20. Oktober 2011, Sirte, Libyen. Die Handykamera wackelt, Schreie durchdringen die Luft. Ein alter Mann wird aus einem Entwässerungsrohr gezerrt, blutüberströmt, oberkörperfrei. Es ist Muammar al-Gaddafi, 42 Jahre lang unumschränkter Herrscher Libyens. Was in den nächsten Minuten folgt, ist eine Orgie der Gewalt, die selbst hartgesottene Menschenrechtsbeobachter fassungslos macht.
Die Rebellen – jene Kämpfer, die der Westen als „Freiheitskämpfer“ feierte – fallen über den wehrlosen Mann her. Sie schlagen, treten, demütigen. Ein Milizionär sticht mit einem Bajonett gezielt in Gaddafis Genitalbereich und Anus. Die Videodokumentation, später von Human Rights Watch analysiert, zeigt 3 Minuten und 38 Sekunden systematischer Folter. Dann wird Gaddafi auf eine Motorhaube geworfen, weiter misshandelt, bis schließlich Schüsse fallen. Eine Kugel durchschlägt seinen Kopf. Der französische Nahostexperte Peter Scholl-Latour wird später behaupten, Gaddafi sei mit einer Eisenstange gepfählt worden – eine Anschuldigung, die zwar nicht eindeutig bewiesen ist, aber die Atmosphäre jener Stunden der Barbarei einfängt.
Dies war das Ende eines Diktators. Aber es war auch der Anfang einer Katastrophe, die bis heute andauert – eine Katastrophe, die westliche Bomber, westliche Politiker und westliche Arroganz über ein ganzes Land und eine ganze Region gebracht haben.
Um das Ausmaß der Zerstörung zu verstehen, müssen wir zurückblicken auf das Libyen vor 2011 – ein Land, das trotz aller Unterdrückung in vielerlei Hinsicht das reichste und stabilste Nordafrikas war.
Als Muammar Gaddafi 1969 durch einen Militärputsch die Sanusi-Monarchie stürzte, übernahm er ein Land reich an Öl, aber arm an Entwicklung. In den folgenden Jahrzehnten verwandelte er Libyen in einen ölgestützten Rentenstaat, der seinen Bürgern einen Lebensstandard bot, von dem viele Afrikaner nur träumen konnten.
Die Zahlen sprechen für sich: Das Pro-Kopf-Einkommen stieg auf über 11.000 US-Dollar nominal, zu Kaufkraftparität sogar über 30.000 US-Dollar – Libyen war damit das fünftreichste Land Afrikas. Drei Viertel aller Erwerbstätigen waren im öffentlichen Sektor beschäftigt, finanziert durch Öleinnahmen. Der Staat subventionierte Grundgüter massiv: Miete, Lebensmittel, Energie – alles war für die durchschnittliche libysche Familie erschwinglich.
Die Infrastruktur war, gemessen an afrikanischen Standards, beeindruckend. Ein Netzwerk von Krankenhäusern durchzog das Land. Schulen boten Bildung, wenn auch ideologisch gefärbt. Die Städte verfügten über funktionierende Versorgungssysteme. Ja, die Servicequalität variierte, ja, Korruption und Ineffizienz waren allgegenwärtig, ja, Unterbeschäftigung im aufgeblähten Staatssektor war chronisch – aber es existierte zumindest eine formale Grundlage für soziale Sicherheit.
Für Hunderttausende Migrantenarbeiter aus Sub-Sahara-Afrika war Libyen ein Zielland der Hoffnung. Geschätzte 2,5 Millionen Migranten fanden Arbeit in der Ölwirtschaft und im Bausektor. Sie arbeiteten unter schwierigen Bedingungen, gewiss, aber sie hatten einen funktionierenden wirtschaftlichen Kontext, in dem sie ihre Familien ernähren konnten.
Dieser relative Wohlstand hatte einen hohen Preis: absolute politische Unterdrückung. Gaddafis Jamahiriya-System – seine bizarre Mischung aus Anarchismus, Sozialismus und islamischer Theorie – duldete keinerlei Opposition. Politische Gefangene füllten die Kerker, Dissidenten verschwanden spurlos, öffentliche Hinrichtungen sollten abschrecken.
Gaddafis Außenpolitik war nicht minder problematisch. Seine Unterstützung verschiedener bewaffneter Gruppen weltweit, seine Verwicklung in terroristische Anschläge – allen voran das Lockerbie-Attentat von 1988 mit 270 Toten – machten ihn zum Paria der internationalen Gemeinschaft.
Dies rechtfertigte die westlichen Sanktionen der 1990er Jahre, die auf UN-Sicherheitsratsbeschlüssen beruhten und völkerrechtlich formal legitim waren. Doch diese Sanktionen brachten nicht den erhofften Erfolg: Sie schadeten der libyschen Wirtschaft, stürzten Gaddafis Regime aber nicht.
Anfang der 2000er Jahre vollzog sich eine bemerkenswerte Wende. Gaddafi, immer der Opportunist, rechnete offenbar aus, dass die Isolation seinem Regime mehr schadete als nützte. 2003 gab Libyen offiziell die Verantwortung für Lockerbie zu und zahlte Entschädigungen. Im gleichen Jahr kündigte Gaddafi an, sein Programm für Massenvernichtungswaffen aufzugeben.
Der Westen war begeistert. Man feierte dies als strategischen Erfolg der Sanktionspolitik. Die UN-Sanktionen wurden aufgehoben. Westliche Ölkonzerne – darunter BP, ENI, Total – strömten ins Land. 2008 erreichte Libyen sogar einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Tony Blair besuchte Gaddafi im Zelt, Silvio Berlusconi küsste ihm die Hand, Nicolas Sarkozy empfing ihn in Paris.
Aus dem Terrorpaten war über Nacht ein respektabler Partner geworden. Die Menschenrechtsverletzungen? Plötzlich kein Thema mehr. Die politischen Gefangenen? Nebensache. Das Öl floss, die Geschäfte liefen – und der Westen hatte seinen Frieden mit dem Diktator gemacht.
