Frieden nach innen, Krieg nach außen: Die große Illusion des Westens

Wir im Westen pflegen ein ausgeprägtes moralisches Überlegenheitsgefühl. Wir sind die Demokraten, die „Guten“, während andere in Autokratien oder Diktaturen leben. Ein wesentlicher Pfeiler dieses Selbstbildes ist der unausgesprochene Glaube: Demokratien sind per se friedlicher. Doch die Realität spricht eine andere Sprache.

Schaut man hinter die Fassade unserer westlichen Wertegemeinschaft, bröckelt der Mythos der Friedfertigkeit gewaltig. Zwar bestätigt die Wissenschaft, dass demokratische Staaten untereinander fast nie Kriege führen – der sogenannte „dyadische Frieden“. Aber sobald es um den Umgang mit Staaten außerhalb unseres Wertekreises geht, fällt diese Hemmschwelle.

Das 1:1-Paradoxon

Empirische Untersuchungen zeigen ein ernüchterndes Bild: Unterm Strich sind westliche Demokratien genauso häufig in Kriege verwickelt wie autokratische Regime. Das Verhältnis der Kriegsbeteiligung liegt statistisch bei praktisch 1:1.

Das widerspricht eigentlich jeder demokratischen Logik. Die Grundannahme seit Immanuel Kant war immer: Da in einer Demokratie die Bürger über den Krieg entscheiden – und diese Bürger auch die Kosten an Leib, Leben und Steuern tragen müssen –, würden sie kriegerische Abenteuer ablehnen. Tatsächlich aber ist die Liste der westlichen Interventionen der letzten Jahrzehnte endlos lang.

Warum funktioniert die demokratische Bremse nicht? Weil die Kriege oft „unsichtbar“ gemacht werden oder moralisch als „humanitäre Interventionen“ getarnt daherkommen. Es geht angeblich um Menschenrechte, während im Hintergrund oft knallharte Geopolitik oder Ressourceninteressen stehen. Eine transparente, ehrliche demokratische Entscheidung findet vor solchen Konflikten kaum noch statt; die Demokratie wird in Fragen von Krieg und Frieden faktisch ausgehöhlt.

Das Rudel der Wölfe

Ein weiterer Grund, warum wir uns im Westen oft friedlicher fühlen, als wir sind, liegt in der Art unserer Kriegsführung. Demokratien kämpfen selten allein. Sie agieren wie ein Rudel Wölfe, das sich zusammenschließt, um schwächere Gegner zu überfallen.

Die Statistik belegt diesen „Koalitionseffekt“: Während Autokratien ihre Kriege oft isoliert führen, treten westliche Demokratien fast immer in multilateralen Bündnissen auf. Wenn eine Demokratie einen Krieg beginnt, zieht sie im Schnitt fünf bis sechs weitere mit sich. Das führt militärisch oft zum Erfolg – der Gegner wird besieg, die Regierung gestürzt.

Doch dieser militärische Sieg ist fast nie ein politischer Erfolg. Wir hinterlassen zerstörte Regionen und „Failed States“ – man denke an Libyen oder Afghanistan. Die eigentlichen Kriegsziele, wie Stabilität oder Demokratisierung, werden verfehlt. Was bleibt, sind zerstörte staatliche Strukturen und immenses menschliches Leid.

Ist es die Demokratie oder nur das Bündnis?

Wir müssen uns auch ehrlich fragen: Liegt der Frieden innerhalb Europas wirklich an unserer Staatsform? Oder liegt es schlicht daran, dass wir alle Teil desselben militärischen Hegemonialbündnisses sind, das sich „der Westen“ nennt? Die Definition dessen, was eine „Demokratie“ ist, haben wir uns selbst maßgeschneidert. Es besteht der Verdacht, dass der Frieden untereinander weniger ein Verdienst der demokratischen Verfassung ist, sondern eher der Disziplinierung durch das Bündnis geschuldet ist.

Die Maske fallen lassen

Die bittere Erkenntnis lautet: Unsere demokratische Verfasstheit schützt uns nicht davor, Aggressor zu sein. Wir haben unsere Gewalt lediglich externalisiert. Wir leben unsere Aggressionen nicht mehr gegeneinander aus, sondern exportieren sie gemeinsam nach außen.

Es reicht nicht, sich auf den Lorbeeren des inneren Friedens auszuruhen, wenn wir gleichzeitig die aggressivste Außenpolitik der Geschichte betreiben. Wenn wir den Anspruch „Nie wieder Krieg“ ernst nehmen, müssen wir aufhören, unsere wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen hinter moralischen Phrasen zu verstecken. Wahre Friedenspolitik misst sich nicht daran, wie wir unsere Freunde behandeln, sondern wie wir mit unseren Gegnern umgehen – ohne sie präventiv zu bombardieren.

Dieser Artikel erschien erstmals am 10.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Gerd Altmann auf Pixabay.

Zur Vorbereitung dieses Artikels wurde eine KI Recherche in Auftrag gegeben deren Ergebnis hier zur Verfügung steht.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de