Vom Wert des Widerspruchs

Anfang des Jahres 2026 ist die Wertschätzung für Kritik in Westeuropa so niedrig wie lange nicht mehr. Kritische Stimmen – ganz gleich, ob sie konstruktiv sind oder nicht – werden bevorzugt als „Nestbeschmutzer“, als Verbreiter von Kreml-Propaganda oder als anderweitig illegitim gebrandmarkt. Völlig vergessen scheint dabei, dass Kritik nicht nur einen abstrakten Wert hat, sondern unumgänglich ist, um einer Zivilisation überhaupt Bestand zu geben.

Tatsächlich war es immer die Kritik an bestehenden Verhältnissen, die Zivilisationen zu neuen Höhen brachte. Und immer dann, wenn die Kritik unterdrückt wurde, staute sie sich auf wie der Dampf in einem überhitzten Kessel. Es kam zur Explosion. Diese Explosionen waren oft gewalttätig und zerstörerisch – und sie wären nicht notwendig gewesen, wenn es Ventile für die Anbringung von Kritik gegeben hätte.

Der Preis des Schweigens: Ein Blick in die Geschichte

Die Geschichte ist ein Friedhof für Systeme, die an ihrer eigenen Unfehlbarkeit zugrunde gegangen sind. Wir haben es eindrucksvoll beim Zusammenbruch der Sowjetunion gesehen. Das einst zweitgrößte Imperium der Erde implodierte, weil es über Jahrzehnte nicht kritikfähig war. Als Gorbatschow mit Glasnost endlich Kritikfähigkeit anmahnte, war das Fundament bereits zu marode, um das Gebäude noch zu tragen. Die Rückkopplungsschleifen fehlten; die Führung lenkte blind, weil niemand wagte, ihr zu sagen, dass die Lenkung gebrochen war.

Doch die Sowjetunion ist bei weitem nicht das einzige Warnsignal. Ein noch blutigeres Beispiel liefert der „Große Sprung nach vorn“ in China Ende der 1950er Jahre. Lokale Kader trauten sich aus Angst vor Repressionen nicht, die realen, viel zu niedrigen Ernteerträge nach oben zu melden. Stattdessen wurden Rekordernten phantasiert, um der Ideologie zu entsprechen. Die Kritik an der verfehlten Agrarpolitik wurde als Verrat geahndet. Die Folge war die größte von Menschen verursachte Hungersnot der Geschichte, der Millionen zum Opfer fielen.

Oder blicken wir weiter zurück: Wie lange hat die katholische Kirche den wissenschaftlichen Fortschritt und damit die Aufklärung verzögert, indem sie Kritiker des geozentrischen Weltbildes wie Galileo mundtot machte? Jedes System, das den Kritiker zum Feind erklärt, beraubt sich seines wichtigsten Navigationsinstruments. Es fährt auf Sicht im Nebel und zerschlägt den Kompass, weil die Nadel in eine unerwünschte Richtung zeigt.

Die Philosophie des Widerspruchs

Dabei ist die Notwendigkeit des Widerspruchs keine neue Erkenntnis. Der Philosoph Karl Popper lehrte uns mit seinem „Kritischen Rationalismus“, dass wir uns der Wahrheit überhaupt nur nähern können, indem wir versuchen, unsere eigenen Theorien zu widerlegen. Fortschritt entsteht nicht durch Bestätigung, sondern durch Falsifikation – also durch den erfolgreichen Nachweis eines Fehlers. Eine „Offene Gesellschaft“ kann laut Popper nur überleben, wenn sie den Widerspruch nicht nur duldet, sondern ihn institutionalisiert. Wer Kritik verbietet, beendet den Fortschritt.

Auch John Stuart Mill wies in seinem Essay „Über die Freiheit“ darauf hin, dass selbst eine falsche Meinung einen Wert hat. Denn prallt sie auf die Wahrheit, zwingt sie diese dazu, sich zu rechtfertigen und zu schärfen. Ohne den ständigen Angriff verkommt die Wahrheit zum toten Dogma. Wer Kritik unterbindet, begeht laut Mill ein Verbrechen an der menschlichen Intelligenz – denn entweder ist die unterdrückte Meinung wahr (dann wird uns die Korrektur genommen) oder sie ist falsch (dann wird uns die klarere Wahrnehmung der Wahrheit genommen, die durch den Zusammenstoß mit dem Irrtum entsteht).

Kritik als Rohstoff: Die Raffinerie der Gesellschaft

Grundsätzlich gilt: Wer Kritik übt, gibt dem Kritisierten eine Chance, das Kritisierte zu verbessern. Selbst dann, wenn die Kritik auf eine Art und Weise rübergebracht wird, die als destruktiv, polemisch oder „unsachlich“ angesehen wird, ist sie immer noch ein Hinweis auf einen möglichen Fehler. Ob berechtigt oder nicht, ist zweitrangig. Selbst unberechtigte Kritik mag zeigen, wo zwar in der Sache alles korrekt, aber im Gefühl des Kritikers etwas als Fehler wahrgenommen wird. Auch dieses Gefühl hat eine Ursache, die es zu verstehen gilt.