Doch dieser Frieden währte nur wenige Jahre.
Im Dezember 2010 zündete sich in Tunesien ein Gemüsehändler an – aus Verzweiflung über Behördenwillkür und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit. Dieser Akt der Selbstverbrennung wurde zum Funken, der den Arabischen Frühling entzündete. Dabei feierte der Westen sich dafür, dass er diese Revolutionen mittels der noch relativ neuen sozialen Netzwerke orchestrierte. Binnen Wochen stürzten Massenproteste in Tunesien Präsident Ben Ali. In Ägypten zwangen Millionen auf dem Tahrir-Platz Hosni Mubarak zum Rücktritt.
Die Welle revolutionärer Euphorie erreichte Libyen im Februar 2011. In Benghazi, Libyens zweitgrößter Stadt im Osten des Landes, gingen Menschen auf die Straße. Ihre Forderungen waren zunächst begrenzt: Reformen, Korruptionsbekämpfung, politische Teilhabe. Die Proteste waren authentisch – Libyer hatten genuine Beschwerden gegen Gaddafis autokratisches Regime, gegen Korruption, Vetternwirtschaft und die Willkür der Sicherheitskräfte.
Doch was als spontane Protestbewegung begann, verwandelte sich mit atemberaubender Geschwindigkeit in eine internationale Krise – und diese Transformation war kein Zufall. Der Westen, allen voran die USA, Frankreich und Großbritannien, erkannte in den libyschen Protesten nicht primär eine humanitäre Herausforderung, sondern eine geostrategische Gelegenheit. Innerhalb weniger Tage setzte eine orchestrierte Kampagne ein, die aus einer Protestbewegung einen Vorwand für militärische Intervention machen sollte.
Kaum hatten in Benghazi die ersten Demonstrationen begonnen, explodierten westliche Medien mit Schlagzeilen von beispielloser Dramatik. CNN, BBC, France 24 und andere berichteten mit einer Intensität und Einseitigkeit, die selbst im Vergleich zu anderen arabischen Frühlings-Ländern außergewöhnlich war. Die Narrative waren von Anfang an eindeutig: Hier kämpfte eine friedliche, demokratische Protestbewegung gegen einen blutrünstigen Diktator, der sein eigenes Volk massakrierte.
Die Geschichten, die in diesen ersten Wochen verbreitet wurden, waren so grausam wie eingängig – und so ungeprüft wie politisch nützlich. Gaddafi bombardiere friedliche Demonstranten aus der Luft, hieß es. Seine Luftwaffe führe Angriffe auf Zivilisten in Benghazi durch. Tausende, vielleicht Zehntausende seien bereits tot. Die Zahlen variierten je nach Quelle zwischen 2.000 und 10.000 Opfern – in den ersten zwei Wochen. Der libysche Botschafter bei den Vereinten Nationen sprach von einem „Genozid“ und lief zur Opposition über. Sein dramatischer Auftritt wurde global übertragen.
Dann kam die vielleicht perfideste Geschichte: Gaddafi verteile Viagra an seine Soldaten, um sie zu ermutigen, systematische Massenvergewaltigungen zu begehen. Diese Behauptung wurde von Luis Moreno-Ocampo, dem Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, aufgegriffen und verliehen dadurch eine Aura internationaler Legitimität. Westliche Medien verbreiteten die Geschichte begierig. Sie schuf eine Atmosphäre moralischer Panik, die rationale Diskussion unmöglich machte. Wer konnte gegen eine Intervention sein, wenn dort gerade systematische sexuelle Kriegsführung stattfand?
Das Problem: Nichts davon stimmte.
Amnesty International untersuchte später die Behauptungen über systematische Vergewaltigungen und fand keine Beweise. Die Organisation erklärte 2011 explizit: „We have not found any evidence or a single victim of rape or a doctor who knew about somebody being raped.“ Auch die Viagra-Geschichte erwies sich als komplette Erfindung – keine Spur von Beweisen, nur Gerüchte, die als Fakten präsentiert wurden.
Die Behauptungen über Luftangriffe auf Demonstranten? Ebenfalls stark angezweifelt. Militärexperten, darunter russische und amerikanische Analysten, fanden keine Bestätigung für systematische Luftschläge gegen Zivilisten in den ersten Protestwochen. Human Rights Watch konnte die dramatischsten Behauptungen nicht verifizieren. Die tatsächliche Opferzahl in den ersten Wochen lag bei mehreren Hundert – eine Tragödie, ohne Frage, aber weit entfernt von den propagierten Tausenden oder gar einem „Genozid“.
Doch diese Faktenprüfungen kamen später – zu spät. In den entscheidenden Wochen Februar und März 2011, als die politischen Weichen für eine Intervention gestellt wurden, dominierten die ungeprüften Horrorgeschichten die öffentliche Meinung. Sie schufen eine Stimmung, in der Zweifel an einer Intervention als moralisches Versagen erschien.
Während westliche Politiker öffentlich von „diplomatischen Lösungen“ sprachen und Medien über friedliche Demonstranten berichteten, geschah im Verborgenen etwas anderes: Westliche Spezialkräfte tauchten in Libyen auf.
Ende Februar 2011, nur etwa zwei Wochen nach Beginn der Proteste, wurden britische SAS-Soldaten in der Nähe von Benghazi festgenommen. Die offizielle Erklärung der britischen Regierung: Sie seien auf einer „diplomatischen Mission“ gewesen, um Kontakte zu Oppositionsführern herzustellen und möglicherweise Evakuierungen vorzubereiten. Die Rebellen, die sie festnahmen, sahen das anders – sie beschuldigten die Soldaten der Spionage.
