Wenn ich heute durch das ehemalige Regierungsviertel in Bonn gehe und es mit der monumentalen Wucht der Berliner Regierungsbauten vergleiche, beschleicht mich oft ein beklemmendes Gefühl. Es ist der Eindruck, dass die Unvernunft und die „Großmannssucht“, die wir in der aktuellen Bundespolitik oft beobachten, kein Zufall sind.
Meine These lautet: Die Architektur formt den Geist der Politik. Und in Berlin haben wir Gebäude geschaffen, die eine politische Kaste formen, die den Kontakt zur Realität verloren hat. Was zunächst nur ein Gefühl war, lässt sich bei genauerer Betrachtung der Fakten, der Architekturpsychologie und der Personalstatistiken erschreckend präzise belegen.
Der britische Premierminister Winston Churchill sagte einst einen Satz, der das Fundament dieser Betrachtung bildet: „Wir formen unsere Gebäude, und danach formen unsere Gebäude uns.“ Architektur ist niemals stumm. Sie ist der sichtbare Ausdruck der inneren Verfassung eines Staates.
Der Umzug von Bonn nach Berlin war nicht nur ein geographischer Wechsel. Er markierte den Übergang von einer „Architektur der Nähe und des Provisoriums“ hin zu einer „Architektur der Distanz und der Überwältigung“. In der Psychologie ist das keine Unbekannte, man spricht hier von einer korrelativen Kausalität: Je monumentaler und isolierter der Raum der Macht gestaltet ist, desto höher ist das Risiko für Realitätsverlust und systemische Fehlwahrnehmungen bei den Entscheidungsträgern.
Bonn: Die heilsame Wirkung der Baracke
Blicken wir zurück. Die Bonner Republik wird oft belächelt, doch ihre Architektur hatte eine disziplinierende Wirkung auf die Macht. Bonn war das „Bundesdorf“. Ministerien waren oft in alten Villen oder schmucklosen Zweckbauten untergebracht, teilweise herrschte eine regelrechte „Barackenkultur“. Diese räumliche Enge hatte einen entscheidenden Vorteil: Sie erzwang Kommunikation. Man konnte sich nicht in riesigen Komplexen verschanzen.
Der alte Kanzlerbungalow von Sep Ruf war gläsern, flach und fast im Park versteckt – ein „Anti-Palast“, der dem Kanzler signalisierte: Du bist ein Bürger unter Bürgern, deine Macht ist nur geliehen. Der gläserne Plenarsaal von Günter Behnisch radikalisierte diesen Gedanken der Transparenz.
Das Wichtigste aber war die soziale Durchmischung. Abgeordnete und Ministerialbeamte wohnten Tür an Tür mit „normalen“ Menschen, trafen sich beim Italiener oder in der Straßenbahn. Diese „Architektur der Nähe“ förderte den berühmten rheinischen Kompromiss und eine Politik der Bodenhaftung. Man rieb sich an der Realität des Alltags.
Berlin: Gigantonomie und Bunker-Mentalität
Berlin ist das genaue Gegenteil. Hier herrscht das Prinzip der Gigantonomie. Das sogenannte „Band des Bundes“, das einst Ost und West verbinden sollte, wirkt heute wie eine Barriere, die den politischen Betrieb vom städtischen Leben abkoppelt.
Das Kanzleramt, oft spöttisch „Waschmaschine“ genannt, ist in Wahrheit eine „Kathedrale der Kanzlerdemokratie“. Mit einer Hauptnutzfläche von rund 19.000 Quadratmetern sprengt es jeden menschlichen Maßstab. Zum Vergleich: Es ist um ein Vielfaches größer als das Weiße Haus mit 5100 qm. Wer in einem solchen Gebäude arbeitet, das Macht und Erhabenheit inszeniert, der beginnt, sich selbst als erhaben wahrzunehmen. Der Bau flüstert seinem Bewohner zu: „Du bist wichtig, du stehst über den Dingen.“
Noch schlimmer steht es um die neue BND-Zentrale. Ein Koloss mit 260.000 Quadratmetern Geschossfläche – das entspricht etwa 35 Fußballfeldern. Es ist ein „Closed System“ in Reinform. Wer hier arbeitet, ist von der Außenwelt physisch und mental abgeschnitten. Sozialpsychologisch ist das der ideale Nährboden für „Groupthink“: Eine isolierte Gruppe bestätigt sich gegenseitig ihre Weltsicht, ohne korrigierende Impulse von außen zuzulassen. Das Ergebnis ist eine Art organisatorische Paranoia, bei der die Welt draußen nur noch als abstrakte Bedrohung wahrgenommen wird.
