Wehrhaft und friedliebend – warum Pazifismus kein Wunschtraum bleiben muss

Ein Gegenmodell zur Aufrüstungsspirale


Die Gegenwart: Aufrüstung als Ersatzreligion

Europa rüstet auf wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Die weltweiten Militärausgaben erreichten 2025 laut SIPRI den Rekordwert von 2.887 Milliarden US-Dollar — der elfte Anstieg in Folge. Allein in Europa stiegen die Ausgaben 2025 um 14 Prozent, nachdem sie schon 2024 um 17 Prozent in die Höhe geschossen waren. Deutschland gab 2024 erstmals seit der Wiedervereinigung am meisten in Westeuropa aus — 88,5 Milliarden Dollar, ein Plus von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Weltweit betrug die Pro-Kopf-Belastung durch Militärausgaben 2025 bereits 352 Dollar pro Mensch und Jahr.

Gleichzeitig erleben wir einen beispiellosen Abgesang auf Diplomatie. Das Friedensgebot des Grundgesetzes scheint keine politische Kraft mehr zu entfalten. Es gibt keine erkennbaren Bemühungen der Bundesregierung, den Krieg in der Ukraine diplomatisch zu beenden. In Bezug auf den von internationalen Gerichten als Völkermord eingestuften Krieg in Gaza unternimmt Europa nichts, um das Töten zu stoppen — geschweige denn die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Und die völkerrechtswidrigen Angriffe der USA auf den Iran werden nicht nur nicht kritisiert, sondern sogar unterstützt.

Wer in diesem Klima als friedliebender Mensch darauf hinweist, dass immer mehr Waffen nicht zu mehr Sicherheit führen — dass Europa schon heute ein Vielfaches an Militär hat im Vergleich zu seinem angeblichen Hauptgegner Russland — wird als naiv abgestempelt. Doch „naiv” ist kein Argument. Es ist eine Behauptung ohne intellektuelle Grundlage.

Ein Argument hingegen wäre: „Wir können doch nicht komplett unverteidigt sein.” Und tatsächlich — das wäre wahrscheinlich kein guter Rat. Die Frage ist also nicht, ob ein Staat sich verteidigen können soll, sondern wie er das tut, ohne in die Aufrüstungsspirale zu geraten, die seit Jahrhunderten immer wieder in Katastrophen mündet. Ich versuche im Folgenden, ein solches Modell zu skizzieren — und ich werde zeigen, dass es nicht nur theoretisch denkbar, sondern historisch belegt ist. Zwei Länder liefern dafür eindrucksvolle Belege: die Schweiz und Costa Rica.

Was Krieg kostet — in Menschenleben

Bevor wir über alternative Modelle sprechen, lohnt ein Blick auf den Preis, den bewaffnete Staaten für ihre Armeen bezahlt haben. Nicht in Euro, sondern in Menschenleben.

Seit 1900 haben die großen europäischen Nationen in Kriegen einen erschütternden Anteil ihrer Bevölkerung verloren. Die Zahlen basieren auf Schätzungen verschiedener Historiker und beziehen sowohl militärische als auch zivile Opfer ein:

Land Verluste WK I (ca.) Verluste WK II (ca.) Weitere Kriege seit 1900 Gesamtverluste als Anteil der Ø-Bevölkerung
Polen ~1.080.000 ~5.800.000 — ~17–20 %
Sowjetunion/Russland ~1.800.000 ~26.600.000 Diverse ~14–15 %
Deutschland ~2.800.000 ~7.400.000 — ~12–14 %
Jugoslawien (Nachfolgestaaten) ~280.000 ~1.000.000 Balkankriege 1990er: ~140.000 ~10 %
Frankreich ~1.700.000 ~600.000 Kolonialkriege ~5–6 %
Großbritannien ~890.000 ~450.000 Diverse ~3 %
Schweiz 0 ~100 (Bombenirrtum) — ~0,00 %

Die Schweiz hat seit 1900 durch Kriege praktisch keinen einzigen Menschen verloren. Null gefallene Soldaten. Null zivile Kriegsopfer — abgesehen von etwa 100 Toten durch versehentliche alliierte Bombenangriffe auf Schaffhausen, Basel und Zürich im Zweiten Weltkrieg, die offiziell als Irrtümer anerkannt und von den USA finanziell entschädigt wurden.