Der Vorfall war peinlich für London, aber aufschlussreich: Westliche Militärs waren bereits vor Ort, während die Proteste noch liefen. Und die Briten waren nicht allein. Französische Spezialkräfte operierten nachweislich in Benghazi. Amerikanische CIA-Operatives bestätigten später ihre Präsenz ab Anfang März. Offiziell ging es um „Aufklärung“ und „Lagebeurteilung“. Faktisch bedeutete es: Kontaktaufnahme zu Rebellenführern, Identifikation möglicher Ziele für spätere Luftschläge, Koordination und Ermutigung.
Diese militärische Präsenz war kein Zufall und keine spontane Reaktion. Sie deutet auf eine vorab existierende Absicht hin, in die Ereignisse einzugreifen – nicht nur humanitär, sondern militärisch. Die Narrative von „wir müssen reagieren“ verschleierten die Realität: Der Westen wollte intervenieren und suchte nach Gründen und Gelegenheiten.
Am 26. Februar 2011, nur elf Tage nach Beginn der Proteste, verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 1970. Sie verhängte Sanktionen gegen das Gaddafi-Regime, verwies die Situation an den Internationalen Strafgerichtshof – und, entscheidend, verhängte ein Waffenembargo über ganz Libyen. Das bedeutete: Niemand durfte Waffen nach Libyen liefern, weder an die Regierung noch an die Opposition.
Doch kaum war die Tinte unter dieser Resolution getrocknet, begannen westliche Verbündete genau das zu tun: Waffen an die Rebellen liefern. Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate, engste Verbündete der USA und Frankreichs, starteten Waffenlieferungen an die Oppositionskräfte in Benghazi und anderswo. Es waren keine kleinen Mengen: Gewehre, Munition, Panzerabwehrwaffen, Kommunikationsausrüstung – alles, was eine Protestbewegung in eine Guerillaarmee verwandeln konnte.
Diese Lieferungen erfolgten nicht im Geheimen oder gegen westliche Interessen. Sie geschahen mit mindestens stillschweigender Billigung, wahrscheinlich aktiver Koordination durch Washington, Paris und London. Später, nach Beginn der NATO-Intervention im März, wurde die westliche Rolle direkter: Frankreich bestätigte Waffenabwürfe an Rebellen im Juni 2011. Großbritannien lieferte „Kommunikationsausrüstung“ und militärische Berater. Die CIA koordinierte Waffenströme aus verschiedenen Quellen.
Das war ein direkter Bruch des UN-Waffenembargos – des eigenen Embargos, das der Westen gerade erst durchgesetzt hatte. Die Rechtfertigung war dünn: Man schütze Zivilisten. Doch ein Waffenembargo zu brechen, um eine Seite in einem Bürgerkrieg zu bewaffnen, ist das Gegenteil von Zivilschutz. Es ist Parteinahme, es ist Kriegsführung durch Stellvertreter, es ist Interventionismus unter humanitärer Maske.
Die schnelle Bewaffnung der Rebellen hatte noch einen anderen Effekt: Sie verhinderte jede Möglichkeit einer Verhandlungslösung. Als die Opposition militärisch erstarkte und westliche Unterstützung erwartete, gab es keinen Anreiz mehr für Kompromisse. Die Protestbewegung, die vielleicht ursprünglich Reformen wollte, wurde in einen Konflikt gezwungen, bei dem es nur noch um totalen Sieg oder totale Niederlage gehen konnte. Der Westen hatte aus einer politischen Krise einen Bürgerkrieg gemacht.
Die Geschwindigkeit, mit der die libysche Krise von Protesten zur militärischen Intervention eskalierte, ist selbst im Kontext des Arabischen Frühlings beispiellos.
15. Februar 2011: Erste Proteste in Benghazi
26. Februar 2011: UN-Resolution 1970 – Sanktionen und Waffenembargo
27. Februar 2011: Gründung des Nationalen Übergangsrats (NTC) in Benghazi – eine „Gegenregierung“ nur 12 Tage nach Protestbeginn
10. März 2011: Frankreich erkennt den NTC als legitime Regierung Libyens an – beispiellos
17. März 2011: UN-Resolution 1973 – Flugverbotszone und „alle notwendigen Maßnahmen“ zum Schutz von Zivilisten
19. März 2011: Beginn der NATO-Bombardierung
Von den ersten Protesten bis zum Kriegsbeginn: 32 Tage.
In Libyen kamen geostrategische Interessen und humanitäre Rhetorik zusammen: Ein ölreiches Land, ein Regime, das trotz Annäherung nie wirklich vertrauenswürdig erschien, eine Gelegenheit für Regime Change unter dem Deckmantel des Zivilschutzes.
Die Rolle des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy ist dabei symptomatisch für die Frivolität der Entscheidungsfindung. Lévy flog Ende Februar nach Benghazi – als Privatperson, als Intellektueller – traf Rebellenführer und arrangierte dann ein Treffen zwischen ihnen und Präsident Sarkozy. Lévy prahlte später, er habe Sarkozy zur Intervention überredet. Ein einzelner gut vernetzter Intellektueller, keine demokratische Institution, kein parlamentarischer Prozess – er spielte eine Schlüsselrolle bei einer Kriegsentscheidung, die Hunderttausende Menschenleben beeinflussen würde. Lévy war es auch, der die Viagra-Geschichten eifrig verbreitete, ohne je Beweise zu präsentieren.
Die westliche Rolle bei den libyschen Protesten offenbart ein Muster, das sich durch Jahrzehnte der Interventionen zieht: Echte oder inszenierte Krisen werden genutzt, um vorher existierende Interventionsabsichten zu rechtfertigen.
Die libyschen Proteste waren real. Die Beschwerden gegen Gaddafi waren berechtigt. Aber der Westen nutzte diese authentische Unzufriedenheit nicht, um politische Lösungen zu fördern, sondern um einen Regimewechsel zu erzwingen – durch Propaganda, durch Waffenlieferungen, durch militärische Intervention. Die Geschwindigkeit und Koordination der westlichen Reaktion zeigt: Dies war keine spontane humanitäre Antwort, sondern eine geplante Operation unter humanitärer Maske.