Man muss Kritik daher als Ressource begreifen. Sie ist wie Erdöl. In seiner Rohform ist Erdöl eine schwarze, klebrige Masse. Kippt man sie einfach in die Landschaft, kann sie ganze Landstriche versauen und unbewohnbar machen. Doch leitet man dieses Rohöl in eine Raffinerie, wird daraus Energie, die unsere Welt antreibt.

Genau so verhält es sich mit der Kritik. Egal in welcher Rohform sie vorliegt – ob als wütender Leserbrief, als polemischer Kommentar oder als fundierte Analyse – sie enthält Energie. Wird sie richtig „raffiniert“, also intellektuell verarbeitet und ernst genommen, ist sie nützlich. Die Frage ist nur, ob eine Gesellschaft noch über die nötigen Raffinerien verfügt, um diese Rohmasse in Fortschritt umzuwandeln.

Und genau diesen Aspekt hat der Westen verlernt. Wir haben unsere Raffinerien abgebaut. Wir sind nicht mehr in der Lage, die Energie des Widerspruchs zu nutzen. Schlimmer noch: Wir weigern uns inzwischen, den Rohstoff überhaupt noch anzunehmen.

Einen erschütternden Beweis für diesen geistigen Niedergang lieferte Daniel Günther, der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, erst vor wenigen Tagen in der Talkshow bei Markus Lanz. Seine offen ausgesprochene Forderung, wonach Kritiker und alternative Medien in bestimmten Fällen massiv zensiert, reguliert oder gar verboten werden müssten, zeigt nicht nur ein zutiefst gestörtes – oder besser gesagt: gar nicht mehr vorhandenes – Demokratieverständnis.

Es ist eine grobe Missachtung unserer Verfassung. Aber darüber hinaus zeigt es, dass dieser Mann offensichtlich überhaupt nicht in der Lage ist, den funktionalen Wert von Kritik auch nur ansatzweise zu begreifen. Wer Zensur fordert, gibt zu, dass er keine Argumente mehr hat. Wer den Kritiker verbieten will, hat Angst vor der Wahrheit, die dieser aussprechen könnte.

Die Liste der 59: Wenn Bürger zu Feinden erklärt werden

Der absolute Tiefpunkt dieser Entwicklung – und der ultimative Beweis für die westliche Kritikunfähigkeit – manifestiert sich jedoch nicht in Talkshows, sondern in der juristischen Ächtung. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die EU eigene Bürger und Bewohner auf Sanktionslisten setzt, die eigentlich für Terroristen oder fremde Oligarchen gedacht waren. Es existiert mittlerweile eine Liste von 59 Personen aus dem Medien- und Informationsumfeld, die faktisch vogelfrei erklärt wurden.

Besonders erschreckend ist dabei der Blick auf jene, die hier in Europa leben oder europäische Pässe besitzen. Da sind zum Beispiel die drei Deutschen: Thomas Röper, der mit seinem „Anti-Spiegel“ eine Gegenöffentlichkeit aufgebaut hat, Alina Lipp, die aus dem Donbas berichtete, und Hüseyin Doğru, der Gründer des linken Medienprojekts Red Media. Sie alle wurden sanktioniert. Das bedeutet: Kontensperrungen, Reisebeschränkungen und ein wirtschaftliches Existenzverbot. Und wofür? Nicht für Gewalttaten, sondern für das Verbreiten von Informationen, die dem Brüsseler Narrativ widersprechen.

Doch der Radius wurde längst erweitert. Auch zwei Schweizer Publizisten finden sich in diesem Fadenkreuz wieder: der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter und NATO-Analyst Jacques Baud, dessen sachliche Analysen zum Ukraine-Konflikt die offiziellen Lügen entlarvten, und die Aktivistin Nathalie Yamb. Dass die EU sich anmaßt, Bürger eines neutralen Nicht-EU-Staates wie der Schweiz zu sanktionieren, zeigt die ganze Arroganz eines Machtapparates, der jeden Widerspruch global ersticken will.

Diese Menschen werden nicht widerlegt, sie werden vernichtet. Wer Journalisten und Autoren auf dieselbe Stufe mit Kriegsverbrechern stellt, nur weil sie „falsche“ Ansichten vertreten, hat den Boden des Rechtsstaats verlassen. Es ist ein Akt der Hilflosigkeit: Weil man die Argumente von Baud, Röper oder Lipp in der offenen Debatte nicht besiegen kann, greift man zum administrativen Hammer. Das ist keine wehrhafte Demokratie, das ist die Bankrotterklärung eines Systems, das die Wahrheit fürchtet wie der Teufel das Weihwasser.

Wir sollten jedem dankbar sein, der sich die Mühe macht, Verhältnisse zu kritisieren. Denn nur so haben wir die Chance, von Missständen zu erfahren und zu prüfen, ob und wie wir sie verbessern können. Stattdessen mauern wir uns ein und feiern diejenigen, die den Mörtel für diese Mauer anrühren, als Verteidiger der Demokratie. Wir wären gute beraten, diesen Irrsinn zu verlassen, bevor uns der Kessel um die Ohren fliegt.

Dieser Artikel erschien erstmal am 08.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Gerd Altmann auf Pixabay.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de