Eines der größten Argumente gegen den Bitcoin ist der immense Energieverbrauch. Tatsächlich ist das der häufigste Angriffspunkt für Kritiker. Dabei wird oft übersehen, dass es längst moderne Kryptowährungen gibt, die dank neuer Verfahren einen Bruchteil dieser Energie benötigen, oder dass dieser Energieaufwand Netzwerke erst sicher macht. Die Technologie bleibt nicht stehen.
Eines der größten Argumente gegen Künstliche Intelligenz ist ebenfalls der Energiehunger. Auch das ist eine Momentaufnahme. Mit Methoden wie der Quantisierung oder effizienten Modell-Architekturen wie DeepSeek senken wir den Verbrauch bereits heute um ein Vielfaches.
Doch blicken wir zurück: Eines der größten Argumente gegen die Kultivierung des Feuers hätte der immense Energieaufwand für das bloße Sammeln von Brennholz und – wenn das Wissen darum seinerzeit schon vorhanden gewesen wäre- die Ineffizienz des Verbrennungsvorganges sein können.
Tatsächlich ist es fast ein Naturgesetz: Neue Erfindungen sind zu Beginn in aller Regel wenig effizient. Der Fokus liegt zunächst darauf, zu beweisen, dass das erdachte Prinzip überhaupt technisch machbar ist. Die Effizienz kommt später.
Viel wichtiger ist jedoch, was diese Energieinvestition ermöglicht. Das Feuer war nicht nur eine ineffiziente Wärmequelle. Es erlaubte dem Menschen, Nahrung zu kochen, was das Gehirnwachstum förderte. Es spendete Licht, um Werkzeuge zu bauen. Das ist der entscheidende Punkt: Jede technische Errungenschaft erleichtert das Erreichen der nächsten Stufe.
- Das Feuer ermöglichte die Metallverarbeitung.
- Die Metallverarbeitung ermöglichte die Dampfmaschine.
- Die Dampfmaschine ermöglichte die industrielle Stromerzeugung.
Wir haben es hier mit einer sich selbst beschleunigenden Entwicklungskurve zu tun. Mit der KI als Werkzeug dürfte sich diese Kurve nun extrem beschleunigen. Effizienz führt dabei historisch gesehen nicht zu Verzicht, sondern dazu, dass wir uns mehr leisten können – mehr Rechenleistung, mehr Mobilität, mehr Wohlstand.
Gibt es physikalisch überhaupt noch Luft nach oben? Ja. Um zu verstehen, wie ineffizient wir heute eigentlich noch sind, hilft ein Rechenbeispiel auf Basis von Einsteins Formel E=mc².
Nehmen wir an, wir wollen eine Energiemenge von 75 Gigawattstunden erzeugen. Das reicht aus, um eine Kleinstadt mehrere Wochen lang mit Strom zu versorgen. Schauen wir uns an, wie viel Material wir dafür in verschiedenen Epochen der Menschheit „verbrennen“ müssten:
In der Steinzeit:
Um diese Energie mit feuchtem Holz zu erzeugen, müssten unsere Vorfahren 37.500 Tonnen Holz sammeln. Das ist ein Wald, verladen auf einen Güterzug von fast 10 Kilometern Länge.
Im Industriezeitalter:
Wir benötigen etwa 9.400 Tonnen Steinkohle – das entspricht dem Gewicht des Eiffelturms.
Im Ölzeitalter:
Wir brauchen immer noch gut 6.350 Tonnen Öl (ein kleines Tankschiff), um diese Energie freizusetzen.
Und jetzt die Physik der Zukunft: Würden wir es schaffen, nach Einsteins Formel Materie direkt und vollständig in Energie umzuwandeln – so wie es die Naturgesetze theoretisch erlauben –, bräuchten wir für dieselbe gigantische Energiemenge keinen Wald und keinen Kohleberg. Wir bräuchten einen Materie-Block von 3 Gramm. Das entspricht einem Stück Würfelzucker.
Natürlich können wir den Würfelzucker heute noch nicht einfach in die Steckdose stecken. Aber Technologien wie die Kernfusion sind der nächste logische Schritt, um dieser physikalischen Idealvorstellung näherzukommen. Die Differenz zwischen den 37.500 Tonnen Holz und den 6.350 Tonnen Öl sind der Effiziengewinn, den wir bereits nutzbar gemacht haben. Die Lücke zwischen den 6.350 Tonnen Öl und dem einen Stück Würfelzucker ist das Potenzial, das noch vor uns liegt.
| Technologie | Energiequelle | Physikalisches Prinzip | Effizienz (grob vereinfacht) |
| Lagerfeuer | Holz (Biomasse) | Chemische Reaktion | Sehr gering (< 10% thermisch genutzt) |
| Dampfmaschine | Kohle | Thermodynamik | ca. 10–15% |
| Moderner Verbrenner | Öl/Benzin | Thermodynamik | ca. 30–40% |
| Atomkraft (Spaltung) | Uran | Kernspaltung | Millionenfach höhere Energiedichte als Kohle |
| Kernfusion (Zukunft) | Wasserstoff | Kernfusion | Nahezu unerschöpflich, noch höhere Ausbeute |
| Theoretisches Maximum | Materie-Energie | E=mc² (Totalumwandlung) | 100% |
Neben der Erzeugung ist auch das „Recycling“ von Energie ein Feld mit enormem Potenzial. Abwärme von Rechenzentren muss nicht ungenutzt verpuffen. Wir stehen womöglich erst am Anfang.