Die Folgen dieser Instrumentalisierung tragen die Libyer bis heute: Ein zerstörtes Land, Hunderttausende Tote und Vertriebene, ein gescheiterter Staat. Und die Erkenntnis, dass westliche „Sorge um Menschenrechte“ oft nur ein anderes Wort für Machtpolitik ist – selektiv angewendet, zynisch instrumentalisiert, katastrophal in ihren Konsequenzen.
Am 17. März 2011 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 1973. Sie autorisierte UN-Mitgliedstaaten, „alle notwendigen Maßnahmen“ zum Schutz von Zivilisten in Libyen zu ergreifen. Konkret bedeutete dies: die Einrichtung einer Flugverbotszone und die Durchsetzung eines Waffenembargos. Eine Besatzungstruppe war explizit verboten.
Die Resolution berief sich auf die „Responsibility to Protect“ (R2P) – die Schutzverantwortung, eine 2005 von allen UN-Mitgliedstaaten angenommene Doktrin. Demnach hat die internationale Gemeinschaft die Pflicht einzugreifen, wenn ein Staat nicht in der Lage oder willens ist, seine Bevölkerung vor Massenverbrechen zu schützen.
Auf dem Papier klang dies edel und rechtlich fundiert. In der Praxis wurde aus der Schutzverantwortung ein Blankoscheck für Regime Change.
Bereits zwei Tage nach Verabschiedung der Resolution, am 19. März 2011, begannen die Luftangriffe. Amerikanische und britische Marineeinheiten feuerten über 110 Tomahawk-Marschflugkörper auf libysche Stellungen ab. Französische, britische und kanadische Kampfjets bombardierten Regierungstruppen. Eine Seeblockade wurde errichtet.
Die NATO übernahm die Führung der Operation. In den folgenden acht Monaten flog die Allianz 26.500 Einsätze, darunter 7.000 Bombardierungsmissionen. Über 7.700 präzisionsgelenkte Bomben wurden abgeworfen.
Doch schnell wurde klar: Dies war weit mehr als eine Flugverbotszone zum Schutz von Zivilisten. Dies war ein systematischer Luftkrieg zur Unterstützung der Rebellen und zur Vernichtung des Gaddafi-Regimes.
NATO-Flugzeuge bombardierten nicht nur militärische Stellungen, die eine unmittelbare Bedrohung für Zivilisten darstellten. Sie zerstörten systematisch die gesamte militärische Infrastruktur des libyschen Staates: Kommandozentralen, Kommunikationseinrichtungen, Waffendepots, Treibstofflager – selbst Ziele weitab der aktiven Kampfgebiete.
Die NATO koordinierte ihre Luftschläge mit Rebellenoffensiven am Boden. Wenn Regierungstruppen sich zurückzogen, bombardierte die NATO ihre Fluchtrouten. Wenn Rebellen eine Stadt angriffen, ebnete die NATO ihnen den Weg durch präzise Luftschläge. Dies war keine neutrale Schutzintervention – dies war aktive Kriegsparteinahme.
Der damalige US-Verteidigungsminister Leon Panetta erklärte später unumwunden: „Das Ziel bestand darin, das Regime von Gaddafi zu stürzen.“ Ein Ziel, das nirgendwo in Resolution 1973 stand.
Im Mai 2011 wurden westliche Spezialeinheiten in Libyen gefilmt – ein direkter Verstoß gegen das explizite Verbot von Bodentruppen in der Resolution. Französische, britische und amerikanische Spezialeinheiten trainierten Rebellen, lieferten Waffen, koordinierten Operationen.
Und wer waren diese Rebellen, die der Westen so bereitwillig unterstützte? Eine bunte Mischung aus legitimen Oppositionellen, Stammesführern, Überläufern – aber auch islamistischen Milizen, einige mit Verbindungen zu al-Qaida.
Die Libyan Islamic Fighting Group (LIFG), eine dschihadistische Organisation, die früher gegen Gaddafi gekämpft hatte, war prominent in der Rebellion vertreten. Kämpfer, die später in Syrien an der Seite von ISIS und al-Nusra kämpfen würden, wurden in Libyen vom Westen als „Freiheitskämpfer“ hofiert.
Die NATO und westliche Regierungen schlossen die Augen. Man unterschied nicht zwischen gemäßigten und extremistischen Rebellen. Hauptsache, sie kämpften gegen Gaddafi. Die Ironie war bitter: Der Westen, der jahrzehntelang einen „Krieg gegen den Terror“ geführt hatte, verbündete sich nun mit genau jenen Kräften, die er andernorts bekämpfte.
Es war eine Zusammenarbeit mit Mördern und Halsabschneidern – eine Tatsache, die später dramatische Konsequenzen haben sollte.
Die NATO-Bombardements schwächten Gaddafis Streitkräfte systematisch. Im August 2011 fiel Tripolis, die Hauptstadt. Gaddafi floh in seine Heimatstadt Sirte. Dort verschanzte er sich mit loyalen Truppen und Stammeskämpfern.
Die Schlacht um Sirte war brutal. Rebellenmilizen – besonders die Misrata-Brigade – belagerten die Stadt. Die NATO bombardierte ohne Unterlass. Zivilisten saßen in der Falle. Schätzungen sprechen von Hunderten zivilen Opfern während der wochenlangen Belagerung.
Am 20. Oktober 2011 versuchte Gaddafi mit einem Konvoi zu fliehen. NATO-Kampfjets griffen den Konvoi an, obwohl unklar war, wer sich darin befand. Fahrzeuge wurden zerstört, Menschen starben. Gaddafi selbst wurde durch eine Handgranate verletzt, die ironischerweise von einem seiner eigenen Leibwächter geworfen und von einer Betonwand abgeprallt war.
Der verletzte Diktator versteckte sich in einem Entwässerungsrohr. Rebellen fanden ihn.
