Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich die westliche, insbesondere die amerikanische Politik gegenüber Nordkorea zu einem vielschichtigen System aus wirtschaftlichem Druck, militärischen Drohungen und verdeckten Operationen entwickelt. Was in der öffentlichen Debatte oft als notwendige Reaktion auf nordkoreanische Provokationen dargestellt wird, offenbart bei genauerer Betrachtung ein komplexes Netz systematischer Interventionen, die weit über klassische Diplomatie hinausgehen.
Sanktionen als Waffe
Die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Nordkorea zählen zu den strengsten und langlebigsten Maßnahmen der modernen Geschichte. Ihre Wurzeln reichen bis in die Zeit des Koreakriegs (1950–1953) zurück, als die USA ein umfassendes Handelsembargo verhängten. Seither wurden die Restriktionen schrittweise verschärft und auf weitere Bereiche ausgeweitet, um das Regime in Pjöngjang unter Druck zu setzen – insbesondere wegen dessen nuklearen Ambitionen und Menschenrechtsverletzungen.
Ein entscheidender Einschchnitt markierte die UN-Sicherheitsratsresolution 1718, die am 14. Oktober 2006 als direkte Reaktion auf Nordkoreas ersten Atomwaffentest verabschiedet wurde. Mit dieser Resolution leitete die internationale Gemeinschaft eine neue Phase der Sanktionen ein, die weit über frühere Beschränkungen hinausgingen. Zu den zentralen Maßnahmen gehörten das Verbot des Handels mit Kriegsmaterial und zugehöriger Technologie, um die militärische Aufrüstung des Landes zu unterbinden; das Einfrieren von Vermögenswerten von Personen und Unternehmen, die mit dem nordkoreanischen Waffenprogramm in Verbindung standen; ein Exportverbot für Luxusgüter, das die Elite des Regimes treffen sollte; sowie das Recht zur Inspektion von Schiffen, die Güter von oder nach Nordkorea transportierten, um Schmuggel zu verhindern.
Besonders bemerkenswert war, dass die Resolution auf Kapitel VII der UN-Charta Bezug nahm – ein Mechanismus, der im Extremfall auch militärische Zwangsmaßnahmen ermöglicht. Allerdings blockierten Russland und China eine solche Option und setzten durch, dass zunächst nur wirtschaftliche und diplomatische Mittel zum Einsatz kamen. Trotz dieser Einschränkung markierte die Resolution 1718 den Beginn einer bis heute anhaltenden Spirale aus Sanktionen, Gegenreaktionen Nordkoreas und weiteren Verschärfungen, die das Land wirtschaftlich isolierten, ohne jedoch eine nachhaltige Verhaltensänderung des Regimes zu bewirken.
Finanzielle Kriegsführung
Ein besonders einschneidendes Ereignis war die Maßnahme gegen die Banco Delta Asia (BDA) in Macau im September 2005. Das US-Finanzministerium nutzte erstmals Sektion 311 des USA PATRIOT Act, um eine ausländische Bank als „primary money laundering concern“ einzustufen.
Die USA warfen der Bank vor, nordkoreanische Gelder aus angeblich illegalen Aktivitäten wie Falschgeldhandel und Drogenhandel zu waschen. US-Banken wurde jegliche Geschäftsbeziehung mit der BDA verboten.
Die systemische Wirkung ging weit über den direkten Effekt hinaus: Obwohl nur etwa 25 Millionen US-Dollar nordkoreanischer Guthaben betroffen waren, löste die Maßnahme einen Dominoeffekt aus. Banken weltweit begannen aus Angst vor sekundären Sanktionen, Geschäftsbeziehungen mit nordkoreanischen Einrichtungen zu kappen. Dies führte zu einer drastischen Isolation Nordkoreas vom internationalen Finanzsystem.
Dieser Fall demonstrierte eine neue Qualität der Einmischung: Die USA nutzten ihre Kontrolle über das internationale Finanzsystem als strategische Waffe, um ein Land wirtschaftlich zu erdrosseln, ohne formell Krieg zu führen.