Hätte die Schweiz wie ihre Nachbarn am Ersten und Zweiten Weltkrieg teilgenommen — bei einer durchschnittlichen Bevölkerung von rund vier Millionen —, wären nach den Verlustraten vergleichbarer europäischer Staaten zwischen 200.000 und 800.000 Schweizerinnen und Schweizer gestorben. Diese Menschen haben gelebt, Kinder bekommen, gearbeitet, ihre Gesellschaft aufgebaut — weil ihr Land nicht in den Krieg gezogen ist.

Was Krieg kostet — in Geld

Die finanziellen Kosten der Aufrüstung sind nicht weniger eindrücklich. SIPRI-Daten für 2024 zeigen:

Land Militärausgaben 2024 Anteil am BIP Geschätzt pro Kopf (USD)
USA 997 Mrd. $ ~3,4 % ~2.900
Deutschland 88,5 Mrd. $ ~2,1 % ~1.050
Frankreich 64,7 Mrd. $ ~2,0 % ~950
Großbritannien 81,8 Mrd. $ ~2,3 % ~1.200
Polen 38,0 Mrd. $ ~4,2 % ~1.000
Russland 149 Mrd. $ ~7,1 % ~1.030
Schweiz 6,3 Mrd. $ ~0,7 % ~710
Weltdurchschnitt — ~2,5 % ~334

Die Schweiz gibt also mit 0,7 Prozent des BIP weniger als ein Drittel des NATO-Richtwerts aus — und hat trotzdem eine funktionsfähige Milizarmee, eine Küstenwache, Luftraumüberwachung und ein Zivilschutzsystem, um das sie von vielen NATO-Staaten beneidet wird.

Das Argument der Aufrüstungsbefürworter, dass man „auf Nummer sicher” gehen müsse, lässt sich mit einer einfachen Rechnung beantworten: Ein Europäer, der 75 Jahre lang den aktuellen europäischen Durchschnitt an Militärausgaben pro Kopf trägt, zahlt über sein Leben hinweg rund 75.000 bis 90.000 Dollar allein für Rüstung. Ein Schweizer Bürger kommt im selben Zeitraum auf etwa 53.000 Dollar — und lebt in einem Land, das seit über 500 Jahren keinen Krieg geführt hat. Diese Differenz ist keine Kleinigkeit. Sie finanziert Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur.

Die Schweiz — bewaffnete Neutralität als Erfolgsmodell

Die Schweiz ist seit dem Wiener Kongress von 1815 offiziell neutral. In der Praxis reicht die Tradition noch weiter zurück — seit der Niederlage bei Marignano 1515 hat die Schweiz keinen Angriffskrieg mehr geführt. Das bedeutet über fünf Jahrhunderte ohne Kriegsteilnahme.

Dabei ist die Schweiz kein wehrloses Land. Sie unterhält eine Milizarmee, die im Zweiten Weltkrieg 850.000 Menschen mobilisierte — aus einer Bevölkerung von vier Millionen. Die alpine Festungsstrategie, das sogenannte „Réduit”, machte eine Invasion so kostspielig, dass selbst Nazi-Deutschland davon absah. Die Schweiz zeigt: Wehrhaftigkeit und Friedfertigkeit schließen sich nicht aus.

Doch der eigentliche Gewinn liegt nicht in der militärischen Strategie, sondern in dem, was die Schweiz mit dem ersparten Geld und den ersparten Menschenleben aufgebaut hat: eines der besten Bildungssysteme der Welt, ein Gesundheitssystem, das in Lebenserwartung und Versorgungsqualität zur Weltspitze gehört, und eine der stabilsten Demokratien überhaupt.

Natürlich gibt es Einschränkungen. Die Schweiz profitierte von ihrer geografischen Lage, von ihrer historischen Rolle als Finanzplatz und davon, dass sie für die kriegführenden Mächte als neutraler Mittler nützlicher war als als Eroberungsziel. Und ausgerechnet jetzt wird ihre Neutralität in Frage gestellt — unter dem Druck des neuen europäischen Aufrüstungskurses. Dass die Schweiz 2025 ihre Militärausgaben auf 7,6 Milliarden Dollar erhöhte, zeigt, wie stark der Sog der Aufrüstungsspirale selbst Länder erfasst, die jahrhundertelang bewiesen haben, dass es anders geht.