Was dann folgte, war eine Orgie der Gewalt, die ursprünglich vom Westen angeheizt wurde und die bis heute anhält. Es folgte die Szene, von der wir schon zu Beginn dieses Textes gelesen haben. Es war ein Lynchmord, gefilmt von Dutzenden Handykameras.
Die Videos sind schwer erträglich. Gaddafi wird aus dem Rohr gezerrt, blutend, verwirrt, wehrlos. Dutzende Rebellen umringen ihn. Sie schlagen auf ihn ein, treten ihn, spucken auf ihn. Jemand reißt ihm das Hemd vom Leib. Gaddafi stammelt um Gnade – vergeblich.
Ein Milizionär stößt mit einem bajonettierten Gewehr gezielt in Gaddafis Unterleib. Gaddafi schreit vor Schmerz. Die umstehenden Kämpfer johlen. Human Rights Watch dokumentierte später diese Szenen akribisch: „As he was being led onto the main road, a militiaman stabbed him in his anus with what appeared to be a bayonet.“
Gaddafi wird auf die Motorhaube eines Pickups geworfen. Die Misshandlungen gehen weiter. Dann fallen Schüsse. Ein Video zeigt, wie ein Rebell Gaddafi die Pistole an den Kopf hält und abdrückt. Der UN-Bericht stellte später fest: „Nach den verfügbaren Beweisen wurde Muammar Gaddafi bei seiner Gefangennahme getötet.“
Der französische Journalist Peter Scholl-Latour berichtet später, gestützt auf „französische Informationen“, Gaddafi sei mit einer Eisenstange gepfählt worden. Die offizielle Autopsie erwähnte eine solche Verletzung nicht explizit, obwohl sie „multiple traumatische Verletzungen“ dokumentierte.
Aber ob mit Eisenstange oder „nur“ mit Bajonett – die Tatsache bleibt: Ein gefangener, wehrloser Mensch wurde sexuell gefoltert, erniedrigt und hingerichtet. Von jenen „Freiheitskämpfern“, die der Westen unterstützt hatte.
Wie reagierte der Westen auf diese dokumentierten Kriegsverbrechen? Mit Ausflüchten und Relativierungen.
Hillary Clinton, als die Nachricht von Gaddafis Tod sie in einem TV-Interview erreichte, lachte und sagte: „We came, we saw, he died“ – eine zynische Paraphrase von Caesars „Veni, vidi, vici“. Als würde es sich um einen Videospiel-Triumph handeln und nicht um die Ermordung eines Gefangenen.
Offizielle Statements westlicher Regierungen sprachen von einem „neuen Kapitel für Libyen“, von „Freiheit und Demokratie“. Dass diese Freiheit mit der sexuellen Folterung und Hinrichtung eines wehrlosen Gefangenen begann, wurde verschämt beiseitegeschoben.
Human Rights Watch, Amnesty International und die UN forderten eine unabhängige internationale Untersuchung. Die libysche Übergangsverwaltung versprach eine solche Untersuchung – und führte sie nie durch. Der Westen drängte nicht weiter. Die Täter wurden nie zur Rechenschaft gezogen.
Gaddafis Sohn Mutassim wurde ebenfalls gefangen genommen – lebendig, mit einer Kopfverletzung. Wenige Stunden später war auch er tot, erschossen. Auch hier: keine Untersuchung, keine Anklage, keine Gerechtigkeit.
Dies war die „humanitäre Intervention“ in der Praxis: Die NATO hatte Luftunterstützung für Kriegsverbrecher geliefert, und diese feierten ihren Triumph mit Folter und Mord.
Als im Oktober 2011 die libyschen Übergangsregierung die „Befreiung“ des Landes verkündete, herrschte Euphorie – zumindest in westlichen Hauptstädten. Man gratulierte sich gegenseitig zum erfolgreichen Einsatz. Barack Obama sprach von einem „neuen Libyen“. David Cameron feierte den Triumph britischer Werte. Nicolas Sarkozy ließ sich in Tripolis bejubeln.
Die Realität in Libyen war weniger festlich. Das Land war nicht „befreit“ – es war zerstört. Die NATO-Bombardements hatten nicht nur militärische Ziele getroffen, sondern auch zivile Infrastruktur massiv beschädigt. Straßen, Brücken, Kraftwerke, Wasserversorgung – vieles lag in Trümmern.
Vor allem aber hatte die Intervention ein fundamentales Problem geschaffen: Ein Machtvakuum, gefüllt von Hunderten bewaffneter Milizen, die sich weigerten, ihre Waffen niederzulegen.
Die libysche Übergangsverwaltung, der National Transitional Council (NTC), hatte von Anfang an keine reale Autorität. Es war ein loses Bündnis verschiedener Rebellengruppen, Stammesführer und Überläufer – ein Zweckbündnis, das allein durch den gemeinsamen Feind Gaddafi zusammengehalten wurde.
Mit Gaddafis Tod entfiel dieser einende Faktor. Die verschiedenen Milizen – organisiert entlang regionaler, tribaler und ideologischer Linien – begannen, um Macht und Ressourcen zu kämpfen.
2012 fanden Wahlen statt, die den General National Congress (GNC) hervorbrachten. Doch der GNC war schwach, zerstritten, unfähig, die bewaffneten Gruppen zu kontrollieren. In Tripolis, der Hauptstadt, kontrollierten verschiedene Milizen verschiedene Stadtviertel. Der nominelle Staat existierte nur auf dem Papier.
2014 eskalierte die Situation zum offenen Bürgerkrieg. General Khalifa Haftar, ein ehemaliger Gaddafi-Offizier, der später zum Überläufer und CIA-Asset wurde, startete die „Operation Würde“ – einen Feldzug gegen islamistische Milizen im Osten Libyens. Haftar sammelte säkulare Milizen, Stämme und ehemalige Regierungssoldaten unter dem Banner der „Libyan National Army“ (LNA).