Die humanitären Folgen
Während Sanktionen offiziell auf die Führung zielen sollen, treffen sie in der Realität vor allem die Zivilbevölkerung. Die umfassende Blockade erschwert den Import lebensnotwendiger Güter, medizinischer Ausrüstung und Technologie. Zwar wurde unter der Clinton-Administration zeitweise der Export von „kommerziellen Gütern zur Deckung grundlegender menschlicher Bedürfnisse“ genehmigt, doch diese Phase der bedingten Entspannung endete spätestens 2002 mit der Aufdeckung eines geheimen Urananreicherungsprogramms.
Die Evolution der Militärübungen
Die militärischen Großmanöver der USA und Südkoreas haben sich seit dem Ende des Kalten Krieges in Umfang und Intensität erheblich gewandelt. Sie dienen heute als primäres Instrument militärischer Druckausübung.
Historische Entwicklung:
Team Spirit
(bis 1993): Große gemeinsame Manöver, die in den 1990er Jahren zeitweise ausgesetzt wurden
Ulchi Freedom Guardian:
Modernere Übungen mit zunehmend offensiven Szenarien
Aktuelle Manöver:
Integration modernster Waffensysteme und Simulation von Enthauptungsschlägen gegen die nordkoreanische Führung
Diese Übungen sind keine rein defensiven Vorbereitungen. Sie umfassen explizit Szenarien für präventive Angriffe, die Ausschaltung der nordkoreanischen Führung und die Besetzung des Landes.
Die Washington Declaration: Rückkehr der Atomwaffen
Ein dramatischer Eskalationsschritt war die Washington Declaration vom April 2023. Dieses Abkommen zwischen den USA und Südkorea etablierte die „Nuclear Consultative Group“ (NCG), die gemeinsame Planungen für den Einsatz von US-Atomwaffen koordiniert.
Kern der Erklärung ist, dass Südkorea mehr Einfluss bei der Planung des Einsatzes von US-Atomwaffen erhält. Und dass die USA sich zur „regelmäßigen Sichtbarkeit“ strategischer Waffensysteme auf der koreanischen Halbinsel verpflichteten. Im Juli 2023 lief das nuklear bewaffnete U-Boot der Ohio-Klasse, die USS Kentucky, in den Hafen von Busan ein – der erste Besuch eines atomwaffenbestückten U-Boots in Südkorea seit den 1980er Jahren. Dies signalisiert Nordkorea unmissverständlich, dass US-Nuklearwaffen faktisch wieder vor Ort präsent sind.
Flankiert wird diese Präsenz durch regelmäßige Überflüge strategischer Bomber (B-52H, B-1B Lancer) und den Einsatz von Tarnkappenjägern (F-22, F-35), die die nordkoreanische Luftabwehr praktisch obsolet machen.
„Left of Launch“: Cyber-Sabotage gegen Raketentests
Eine besonders tiefgreifende Form westlicher Einmischung ist das verdeckte Programm zur Sabotage nordkoreanischer Raketentests, bekannt als „Left of Launch“.
Während der Amtszeit von Präsident Barack Obama wurde etwa 2013/2014 ein geheimes Programm entwickelt, das darauf abzielte, Nordkoreas Raketenarsenal bereits vor dem Start oder in der frühen Flugphase auszuschalten – nicht durch klassische Raketenabwehr, sondern durch Cyberangriffe und elektronische Kriegsführung. Statt teure und riskante Abfangraketen einzusetzen, sollte das Programm die nordkoreanischen Systeme präventiv sabotieren, indem es direkt in ihre technischen Schwachstellen eingriff.
Zu den zentralen Methoden gehörten das Einschleusen von Schadsoftware in die Steuerungssysteme der Raketen, um deren Startsequenzen zu stören oder sie sogar unbemerkt funktionsunfähig zu machen. Eine weitere Taktik bestand in der Manipulation von Navigationsdaten, etwa durch gefälschte GPS-Signale oder gestörte Flugbahnberechnungen, wodurch die Raketen bereits kurz nach dem Start vom Kurs abkommen oder abstürzen sollten. Zudem kam die gezielte Störung elektronischer Komponenten durch elektromagnetische Impulse (EMP) zum Einsatz, um kritische Bordsysteme lahmzulegen – sei es durch Überlastung, Datenverfälschung oder vollständigen Ausfall.