Große Gebäude führen zu großen Blasen. Die Daten bestätigen das eindrucksvoll. Hier greift das Parkinsonsche Gesetz: Arbeit (und Bürokratie) dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Raum zur Verfügung steht.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache:
- Kanzleramt: In der Bonner Republik kam das Kanzleramt mit ca. 450 Mitarbeitern aus. Heute, in der Berliner „Festung“, sind es rund 900. Der Personalbestand hat sich fast verdoppelt. Eine Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft beziffert den Stellenzuwachs im Kanzleramt zwischen 2013 und 2023 sogar auf absurde 271 Prozent.
- BND: Trotz der gigantischen Dimensionen des Neubaus reichte der Platz schon bei Fertigstellung nicht mehr aus. Das Vorhandensein der monumentalen Zentrale generierte einen Sog, der zu immer neuen Abteilungen führte.
- Kostenexplosion: Die Personalausgaben der Bundesministerien haben sich zwischen 2013 und 2023 verdoppelt – ein Anstieg, der völlig entkoppelt vom Wirtschaftswachstum ist.
Das ist die institutionelle Blasenbildung: Der Apparat wächst um seiner selbst willen, gefüttert durch die Verfügbarkeit von Raum. In diesen riesigen „Silos“ entstehen Parallelwelten. Ein Beamter kann heute seinen Arbeitstag verbringen, ohne das Haus zu verlassen – Kantine, Kiosk, Friseur, alles ist „drinnen“. Der zufällige Kontakt mit dem Bürger entfällt.
Diese bauliche Abschottung setzt sich im Privaten fort. In Bonn wohnten Politiker verstreut im Umland. In Berlin konzentriert sich die politische Klasse – Abgeordnete, Journalisten, Lobbyisten – auf wenige, gentrifizierte Bezirke wie Mitte oder Prenzlauer Berg.
Man lebt unter seinesgleichen. Wer morgens mit dem Fahrrad durch den sanierten Altbaukiez zum Bundestag fährt oder die exklusive „Kanzler-U-Bahn“ nutzt (die jahrelang ohne Netzanschluss nur das Regierungsviertel bediente), erlebt eine völlig andere Realität als der Pendler im Ruhrgebiet oder der Handwerker auf dem Land. Diese Filterblase führt zu politischen Entscheidungen, die am „grünen Tisch“ rational erscheinen mögen, aber an der Lebenswirklichkeit der Mehrheit der Bevölkerung vorbeigehen – man denke nur an das Heizungsgesetz.
Das Symbol des Scheiterns: Die Leerstelle der Demokratie
Das vielleicht traurigste Symbol dieser Entwicklung ist das „Bürgerforum“. Im ursprünglichen Architekturentwurf für das Berliner Regierungsband war ein zentraler Platz vorgesehen, an dem sich Volk und Politik begegnen sollten. Dieser Platz wurde nie gebaut. Aus Sicherheits- und Kostengründen wurde er gestrichen.
Heute klafft dort eine städtebauliche Lücke, eine „tote Zone“. Der Platz, der für den Souverän reserviert war, bleibt leer oder wird durch Absperrgitter blockiert. Das ist die bauliche Manifestation der aktuellen Politik: Der Bürger hat keinen Platz mehr im Zentrum der Macht. Er darf am Rand stehen, aber er stört den Betrieb.
Der Vergleich ist erdrückend. Die „Rheinische Republik“ profitierte von einer Architektur der Bescheidenheit, die Bodenhaftung erzwang. Die „Berliner Republik“ hat sich eine steinerne Hülle geschaffen, die Distanz, Arroganz und Isolation fördert.
Wenn wir uns fragen, warum die aktuelle Politik oft so unvernünftig, so abgehoben und so „großmannssüchtig“ wirkt, dann genügt ein Blick auf die Fassaden des Kanzleramts oder des BND. Wir haben Gebäude gebaut, die eine politische Klasse formen, die sich in der Monumentalität ihrer eigenen Kulissen verliert. Die Blase ist nicht nur in den Köpfen – sie ist in Beton gegossen.
Dieser Artikel erschien erstmals am 08.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Achim Scholty auf Pixabay.
Zur Vorbereitung dieses Artikel wurden mehrere DeepResearch Recherchen durchgeführt, deren Ergebnisse können hier heruntergeladen werden.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de