Auf der Gegenseite standen islamistische Milizen, die sich als „Government of National Accord“ (GNA) organisierten, international anerkannt und von der Türkei unterstützt.
Libyen zerfiel faktisch in zwei Teile: Der Osten und Süden unter Haftars Kontrolle, unterstützt von Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Russland und Frankreich (trotz offizieller Neutralität). Der Westen mit Tripolis unter Kontrolle der GNA, unterstützt von der Türkei und Katar.
Die Jahre zwischen 2014 und 2020 brachten erneut intensive Kämpfe, tausende Tote, hunderttausende Vertriebene. 2019 startete Haftar eine Offensive auf Tripolis – ein monatelanges Blutbad, das erst 2020 nach türkischer Militärintervention zugunsten der GNA endete.
Ein UN-vermittelter Waffenstillstand im Oktober 2020 brachte eine gewisse Beruhigung. Eine Einheitsregierung wurde 2021 etabliert. Doch auch Anfang 2026 existieren faktisch zwei rivalisierende Regierungsstrukturen. Libyen bleibt fundamental fragmentiert, ein gescheiterter Staat.
Wie viele Menschen starben als direkte Folge der NATO-Intervention und der nachfolgenden Bürgerkriege? Die genaue Zahl wird nie bekannt sein. Verschiedene Schätzungen liegen vor:
Während der NATO-Intervention 2011 starben schätzungsweise zwischen 10.000 und 30.000 Menschen – Kämpfer und Zivilisten. Die libysche Übergangsverwaltung gab 30.000 Tote an, aber diese Zahl ist ungesichert.
In den Jahren seit 2011 sind weitere tausende Menschen in den anhaltenden Konflikten gestorben. Allein die 2019er Haftar-Offensive auf Tripolis forderte mindestens 480 zivile Todesopfer. Luftangriffe und Artilleriebeschuss zwischen 2012 und 2019 töteten dokumentiert mindestens 298 Zivilisten – die Dunkelziffer liegt weit höher.
Insgesamt gehen seriöse Schätzungen von mindestens 40.000–50.000 Toten seit 2011 aus, viele davon Zivilisten.
Zum Vergleich: Vor der Intervention hatte Gaddafis Repression in den Protesten von Februar/März 2011 hunderte, möglicherweise einige tausend Menschenleben gefordert. Die vorhergesagten Massaker in Benghazi fanden nie statt – weil die Intervention sie verhinderte, wie Befürworter argumentieren, oder weil sie nie geplant waren, wie Kritiker kontern.
Was unstrittig ist: Seit der „humanitären Intervention“ sind mehr Menschen gestorben, als Gaddafi jemals in der kurzen Phase der Rebellion 2011 hätte töten können.
Über 400.000 Libyer wurden zu intern Vertriebenen, mussten ihre Heimat verlassen wegen der Kämpfe. Viele leben noch heute in provisorischen Lagern oder haben ihre zerstörten Häuser nie wiedergesehen.
Hunderttausende Libyer flohen ins Ausland – nach Tunesien, Ägypten, Europa. Familien wurden auseinandergerissen, Existenzen zerstört.
Vor 2011 war Libyen ein Zielland für Migranten aus Sub-Sahara-Afrika. Nach 2011 wurde es zum Transitland und zur Falle für hunderttausende Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa wollten.
Mit dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung blühte das kriminelle Geschäft der Menschenschmuggler. Milizen und kriminelle Banden entführen Migranten, erpressen Lösegeld, verkaufen sie als Arbeitssklaven. In geheimen Gefangenenlagern werden Migranten gefoltert, Frauen systematisch vergewaltigt, Menschen wie Vieh behandelt.
Internationale Berichte dokumentieren sklavenmarkt-ähnliche Zustände. Videos, die 2017 weltweit Entsetzen auslösten, zeigten, wie schwarzafrikanische Migranten in Libyen öffentlich versteigert wurden – wie Sklaven im 21. Jahrhundert.
Zehntausende versuchten die Überfahrt nach Europa, viele in seeuntüchtigen Booten. Tausende ertranken im Mittelmeer. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) dokumentierte über 20.000 Tote im Mittelmeer seit 2014 – viele davon waren von Libyen aus gestartet.
Diese Migrationskrise ist eine direkte Folge der Intervention: Der Kollaps des libyschen Staates schuf das Machtvakuum, das kriminelle Netzwerke füllen konnten.
Ökonomisch ist Libyen von einem der reichsten afrikanischen Länder zu einem verarmten, dysfunktionalen Gebilde geworden.
Die Ölproduktion – einst das Herzstück der Wirtschaft – brach massiv ein. Vor 2011 produzierte Libyen etwa 1,6 Millionen Barrel pro Tag. Nach der Intervention sank die Produktion zeitweise auf unter 200.000 Barrel. Obwohl sie sich zwischenzeitlich etwas erholte, bleibt sie instabil und weit unter dem Vorkrisenniveau, da Milizen immer wieder Ölfelder und Pipelines besetzen oder sabotieren.
Der Verlust an Wirtschaftsleistung wird auf hunderte Milliarden Dollar geschätzt. Die zerstörte Infrastruktur – Straßen, Krankenhäuser, Kraftwerke, Wasserversorgung – würde weitere hunderte Milliarden für den Wiederaufbau erfordern.
Die Lebenshaltungskosten explodierten, während Einkommen kollabierten. Lebensmittel, die früher subventioniert waren, wurden unbezahlbar. Strom und Wasser sind in vielen Gebieten nur zeitweise verfügbar. Medizinische Versorgung ist zusammengebrochen – Krankenhäuser ohne Ausrüstung, Ärzte geflohen.
Arbeitslosigkeit ist allgegenwärtig, besonders unter jungen Menschen. Das rentierstaatliche System, das Gaddafi etabliert hatte – so ineffizient es war – bot zumindest Grundversorgung. Dieses System existiert nicht mehr. Stattdessen herrscht das Recht des Stärkeren, der Milizen, die durch Schutzgelderpressung, Schmuggel und Entführungen reich werden.