Dieser Ansatz war Teil einer verdeckten, nicht-kinetischen Strategie, die darauf setzte, Nordkoreas Raketentests im Keim zu ersticken, ohne offen militärisch einzugreifen. Ob und in welchem Umfang das Programm erfolgreich war, blieb weitgehend geheim – doch es markierte einen Wendepunkt in der Cyberkriegsführung als Instrument der Abschreckung und Sabotage.
Die ungewöhnlich hohe Ausfallrate nordkoreanischer Raketentests in den Jahren 2016 und 2017 wird von Experten teilweise auf diese verdeckten Sabotageoperationen zurückgeführt.
Die militärische Einmischung beschränkt sich nicht auf die USA und Südkorea. Auch europäische NATO-Partner haben ihre Präsenz in der Region massiv ausgebaut:
Großbritannien: Entsendung von Zerstörern der Royal Navy (HMS Albion, HMS Sutherland) und Patrouillenflugzeugen
Frankreich: Beteiligung mit Kriegsschiffen im Ostchinesischen Meer
Kanada: CP-140 Aurora-Überwachungsflugzeuge
Australien und Neuseeland: Teilnahme an Überwachungsmissionen
Diese Einheiten führen Patrouillen durch, um Schiff-zu-Schiff-Transfers von Öl und Kohle zu dokumentieren und zu stören, mit denen Nordkorea UN-Sanktionen umgeht. Die Präsenz europäischer Kriegsschiffe tausende Kilometer von Europa entfernt unterstreicht die Internationalisierung der militärischen Einmischung.
Politische Subversion: Der Kampf um die Köpfe
Parallel zum militärischen und ökonomischen Druck verfolgen westliche Staaten eine umfassende Strategie der „Soft Power“-Infiltration, die darauf abzielt, das Informationsmonopol des Regimes zu brechen und interne Unruhe zu fördern.
Das National Endowment for Democracy (NED), maßgeblich vom US-Kongress finanziert, vergibt jährlich Millionenbeträge an Organisationen, die sich auf Nordkorea fokussieren:
Daily NK: Unabhängiges Nachrichtenportal, das Informationen aus Nordkorea schmuggelt
Radio Free North Korea: Sendet Informationen nach Nordkorea
Menschenrechtsorganisationen: Dokumentieren Menschenrechtsverletzungen und fördern Zeugenaussagen von Überläufern. Diese Organisationen werden oft als zivilgesellschaftliche Initiativen präsentiert, sind faktisch jedoch Teil einer staatlich orchestrierten Strategie zur Destabilisierung des Regimes.
Voice of America (VOA) und Radio Free Asia (RFA) sind direkt von der US-Regierung finanzierte Sender, die täglich Sendungen auf Koreanisch ausstrahlen. Die Inhalte sind explizit darauf ausgelegt, das nordkoreanische Regime zu delegitimieren und alternative Weltbilder zu vermitteln.
BBC Korean Service: Im Jahr 2017 startete der BBC World Service ein koreanisches Programm als Teil einer umfassenden Investition der britischen Regierung (£289 Millionen) zur Stärkung der globalen Medienpräsenz und zur Förderung „britischer Werte“. Die BBC sendet Nachrichten, die explizit darauf ausgelegt sind, die Zensur zu umgehen.
Die „Ballon-Kriege“: Technologische Infiltration
Südkoreanische NGOs, oft unterstützt durch westliche Geldgeber, führen regelmäßig Ballonstarts an der innerkoreanischen Grenze durch.
Die Ballon transportieren dabei Flugblätter mit Regimekritik, USB-Sticks mit Wikipedia-Inhalten, südkoreanischen Filmen und K-Pop, sowie US-Dollar-Noten als Anreiz.
Diese Aktionen werden von Pjöngjang als aggressive psychologische Kriegsführung betrachtet und haben wiederholt zu diplomatischen Krisen geführt.
Verdeckte Operationen: Der Fall Free Joseon
Eine besonders brisante Episode illustriert das Ausmaß westlicher Verwicklung in subversive Aktivitäten: die Gruppe Free Joseon (früher Cheollima Civil Defense).
Im Februar 2019, nur Tage vor dem Gipfeltreffen zwischen Trump und Kim Jong-un in Hanoi, stürmte ein Kommando der Gruppe die nordkoreanische Botschaft in Madrid. Die Angreifer fesselten Diplomaten und entwendeten Computer sowie Festplatten mit sensiblen Daten.