Österreich — die bedrohte Neutralität

Auch Österreich hat seit der Staatsvertragsunterzeichnung 1955 eine verfassungsrechtlich verankerte „immerwährende Neutralität.” Sieben Jahrzehnte lang hat dieses Modell dem Land Stabilität, Wohlstand und eine Vermittlerrolle gebracht — Wien wurde zum Sitz zahlreicher internationaler Organisationen, von der OSZE über die IAEO bis zur OPEC.

Doch auch hier zeigt sich die Erosion. Der Druck, Neutralität als „veraltet” abzutun und sich der NATO-Logik zu unterwerfen, wächst. Was dabei übersehen wird: Österreich hat in sieben Jahrzehnten Neutralität keinen einzigen Soldaten in einem Krieg verloren. Kein anderes Modell kann eine vergleichbare Bilanz vorweisen.

Costa Rica — das Land ohne Armee

Den radikalsten Beweis dafür, dass Sicherheit nicht aus Panzern wächst, liefert ein kleines mittelamerikanisches Land.

Am 1. Dezember 1948 traf Costa Rica eine Entscheidung von historischer Tragweite. Nach einem kurzen Bürgerkrieg löste die siegreiche Junta nicht nur die alte Armee auf, sondern verbot alle Streitkräfte für alle Zeiten. Artikel 12 der bis heute gültigen Verfassung ist kategorisch: „Die Armee als ständige Einrichtung ist abgeschafft.” Die Militärkaserne „Cuartel Bellavista” wurde zum Nationalmuseum umgewidmet — aus einem Ort der Waffen wurde ein Ort der Bildung.

Die innere Sicherheit gewährleistet seitdem eine zivile Polizei (Fuerza Pública), die dem Ministerium für öffentliche Sicherheit untersteht — nicht einem Verteidigungsministerium. Für Küsten und Luftraum gibt es eine Küstenwache und Leichtflugzeuge, strikt für polizeiliche Aufgaben. Außenpolitisch setzt Costa Rica auf den Interamerikanischen Vertrag über gegenseitige Hilfe (TIAR), die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und — entscheidend — auf internationales Recht. Als Nicaragua in den 2010er-Jahren Grenzstreitigkeiten um die Isla Calero provozierte, zückte Costa Rica keine Waffen, sondern zog vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Und gewann.

Die Friedensdividende in Zahlen:

Die Nachbarn Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua gaben im Schnitt 1,2 bis 1,5 Prozent ihres BIP für Militär aus — in Krisenzeiten deutlich mehr. Konservativ mit 1,2 Prozent gerechnet, beträgt die kumulierte Ersparnis Costa Ricas von 1950 bis heute rund 35 bis 40 Milliarden US-Dollar in heutiger Kaufkraft. Bei 5,2 Millionen Einwohnern entspricht das einer Entlastung von etwa 7.000 bis 8.000 Dollar pro Kopf.

Noch eindrucksvoller ist der humanitäre Vergleich:

Land Konflikt / Zeitraum Tote (ca.) Anteil an der Ø-Bevölkerung
Guatemala Bürgerkrieg 1960–1996 200.000 ~2,5 %
El Salvador Bürgerkrieg 1979–1992 75.000 ~1,7 %
Nicaragua Revolution + Contra-Krieg 50.000 ~1,7 %
Honduras Repression, Todesschwadronen 1.000–2.000 ~0,03 %
Costa Rica kein bewaffneter Konflikt 0 0,0 %

Die Nachbarländer verloren insgesamt rund 325.000 Menschen durch Kriege und politische Gewalt. Auf Costa Ricas heutige Bevölkerung übertragen wären das mehr als 100.000 Tote — ein Inferno, das dem Land vollständig erspart blieb.

Und die gesellschaftlichen Ergebnisse sprechen für sich: Die Alphabetisierungsrate liegt bei 98 Prozent (Guatemala: 83 %), die Lebenserwartung bei 80 Jahren (Honduras: 73), das Pro-Kopf-BIP in Kaufkraftparität bei rund 26.000 Dollar (Nicaragua: 7.300). Costa Rica wurde nicht trotz der fehlenden Armee wohlhabend, sondern weil es die Mittel anders einsetzte.

Die Nuklearfrage

Die Frage nach Atomwaffen wird gern als Totschlagargument gegen Friedensmodelle benutzt. Doch bei genauerem Hinsehen ist sie das stärkste Argument dagegen.

