Die Heuchelei des Westens: Wie wir Autokratien züchten

Immer wieder hören wir die gleiche Leier: Staaten, die in Konfrontation mit dem Westen stehen, seien autoritär oder diktatorisch geführt. Das wird uns als moralische Begründung für unsere Außenpolitik verkauft. Doch wir müssen die Frage umkehren: Ist diese Härte der Staatsführung vielleicht gar kein inhärentes Merkmal dieser Nationen, sondern eine direkte Folge westlicher Handlungen?

Die These ist unbequem, aber notwendig: Der Westen begünstigt, wenn er sie nicht sogar aktiv erzeugt, genau die diktatorischen Strukturen, die er später wortreich verurteilt.

Der Westen nutzt seine historisch gewachsene, wenn auch bröckelnde wirtschaftliche Macht als Waffe. Schauen wir auf Venezuela: Studien legen nahe, dass die US-Sanktionen für zehntausende Todesopfer verantwortlich sind.

Doch das vielleicht grausamste Beispiel liefert der Irak der 90er Jahre. Eine halbe Million Kinder sollen dort den westlichen Sanktionen zum Opfer gefallen sein. Als die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright gefragt wurde, ob der Tod von einer halben Million Kindern diesen Preis wert sei, antwortete sie eiskalt: „Wir glauben, der Preis ist es wert.

Die Logik dahinter ist perfide: Wenn in einem Land überlebenswichtige Ressourcen – seien es Medikamente, sauberes Wasser oder Lebensmittel – künstlich verknappt werden, beginnt der Kampf ums Überleben. In einer solchen Situation muss der Staat autoritärer werden. Überließe man die Verteilung dem Chaos, würden einige wenige alles horten, während die Masse stirbt. Selbst eine korrupte Regierung ist gezwungen, die Rationierung zentral zu organisieren, um den totalen Kollaps zu verhindern. Die Sanktionen stärken also paradoxerweise die Rolle des Staates, statt sie zu schwächen.

Dazu kommt ein psychologischer Effekt: Ein äußerer Feind schweißt zusammen. Sanktionen erlauben es jeder Regierung, Kritik als Verrat zu brandmarken. Wer abweicht, ist die „fünfte Kolonne“ des Gegners.

Wir erleben diesen Mechanismus gerade selbst. In der Corona-Zeit war das Virus der Feind, heute wird uns Russland als der absolute Feind verkauft. Die Folge? Auch bei uns wird der Staat autoritärer, die Demokratie verkommt zur leeren Hülle. Wenn allein schon wirtschaftlicher Druck und Propaganda bei uns solche Spuren hinterlassen, wie verheerend muss die Wirkung militärischer Drohungen auf andere Staaten sein?

Ein aktuelles Beispiel für diese Doppelmoral ist die Ukraine. Kaum ein Land in Europa dürfte derzeit autoritärer geführt werden. Präsident Selenskyj hat seine Amtszeit weit überschritten, die Opposition wurde größtenteils verboten, kritische Medien gleichgeschaltet. Kritiker leben gefährlich, und selbst die russische Sprache wird unterdrückt.

Man muss es so hart sagen: Eine derart autoritäre Staatsführung findet man sonst kaum. Natürlich übt Russland militärischen Druck aus. Aber der Westen trägt Mitschuld, indem er die Ukraine als Stellvertreter in einen endlosen Krieg treibt. Die Ukraine wird zerrieben – und im Inneren zu einer Diktatur, die wir zynischerweise als Bollwerk der Freiheit bejubeln.

Es gibt noch eine zweite Kategorie von Autokratien „Made by West“: Staaten, die reich an Rohstoffen sind. Die Geschichte zeigt: Je autoritärer ein solches Land geführt wird, desto leichter kann der Westen auf die Ressourcen zugreifen – solange der Diktator „unser“ Diktator ist.

  • Saddam Hussein: Er wurde vom Westen massiv unterstützt und hochgerüstet, solange er Krieg gegen den Iran führte. Dass er dabei Giftgas gegen iranische Soldaten und sogar gegen die eigene kurdische Bevölkerung (wie in Halabja) einsetzte, wurde ihm verziehen und politisch gedeckt. Er war „unser Mann“, bis er nicht mehr gehorchte.
  • Der Schah in Persien: Vom Westen installiert, um den Zugriff auf Öl zu sichern.
  • Patrice Lumumba: Im Kongo ermordet, weil er die Bodenschätze seinem eigenen Volk zugutekommen lassen wollte.
  • Muammar al-Gaddafi: Erst Feindbild, dann wieder der gehätschelte Partner, der seine Zelte in Paris aufschlagen durfte, solange das Öl floss.

Auch die Golf-Monarchien werden trotz ihrer diktatorischen Strukturen hofiert, weil sie die Ausbeutung ihrer Länder durch den Westen garantieren.

Wirtschaftliche Freiheit ist die Voraussetzung für innere Freiheit. Druck, Sanktionen und militärische Drohungen von außen erzeugen niemals Demokratie. Sie erzeugen Mangel, Angst und damit den perfekten Nährboden für Autoritarismus. Wer über Diktaturen in der Welt klagt, sollte zuerst aufhören, die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie gedeihen.

Dieser Artikel wurde am 09.01.2026 erstmals veröffentlichen. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Vilius Kukanauskas auf Pixabay.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de