Selbst Grundlagen, die wir für auserforscht hielten, bergen Überraschungen. Erst 2024 stellten Wissenschaftler fest, dass Wasser nicht nur durch Wärme verdunstet, sondern durch den „photomolekularen Effekt“ auch direkt durch Licht gespalten wird. Solche Entdeckungen stellen Parameter in Klimamodellen auf den Prüfstand und zeigen: Wir haben noch lange nicht ausgeforscht.
Wenn Energiesparen heute oberste politische Prämisse ist, mag das für die aktuelle Situation sinnvoll sein. Langfristig wird die Menschheit dieses Limit jedoch sprengen.
Wir steuern auf eine Zukunft zu, in der wir in Energie „schwimmen“. Sie wird für uns eines Tages so selbstverständlich und im Überfluss vorhanden sein, wie es heute Speicherplatz für Fotos und Videos ist – Ressourcen, die noch vor wenigen Jahrzehnten kostbar waren und heute dank der technologischen Beschleunigung gefühlt unbegrenzt zur Verfügung stehen.
Selbst beim Thema Klimawandel, zumindest bei dessen menschengemachten Anteil, hilft uns die Physik weiter, wenn wir sie lassen. Natürlich gibt es den „Rebound-Effekt“: Wer effizienter wird, verbraucht oft insgesamt mehr. Doch wenn uns genügend Energie zur Verfügung steht, wird CO₂ vom Problem zur Ressource. CO₂ ist chemisch betrachtet ein Grundbaustein, ein Dünger – theoretisch sogar ein Energieträger, wenn wir die Möglichkeit haben, es umzuwandeln. Pflanzen machen uns das seit Jahrmillionen vor. Mit unbegrenzter Energie könnten wir das Klima technisch in den Griff bekommen, statt es nur durch Verzicht zu verwalten.
Heißt das nun, dass ich all diese Entwicklungen begrüße? Dass ich ein unkritischer Techno-Optimist bin, der jeder Neuerung applaudiert?
Ganz und gar nicht.
Ich trenne hier strikt zwischen dem, was physikalisch möglich ist, und dem, was gesellschaftlich wünschenswert ist. Dass wir energetisch noch gewaltiges Potenzial haben, ist eine physikalische Tatsache. Was wir daraus machen, ist eine ganz andere Frage – und hier bin ich zutiefst skeptisch.
Viele technische Entwicklungen gingen in der Vergangenheit zu schnell, und das Tempo zieht weiter an. Nehmen wir die Künstliche Intelligenz: Meine größte Sorge ist dabei nicht der klassische Science-Fiction-Albtraum einer bösartigen Maschine, die die Menschheit unterjocht. Die wahre Gefahr liegt in der Schwäche unserer eigenen Psyche. Wenn eine KI uns jeden Wunsch von den Lippen abliest und uns in eine perfekte Traumwelt entführt, droht uns die Degeneration. Wir laufen Gefahr, das Verlernen zu lernen, unsere Fähigkeiten verkümmern zu lassen und uns in einer bequemen Passivität aufzulösen, in der selbst die Fortpflanzung zur lästigen Anstrengung wird. Nicht die Stärke der KI ist das Problem, sondern die Schwäche des Menschen.
Auch gesellschaftlich stehen wir vor einem Erdbeben. Wenn Energie im Überfluss vorhanden ist, fallen die Kosten für materielle Güter ins Bodenlose. Das klingt zunächst utopisch, rüttelt aber an den Grundfesten unserer Ordnung: Wenn niemand mehr gezwungen ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, verliert die Gesellschaft ihr bewährtes Mittel zur Disziplinierung und Strukturierung. Ob wir als Spezies reif genug sind für eine Welt ohne Mangel und ohne den Zwang zur Arbeit, wage ich zu bezweifeln.
Warum schreibe ich also diesen Text, wenn ich der KI und dem blinden Fortschrittsglauben so kritisch gegenüberstehe, dass ich ein Moratorium für die KI-Entwicklung für dringend geboten halte – wohl wissend, dass es politisch kaum durchsetzbar ist?
Weil ich Gegner falscher Argumente bin. Wir müssen diese Debatten führen – über die Gefahr der Degeneration, über die Struktur unserer Gesellschaft und über die ethischen Grenzen der Technik. Aber wir müssen sie ehrlich führen. Wir dürfen technische Innovationen nicht mit der Lüge ablehnen, sie seien physikalisch unmöglich oder energetisch nicht darstellbar.
Die Energie ist da. Die Physik setzt uns kaum Grenzen. Die Grenzen liegen allein in unserer Vernunft und unserer Fähigkeit, mit dieser Macht umzugehen.
Dieser Artikel erschien erstmals am 23.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Gordon Johnson auf Pixabay.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de