Ein Staat ohne Atomwaffen ist kein lohnendes Ziel für einen Atomangriff. Wer ein Land ohne nukleare Bewaffnung atomar angreifen würde, würde sich damit international zum Paria machen, ohne eine atomare Bedrohung zu beseitigen — weil es keine gab. Atomwaffen sind Waffen der gegenseitigen Vernichtung: Sie sind genau für diejenigen eine existenzielle Gefahr, die andere damit bedrohen.

Für einen friedliebenden Staat, der keine Atomwaffen besitzt und keine Erstschlagkapazität anstrebt, ist die nukleare Abschreckungslogik schlicht irrelevant. Was bleibt, ist konventionelle Verteidigung — und die lässt sich, wie die Beispiele zeigen, mit einem Bruchteil der Mittel organisieren, die derzeit in die Aufrüstungsspirale fließen.

Ein Gegenmodell: Der friedliebende, wehrhafte Staat

Was wäre also ein Modell, das die Sicherheitsfrage ernst nimmt, ohne in die Aufrüstungsfalle zu tappen? Ich schlage fünf Grundprinzipien vor:

1. Keine privatwirtschaftliche Rüstungsproduktion

Alles, was ein Staat an militärischer Ausrüstung braucht, muss er selbst herstellen — in staatlichen Betrieben, gegebenenfalls in Kooperation mit Partnerstaaten, aber niemals über den freien Markt. Der Grund ist historisch vielfach belegt: Wo Rüstung private Gewinne ermöglicht, werden Interessen geweckt. Diese Interessen übersetzen sich in wirtschaftliche Macht, dann in politische Macht, dann in Lobbyismus — und am Ende steigt die Rüstung nicht aus Verteidigungsgründen, sondern aus Profitgründen. Die Spirale ist identisch in den USA (militärisch-industrieller Komplex, vor dem bereits Eisenhower 1961 warnte), in Frankreich, in Großbritannien und zunehmend auch in Deutschland.

Ein Einwand liegt nahe: Auch die Sowjetunion produzierte ausschließlich staatlich und rüstete trotzdem massiv auf. Das stimmt — und es zeigt, dass staatliche Produktion allein nicht reicht. Es braucht zusätzlich eine verfassungsrechtliche Deckelung der Rüstungsausgaben und eine parlamentarische Kontrolle, die den Namen verdient. Staatliche Produktion beseitigt nicht jede Eigendynamik, aber sie beseitigt die gefährlichste: die Profitdynamik.

2. Paritätische Finanzierung von Diplomatie und Verteidigung

Für jeden Euro, der in militärische Verteidigung fließt, muss mindestens ein Euro in friedliche Völkerverständigung investiert werden. Das ist keine symbolische Forderung — es ist ein Budgetprinzip.

Was bedeutet das konkret? Die Bundeswehr — oder ihr Äquivalent im Modellstaat — wird aufgeteilt in einen militärischen Teil und ein Friedenskorps. Die Mittel werden paritätisch verteilt. Der militärische Teil sichert die Landesverteidigung. Das Friedenskorps übernimmt alles andere.

3. Das Friedenskorps — weit mehr als eine Idee

Das Friedenskorps wäre ein massiv ausgebautes Technisches Hilfswerk mit internationalem Einsatzgebiet. Zivil, unbewaffnet, aber hochprofessionell ausgerüstet — fähig, bei einem Erdbeben in Venezuela, einem Vulkanausbruch auf den Philippinen oder einem Tsunami in Südostasien schnell, massiv und wirksam zu helfen. Im eigenen Land wäre dieses Korps bei Hochwasser, Waldbränden oder anderen Katastrophen sofort einsetzbar — ohne die bürokratischen Hürden einer Militärstruktur.

Darüber hinaus umfasst das Friedenskorps: Sprachschulen und Kulturinstitute im Ausland (nach dem Vorbild der Goethe-Institute), Schüler- und Studierendenaustausch, Städtepartnerschaften, Entwicklungszusammenarbeit — alles, was heute verstreut über verschiedene Ministerien und Organisationen läuft. Junge Menschen bekommen die Möglichkeit, in anderen Ländern zu leben, zu lernen, zu arbeiten — insbesondere in Ländern, mit denen es Spannungen gibt. Denn das Ganze soll nicht nur bestehenden Frieden abbilden, sondern Frieden schaffen, wo die Gefahr eines Konflikts besteht.

