Während in Europa Sonntagsreden über Menschenrechte gehalten werden, brennen in Kinshasa die Barrikaden. Der Westen hat sich im Kongo für eine Seite entschieden: für die Rohstoffe und gegen die Menschen. Eine Analyse der verheerenden „Sicherheit gegen Mineralien“-Strategie.
Es waren Bilder, die in den westlichen Hauptstädten für Entsetzen sorgten, aber längst überfällig waren. Im Januar 2025 entlud sich in Kinshasa die Wut der Straße. Vor den Botschaften der USA, Frankreichs und Belgiens brannten Reifen, aufgebrachte Menschenmengen attackierten die diplomatischen Vertretungen. Der Zorn richtet sich nicht gegen abstrakte Feinde, sondern gegen eine Politik der Heuchelei: Während der Westen Russland für den Ukraine-Krieg massiv sanktioniert, wird Ruanda – der Aggressor im Ostkongo – weiterhin als strategischer Partner hofiert. Die Botschaft der Demonstranten an den Westen ist eindeutig: Ihr wollt unsere Bodenschätze, aber unser Überleben ist euch egal.
Der neue Zynismus: Mineralien statt Moral
Die Gewalteskalation im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), wo die von Ruanda unterstützte Rebellenmiliz M23 mittlerweile strategische Schlüsselstädte wie Goma und Uvira kontrolliert, ist kein Zufall. Sie ist der Hintergrundrauschen für einen geopolitischen Ausverkauf. Die USA und die EU haben ihre Strategie radikal geändert: Weg von humanitärer Hilfe, hin zu einer transaktionalen Realpolitik, die nur ein Ziel kennt – die Sicherung der Lieferketten für Kobalt und Kupfer.
Im Dezember 2025 unterzeichneten die USA und die DRK eine „Strategische Partnerschaft“. Das Herzstück, Artikel XI, spricht Bände: Es etabliert eine „Strategische Mineralienreserve“, die US-Firmen den Zugriff auf kongolesische Rohstoffe garantiert. Im Gegenzug gibt es vage Versprechen für militärische Unterstützung. Kritiker nennen das Kind beim Namen: Es ist eine „Militarisierung der Handelsbeziehungen“. Der Westen schützt den Staat nur so weit, wie dieser Kobalt für die grüne Energiewende und die Rüstungsindustrie liefern kann.
Das Fiasko der westlichen Söldner
Das Fiasko der westlichen Söldner: 1.000 Mann, null Chance
Wie wenig das Leben der Kongolesen – und auch das der eigenen Leute – in diesem Kalkül zählt, zeigt die Privatisierung des Krieges. Da die reguläre Armee (FARDC) geschwächt ist, griffen westliche Akteure in einer rechtlichen Grauzone ein. Insgesamt wurden rund 1.000 westliche Söldner, überwiegend Rumänen unter der Führung des ehemaligen Fremdenlegionärs Horațiu Potra, ins Land geholt. In Sicherheitskreisen nannte man sie spöttisch „die Romeos“. Doch was als elitäre Schutztruppe verkauft wurde, entpuppte sich als schlecht ausgerüsteter Haufen, der teils aus Supermarkt-Wachleuten und LKW-Fahrern bestand, die mit falschen Versprechungen in ein Kriegsgebiet gelockt wurden.
Das Ende war beschämend: Als die Offensive der M23 auf Goma zurollte, hatten sich viele der ursprünglichen 1.000 Mann bereits abgesetzt, andere wurden getötet. Die verbliebenen knapp 300 Söldner wurden im Januar 2025 regelrecht vorgeführt. Von der M23 entwaffnet, mussten sie sich in einer Reihe aufstellen und ihre Niederlage filmen lassen, bevor sie in Bussen zur Grenze gekarrt wurden. Dieser „Zirkus“, wie es ein Insider nannte, legte die Verzweiflung Kinshasas und die völlige Inkompetenz westlicher „Sicherheitslösungen“ offen.
Die EU und Ruanda: Eine Allianz auf Kosten des Kongo
Besonders perfide agiert die Europäische Union. Während die M23 mit rwandischer Unterstützung im Kongo mordet und plündert, schloss die EU eine Partnerschaft für kritische Rohstoffe – ausgerechnet mit Ruanda. Ein Land, das selbst kaum über nennenswerte Vorkommen verfügt, exportiert massenhaft Coltan und Gold, das aus den besetzten Gebieten des Kongo gestohlen wurde.
Indem die EU in ruandische Lieferketten investiert, finanziert sie indirekt den Krieg, den sie offiziell verurteilt. Es ist ein klassischer Fall von „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“: Man will saubere Rohstoffe für Elektroautos, drückt aber beide Augen zu, wenn der Partner (Kigali) diese durch blutige Stellvertreterkriege im Nachbarland beschafft.
