Der Mythos der Effizienz: Warum uns Digitalisierung und KI vielleicht mehr kosten, als sie nutzen

Bisher scheint es kaum eine ernsthafte Kontroverse über die Frage zu geben, ob uns die fortschreitende Datenverarbeitung und der Einsatz von KI wirklich nützlich sind. Der technologische Weg gilt vielen als alternativlos. Ich möchte das aber einmal grundlegend in Frage stellen. Die Aussagen, die ich hier treffe, sind nicht als unumstößliche Wahrheiten gemeint, sondern vielmehr als Thesen und offene Fragen, die wir uns als Gesellschaft dringend stellen sollten.

Gehen wir zunächst einmal von der gängigen Behauptung aus, dass EDV-Systeme unsere Prozesse um ein Vielfaches effizienter machen. Wenn das stimmt, müssen wir uns ansehen: Was passiert denn eigentlich mit dieser gewonnenen Effizienz? Wohin fließt sie? Fließt sie in mehr Freizeit oder führt sie am Ende nur in die Arbeitslosigkeit? Letzteres wäre zweifellos eine negative Entwicklung. Doch auch die Arbeitszeit an sich steht zur Disposition. Wie erfüllend ist die Arbeit heute im Vergleich zu der Zeit, bevor die EDV das Leben der Menschen komplett eroberte?

Auch die Freizeitgestaltung hat sich fundamental gewandelt. Sie ist heute viel weniger sozial – paradoxerweise gerade trotz der sogenannten „sozialen Netzwerke“. Früher waren die Eckkneipe oder der Kegelclub echte soziale Netzwerke. Sportvereine und die Freiwillige Feuerwehr sind es glücklicherweise oft bis heute. Aber die zunehmende Vereinzelung der Menschen vor ihren jeweiligen Bildschirmen und Endgeräten ist alles andere als sozial.

Wir müssen nur unsere direkte Umgebung einmal aufmerksam beobachten. Wenn ich sehe, dass Menschen in ihrer Freizeit an den aufregendsten und schönsten Orten der Welt nur noch auf ihre Smartphones glotzen, verliert der Begriff technologischer Fortschritt völlig seinen Sinn. Wir erleben Mütter, die beim Schieben des Kinderwagens ununterbrochen auf ihr Handy starren, während die Kinder im Wagen oft selbst schon auf einen Bildschirm schauen. Die echte Welt mit all ihren sinnlichen Eindrücken verkommt zu einer bloßen Kulisse für den digitalen Konsum. Wenn die physische Präsenz und die direkte menschliche Interaktion der ständigen virtuellen Ablenkung geopfert werden, dann ist das aus meiner Sicht kein erstrebenswerter Fortschritt mehr, sondern ein massiver kultureller und zwischenmenschlicher Rückschritt.

Und dann ist da die Verlagerung von Arbeit. Wie viel von der angeblich „effizienteren“ Arbeit wird heute eigentlich nur auf den Konsumenten abgewälzt? Heute muss der Kunde seine Daten oft selbst in irgendwelche Webformulare eintippen – eine Aufgabe, die früher eine gut ausgebildete Sekretärin oder ein Sachbearbeiter übernommen hat. Diese Angestellten hatten Routine und erledigten das extrem schnell. Der Konsument hingegen quält sich oft mühsam durch die Eingabemasken. Für das Unternehmen ist das natürlich effizienter, weil es Arbeitskosten spart und die Tätigkeit unentgeltlich auslagert. Aber ist das auch gesamtgesellschaftlich effizienter?

Um diesen vermeintlichen Effizienzgewinn einmal an ganz alltäglichen, persönlichen Beispielen festzumachen: Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Konto. Ich war noch in der Ausbildung, es muss jetzt rund 45 Jahre her sein. Damals ging ich auf dem Dorf zur Post. Die Postbeamtin zog eine Karteikarte, prüfte mein Guthaben und zahlte mir gegen Vorlage meiner einfachen Papp-Kundenkarte das Geld aus. Den Ausweis brauchte ich auf dem Dorf, wo man sich ohnehin kannte, meist gar nicht. Der Clou an der Sache: Dieser komplett analoge Vorgang dauerte am Schalter nicht länger, als wenn ich heute meine Karte in einen modernen Geldautomaten stecke. Da darf man sich schon fragen: Wo genau liegt eigentlich der Fortschritt, wenn die Barauszahlung vor viereinhalb Jahrzehnten genauso schnell ging wie heute?

