Drogen als Kriegsgrund: Die mörderische Heuchelei des Westens

Man muss sich die Mechanismen genau ansehen, mit denen der Westen seine Kriege rechtfertigt. Neben „Menschenrechten“ und „Demokratie“ wird immer häufiger ein weiteres Argument herangezogen, um militärische Interventionen, Besatzungen und Morde moralisch und juristisch abzusichern: der angebliche Kampf gegen den Drogenhandel.

Wir haben das in Afghanistan gesehen. Ein Krieg, der weit über 20 Jahre dauerte und den die NATO schlussendlich krachend verloren hat. Einer der dauerhaften Vorwände für die Präsenz am Hindukusch war die Eindämmung des dortigen Opiumanbaus und Drogenhandels. Das Ergebnis kennen wir: Unter den Augen der NATO florierte der Anbau wie nie zuvor.

Doch das Muster wiederholt sich. Gerade jetzt erleben wir, wie die USA ihre Aggression gegen Venezuela militärisch eskalieren. Auch hier dient der angeblich notwendige „Schlag gegen den Narco-Terrorismus“ als Legitimation.

Allein in den letzten Monaten wurden Berichten zufolge weit über 100 Menschen ermordet, die nichts anderes taten, als mit Booten durch die Karibik zu fahren. Die US-Streitkräfte haben sie schlichtweg hingerichtet – oft unter dem Vorwand, es handele sich um Schmugglerboote. Es gibt kein anderes Wort dafür als Mord. Die Begründung bleibt dieselbe: ein „Krieg gegen Drogen“. Dass es für viele dieser Angriffe keinerlei unabhängige Belege für eine tatsächliche Fracht gibt, spielt in der westlichen Berichterstattung kaum eine Rolle.

Ich halte diese Begründung für lächerlich. Nicht nur, weil die Beweise fehlen, sondern weil sie eine historische Heuchelei offenbart, die ihresgleichen sucht.

Um diese Doppelmoral zu verstehen, lohnt ein Blick in die Geschichte, konkret auf die Opiumkriege im 19. Jahrhundert. Damals war die Rollenverteilung exakt umgekehrt: Das britische Empire überschwemmte China gezielt mit Opium aus seinen indischen Kolonien, um die eigene Handelsbilanz (insbesondere für den Tee-Import) auszugleichen. Als die chinesische Regierung versuchte, sich gegen diese Zersetzung ihrer Gesellschaft zu wehren und das Opium verbot, antwortete Großbritannien nicht mit Verständnis, sondern mit Kanonenbooten.

Mit massiver Waffengewalt zwangen die Briten China im Vertrag von Nanking (1842), seine Märkte für den Drogenhandel zu öffnen. Die damalige Begründung des Westens? Das heilige Recht auf „Freihandel“. Wer Drogen liefert (wenn es dem eigenen Profit dient), handelt im Recht. Wer Drogen bekämpft (wenn es dem eigenen Imperium dient), handelt ebenfalls im Recht. Die Konstante ist nicht die Moral, sondern das Recht des Stärkeren.

Das führt zu der fundamentalen Frage: Wer hat die Deutungshoheit darüber, was eine illegale Droge ist, deren Produktion einen Kriegsgrund liefert?

Wäre man objektiv, müssten Länder, die Tabak oder Alkohol herstellen und aggressiv exportieren, ebenso als „Drogen-Schurkenstaaten“ gelten. Würde ein muslimisches Land, in dem Alkohol aus religiösen Gründen streng verboten ist, die gleiche Logik anwenden wie die USA, hätte es theoretisch die Legitimation, westliche Brauereien und Destillerien zu bombardieren oder unsere Handelsschiffe zu versenken.

Dass wir dieses Szenario im Westen als absurd empfinden, beweist nicht, dass die Logik falsch ist. Es beweist nur, dass unser Drogenbegriff zutiefst politisch – und rassistisch – geprägt ist. Eine objektive, rein wissenschaftliche Beurteilung gibt es in der Geopolitik nicht.

