Was heißt es in einer reichen Gesellschaft Arm zu sein.

Es geht ein Gespenst in Deutschland um, dass sich Armut nennt und von Jahr zu Jahr größer wird. Armut hat viele Gesichter und Abstufungen, was es dem Kapital oder den Leugnern der Armut in Deutschland möglich macht, die Armut in unserem Land zu relativieren, um nicht gegensteuern zu müssen.

Wer kennt den Spruch nicht: „Ach was, du bist doch nicht arm, dir geht es doch gut, schau dir mal die Armen in Bangladesch an.“ Dieser und ähnlich Sätze lösen bei mir immer eine Würgereflex aus und ich könnte im Strahl kotzen.

Da wir in Deutschland noch keine absolute Armut haben, die sich laut der Weltbank darüber definiert, dass man weniger als 65 Euro im Monat zur Verfügung hat, möchte ich mich nur auf die relative Armut beschränken, denn relativ Arme haben wir in Deutschland mehr als genug und es werden von Jahr zu Jahr immer mehr.

Was bedeutet Relative Armut: Relative Armut beschreibt Armut im Verhältnis zum jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld eines Menschen. Die relative Armut definiert sich darüber, dass man nur über 60%, oder weniger des Nettoäquivalenzeinkommens verfügt.

Laut dem Paritätischem Armutsbericht von 2022 hat die Armut in Deutschland mit einer Armutsquote von 16,9 Prozent im zweiten Pandemie-Jahr, sprich 2021 einen traurigen neuen Höchststand erreicht. 14,1 Millionen Menschen müssen demnach hierzulande derzeit zu den Armen gerechnet werden, 840.000 mehr als vor der Pandemie. Wobei man erwähnen sollte, dass der Paritätische seine Zahlen für das Jahr 2022 von 16.6% auf 16,9% korrigiert hat, was bedeutet, dass es 240.000 mehr Arme gegeben hat, als er zuerst berechnet hat, was knapp der Hälfte der Einwohner Dortmunds entspricht.

Was heißt es in einer reichen Gesellschaft Arm zu sein: Menschen die nie arm gewesen sind, können sich Armut nur schwer, bis gar nicht vorstellen. Sie verstehen einfach nicht, was Armut bedeutet, da sie sie noch nie am eigenen Leib erfahren haben.

In unserer Gesellschaft Arm zu sein, bedeutet Ausgrenzung, Verzicht und die ständige Sorge um die nächste Mahlzeit oder eine Rechnung nicht bezahlen zu können. Wer arm ist, setzt sich nicht mal eben in ein Café, geht zum Friseur, oder kauft das ein, worauf er Lust hat, sondern studiert akribisch die Sonderangebote, damit er am Monatsende nicht zehn Tage lang Nudeln mit Ketschup essen muss. Man trifft sich auch nicht spontan mit Freunden, sofern man überhaupt noch welche hat, da man durch die Armut von gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlossen ist. Kommt man in Hartz IV, dass zu einem Synonym für Armut geworden ist, verliert man nach und nach seinen Freundeskreis, da man kein Geld hat um an dessen Aktivitäten teilzunehmen. Man kann halt nicht mehr spontan mit seinen Freunden ein Bier trinken oder etwas essen gehen, man kann zu Partys nichts mitbringen, keine Geschenke zu Geburtstagen oder Weihnachten machen und irgendwann kommt man an den Punkt an dem man sich schämt mit den anderen nicht mithalten zu können und zieht sich in die Einzelhaft seiner vier Wände zurück.

Zudem, drehen sich die Gedanken fast nur noch darum, was passiert, wenn meine Waschmaschine oder mein Kühlschrank, den Geist aufgeben. Was passiert, wenn ich eine neue Winterjacke brauche, was passiert, wenn ich neue Schuhe brauche. Eine Studie hat ergeben, dass Arme, 90 % ihrer kognitiven Energien auf das Überleben verwenden müssen, somit sind sie so stark mit dem Überleben beschäftigt, dass sie ihre eigene Situation, sowie die Verantwortlichen für ihre Situation nicht reflektieren können, sondern sich selber die Schuld an ihrer Armut geben.

Auch wird Ihnen immer wieder durch die Gesellschaft vermittelt, dass ihre Armut selbst verschuldet ist, denn, es wird Ihnen immer wieder gesagt „Wer Arbeit finden will, der findet auch Arbeit.“.