Der Anführer, Adrian Hong, floh in die USA und nahm Kontakt zum FBI auf, um die gestohlenen Daten zu übergeben. Das FBI nahm das Material entgegen – ein bemerkenswerter Vorgang, der Fragen nach der Komplizenschaft aufwirft. Ein weiterer Teilnehmer, der ehemalige US-Marine Christopher Ahn, wurde in den USA festgenommen, aber seine Auslieferung an Spanien wurde zu einem politisch sensiblen Thema.
Obwohl offizielle Stellen eine direkte Auftraggeberschaft bestreiten, spekulieren Experten über eine Duldung oder indirekte Unterstützung. Die Gruppe hatte zuvor Kim Han-sol, den Neffen von Kim Jong-un, nach dem Mord an seinem Vater Kim Jong-nam mit mutmaßlicher westlicher Hilfe in Sicherheit gebracht.
Die Tatsache, dass eine paramilitärische Gruppe, die den gewaltsamen Umsturz anstrebt, in den USA operieren konnte und vom FBI unterstützt wurde, wird in Pjöngjang als Beweis für westliche Regimewechsel-Ambitionen gesehen.
Rekrutierung von Überläufern
Die westlichen Geheimdienste haben systematisch hochrangige nordkoreanische Überläufer rekrutiert und geschützt:
Der Fall Kenneth Bae und James Clapper: Die Freilassung amerikanischer Gefangener in Nordkorea erforderte mehrfach geheime Reisen hochrangiger US-Geheimdienstvertreter, was die verdeckten Kanäle zwischen beiden Ländern offenbart.
Ko Yong Suk – Die Tante im Exil: Ko Yong Suk, die Tante von Kim Jong-un, floh 1998 aus der Schweiz in die US-Botschaft und erhielt politisches Asyl in den USA. Sie arbeitet nach eigenen Angaben weiterhin mit der CIA zusammen und hat Details aus der Kindheit des nordkoreanischen Diktators preisgegeben, die zur westlichen Informationsgewinnung über die Führungszirkel beitragen.
Diese Operation zeigt das Ausmaß der westlichen Bestrebungen, nicht nur Informationen zu sammeln, sondern auch die Legitimität der Kim-Dynastie zu untergraben, indem Angehörige des inneren Zirkels zur Flucht bewogen werden.
Die paradoxen Folgen westlicher Intervention
Einer der größten Widersprüche westlicher Politik besteht darin, dass die jahrzehntelange Druckausübung genau das Gegenteil des gewünschten Effekts erzielt hat: Statt zur Denuklearisierung hat sie zur Verfestigung und Beschleunigung des nordkoreanischen Atomprogramms beigetragen.
Das Regime rechtfertigt sein Nuklearprogramm konsequent als notwendige Abschreckung gegen die existenzielle Bedrohung durch die USA. Die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA wirft den USA eine „Politik zur Isolierung und Erstickung“ vor und präsentiert den Kernwaffenbesitz als Mittel der Selbstverteidigung.
Kim Yo-jong, die einflussreiche Schwester des Machthabers, betonte im April 2025, dass die Ziele Nordkoreas bezüglich des Ausbaus der Atomwaffen in der Verfassung verankert sind. Jede Diskussion über Denuklearisierung von außen stelle einen „äußerst feindseligen Akt“ dar.
Wissenschaftliche Analysen beschreiben die Fortentwicklung des Nuklearprogramms als eine Art nordkoreanische „Manifest Destiny“ – das Programm und die Teilung der koreanischen Halbinsel stehen für Nordkorea nicht zur Verhandlung.
Nordkoreas Weigerung, sein Atomprogramm aufzugeben, wird durch die Schicksale anderer Staaten wie Lybien, Irak oder Venezuela verstärkt.
Aus nordkoreanischer Sicht beweisen diese Fälle, dass nur der tatsächliche Besitz von Atomwaffen einen wirksamen Schutz vor westlichen Regimewechsel-Operationen bietet.
Die westliche Einmischung treibt Nordkorea zunehmend in eine engere Allianz mit China und Russland. China hat ein fundamentales Interesse daran, Nordkorea als Pufferstaat zu erhalten. Jede Destabilisierung oder gar ein Regimewechsel würde das Risiko einer Flüchtlingskrise und eines vereinten, möglicherweise pro-westlichen Koreas an Chinas Grenze bergen.
