Früher sagte man zu den Menschen hier auf dem Dorf, wenn sie wenig von der Welt gesehen hatten: „Der ist noch nie über die Rennebergsbrücke hinausgekommen.“ Und solche Menschen mussten dann froh sein, wenn ihnen andere erzählten, wie die Welt da draußen eigentlich ist.
Heute gehört Reisen zum Alltag – selbst in die entferntesten Länder. Und doch fragt man sich: Was wissen wir wirklich über diese Länder?
Drei Beispiele, die für uns vielleicht unglaublich klingen:
Im Iran ist das Tragen des Kopftuchs für Frauen keine Pflicht mehr – zumindest wird es nicht mehr durchgesetzt. Vizepräsident Mohammad Javad Zarif sagte kürzlich in Davos wörtlich: „Wenn Sie durch die Straßen Teherans gehen, werden Sie Frauen finden, die ihr Haar nicht bedecken. Es ist gegen das Gesetz, aber die Regierung hat entschieden, Frauen nicht unter Druck zu setzen.“ Seit den Massenprotesten nach dem Tod von Jina Mahsa Amini 2022 hat sich hier offenbar etwas bewegt.
In Moskau und Sankt Petersburg gibt es keine Schwulenclubs? Nun, diese Behauptung lässt sich für die beiden russischen Städte so nicht bestätigen. In Moskau gibt es zahlreiche Bars, Touren und Clubs, die auf die LGBTQ-Gemeinschaft ausgerichtet sind. In der zweitgrößten Stadt Russlands gibt es drei schwule Nachtclubs in einem Gebäude, und die Lomonosova-Straße ist technisch gesehen das schwule Viertel in Sankt Petersburg. Das macht das Land nicht schwulenfreundlich. Die Bevölkerung hat mitunter große Vorbehalte. Die gibt es allerdings auch in anderen osteuropäischen Ländern, wie im Baltikum, Polen, Bulgarien, Rumänien usw., insbesondere abseits der großen Städte.
In China gibt es monatlich bis zu 1.000 Demonstrationen gegen die Obrigkeit? Tatsächlich dokumentiert das Armed Conflict Location & Event Data Project für China regelmäßig Proteste – Arbeitskämpfe, Umweltproteste, Landrechtskonflikte. Die Zahlen schwanken, aber monatlich dreistellige Werte sind durchaus belegt. Was uns nicht erzählt wird: Dass es auch in autoritären Systemen Widerstand gibt und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse stattfinden.
Allein diese Punkte sind für uns unglaublich, weil sie nicht in unser Bild passen.
Auch dass Kuba eine Form von Demokratie hat – vielleicht nicht unsere, aber eine, die von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragen wird gehört dazu. Was nicht mitgetragen wird, sind die Versorgungsmängel. Die aber sind in erster Linie Folge einer jahrzehntelangen Blockade durch die USA, die immer wieder von der UN verurteilt wird . Erst Ende 2025 forderte die UN-Vollversammlung zum 33. Mal in Folge die Aufhebung des Embargos. UN-Experten bezeichnen die jüngsten Verschärfungen als schweren Verstoß gegen das Völkerrecht, weil sie ohne Autorisierung des Sicherheitsrats erfolgen und die Bevölkerung kollektiv bestrafen.
Was uns ebenfalls nicht erzählt wird: Dass das System der Ältesten in Afghanistan tiefe gesellschaftliche Anerkennung genießt. Die traditionelle Jirga funktioniert seit Jahrhunderten – unabhängig davon, ob es uns gefällt, wie andere leben. Vielleicht gefällt es anderen auch nicht, wie wir leben? Nur geht die das nichts an, solange wir sie in Ruhe lassen.
Was wir von anderen denken, ist durch Propaganda gefärbt. Manchmal scheint das harmlos – wenn uns Märchen aus Tausendundeiner Nacht erzählt werden. Aber zunehmend wird Propaganda genutzt, um Sanktionen, Kriege und andere mörderische Aktionen zu rechtfertigen.
Die aktuelle Berichterstattung über den Iran-Krieg zeigt das erschreckend deutlich: Deutsche Leitmedien übernehmen unkritisch die Sprache der Angreifer, sprechen von „Präventivschlägen“, während die getroffenen Opfer – wie 165 Mädchen in einer Schule – in hinteren Absätzen verschwinden . Ein Kommentator spricht von einem „neuen propagandistischen Standard“, der sich in der Berichterstattung über den Völkermord in Gaza etabliert habe und nun fortgeschrieben werde .
Und das führt zu menschlichen Opfern.
Das Hinterfragen von Propaganda ist also nicht nur Selbstzweck. Es macht immun gegen Kriegstreiberei. Es zwingt uns, genauer hinzuschauen, nachzufragen, unsere eigenen Bilder zu hinterfragen. Vielleicht ist das heute wichtiger denn je.
Ach übrigens: Haben Sie hier den üblichen Disclaimer vermisst?
Die fast schon obligatorische Distanzierung, dass man ja wohl nicht extra betonen müsse, wie furchtbar die Regime im Iran, in Russland, China, Kuba oder in Nordkorea seien? Ich verzichte ganz bewusst auf diese Floskeln und möchte Ihnen auch den Grund dafür nennen:
Wer konsequent sein und dem Grundsatz „Gleiches Recht für alle“ folgen will, der müsste im gleichen Atemzug alle verbrecherischen Regierungen der Welt als solche benennen. Jede Form der Ungleichbehandlung wäre pure Heuchelei und liefe auf Rassismus hinaus, wenn man westliche Regierungen für die gleichen Taten nicht ebenso scharf kritisiert wie nicht-westliche.
Das Problem ist nur: Es gibt Regierungen, die man schlichtweg nicht mehr als das bezeichnen darf, was sie in Wahrheit sind, ohne juristische Schwierigkeiten befürchten zu müssen. Das erinnert an die allgegenwärtigen Sprachverbote bei den Geschlechtern, nur dass die Dimensionen hier ungleich dramatischer sind. Um mir meine intellektuelle Redlichkeit zu bewahren und alle gleich zu behandeln, lasse ich solche scheinheiligen Disclaimer deshalb komplett weg.
Dieser Artikel erschien erstmals am 22.03.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielild von Gordon Johnson auf Pixabay
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de