Der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung schuf einen Nährboden für dschihadistische Gruppen. ISIS etablierte 2014–2016 eine Hochburg in Sirte, Gaddafis ehemaliger Heimatstadt. Von dort aus verübte ISIS Anschläge in der Region, enthauptete Gefangene in propagandistischen Videos, verhängte seine brutale Interpretation der Scharia.
Obwohl ISIS 2016 aus Sirte vertrieben wurde, bleiben dschihadistische Zellen aktiv. Al-Qaida-nahe Gruppen operieren im Süden Libyens. Die Anarchie bietet ihnen Rückzugsräume, die sie in einem funktionierenden Staat niemals hätten.
Eine der dramatischsten Auswirkungen der libyschen Katastrophe betraf Mali, tausende Kilometer südlich gelegen. Der Zusammenhang ist direkt und verheerend.
Als Gaddafis Regime zusammenbrach, flohen tausende Tuareg-Söldner, die für ihn gekämpft hatten, zurück in ihre Heimatregionen in Mali und Niger – bewaffnet mit den modernsten Waffen aus den libyschen Arsenalen. Schwere Maschinengewehre, tragbare Luftabwehrraketen, Panzerabwehrwaffen, gepanzerte Fahrzeuge – ein Arsenal, das sie vorher nie besessen hatten.
Diese gut bewaffneten Kämpfer starteten 2012 eine Rebellion in Nordmali, besiegten schnell die schwach ausgerüstete malische Armee und erklärten einen unabhängigen Staat „Azawad“. Doch die Tuareg-Rebellen verloren schnell die Kontrolle an dschihadistische Gruppen – al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), Ansar Dine und andere –, die ebenfalls mit libyschen Waffen aufgerüstet waren.
Diese islamistischen Gruppen eroberten 2012 weite Teile Nordmalis, führten eine brutale Interpretation der Scharia ein, zerstörten UNESCO-Weltkulturerbestätten in Timbuktu und drohten, nach Bamako, die Hauptstadt, vorzustoßen.
Eine französische Militärintervention 2013 (Operation Serval, später Barkhane) konnte die Islamisten nie besiegen. Die Stabilität kehrte nie zurück. Bis heute kämpft Mali mit dschihadistischem Terrorismus, und der Konflikt hat auf Burkina Faso und Niger übergegriffen – die gesamte Sahel-Region ist destabilisiert. Niger, Mali und Bukina Faso wandten sich von Frankreich ab uns Russland zu.
Ein UN-Bericht von 2015 stellte unmissverständlich fest: „Waffen aus Libyen haben die militärische Kapazität von Terrorgruppen, die in verschiedenen Teilen der Region tätig sind, erheblich verstärkt, insbesondere in Algerien, Ägypten, Mali und Tunesien.“
Tunesien, Geburtsort des Arabischen Frühlings, gelang als einzigem Land ein relativer Übergang zur Demokratie. Doch die Nachbarschaft zu Libyen wurde zur schweren Bürde.
Hunderttausende libysche Flüchtlinge strömten nach Tunesien, belasteten die ohnehin schwache Wirtschaft. Terroristische Gruppen nutzten die poröse Grenze, um Waffen und Kämpfer zu schmuggeln. 2015 verübten ISIS-Kämpfer, die über Libyen gekommen waren, Anschläge auf das Bardo-Museum und einen Strand in Sousse – zusammen über 60 Tote, überwiegend ausländische Touristen.
Die Anschläge zerstörten Tunesiens Tourismusindustrie, eine Haupteinnahmequelle. Die wirtschaftlichen Folgen beschleunigten die Desillusionierung mit der demokratischen Transition – ein Faktor, der 2021 dazu beitrug, dass Präsident Kais Saied das Parlament auflöste und zunehmend autoritär regiert.
Ägypten, das eine lange Grenze mit Libyen teilt, sah die Stabilität seiner Westgrenze kollabieren. Waffenschmuggel und dschihadistische Infiltration nahmen zu. Im Sinai, wo bereits eine Aufstandsbewegung existierte, verstärkten libysche Waffen die Fähigkeiten der Terroristen.
Zehntausende libysche Flüchtlinge kamen nach Ägypten, das selbst mit wirtschaftlichen und politischen Krisen kämpfte. Die ägyptische Regierung unter Abdel Fattah el-Sisi begann, Haftar militärisch zu unterstützen – ein Versuch, die Sicherheitsbedrohung einzudämmen, der jedoch den libyschen Bürgerkrieg weiter anheizte.
Für Europa hatte Libyens Kollaps direkte Konsequenzen: die Migrationskrise ab 2015. Hunderttausende Migranten – nicht nur aus Libyen, sondern aus ganz Afrika und dem Nahen Osten – nutzten das anarchische Libyen als Transitroute nach Europa.
Die überfüllten Boote, die ertrinkenden Kinder, die überlasteten Aufnahmesysteme in Italien und Griechenland – all dies war eine direkte Folge der Intervention von 2011. Ironischerweise hatte Gaddafi 2011, kurz vor seiner Beseitigung, Europa gewarnt: Ohne ihn würde Libyen zum Einfallstor für Migration werden. Er hatte recht.
Die Migrationskrise destabilisierte die europäische Politik, befeuerte rechtspopulistische Bewegungen, belastete die EU-Solidarität. Zynisch versuchte die EU später, mit libyschen Milizen zusammenzuarbeiten, um Migranten an der Überfahrt zu hindern – also mit genau jenen kriminellen Akteuren, die vom Chaos profitierten, das die EU mitgeschaffen hatte.
Die libysche Intervention von 2011 war getragen von einer Hybris, die charakteristisch für westliche Außenpolitik nach dem Kalten Krieg geworden war: Der Glaube, dass militärische Macht komplexe politische Konflikte lösen kann. Dass Bombardements Demokratie bringen. Dass die Beseitigung eines Diktators automatisch Freiheit schafft.