Diese geopolitische Konstellation macht eine Lösung des Nordkorea-Konflikts ohne Einbeziehung Chinas unmöglich – doch genau diese Einbeziehung wird durch die zunehmende Konfrontation zwischen den USA und China immer schwieriger.
Die gescheiterte Diplomatie: Trump, Kim und das verpasste Fenster
Im Jahr 2018 kam es zu einer überraschenden Wendung. Donald Trump wurde der erste amtierende US-Präsident, der nordkoreanischen Boden betrat, als er am 30. Juni 2019 zusammen mit Südkoreas Präsident Moon Jae-in in der DMZ Kim Jong-un traf.
Dieser spektakuläre Moment symbolischer Diplomatie schien die zuvor herrschende feindselige Atmosphäre durchbrechen zu können. Trump hatte Kim per Twitter spontan vorgeschlagen, ihn an der Grenze zu treffen – ein unkonventioneller Schritt, der weltweit Aufmerksamkeit erregte.
Doch das entscheidende Gipfeltreffen in Hanoi im Februar 2019 scheiterte. Die Positionen waren unvereinbar:
Nordkorea forderte die Aufhebung der wichtigsten UN-Sanktionen als Gegenleistung für die Schließung der Atomanlagen in Yongbyon. Die USA verlangten eine umfassende Denuklearisierung vor jeder Sanktionserleichterung.
Trump brach die Verhandlungen ab und verließ Hanoi vorzeitig. Damit endete das vielleicht beste Zeitfenster für eine diplomatische Lösung seit Jahrzehnten.
Nach dem Scheitern der Trump-Kim-Diplomatie kehrte die Konfrontation mit neuer Intensität zurück. Die Biden-Administration verfolgt eine härtere Linie, die Washington Declaration von 2023 brachte eine beispiellose Eskalation der militärischen Drohkulisse.
Widersprücheliche Politik des Westens
Bei nüchterner Betrachtung offenbart die westliche Politik erhebliche Widersprüche:
Selektive Anwendung von Standards:
Während Nordkoreas Atomprogramm als existenzielle Bedrohung dargestellt wird, werden die Atomwaffenarsenale anderer Staaten (Israel, Pakistan, Indien) geduldet oder sogar unterstützt. Die USA selbst besitzen das größte Atomwaffenarsenal der Welt und haben es in Ostasien strategisch positioniert.
Kontraproduktive Eskalation:
Die militärischen Drohungen und Manöver haben nicht zur Denuklearisierung geführt, sondern das Gegenteil bewirkt. Nordkorea hat sein Programm massiv ausgebaut und verfügt heute über Interkontinentalraketen, die theoretisch das US-Festland erreichen können.
Humanitäre Doppelmoral:
Während westliche Regierungen Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea anprangern, verschärfen die umfassenden Sanktionen die humanitäre Situation der Bevölkerung. UN-Berichte bestätigen, dass Sanktionen den Zugang zu Nahrung, Medizin und lebensnotwendigen Gütern erschweren.
Verdeckte Regimewechsel-Agenda:
Die Unterstützung von Dissidentengruppen, die Finanzierung von Regime-kritischen Medien und die Duldung paramilitärischer Gruppen wie Free Joseon legen nahe, dass es nicht nur um Denuklearisierung geht, sondern um einen grundsätzlichen Regimewechsel. Die westliche Politik bietet Nordkorea keine glaubwürdige Sicherheitsgarantie. Die Beispiele Libyen und Irak zeigen, dass die Aufgabe von Massenvernichtungswaffen nicht vor westlicher Intervention schützt.
Die Instrumentalisierung der Menschenrechte
Ein besonders sensibler Aspekt der westlichen Einmischung ist die Nutzung von Menschenrechtsnarrativen. Zweifellos begeht das nordkoreanische Regime schwere Menschenrechtsverletzungen – dies ist durch zahlreiche unabhängige Berichte dokumentiert.
Die Frage ist aber: Warum wird dieser Maßstab so selektiv angewendet? Schwere Menschenrechtsverletzungen in verbündeten Staaten (Saudi-Arabien, Ägypten, verschiedene zentralasiatische Diktaturen) führen nicht zu vergleichbaren Sanktionsregimen oder militärischen Drohungen.