Dass das Kapital gar nicht daran interessiert ist, sie in „Lohn und Brot“ zu bringen, da es sie als industriellen Reservearmee benötigt, um die Löhne drücken zu können, und die Werktätigen gefügig zu halten, nehmen nur die wenigsten war.

Armut tötet, denn, die Lebenserwartung von armen Männern liegt knapp zehn Jahre und die von armen Frauen knapp acht Jahre unter der Lebenserwartung von Reichen. Dies hat mit der schlechteren Ernährung, der schlechteren medizinischen Versorgung, und den durch die Armut bedingten Stress zu tun, sowie den Depressionen, die die Armut erzeugt. So ist jeder dritte, im Leistungsbezug psychisch krank! Soweit also zum Leben in spätrömischer Dekadenz.

Kinderarmut ist Familienarmut:
Besonders übel, wird die Armut, wenn Kinder mit in armen Haushalten leben. Aber zuerst mal ein paar Zahlen. Rund ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind von Armut oder/und sozialer Ausgrenzung bedroht. Armutsgefährdet waren demnach im vergangenen Jahr knapp 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.
DAS IST JEDES VIERTE KIND!
Und die Zahlen stammen nicht aus einer Quelle, wo man sagen könnte, ach was, die übertreiben ohnehin immer, sondern sie stammen vom Statistischen Bundesamt einer Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern und somit vom Staat selbst. Dem Staat, der seit Jahrzehnten in wechselnden Koalitionen zulässt, dass die Armut sich wie ein Geschwür immer weiter in unsere Gesellschaft hineinfrisst. Es wird immer wieder das Argument angeführt, erhöht man das Geld, dass für die Kinder bestimmt ist, verprassen es ohnehin nur die Eltern, was bis auf ein paar wenige Ausnahmen totaler Blödsinn ist.

Der Paritätischen Wohlfahrtsverband hat dazu im Jahr 2019 eine Studie gemacht. Nach dieser Studie konnten sich die ärmsten 10 % der Paarhaushalte mit einem Kind nur Ausgaben in Höhe von 364 € pro Monat für ihr Kind leisten. Viele dieser Paare mit Kind leben ganz oder teilweise von Hartz IV!

Der gemittelte Regelsatz für Kinder bis 18 Jahre hat zu der Zeit 290,- Euro betragen, selbst wenn man die Mittel aus der Bildung und Teilhabepaket, die nicht von allen in Anspruch genommen wurden, und die Mittel für Schulbedarf dazurechnet, kommt man nur auf einen Betrag von 317,50 € pro Monat. Das heißt, dass jedes Paar von seinem vollkommen unzureichenden Regelsatz noch knapp 50,- Euro an sein Kind abgegeben hat, soviel also dazu, dass die Eltern die Gelder für ihre Kinder verprassen. Um ein wenig ein Gefühl für die Relation zu bekommen in welcher Armut diese Familien und ihre Kinder leben, die reichsten 10% der Gesellschaft geben pro Monat 1200,- Euro für ihr Kind aus, das ist weit mehr als das Dreifache. Dies zeigt, wie weit die Schere zwischen Arm und Reich bereits bei den Kindern auseinanderklafft.

Wie will man von diesen Kindern erwarten, dass sie als Erwachsene ihren Teil zur Gesellschaft beitragen, wenn sie bereits als Kind von dieser Gesellschaft ausgeschlossen wurden.

Das traurige Spiel um eine halbe Geige:
Eben habe ich ja ganz kurz die Mittel aus der Bildung und Teilhabepaket erwähnt. Wie generös diese Mittel bewilligt werden, konnte ich in der Sozialberatung miterleben.

Der Sohn eines alleinstehenden Vaters spielte schon seit Jahren Geige, der Unterricht wurde vom Jobcenter mit 10,- Euro pro Monat aus dem Bildungs und Teilhabepaket bezuschusst, den Rest hat der Vater aus eigener Tasche draufgelegt, was ihn ca. 50 Euro im Monat gekostet hat und sogar noch günstig war, da man im Durchschnitt für diesen Unterricht über 80,- Euro im Monat zahlt.

Jetzt haben Kinder die unangenehme Eigenschaft zu wachsen, darum brauchte der Junge eine neue halbe Geige, wobei man wissen muss, dass Geigengrößen in Brüchen angegeben werden, es gibt für Kinder Geigen von 1/32 bis 3/4. Also hat der Vater einen Antrag über diese halbe Geige zum Preis von knapp 100,- Euro gestellt und damit fing das traurige Spiel an.

