Auf meinem Blog nutze ich in vielen Fällen KI-Recherche als Grundlage für meine Artikel. Gleichzeitig kritisiere ich KI-Systeme oft massiv. Meiner Meinung nach sind sie politisch gefärbt, sie werden als Werkzeug für die Meinungsmache der Herrschenden genutzt, sie zensieren und tragen einen tiefen, strukturellen Bias in sich. Manchmal frage ich mich dann selbst: Ist das nicht ein eklatanter Widerspruch? Ich möchte diesen vermeintlichen Widerspruch hier aufgreifen und meine Gedankengänge dazu offenlegen.
Dass KI-Systeme nicht neutral sind und all die genannten Nachteile in sich vereinen, ist meine tiefste Überzeugung. Dennoch will und werde ich nicht auf sie verzichten. Der Umgang mit KI lässt sich gut mit der Arbeit politischer Dokumente vergleichen: Wenn ich in einer Publikation eines konservativen Thinktanks Belege finde, die eine von mir präferierte Theorie stützen, nutze ich diese Erkenntnisse selbstverständlich. Die grundlegende ideologische Haltung dieses Thinktanks verbietet mir ja auch nicht, auf dessen nützliche Ergebnisse zuzugreifen.
Ein weiteres treffendes Beispiel ist Wikipedia. Bei politischen Themen und bei allem, was auch nur im Ansatz vom gängigen Mainstream abweicht, ist diese Plattform für mich absolut diskreditiert. Dort regiert oft eine klare ideologische Schlagseite. Geht es jedoch um rein wissenschaftliche Fakten oder völlig neutrale Sachthemen, bietet Wikipedia nach wie vor eine hervorragende und verlässliche Arbeitsgrundlage. Man muss das Werkzeug eben differenziert betrachten.
Genau diese Differenzierung wende ich bei der Nutzung von Quellen an: Wenn ich Publikationen heranziehe, die die eigene Weltanschauung gerade nicht teilen, verleiht das Aussagen eine besondere Glaubwürdigkeit. Wenn selbst der politische Gegner anerkennen muss, dass man in einem bestimmten Punkt recht hat, entfaltet das eine enorme Überzeugungskraft. Genau so verfahre ich bei der Überprüfung meiner Thesen mit Hilfe von KI. Ich versuche, meine Fragen so neutral und ideologiefrei wie möglich zu formulieren. Wenn selbst eine potenziell gefärbte KI dann zum gleichen Ergebnis kommt wie ich, ist das eine handfeste Bestätigung, die hier unbedingt Berücksichtigung finden sollte.
Es gibt noch einen weiteren Aspekt: Man kann Werkzeuge nutzen, deren Nachteile man klar benennt. Ich möchte dafür zwei Beispiele nennen – ein politisches und ein alltägliches.
Jemand kann aus Umwelt- und Klimagründen strikt gegen den Individualverkehr mit dem Auto sein und dennoch im ländlichen Raum zwingend darauf angewiesen sein. Dann kauft er sich vielleicht ein Elektroauto, sofern der Geldbeutel es hergibt, um den Schaden zu minimieren. Der grundsätzliche Widerspruch bleibt, wird aber im besten Fall pragmatisch verkleinert.
Ein eher profanes, ideologiefreies Beispiel: Leitern verursachen mit Abstand die meisten Haushaltsunfälle schlechthin. Dennoch werden sie völlig selbstverständlich genutzt, weil ihr praktischer Nutzen die abstrakte Gefahr in den Augen der Anwender übersteigt.
Zudem bezweifle ich, dass es heute überhaupt noch möglich ist, bei der oft knappen Zeit, die für tiefgehende Recherchen zur Verfügung steht, auf solche Werkzeuge zu verzichten. Wer glaubt, er habe KI-freie Ergebnisse, nur weil er keinen expliziten KI-Chatbot öffnet und stattdessen eine klassische Suchmaschine bedient, der irrt gewaltig.
Auch herkömmliche Suchmaschinen sind längst massiv KI-gestützt. Und selbst wenn man eine Suchmaschine fände, die völlig ohne maschinelles Lernen auskommt, so besteht ein Großteil der grundlegenden Informationen im Internet mittlerweile aus Texten, die ebenfalls mit KI erzeugt oder zumindest redigiert und überarbeitet wurden. Die Kritik an KI halte ich also für vollumfänglich gerechtfertigt – und dennoch nutze ich sie aus schlichter Notwendigkeit.
Ein weiterer, ganz grundsätzlicher Gedanke drängt sich in diesem Zusammenhang auf: Wenn ich an mich und meine Arbeit den Anspruch stellen würde, wirklich nur absolut ideologiefreie Hilfsmittel zu nutzen, die keinerlei Bias aufweisen und zu hundert Prozent neutral sind – dann hätte ich am Ende des Tages schlichtweg gar keine Hilfsmittel mehr. Weder klassische Medien, noch Lexika, noch Suchmaschinen. Und eben auch keine KI.
Zu guter Letzt muss ich allerdings auch eines eingestehen: Ich bin ein Mensch und voller Widersprüche. Die technologische Kraft hinter der künstlichen Intelligenz fasziniert mich. Es macht mir in vielen Fällen schlichtweg Freude, sie zu nutzen und zu beobachten, wie fast wie durch ein Wunder und scheinbar aus dem Nichts hochwertige Inhalte entstehen.
Aber genau diese Faszination darf und wird mich nicht davon abhalten, die Risiken abzuschätzen und lautstark zu thematisieren. Es verhält sich ein wenig wie bei einem Raucher, der die tödlichen Gefahren seines Konsums vollumfänglich reflektiert und dennoch weiter zur Zigarette greift. Ein zutiefst menschlicher Zug. Man mag das als Widerspruch begreifen – aber es ist einer, den man aushalten kann und muss.
Dieser Artikel erschien erstmals am 08.06.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Joshua Woroniecki auf Pixabay.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de