politik gezielt geförderte Gefühl der Überlegenheit und Unverletzlichkeit hat jedoch einen fatalen Preis: Die Radfahrer gehen immer höhere Risiken ein, und die Zahl derer, die selbst zu Schaden oder gar zu Tode kommen, steigt. Eine Mitschuld daran tragen ganz eindeutig jene Verkehrsplaner, die dieses trügerische Gefühl auslösen, um ihre verkehrspolitischen Ziele durchzusetzen.

Radfahrer werden heute systematisch als menschliche Schutzschilde eingesetzt, um den motorisierten Individualverkehr auszubremsen. Allein diese Tatsache grenzt schon an Kriminelles. Nehmen wir das Beispiel der Stadt Hennef: Hier wurde ein striktes Überholverbot für Autos gegenüber Radfahrern eingeführt, auch mit dem erklärten Ziel, den gesamten Verkehr zu verlangsamen. Die logische Konsequenz solcher Maßnahmen ist, dass Radfahrer ganz gezielt als mobile Bremsschwellen vor die Autos geschickt werden. Rein statistisch ist vorhersehbar, dass durch diese Methode früher oder später Menschen zu Schaden kommen. Sie werden sehenden Auges auf dem Altar einer ideologischen, grünen Verkehrspolitik geopfert.

Die verheerenden Folgen dieser Politik lassen sich anhand der jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamts IT.NRW klar belegen. Im Jahr 2025 ereigneten sich in Nordrhein-Westfalen 65.232 Unfälle mit Personenschaden – ein Anstieg um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Radfahrende und Pedelec-Nutzer waren dabei an rund 34 Prozent aller dieser Unfälle beteiligt, also an mehr als jedem dritten Unfall mit Personenschaden im gesamten Land. Insgesamt verunglückten 21.487 Personen im Radverkehr, ein Plus von 7,3 Prozent. Besonders alarmierend ist die Zahl der Todesopfer: 106 Radfahrer und Pedelec-Nutzer kamen 2025 bei Verkehrsunfällen ums Leben – der höchste Wert seit zehn Jahren und ein spürbarer Anstieg gegenüber den 80 Getöteten des Vorjahres. Bei insgesamt 479 Verkehrstoten in Nordrhein-Westfalen machen sie damit einen Anteil von über 22 Prozent aus. Diese Statistiken widerlegen die Behauptung, die einseitige Bevorzugung des Radverkehrs diene vor allem der Sicherheit. Sie belegen vielmehr, dass Radfahrer als menschliche Schutzschilde und lebende Verkehrsbremsen instrumentalisiert werden – mit vorhersehbar tödlichen Konsequenzen für genau jene, die man angeblich schützen will.

Abschließend möchte ich betonen: Ich bin keineswegs gegen den Radverkehr. Im Gegenteil – er ist eine sinnvolle und umweltfreundliche Ergänzung unserer Mobilität. Was mich jedoch stört, ist die einseitige und ungerechte Behandlung der Verkehrsteilnehmer. Alle – Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger – verdienen dieselbe Rücksicht und dieselben klaren Regeln. Wo immer es räumlich möglich ist, sollten die Verkehrswege konsequent getrennt werden: eigene Trassen für den motorisierten Verkehr, separate Radwege und sichere, ausreichend breite Fußwege. Dort, wo eine physische Trennung nicht machbar ist, muss sich die Geschwindigkeit immer am langsamsten Verkehrsteilnehmer orientieren. Radfahrer auf Fußgängerwegen haben Schrittgeschwindigkeit zu fahren, sobald sich Fußgänger in der Nähe befinden. Autos wiederum müssen ihre Geschwindigkeit den Radfahrern anpassen, besonders wenn die Fahrbahn zu schmal für ein gefahrloses Überholen ist. Die derzeitige Ungleichbehandlung ist es, die viele Menschen verärgert: Radfahrer klingeln oft schon von Weitem und erwarten, dass Fußgänger sofort Platz machen. Man stelle sich vor, Autofahrer würden mit unverminderter Geschwindigkeit heranrasen und von Radfahrern dasselbe verlangen – der Aufschrei wäre gewaltig. Gleiches Recht und gleiche Rücksicht für alle Verkehrsteilnehmer – das wäre die faire und wirklich sichere Lösung.

Dieser Artikel wurde erstmals am 07.07.2026 veröffentlicht. Das Beitragsbild ist ein Beispielbild von WikimediaImages auf Pixabay.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de