Diese Selektivität nährt den Verdacht, dass Menschenrechte instrumentalisiert werden, um geopolitische und strategische Interessen zu legitimieren, anstatt universelle Werte konsequent zu vertreten.
Die vergessene Vorgeschichte: Der Koreakrieg und seine Folgen
Um die nordkoreanische Paranoia und Abwehrhaltung zu verstehen, ist ein Blick auf die Geschichte unerlässlich. Der Koreakrieg (1950-1953) hinterließ tiefe Narben. Nahezu jedes größere Gebäude in Nordkorea wurde durch US-Luftangriffe zerstört. Schätzungen gehen von bis zu 3 Millionen Todesopfern aus. Der massive Einsatz von Napalm und Brandbomben prägte das kollektive Gedächtnis.
General Curtis LeMay, der die Luftkampagne leitete, sagte später: „Wir haben über einen Zeitraum von drei Jahren etwa 20 Prozent der Bevölkerung getötet.“
Ein oft übersehener Fakt: Der Koreakrieg endete nie mit einem Friedensvertrag, sondern nur mit einem Waffenstillstand. Technisch gesehen befinden sich Nord- und Südkorea sowie die USA noch immer im Kriegszustand.
Nordkoreanische Forderungen nach einem formellen Friedensvertrag und gegenseitigen Sicherheitsgarantien wurden vom Westen stets abgelehnt oder mit Vorbedingungen versehen, die für Pjöngjang inakzeptabel waren.
Ausblick: Wohin führt diese Politik?
Nach über drei Jahrzehnten intensiver westlicher Einmischung ist die Bilanz ernüchternd. Nordkorea besitzt heute ein funktionsfähiges Atomwaffenarsenal mit geschätzten 30-60 Sprengköpfen. Das Land verfügt über Interkontinentalraketen mit theoretischer Reichweite bis zur US-Westküste. Die Wirtschaft ist trotz Sanktionen nicht kollabiert. Das Regime ist stabiler als je zuvor und hat Machtwechsel erfolgreich bewältigt. Die Bevölkerung leidet unter Sanktionen, doch das hat nicht zu Aufständen geführt.
Die Realität: Die Politik der maximalen Druckausübung hat ihre selbst gesetzten Ziele nicht erreicht, sondern die Situation verschärft.
Kritische Beobachter fordern seit langem alternative Ansätze, die beispielweise glaubwürdige Sicherheitsgarantieren, möglicherweise durch einen Friedensvertrag, für Nordkorea umfassen. Statt „Alles oder Nichts“-Forderungen könnte eine Politik kleiner, gegenseitiger Schritte Vertrauen aufbauen. Die Erfahrungen mit China und Vietnam zeigen, dass wirtschaftliche Öffnung gesellschaftliche Veränderungen fördern kann. Eine Lösung ist nur unter Einbeziehung Chinas, Russlands und regionaler Akteure möglich. Die ständigen Militärmanöver und atomaren Drohungen sind mit Vertrauensbildungsmaßnahmen nicht vereinbar.
Der Nordkorea-Konflikt ist zunehmend eingebettet in die größere Auseinandersetzung zwischen den USA und China. Die westliche Einmischung in Nordkorea treibt das Land weiter in die Arme Chinas und Russlands, was eine antiwestliche Achse verfestigt.
Solange die USA die koreanische Halbinsel als strategische Position zur Eindämmung Chinas betrachten, wird eine echte Entspannung schwierig bleiben – unabhängig von nordkoreanischem Verhalten.
Will der Westen tatsächlich eine friedliche Lösung, oder dient die Aufrechterhaltung der Bedrohungswahrnehmung strategischen Interessen – von der Rechtfertigung militärischer Präsenz in Ostasien bis zur Eindämmung Chinas?
Eine ehrliche Debatte über westliche Einmischung in Nordkorea muss diese unbequemen Fragen stellen und die Widersprüche der eigenen Politik anerkennen. Nur dann kann ein Weg aus der jahrzehntelangen Sackgasse gefunden werden.
Dieser Artikel erschien erstmals am 14.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Tomoyuki Mizuta auf Pixabay.
Zur Vorbereitung dieses Artikels wurde zwei KI Rechercheaufträge erteilt, deren Ergebnisse hier eingesehen werden können.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de