Der Lobito-Korridor: Die neue Ader der Ausbeutung
Um zu verstehen, warum der Westen wirtschaftlich so aggressiv agiert, muss man auf die Landkarte schauen – und auf den sogenannten Lobito-Korridor. Dabei handelt es sich um das derzeit wichtigste Infrastrukturprojekt der G7 und der EU in Afrika. Es ist eine rund 1.300 Kilometer lange Eisenbahnverbindung, die die rohstoffreichen Regionen im Süden des Kongo (Katanga) und Sambia direkt mit dem atlantischen Hafen Lobito in Angola verbindet.
Offiziell wird das Projekt als Entwicklungshilfe verkauft. In Wahrheit ist es der Versuch der USA und der EU, Chinas Griff auf die Lieferketten zu brechen. Der Korridor dient einem einzigen Zweck: Kupfer und Kobalt so schnell und billig wie möglich aus dem afrikanischen Boden heraus und in den Westen zu schaffen, ohne den Umweg über die von China dominierten Häfen im Osten Afrikas nehmen zu müssen. Für die Menschen vor Ort bleibt dabei nichts außer den Umweltschäden und der militärischen Absicherung der Bahnlinie. Es ist die Eisenbahn-Version der alten Kolonialpolitik: Infrastruktur dient nicht der Vernetzung der Afrikaner untereinander, sondern ausschließlich dem Abtransport ihrer Reichtümer nach Europa und Amerika.
Ein Jahrhundert des Leids: Von Leopolds Erbe bis heute
Um diesen Konflikt zu verstehen, muss man zurückblicken. Die Gewalt hat tiefe Wurzeln. Sie beginnt mit dem belgischen König Leopold II., der den Kongo als Privatbesitz ausbeutete und dessen Schergen Arbeitern die Hände abhackten, wenn die Kautschuk-Quoten nicht erfüllt wurden. Sie setzt sich fort mit der Ermordung des ersten Premierministers Patrice Lumumba unter belgischer und US-amerikanischer Beteiligung, um den Zugriff auf Uran und Kupfer zu sichern.
Und sie reicht bis zum Völkermord in Ruanda 1994, dessen Folgen bis heute den Osten des Kongo destabilisieren. Die Täter des Genozids flohen in den Kongo, formierten sich als FDLR neu und lieferten Ruanda den perfekten Vorwand für immer neue militärische Interventionen. Heute institutionalisieren die Kolonialmächte von einst ethnische Spannungen und nutzen die Instabilität, um sich über Infrastrukturprojekte wie den Lobito-Korridor die Reichtümer des Landes zu sichern, während der Osten brennt.
Die Endlosschleife der Gewalt: Ein Weltkrieg, den niemand nennt
Man darf sich nichts vormachen: Der Fall von Goma 2025 ist kein isoliertes Ereignis, sondern das neueste Kapitel in einer ununterbrochenen Kette von Kriegen, die das Land seit seiner Unabhängigkeit zerfleischen – und in denen der Westen stets die Finger im Spiel hatte. Was oft als „stammesbedingtes Chaos“ abgetan wird, ist in Wahrheit eine direkte Folge westlicher Geopolitik. Es begann mit der Ermordung des ersten demokratischen Premierministers Patrice Lumumba unter Beteiligung von CIA und Belgien, ging über die jahrzehntelange Stützung des korrupten Diktators Mobutu (solange er dem Westen nützte) und gipfelte im „Afrikanischen Weltkrieg“ (1998–2003).
Dieser Krieg und seine Nachbeben haben schätzungsweise sechs Millionen Menschen das Leben gekostet – die tödlichste Auseinandersetzung seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch während für andere Kriege Tribunale errichtet werden, herrscht hier dröhnendes Schweigen. Warum? Weil die Instabilität den Preis drückt. Ob Coltan für die Handys der 2000er oder Kobalt für die E-Autos von heute: Die Konflikte ändern ihre Namen und Milizen, aber die Konstante bleibt: Immer wenn der Kongo brennt, laufen die Schmelzöfen und Profitmaschinen im Westen auf Hochtouren. Wir sind nicht nur Zuschauer dieser Tragödie, wir sind ihre Profiteure.
Der Westen ist Teil des Problems
Die bittere Realität im Jahr 2026 ist: Solange Handelsverträge und „De-Risking“-Strategien der EU und der USA nur dem Export von Rohstoffen dienen, wird der Westen von der kongolesischen Bevölkerung zu Recht als Teil des Problems gesehen. Die „Sicherheit“, die wir bieten, gilt den Minen von Glencore und Ivanhoe, nicht den Menschen in Goma.
Wer glaubt, man könne eine grüne Energiewende auf dem Rücken eines ausgebluteten Landes bauen, wird am Ende nicht nur seine Glaubwürdigkeit verlieren, sondern auch den geopolitischen Kampf um Afrika. Die brennenden Flaggen in Kinshasa waren erst der Anfang.
Dieser Artikel erschien erstmals am 10.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Lock Larsen Ansalla auf Pixabay.
Zur Recherche für diesen Artikel wurde eine Ausarbeitung der KI Gemini erstellt, diese steht hier zur Verfügung.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de