Schon die Aufgabe eines simplen Briefes lässt Zweifel entstehen. Wenn ich heute am Postschalter stehe, sehe ich, wie der Angestellte unzählige Daten in den Computer eintippen muss. Früher legte man ein paar Pfennig auf den Tresen, die Briefmarke kam drauf und weg war die Sendung. Wo ist da der viel gepriesene Effizienzgewinn? Natürlich werden heute für diesen einen Brief Unmengen an Daten erzeugt. Das System weiß jederzeit, wo das Stück Papier gerade ist, was es auf das Gramm genau wiegt, welches Format es hat und – überspitzt formuliert – wahrscheinlich sogar, ob eine Tanne oder eine Eiche für das Papier gefällt wurde. Aber welchen gesamtgesellschaftlichen Nutzen haben diese Datenberge wirklich? Letztlich wird ein Großteil dieser Informationen niemals jemandem nützlich sein, außer vielleicht der Werbeindustrie. Ein echter, greifbarer Mehrwert für uns Menschen entsteht daraus jedenfalls kaum. Ich stelle nicht in Frage, dass der Einsatz all dieser Systeme betriebswirtschaftlich von Vorteil ist. Ob es für uns als Gesellschaft aber wirklich ein Gewinn ist, oder ob dieser sogenannte Vorteil nicht gnadenlos überschätzt wird – genau das ist die Kernfrage.

Wir waren doch schon vor Jahrzehnten an dem Punkt, an dem wir weit mehr produzieren konnten, als wir eigentlich brauchten. Der größte Teil der schweren, gefährlichen und schmutzigen Arbeit konnte längst maschinell erledigt werden. Jeder Effizienzgewinn, den wir danach noch erzielt haben – wem hat der eigentlich genützt? Arbeit ist immer auch ein sozialer Bezugspunkt. Wenn Arbeit so gestaltet ist, dass sie den Menschen nicht nur Spaß, sondern echte Erfüllung bringt, ist es dann überhaupt ein Vorteil, wenn diese Arbeit immer weniger wird? Das ist völlig unabhängig vom finanziellen Aspekt zu betrachten. Natürlich muss es eine faire Bezahlung geben, die Menschen müssen ihre Miete zahlen können. Aber der Wert der Arbeit geht eben oft weit über den reinen Gelderwerb hinaus.

Vergleichen wir den Arbeitsalltag: Heute wird hypereffizient an fünf Fronten gleichzeitig gekämpft. Drei KI-Systeme laufen im Hintergrund, das Telefon klingelt ununterbrochen, verschiedene Messenger-Dienste wollen bedient werden und ganz nebenbei füllt sich das E-Mail-Postfach. Vor 40 Jahren gab es den physischen Posteingang, ein kleines Körbchen auf dem Schreibtisch. Wenn ein Brief erst einen Tag später bearbeitet wurde, brach die Welt nicht zusammen. Ebenso war man es als Kunde gewohnt, dass die Bestellung aus dem Versandhauskatalog eben sechs Wochen dauerte. Brauchte man etwas sofort, ging man in den Laden an der Ecke. Haben wir durch diese ständige Erreichbarkeit und Beschleunigung als Gesellschaft wirklich etwas gewonnen, oder haben wir nicht vielmehr etwas verloren?

Das ist der soziale Aspekt. Doch die Verluste gehen noch viel tiefer, nämlich bis auf die biologische, die kognitive Ebene. Wir merken zunehmend, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen rapide nachlässt. Immer weniger sind in der Lage, Texte zu lesen und inhaltlich zu erfassen, wenn diese länger als einige Absätze sind. Wer sich die Mühe macht und Artikel aus Zeitschriften vergangener Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte liest, wird feststellen, dass die Texte dort oft deutlich komplexer waren. Es steht die Befürchtung im Raum, dass unsere geistigen Fähigkeiten genau in dem Maße nachlassen, in dem wir technische Assistenzsysteme für uns denken lassen. So wie sich heute niemand mehr Telefonnummern merken muss und kaum noch jemand fähig ist, eine klassische Straßenkarte zu lesen, geben wir auch komplexere Denkprozesse ab. Das Gehirn funktioniert jedoch wie ein Muskel, der ständig trainiert werden muss. Wenn wir ihm die Arbeit abnehmen, schadet uns das massiv.