Diese politische Färbung hat Tradition. Schauen wir in die USA der 1930er Jahre. Nach dem Scheitern der Alkoholprohibition brauchte der Sicherheitsapparat einen neuen Feind. Man fand ihn im Cannabis.

Unter der Führung von Harry Anslinger, dem ersten Leiter der US-Drogenbehörde, wurde Cannabis mit einer beispiellosen Kampagne kriminalisiert. Dabei ging es nie um Gesundheit. Es ging um Rassismus. Anslinger und seine Behörde verknüpften Cannabis gezielt mit ethnischen Minderheiten – mit Mexikanern und Schwarzen. Man verbreitete Schauermärchen über „Schwarze, die unter dem Einfluss von Marihuana weiße Frauen verführen“ oder Gewalttaten begehen würden.

Während Cannabis (als „Droge der Minderheiten“) extrem hart bestraft wurde, wurden Substanzen, die in der weißen Oberschicht verbreitet waren, oft weitaus milder behandelt oder ignoriert. Diese rassistische DNA durchzieht den „War on Drugs“ bis heute.

Um den Kreis zu Afghanistan zu schließen: Während wir dort angeblich Krieg führten, um den Drogenanbau der Bauern zu stoppen, sorgten wir gleichzeitig für den Nachschub unserer eigenen Droge Nummer eins.

Zahlen aus der Zeit der Besatzung belegen, dass die Bundeswehr allein in einem Jahr rund eine Million Liter Bier und fast 70.000 Liter Wein und Sekt nach Afghanistan verschiffen ließ, um die Truppe bei Laune zu halten.

Wir exportieren unsere Drogen in ein muslimisches Land, um dort unsere Soldaten zu versorgen, die wiederum die dortigen Bauern bombardieren, weil diese die „falschen“ Drogen anbauen. Das ist mehr als nur Heuchelei. Es ist die Fortführung kolonialer Arroganz und purer Rassismus.

Solange wir nicht erkennen, dass der Begriff „Droge“ in der internationalen Politik nur ein Hebel für Machtinteressen ist, werden wir weiterhin Kriege führen, die angeblich dem Schutz dienen, aber in Wahrheit nur Zerstörung bringen.

Quellen:

Zu den Angriffen auf Boote in der Karibik (Venezuela)

Hier ist eine Chronologie, die bestätigt, dass seit Beginn der Eskalation im September über 100 Menschen bei diesen Angriffen getötet wurden (Stand Anfang Januar 2026).

Bestätigt die Zahl von mind. 115 Toten und die Angriffe der letzten Tage:
https://www.pbs.org/newshour/world/a-timeline-of-u-s-military-escalation-against-venezuela-leading-to-maduros-capture

Zu den Alkohol-Exporten nach Afghanistan

Das ist die offizielle Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken. Sie bestätigt, dass allein im Jahr 2010 rund 1,3 Millionen Liter Bier und 50.000 Liter Wein/Sekt an die deutschen Standorte ausgegeben wurden.

Offizielle Quelle des Bundestags, die die „1 Million Liter“-Marke sogar noch übertrifft (für das Jahr 2010): https://www.bundestag.de/webarchiv/presse/hib/2014_01/02-260870

Zu Harry Anslinger und den rassistischen Motiven des Cannabis-Verbots

Eine juristische Aufarbeitung der University of Chicago, die Anslingers Zitate (z.B. über „Satanische Musik“ und „Darkies“) und die gezielte Kampagne gegen Minderheiten dokumentiert.

Belegt, dass das Verbot nicht medizinisch, sondern rassistisch motiviert war („Unconstitutional Racial Animus“):
https://lawreview.uchicago.edu/online-archive/unconstitutional-racial-animus-behind-federal-marijuana-criminalization

Dieser Artikel erschien erstmals am 04.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von MATT ROGERS auf Pixabay.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de