Moralischer Bankrott: Wie der Westen seine Werte im Minenfeld vergräbt

Es ist noch gar nicht lange her, da feierte sich der „Werte-Westen“ für eine zivilisatorische Errungenschaft. Mit Ausnahme der USA und weniger anderer Staaten hatten sich die liberalen Demokratien in der Ottawa-Konvention darauf geeinigt, eine der grausamsten Waffen der Menschheitsgeschichte zu ächten: die Antipersonenmine.

Wir alle kennen die Bilder und die Funktionsweise dieser heimtückischen Geräte. Sie lauern vergraben im Boden, oft Jahre oder Jahrzehnte lang, lange nachdem ein Konflikt beendet ist und die Generäle längst ihre Memoiren schreiben. Wenn ein Mensch darauf tritt, töten sie meistens nicht sofort. Das ist nicht ihr Zweck.

Die Sprengkraft ist zynisch genau berechnet: Sie soll dem Menschen, der darauf tritt, die Beine abreißen. Das Ziel ist die Verstümmelung, nicht der schnelle Tod. Die militärische Logik dahinter ist so simpel wie pervers: Ein toter Soldat wird beerdigt. Ein schwerstverletzter, verstümmelter Mensch aber bindet Ressourcen. Er muss geborgen, versorgt und gepflegt werden.

Er kehrt als „Krüppel“ – in der Sprache der Militärs – in seine Heimat zurück und wird dort nicht nur das Gesundheitssystem belasten, sondern auch die Moral der Bevölkerung untergraben. Jeder Mensch ohne Beine im Straßenbild ist eine Mahnung an den Gegner. Das ist die Logik von Landminen. Es ist eine Logik der Barbarei. Und genau deshalb war es in unseren Gesellschaften Konsens, dass diese Waffen geächtet gehören.

Das Unwort des Jahres: „Mobilitätssperre“

Um dieses Grauen verkaufbar zu machen, haben die Strategen in den Ministerien eine neue, sterile Sprache erfunden. Sie sprechen nicht mehr von zerfetzten Gliedmaßen oder Minenfeldern. Sie nennen es „Mobilitätssperre“.

Man muss sich diesen Begriff auf der Zunge zergehen lassen. Er klingt nach einer Baustelle auf der Autobahn, nach einer harmlosen Umleitung. Doch was hier „gesperrt“ wird, ist nicht der Verkehr, sondern das Leben eines Menschen. Eine „Mobilitätssperre“ ist nichts anderes als ein Euphemismus für das Wegsprengen von Beinen. Wer solche Begriffe erfindet, um unmenschliche Waffen salonfähig zu machen, hat sich den Titel für das Unwort des Jahres – nein, des Jahrzehnts – redlich verdient. Es ist die sprachliche Verschleierung von Kriegsverbrechen.

Der noch vor wenigen Jahren bestehende humanitäre Konsens wurde aufgekündigt. Klammheimlich und unter dem Deckmantel einer wahrscheinlich imaginären Bedrohung aus Russland und Belarus erleben wir eine Renaissance des Schreckens.

Es sind ausgerechnet Staaten wie Finnland und die baltischen Republiken, die diesen Dammbruch vollzogen haben. Finnland ist zum Jahreswechsel aus der Ottawa-Konvention ausgetreten. Die Begründung? Man müsse die Grenze schützen. Es wird so getan, als sei das Völkerrecht eine Schönwetter-Veranstaltung, die man beim ersten Windstoß über Bord wirft.

Und Deutschland? Berlin wäscht seine Hände in Unschuld und verweist stolz darauf, die Ottawa-Konvention nicht gekündigt zu haben. Doch das ist reine Heuchelei. Während wir sonntags unsere Moral vor uns hertragen, finanzieren wir werktags genau diese Aufrüstung mit. Über die Europäische Union fließen deutsche Steuergelder in Töpfe, aus denen unsere östlichen Nachbarn ihre Grenzbefestigungen und Minenprogramme bezahlen.

Brüssel hat längst klargestellt, dass EU-Kredite für diese Zwecke nicht blockiert werden. Wir lagern das „Schmutzige“ einfach aus. Polen legt die Minen, Deutschland zahlt mit, und am Ende behaupten wir, wir hätten damit nichts zu tun. Das ist keine Friedenspolitik, das ist Beihilfe.

Besonders dramatisch ist die Entwicklung in Polen. Warschau begnügt sich nicht damit, Minen zu lagern. Nein, Polen steigt im großen Stil wieder in die industrielle Massenproduktion ein. Es ist von einer Kapazität von sechs Millionen Minen die Rede.

Das polnische Programm „Tarcza Wschód“ (Ostschild) ist nichts anderes als die Militarisierung einer ganzen Region. Und weil sechs Millionen Minen für die eigene Grenze wohl kaum reichen, plant man bereits fest mit dem Export. Polen will zum Arsenal für diese geächteten Waffen werden.

Ein neuer Eiserner Vorhang?

Man will also die Grenze nach Belarus „absichern“. Hatten wir das nicht schon einmal? „Abgesicherte Grenzen“? In der DDR nannte man das euphemistisch den „Antifaschistischen Schutzwall“. Damals stellte der Westen die berechtigte Frage: Werden hier eigentlich die anderen ausgesperrt – oder die eigenen Leute eingesperrt?

Heute bauen NATO-Staaten neue Mauern aus Sprengstoff und Stahl. Wir erleben eine Remilitarisierung, die keine moralischen Grenzen mehr kennt. Während deutsche Politiker sonntags über Menschenrechte philosophieren, unterstützen wir faktisch Bündnispartner, die genau diese Menschenrechte mit Füßen treten – oder besser gesagt: wegsprengen.

Wo sind wir eigentlich hingekommen?

Dieser Artikel wurde erstmals am 11.01.2026 veröffentlicht. Das Artikelbild ist ein Beispielbild, es wurde von Gemini generiert.

Zur Vorbereitung dieses Artikels wurde eine KI Recherche angefordert, die hier eingesehen werden kann.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de