Das neue Jahr ist angebrochen, und wie in fast jedem Januar hallt auch diesmal der Rauch der Silvesternacht noch in den politischen Debatten nach. Wieder mussten wir die Diskussion um ein generelles Böllerverbot führen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn ich die kriegsähnlichen Szenen in manchen Großstadtvierteln sehe, finde ich die Forderung emotional absolut nachvollziehbar. Aber hier bei uns im ländlichen Raum, im Rhein-Sieg-Kreis, sieht die Realität oft anders aus.
Doch mir geht es heute nicht um Böller. Es geht um das Prinzip dahinter. Es geht um die Frage: Was passiert eigentlich wirklich, wenn wir etwas verbieten? Ist ein Risiko automatisch gebannt, nur weil wir es per Gesetz untersagen? Oder verlagern wir das Problem nur – vielleicht sogar hin zu noch größeren Gefahren?
Wir führen diese Debatten zu oft emotional und viel zu selten sachlich. Dabei übersehen wir oft die Kollateralschäden unserer gut gemeinten „Schutzmaßnahmen“.
Der Wasserbett-Effekt: Vom geprüften Böller zur illegalen Bombe
Bleiben wir kurz beim Feuerwerk. Wenn wir den Verkauf von geprüftem, sicherem Feuerwerk verbieten, hören die Menschen ja nicht auf, das Bedürfnis nach dem Ritual zu haben. Was passiert? Ein Teil der Menschen weicht aus. Sie besorgen sich illegales Feuerwerk, die sogenannten „Polenböller“ oder noch gefährlichere Eigenbauten.
Ökonomen nennen das Substitution. Wir schließen das Ventil für den kontrollierten Druck, und der Druck sucht sich einen neuen, unkontrollierten Weg. Das Ergebnis ist paradox: Wir haben offiziell ein Verbot zum Schutz der Gesundheit, erzeugen aber real eine Situation, in der die Verletzungen durch illegale Sprengkörper deutlich verheerender sein können als zuvor.
Das Kneipensterben und der stille Killer Einsamkeit
Ein anderes Beispiel, das die sozialen Folgen politischer Eingriffe verdeutlicht, ist das Rauchverbot in der Gastronomie. Die Begründung damals war der Schutz vor Passivrauch – ein legitimes medizinisches Argument, gestützt durch viele Statistiken (die damals allerdings durchaus kontrovers diskutiert wurden).
Was wir in der Rechnung aber völlig vergessen haben, ist die soziale Funktion der Eckkneipe. Gerade auf dem Land war sie oft das „öffentliche Wohnzimmer“. Nach dem Rauchverbot erlebten wir ein massives Kneipensterben. Die Menschen, die dort ihre Abende verbrachten, haben sich nicht in Luft aufgelöst. Sie sitzen jetzt oft allein zu Hause.
Hier kommt eine neue „Gesundheitsrechnung“ ins Spiel, die wir in der Politik gerne ignorieren: Inaktivität und Einsamkeit machen krank. Medizinische Studien belegen mittlerweile, dass die gesundheitlichen Auswirkungen von chronischer Einsamkeit und sozialer Isolation mit dem Rauchen von 15 Zigaretten pro Tag vergleichbar sind. Wenn der Rentner nicht mehr zum Skat in die Kneipe geht, sondern isoliert vor dem Fernseher sitzt, haben wir das Risiko vielleicht nur verlagert – von der Lunge auf die Psyche und das Herz-Kreislauf-System. Haben wir ihn wirklich geschützt?
Die Illusion der Sicherheit: Das Beispiel Helmpflicht
Dieses Phänomen der „Verschlimmbesserung“ lässt sich sogar auf Gebote übertragen. Nehmen wir die immer wieder diskutierte Helmpflicht für Radfahrer. Intuitiv sagen wir: „Helm schützt.“ Das stimmt im Falle eines Sturzes auch.