Diese Hybris ignorierte systematisch historische Lektionen:
- Der Irak 2003: Die Beseitigung Saddam Husseins führte nicht zu Stabilität, sondern zu jahrzehntelangen Bürgerkriegen, zum Aufstieg von ISIS, zu hunderttausenden Toten.
- Afghanistan 2001: Zwanzig Jahre westlicher Besatzung scheiterten daran, eine stabile Regierung zu etablieren; die Taliban kehrten 2021 an die Macht zurück.
- Somalia 1990er: Intervention endete in Chaos und Rückzug.
Doch jedes Mal, bei jedem neuen Konflikt, überwog die Arroganz die Erfahrung. „Dieses Mal wird es anders sein“, versprachen die Politiker. Es wurde nicht anders.
Die NATO-Kampagne in Libyen wurde als Modell einer „modernen“ Intervention verkauft: Luftschläge ohne Bodentruppen, präzisionsgelenkte Waffen, minimale eigene Verluste. Eine „saubere“ Intervention.
Diese Illusion ignorierte fundamentale Realitäten:
Erstens:
Präzisionswaffen sind nur so präzise wie die Zielauswahl. NATO-Bomben trafen auch zivile Ziele – Häuser, Infrastruktur, flüchtende Konvois.
Zweitens:
Luftmacht allein kann keinen politischen Prozess erzwingen. Die NATO konnte Gaddafi militärisch besiegen, aber sie konnte keine stabile Ordnung schaffen.
Drittens:
Die Abwesenheit westlicher Bodentruppen bedeutete die Übergabe des Landes an nicht kontrollierbare lokale Milizen – Milizen, die keine gemeinsame Vision hatten außer dem Hass auf Gaddafi.
Die gravierendste Fahrlässigkeit war das völlige Fehlen einer seriösen Nachkriegsplanung. Die NATO bombardierte acht Monate lang, feierte dann den „Sieg“ – und verließ das Land weitgehend sich selbst.
Es gab keinen Marshall-Plan für Libyen. Keinen ernsthaften Versuch eines Staatsaufbaus. Keine substanzielle internationale Präsenz zur Entwaffnung der Milizen. Keine wirtschaftliche Wiederaufbaustrategie.
Der Westen hatte aus dem Irak angeblich gelernt, dass Besatzung problematisch ist. Die Konsequenz war jedoch nicht bessere Planung, sondern gar keine Planung. Man glaubte naiv, dass „das libysche Volk“ das schon regeln würde.
Diese Naivität war verantwortungslos. Man entfesselt keinen Krieg ohne Plan für den Frieden. Man zerstört keinen Staat – so problematisch er war – ohne Vision für das, was folgen soll.
Besonders beschämend war die westliche Zusammenarbeit mit extremistischen Elementen unter den Rebellen. Der Westen, der einen „Krieg gegen den Terror“ führte, verbündete sich mit Kämpfern, die dschihadistische Ideologien vertraten.
Diese Kämpfer waren nicht alle demokratisch gesinnte Freiheitskämpfer. Viele waren Islamisten, die eine theokratische Ordnung anstrebten. Einige hatten nachweisbare Verbindungen zu al-Qaida. Später kämpften libysche Milizionäre in Syrien an der Seite von ISIS und al-Nusra.
Der Westen schaute weg. Man brauchte Bodentruppen gegen Gaddafi, und man nahm, was man kriegen konnte. Die Konsequenzen – dass diese Kräfte später das Land in Chaos stürzten und den Terrorismus in der Region verstärkten – waren vorhersehbar. Man ignorierte sie.
Dies war ein Verrat an den eigenen angeblichen Werten: Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit. Stattdessen: Realpolitik im schäbigsten Sinn.
Es gab Alternativen. Die Afrikanische Union schlug einen Verhandlungsplan vor, der einen Waffenstillstand, politische Reformen und Gaddafis geordneten Rückzug beinhaltete. Dieser Plan wurde vom Westen ignoriert, weil man bereits entschieden hatte, Gaddafi zu stürzen.
Venezuela, Russland, China und andere forderten diplomatische Lösungen. Sie wurden als Apologeten eines Diktators abgetan.
Hätte man ernsthafte Verhandlungen versucht, hätte man möglicherweise einen Übergang ohne totale Zerstörung erreichen können. Gaddafi hätte möglicherweise unter Druck zu Reformen und letztlich zum Rückzug bewegt werden können – ähnlich wie Ben Ali in Tunesien oder Mubarak in Ägypten, die beide ohne ausländische Bombardements gestürzt wurden.
Stattdessen wählte der Westen die militärische Option – die einfachste, schnellste und dümmste. Und die mit den katastrophalsten Langzeitfolgen.
2026, fünfzehn Jahre nach der Intervention, ist Libyen ein gescheiterter Staat:
- Politisch: Zwei rivalisierende Regierungen, hunderte Milizen, keine zentrale Autorität.
- Wirtschaftlich: Ölproduktion instabil, Infrastruktur zerstört, Armut allgegenwärtig.
- Humanitär: Zehntausende Tote, hunderttausende Vertriebene, Sklavenmärkte für Migranten.
- Sicherheit: Anhaltende Kämpfe, dschihadistische Präsenz, Waffen überall.
Die Region ist destabilisiert: Mali im Chaos, Tunesien unter Druck, Migrationskrise in Europa.
Vor 2011 war Libyen ein repressiver, aber stabiler und relativ wohlhabender Staat. 2026 ist es eine Hölle auf Erden.
Dies ist das Vermächtnis der westlichen Intervention.
Die Geschichte der westlichen Interventionen in Libyen seit dem Ende des Kalten Krieges lehrt eine fundamentale Lektion: Militärische Interventionen, selbst unter humanitärem Vorwand, verursachen fast immer mehr Leid als sie verhindern.
Dieser Artikel wurde erstmal am 11.01.2026 veröffentlicht. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von aymen-juha auf Pixabay.
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Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de