Ein wichtiger Nebeneffekt: Die Ausrüstung des Friedenskorps — Fahrzeuge, Kommunikationstechnik, medizinisches Gerät, Baumaterial — kann über den freien Markt beschafft werden. Das schafft Arbeitsplätze und Umsätze in zivilen Industrien und federt die wirtschaftlichen Folgen einer Abrüstung ab. Die Unternehmen, die heute Panzer bauen, könnten morgen Rettungsfahrzeuge und mobile Krankenhäuser produzieren.

4. Striktes Verbot offensiver Militäreinsätze im Ausland

Der militärische Teil verteidigt das eigene Territorium. Punkt. Keine „Out-of-area”-Einsätze, keine Beteiligung an Koalitionskriegen, keine Waffenlieferungen in Kriegsgebiete. Die Bundeswehr in Mali, in Afghanistan, die Tornado-Einsätze über Syrien — all das wäre in diesem Modell undenkbar und verfassungswidrig.

Eine Grauzone bleiben UN-mandatierte Blauhelm-Missionen. Hier ließe sich argumentieren, dass strikt defensive, von der Weltgemeinschaft legitimierte Friedenssicherung mit dem Modell vereinbar ist — solange sie keine offensiven Kampfhandlungen umfasst. Diese Frage verdient eine öffentliche Debatte, keine Vorwegnahme.

5. Internationale Rechtsordnung als Sicherheitspfeiler

Costa Rica hat vorgemacht, wie es geht: Grenzstreit mit Nicaragua — Gang vor den Internationalen Gerichtshof — Sieg. Das funktioniert, weil Costa Rica durch seine konsequente Haltung internationale Glaubwürdigkeit aufgebaut hat. Ein Staat, der keine Atomwaffen besitzt, keine Angriffskriege führt und sich internationalen Gerichten unterwirft, hat eine moralische Autorität, die kein Waffensystem der Welt ersetzen kann.

Ist das realistisch?

Natürlich gibt es Einwände. Die Schweiz konnte neutral bleiben, weil sie geografisch geschützt war und für die Kriegsparteien als Finanzplatz nützlich. Costa Rica lag im Windschatten der US-Hemisphärenverteidigung. Beide Fälle hatten besondere Voraussetzungen.

Aber genau das ist der Punkt: Jedes Land hat besondere Voraussetzungen. Deutschland liegt in der Mitte Europas, umgeben von verbündeten Staaten. Es hat keinen feindlichen Nachbarn. Es ist in die EU eingebettet und Mitglied zahlreicher internationaler Organisationen. Wenn es irgendeinen Staat gibt, der die Voraussetzungen hat, ein solches Modell zu verwirklichen, dann Deutschland — oder ein europäisches Bündnis friedliebender Staaten.

Die SIPRI-Zahlen zeigen: Die NATO gibt heute schon mehr als das Zehnfache Russlands für Militär aus. Europas konventionelle Überlegenheit ist erdrückend. Die Behauptung, Europa sei „bedroht” und müsse aufrüsten, hält einer nüchternen Betrachtung der Zahlen nicht stand. Was Europa fehlt, ist nicht militärische Stärke — es ist diplomatischer Wille.

Ein Gedanke zum Schluss

Wir sprechen hier nicht über ein Programm für die nächste Legislaturperiode. Wir sprechen über eine Vision — über die Frage, in welcher Welt wir leben wollen. Die Geschichte zeigt, dass die Länder, die den Mut hatten, dem Militarismus abzuschwören — Costa Rica seit 1948, die Schweiz seit Jahrhunderten —, nicht untergegangen sind. Im Gegenteil: Sie gehören zu den sichersten, wohlhabendsten und lebenswertesten Gesellschaften der Erde.

Die Friedensdividende ist real. Sie lässt sich in Dollar beziffern, in Menschenleben zählen und in Lebenserwartung messen. Jeder Euro, der nicht in eine Granate fließt, kann in eine Schule, ein Krankenhaus oder eine Brücke fließen. Jeder junge Mensch, der nicht auf einem Schlachtfeld stirbt, kann eine Familie gründen, eine Firma aufbauen oder ein Buch schreiben.

Das ist kein Wunschtraum. Das ist eine Entscheidung.


Frank Kemper schreibt regelmäßig für progressivestimme.de über Politik, Gesellschaft und alternative Denkmodelle. Sein Buch „Politik ohne Illusionen” ist in zweiter Auflage im BoD Verlag erschienen.

Dieser Artikel erschien erstmals am 09.10.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von cocoparisienne auf Pixabay.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de