Wir erleben gerade in Deutschland einen Kampf. Manche nennen ihn Kulturkampf, andere Ideologiekampf. Es ist beides. Auf der einen Seite geht es um Werte, Sprache, Symbole, Geschlecht, Migration und Erinnerung. Darunter aber geht es um Macht, um Ressourcen und darum, wer noch das Sagen hat in diesem Land. Die Linke verliert diesen Kampf. Und sie verliert ihn nicht, weil ihre Gegner so stark wären. Sie verliert ihn, weil ein Teil von ihr die eigenen Grundprinzipien verraten hat.
Wer links ist, ist das nicht aus Mode oder Karriere. Wer links ist, steht für die einfachen Leute. Für die, die keine Lobby haben. Für die, die keine Möglichkeit haben, ihre Interessen durchzusetzen, wenn sie nicht laut werden dürfen. Deshalb war links immer für echte Demokratie – nicht für die verwaltete Variante, in der oben entschieden wird und unten nur noch applaudiert. Deshalb war links immer für Frieden. Nicht aus Naivität, sondern weil Kriege die unteren Klassen zuerst treffen. Die Reichen und Mächtigen sitzen nicht in den Schützengräben. Deshalb war links immer für Meinungsfreiheit. Weil Kritik von unten kommt. Die oberen Klassen brauchen sie nicht. Ihnen gefällt das System sowieso.
Ein Teil der gesellschaftlichen Linken – nicht nur die Partei Die Linke, sondern die breite Szene aus Medien, NGOs, Aktivisten, Teilen von SPD und Grünen und den großen CSDs – hat diese Prinzipien verraten. Und zwar nicht leise. Sondern offen und mit System.
Zum Frieden. Auf Bundesebene forderte der ehemalige Linken-Vorsitzende Jan von Aken noch vor kurzem, russische Schiffe militärisch stoppen zu lassen. Das ist keine harmlose Forderung. Das ist eine Kriegserklärung. Und es gab keinen großen Aufschrei aus den eigenen Reihen. Gleichzeitig wurde die Forderung, wehrpflichtige Ukrainer zurück in die Ukraine zu schicken, von großen Teilen der gesellschaftlichen Linken nicht ernsthaft bekämpft. Manche haben sogar mitgetragen oder geschwiegen, während die EU überlegt, diesen Männern den Schutzstatus zu entziehen. Das ist Verrat. Verrat an der Idee, dass links immer auf der Seite der einfachen Leute steht, die nicht als Kanonenfutter verheizt werden sollen.
Auf Landesebene in Mecklenburg-Vorpommern hat das Kultusministerium unter einer Linken-Ministerin eine Vereinbarung getroffen, die den Besuch von Jugendoffizieren in Schulen erleichtert. Militär in den Schulen. Und die Ministerin hat das verteidigt. Interessant ist: Wo das BSW mitregiert, gibt es solche Vereinfachungen nicht. Das zeigt, wo die Prioritäten liegen.
Auf kommunaler Ebene in Köln wurde beantragt, dass die Stadt als größter Anteilseigner des Flughafens Köln/Bonn sich dafür einsetzt, Waffenlieferungen nach Israel zu unterbinden. Die Linke hat dagegen gestimmt. Während gleichzeitig Kampagnen laufen, die genau diese Lieferungen über Köln stoppen wollen. Das ist kein Einzelfall. Das ist ein Muster.
Und dann die Demokratie und die Meinungsfreiheit. Die gesellschaftliche Linke unterstützt vehement die CSDs. Der Kölner CSD gilt als einer der größten in Europa. In seinem Programm für 2026 steht die Forderung, Parteien zu verbieten, die transphobe oder homophobe Äußerungen tätigen. Die Definitionshoheit liegt natürlich bei denen, die das fordern. Das ist ein direkter Angriff auf das Grundgesetz. Das ist der Versuch, missliebige Meinungen per Verbot auszuschalten. Gleichzeitig werden BSW und AfD aus den CSDs in Berlin, Duisburg und Köln ausgeschlossen, während die Bundeswehr mitmarschieren darf. Das nenne ich Klassenbewusstsein der neuen Art: Die eigene Identitätspolitik wird höher gehängt als jedes Klasseninteresse.
Die Demokratie wird verraten, wenn man die Brandmauer hochzieht. Eine Brandmauer, die sagt: Egal was die anderen sagen, wir reden nicht mit ihnen. Wie soll eine Demokratie funktionieren, wenn man nicht mehr miteinander redet? Die Spitze dieser Verachtung zeigte sich in Erfurt. Als der AfD-Bundesparteitag stattfinden sollte, versuchte ein von der gesellschaftlichen Linken unterstütztes Bündnis namens „Widersetzen”, ihn zu verhindern. Es ging nicht nur um Protest. Es ging um die Verhinderung eines demokratischen Grundrechts einer Partei. Und bei den Gegendemonstrationen wurden Journalisten attackiert. Gewalt gegen Berichterstatter. Das wurde von Teilen der Linken nicht nur toleriert, sondern teilweise sogar beklatscht oder relativiert. Sämtliche demokratischen Pflichten und Rechte – eine Partei ihren Parteitag durchführen zu lassen – wurden negiert. Das war nicht demokratisch. Das war das Gegenteil.
Dazu kommen die ganzen NGOs und Initiativen gegen Hass und Hetze, die in Wahrheit ein Programm zur Einschränkung von Meinungsfreiheit fahren. Alles im Namen der Demokratie. Aber es ist das genaue Gegenteil.
Die Menschen spüren diesen Verrat. Sie spüren, dass Teile der Linken nicht mehr für sie sprechen, sondern für eigene Milieus, für Karrieren, für Identitäten, für Posten. Sie wenden sich ab. Und die Rechten gewinnen. Nicht weil ihre Ideen besser wären. Sondern weil das Vakuum gefüllt wird.
Und doch kann man nicht anders. Man kann nicht gegen seine Natur handeln. Man kann nicht gegen seine tiefste Überzeugung handeln. Es gibt Leute, die das können – die Opportunisten, die sich kaufen oder blenden lassen. Aber nicht alle. Viele von uns können das nicht. Wir können nicht einfach so tun, als wäre alles egal. Wir können nicht zuschauen, wie die klassischen linken Ziele – Mitbestimmung der einfachen Leute, Frieden statt Kanonenfutter, Kritik von unten – verraten werden und dann noch mitmachen.
Deshalb ist es wichtig, diese Ziele weiter hochzuhalten. Nicht die Ziele der opportunistischen Linken, die unter dem Label Identitätspolitik ihre eigenen Vorteile suchen. Sondern die der klassischen Linken. Die Entwicklung menschlicher Gesellschaften ist ein Auf und Ab. Ein Hin und Her. Auch wenn diese Ideen in der nächsten Zeit keine Früchte tragen werden – sie sind Keimzellen. In fernerer Zukunft werden sie wieder entdeckt werden. Und genau dafür sorgen wir vor. Mit jedem Gedanken, den wir äußern. Mit jeder Analyse. Mit jedem klaren Wort. Wir bremsen den Schwenk nach rechts. Vielleicht stoppt das Pendel ein paar Millimeter früher. Vielleicht verhindern wir das Schlimmste. Allein das rechtfertigt den Einsatz.
Denn wer nicht gegen seine Natur handeln kann, der hat keine andere Wahl. Er muss weiterkämpfen. Auch wenn es gerade aussichtslos scheint. Gerade dann.
Dieser Artikel erschien erstmals am 26.10.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von stanislavjakub auf Pixabay.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de