Das Jobcenter wollte einen Nachweis, dass der Junge regelmäßig am Geigenunterricht teilgenommen hat, einen Nachweis, dass er begabt war, was rechtlich gar nicht zulässig ist, drei Angebote für eine halbe Geige und noch drei Nachweise an die ich mich nicht mehr erinnern kann, jedoch noch weiß, dass insgesamt sechs Nachweise gefordert wurden, von denen drei gar nicht eingefordert wurden durften.

Das Ganze Spiel hat drei Monat und einen Widerspruch gebraucht, damit der Vater, als Antragsteller zu seinem Recht gekommen ist und 80,- Euro vom Jobcenter für die halbe Geige bekommen hat.

Wenn ich mich richtig erinnere, wurden 5 bis 6 Schreiben hin und her geschickt und ein Widerspruch gestellt, alleine die Kosten für den Verwaltungsaufwand dürften in die Hunderte Euro gegangen sein und das Ganze für läppische 80,- Euro, die erstritten wurden. Vom emotionalen Schaden der durch das Jobcenter bei der Familie angerichtet wurde möchte ich erst gar nicht sprechen.

Die neue Kindergrundsicherung:
Glaubt man den Verlautbarungen der Regierung haben, sie mit der neuen Kindergrundsicherung den Stein der Weisen gefunden, werden die Dinosaurier wieder zum Leben erweckt und alles Übel dieser Welt wird verschwinden.

Manche sehen dies jedoch etwas anders, wie zum Beispiel Tobias Riegel von den NachDenkSeiten, er schreibt:
„Die geplante Ausstattung der Kindergrundsicherung mit einer lächerlichen Summe macht in grellen Farben klar, wo die Prioritäten der Bundesregierung liegen: Sie liegen bei Aufrüstung, bei Waffenlieferungen in ein Kriegsgebiet und sie liegen bei einem Wirtschaftskrieg, dessen soziale Folgen sich vor allem gegen die Bürger Europas richten. Man muss es also geradezu als eine Verhöhnung der Bürger bezeichnen, wenn die Bundesregierung nun 2,4 Milliarden Euro für das Projekt Kindergrundsicherung bereitstellt und das auch noch als großen sozialpolitischen Dienst an der Gesellschaft verkaufen möchte.“

Ein Artikel auf Telepolis mit dem Titel „DIW und Diakonie warnen: Spätfolgen der Kinderarmut kosten Deutschland Milliarden“ thematisiert die Folgekosten der vollkommen unzureichenden Kindergrundsicherung, dort steht: „In der Diskussion über die Kindergrundsicherung dürfen nicht nur die kurzfristigen Sparzwänge im Bundeshaushalt eine Rolle spielen“, erklärte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie bei der Präsentation des Gutachtens. Man müsse auch über mittel- und langfristige Belastungen für Staat und Steuerzahler sprechen, die sich zwangsläufig ergeben, wenn nicht frühzeitig in alle Kinder investiert werde.“

Und weiter: „Gesunde und gut ausgebildete Kinder hätten schließlich deutlich bessere Chancen, sich ein selbständiges Leben mit höheren Einkommen und einer geringen Abhängigkeit von staatlichen Hilfen aufzubauen. Lilie betonte: „Frühzeitige Investitionen sichern soziale und ökonomische Chancen und ersparen dem Sozialstaat weitaus höhere Folgekosten.“

Somit ist die „neue Kindergrundsicherung“ genau so eine Mogelpackung wie das sogenannte „Bürgergeld“, aber, wer hätte von dieser Regierung etwas Anderes erwartet!

Wir haben keine Kinder, wie ich heute sagen muss, zum Glück, denn, wenn wir Kinder hätten, könnte ich bei dieser Gesellschaft und dem Umgang mit ihren Kindern, die nicht mit dem Goldenen Löffel im Mund geboren wurden, keine Nacht mehr ruhig schlafen.

Und aus meiner Erfahrung, die ich in der Zeit, in der ich Sozialberatung gemacht habe, weiß ich, dass dies fast alle Eltern die im Leistungsbezug waren auch nicht konnten, da sie die Sorge und die Angst um ihre Kinder förmlich aufgefressen hat.

Dabei wäre die Krankheit der Armut leicht zu heilen, denn, gegen Armut hilft Geld, man muss es nur in die Hand nehmen wollen und nicht das Kapital damit mästen.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de