Aber schauen wir auf Länder wie Australien, wo eine Helmpflicht eingeführt wurde. Forscher beobachten dort den sogenannten Peltzman-Effekt: Menschen passen ihr Risikoverhalten an das gefühlte Sicherheitsniveau an. Wer sich durch einen Helm unverwundbar fühlt, fährt tendenziell riskanter. Zudem führte die Pflicht dazu, dass viele Menschen ganz auf das Radfahren verzichteten. Das Ergebnis: Weniger Bewegung in der Bevölkerung (schlecht für die Volksgesundheit) und weniger Radfahrer auf den Straßen, was paradoxerweise das Unfallrisiko für die verbliebenen erhöht, da Autofahrer weniger an sie gewöhnt sind.
Von Kampfhunden und emotionaler Gesetzgebung
Wie anfällig wir für emotionale Schnellschüsse sind, habe ich in meiner politischen Arbeit oft erlebt. Erinnern Sie sich an die Hysterie um die sogenannten „Kampfhunde“?
Getrieben durch schreckliche in der Boulevardpresse, wurde in fast jedem Gemeinderat dieses Landes über drastische Steuererhöhungen für bestimmte Hunderassen diskutiert. Das Ziel war Sicherheit. Die Folge war Tierleid: Viele Hunde landeten in Tierheimen, weil sich ihre Besitzer die Steuer nicht mehr leisten konnten.
Erst als die Emotionen abflauten, drang die Wissenschaft durch: Es gibt keine genetisch bösen Hunde. Es gibt nur Menschen, die Hunde falsch erziehen. Wer einen aggressiven Hund als Statussymbol will, weicht einfach auf andere Rassen aus, wenn der Pitbull zu teuer wird. Aber die Leidtragenden waren oft ältere Menschen, die durch die hohen Hürden und Kosten (Hundeführerschein, Steuern) davor zurückschreckten, sich überhaupt noch einen Hund anzuschaffen. Damit fiel für viele der letzte Grund weg, täglich vor die Tür zu gehen und sich zu bewegen. Wieder haben wir „Sicherheit“ gegen Einsamkeit und Bewegungsmangel getauscht.
Für eine Folgekostenberechnung am Menschen
Ich bin nicht prinzipiell gegen Verbote. Und ich bin auch nicht gegen Gebote. Aber ich bin entschieden dagegen, dass wir sie auf Basis von Bauchgefühlen erlassen, ohne die Nebenwirkungen zu prüfen.
In unseren Räten sind wir bei Bauprojekten sehr genau. Wenn wir einen neuen Radweg bauen, berechnen wir nicht nur den Asphalt. Wir kalkulieren den Winterdienst, die Reinigung, die Instandhaltung über Jahre hinweg. Wir prüfen den Eingriff in die Natur, zählen Eidechsen und berechnen Ausgleichsflächen.
Warum tun wir das nicht, wenn wir in das Leben von Menschen eingreifen? Warum stellen wir keine „Folgekostenberechnung für die menschliche Gesellschaft“ auf?
Wenn wir Jugendlichen den Alkohol verbieten (statt den Umgang zu üben), weichen sie vielleicht auf chemische Drogen aus, die viel schwerer zu kontrollieren sind. Wenn wir Treffpunkte regulieren, erzeugen wir Einsamkeit.
Wir gehen mit der Natur und unseren Bauwerken oft sorgsamer und vorausschauender um als mit unserer eigenen Gesellschaft. Wahrscheinlich, weil wir uns selbst gegenüber emotional befangen sind. Der Arzt kann sich eben schlecht selbst behandeln.
Wir müssen die Alternativen mitdenken. Eine aufgeklärte Politik verbietet nicht einfach das Risiko, sondern sie schafft Räume, in denen Menschen sicher und eigenverantwortlich leben können – ohne dass die Medizin bitterer schmeckt als die Krankheit, die sie heilen soll.
Dieser Artikel erschien erstmals am 10.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von http://megapixel.click – betexion – photos for free auf Pixabay.
Zur Vorbereitung dieses Artikels wurde eine KI Recherche angefordert, deren Ergebnis hier heruntergeladen werden kann.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de