Geiseln der Doppelmoral: Das ohrenbetäubende Schweigen der Bundesregierung zu den Inhaftierten im Golf

Die Realität sieht oft noch absurder aus, als flüchtige Gerüchte es vermitteln: Es war kein unbedarfter Teenager, sondern ein gestandener Londoner Flugbegleiter der Airline FlyDubai, der am 7. März 2026 unfreiwillig zum Opfer drakonischer Gesetze wurde. Er machte sich Sorgen um seinen Arbeitsweg, nachdem nahe des Flughafens in Dubai eine iranische Drohne abgestürzt war. Er fotografierte die Schäden und teilte das Bild in einer privaten Chat-Gruppe mit Kollegen, um sich schlicht über die Sicherheitslage auf dem Weg zum Dienst zu informieren. Eine zutiefst menschliche, alltägliche Reaktion. Das Resultat? Die Polizei durchsuchte sein Telefon und verhaftete ihn auf der Stelle.

Einem 60-jährigen britischen Touristen erging es nicht besser. Er filmte die Abwehr iranischer Raketen über der Skyline, verhielt sich völlig kooperativ und löschte das Video sofort, als die Behörden ihn darum baten. Dennoch wurde er inhaftiert. Ihm drohen nun bis zu zwei Jahre Gefängnis und ruinöse Geldstrafen in Höhe von umgerechnet etwa 50.000 Euro. All das geschieht auf Basis extrem weitreichender Cyberkriminalgesetze der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die im Schatten des Irankrieges gnadenlos durchgesetzt werden.

Die aktuelle Medienlandschaft im englischsprachigen Raum überschlägt sich förmlich. Internationale Berichte und Nichtregierungsorganisationen wie „Detained in Dubai“ gehen davon aus, dass allein in Dubai 50 bis 70 britische Staatsbürger festgehalten werden. In Abu Dhabi bestätigte die Polizei offiziell die Festnahme von 109 Personen verschiedenster Nationalitäten.

Verfolgt man jedoch die deutsche Medienlandschaft, könnte man meinen, dieses Problem existiere für uns schlichtweg nicht. Dabei belegen Berichte von Menschenrechtsanwälten zweifelsfrei, dass auch deutsche Staatsangehörige in dieses Zensur-Netz geraten sind. Ihr „Verbrechen“? Einige von ihnen haben beispielsweise nach einem Drohnenangriff nahe ihrer Wohnung ein Foto gemacht und dieses privat über Messenger-Dienste an ihre Familien in Deutschland geschickt. Sie wollten lediglich signalisieren: Wir sind am Leben, macht euch keine Sorgen. Für die VAE reicht das aus, um sie als Straftäter wegzusperren.

Doch was tut unsere Regierung? Es gibt keine offizielle Verlautbarung, kein lautes Einfordern von konsularischem Zugang, keine öffentliche Krisenintervention. Während der britische Guardian oder The Independent Sturm laufen und die eigene Diplomatie für ihre „Impotenz“ in der Luft zerreißen , herrscht bei uns ein unerträglicher Totalausfall der Leitmedien. Wir lesen seitenlange Berichte über die Evakuierung von TUI-Kreuzfahrtpassagieren und sehen einen Außenminister Johann Wadephul, der sich für organisierte Lufthansa-Rückholflüge feiern lässt. Doch zu den deutschen Staatsbürgern, die wegen eines simplen Familien-Fotos in überfüllten emiratischen Zellen verschwinden , herrscht absolutes Schweigen.

Man stelle sich nur für eine einzige Sekunde vor, exakt dieselben Verhaftungen fänden aktuell im Iran statt. Deutsche Touristen, die wegen eines WhatsApp-Fotos in Teheran in Schnellverfahren zu Haftstrafen verurteilt würden. Unsere Schlagzeilen würden überquellen. Es wäre nicht von „Gefangenen“ die Rede, sondern von barbarischen Entführungen und systematischer „Geiseldiplomatie“.

Doch wenn die Täter die Vereinigten Arabischen Emirate sind, versagt dieser Mechanismus vollständig. Dieses Messen mit zweierlei Maß lässt nur bittere Interpretationen zu. Zum einen mag man naiv hoffen, die Bundesregierung versucht hinter verschlossenen Türen ihre diplomatischen Beziehungen spielen zu lassen. Aber seien wir ehrlich: Für Deals im Geheimen zahlt man immer einen Preis. Der weitaus wahrscheinlichere Grund für das Schweigen ist unsere wirtschaftliche Abhängigkeit. Die VAE sind ein hochgradig lukrativer Handelspartner. In Krisenzeiten, in denen Europa händeringend um Energiestabilität kämpft, ordnet man die Grundrechte der eigenen Bürger brutal der Staatsräson unter. Ein diplomatischer Eklat um weggesperrte Touristen könnte wichtige Energieabkommen stören, die man hofft nach dem Krieg wieder aufnehmen zu können.

Das alles wirft eine besorgniserregende Frage zu unserer Presse auf: Entweder interessieren sich unsere Journalisten schlichtweg nicht für das Schicksal der Menschen dort unten , oder sie berichten bewusst nicht, aus einem vorauseilenden diplomatischen Gehorsam gegenüber der Regierungslinie. Mit beidem verraten sie ihre Kernaufgabe. Es ist die Pflicht der Medien, als vierte Gewalt Druck auf die Regierung auszuüben, wenn diese ihre Bürger im Stich lässt.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Dass über diese gravierenden Menschenrechtsverletzungen an Deutschen im Golf praktisch nicht berichtet wird, ist kein Zufall – es ist ein politisches Kalkül. Und es sendet ein beängstigendes Signal an uns alle: Wenn der Handelspartner nur mächtig genug ist, wirst du vom geschützten Staatsbürger zum vergessenen Kollateralschaden.

Dieser Artikel erschien erstmals am 03.04.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Marcello Rabozzi auf Pixabay.

Zur Vorbereitung dieses Artikels wurden KI Recherchen durchgeführt, deren Ergebnisse hier zur Verfügung stehen.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de