Nehmen wir als besonders erschreckendes Beispiel unsere Schulen. Es wird uns immer wieder als riesiger Fortschritt verkauft, wenn im Klassenzimmer jedem Kind ein Tablet in die Hand gedrückt wird. Doch in der Realität zeigt sich immer deutlicher: Kinder lernen am Computer oder Tablet schlichtweg schlechter. Wer mit dem Stift auf Papier schreibt, prägt sich die Dinge motorisch und kognitiv ganz anders ein, als wer nur auf einer Glasscheibe wischt oder tippt. Hinzu kommt die ständige, flimmernde Ablenkung durch die Geräte selbst. Weil wir unseren Kindern die physischen Bücher und das echte, analoge Begreifen wegnehmen und durch Bildschirme ersetzen, fördern wir nicht das Lernen. Wir riskieren vielmehr, eine Generation heranzuziehen, der das tiefe Verständnis für Zusammenhänge fehlt, weil echte Bildung und menschliche Entwicklung einer rein technischen, oberflächlichen „Effizienz“ geopfert werden.

Noch nicht betrachtet haben wir auch die extreme Flüchtigkeit der heutigen Informationen. Alle digitalen Datenträger, die wir heutzutage massenhaft nutzen, haben eine um viele Jahre oder gar Jahrzehnte kürzere Lebensdauer als frühere Speichermedien – wobei dieser frühere Datenträger zumeist schlicht und ergreifend Papier genannt wurde und problemlos Jahrhunderte überdauerte. Die heutige Kurzlebigkeit der Formate und Hardware sorgt gesamtgesellschaftlich für eine deutlich höhere Vergesslichkeit. Einmal mühsam erworbenes Wissen droht durch Serverausfälle, kaputte Festplatten oder veraltete Dateiformate viel schneller verloren zu gehen und wird dadurch um ein Vielfaches weniger nachgenutzt. Wenn Daten im digitalen Nirvana verschwinden, muss das Rad oft wieder neu erfunden werden. Auch hinter diese Art der flüchtigen Datenverwaltung ist also ein riesiges Fragezeichen zu setzen, wenn wir über den echten, langfristigen Nutzen sprechen.

Ein prominentes Beispiel zeigt uns auf erschreckende Weise, wohin dieser leichtfertige Umgang mit flüchtigen Datenträgern führt. Bei der ersten bemannten Mondlandung im Jahr 1969 zeichnete die NASA hochauflösende Telemetrie- und Videodaten des historischen ersten Mondspaziergangs auf. Diese Daten sind heute unwiederbringlich verloren. Der Grund dafür ist so simpel wie tragisch: Die Magnetbänder wurden in den 1980er Jahren von der Raumfahrtbehörde schlichtweg gelöscht und mit neuen Satellitendaten überspielt, weil man Bandmaterial sparen wollte. Ein Meilenstein der Menschheitsgeschichte wurde ausradiert, weil das digitale Speichermedium überschreibbar war und sein Wert im Alltagsgeschäft verkannt wurde. Wären diese Aufzeichnungen auf klassischem Papier oder Pergament festgehalten worden, würden sie heute sicher in einem klimatisierten Tresor liegen. Das zeigt perfekt, wie fahrlässig wir als Gesellschaft oft mit unserem kollektiven Gedächtnis umgehen, sobald es auf modernen Datenträgern landet.

Und nun zu einem letzten, sehr aktuellen Punkt. Seit Ende Februar erleben wir den Krieg, den die USA und Israel mit massiven Luftschlägen gegen den Iran begonnen haben. Die militärische Übermacht der Angreifer ist auf dem Papier gigantisch, und wir wissen, dass insbesondere das US-Militär und Israel bei der Zielerfassung und Kriegsführung auf Künstliche Intelligenz in einem nie dagewesenen Ausmaß setzen. Diese Systeme sollten frühzeitig feindliche Bewegungen erkennen, die Zielauswahl der Bombardierungen unterstützen und die absolute Kontrolle garantieren.

Eines der ersten getroffenen Ziele war eine Mädchenschule, ca. 170 Mädchen wurden ermordet. Wir werden wohl nicht mehr erfahren, ob die KI-Auswahl fehlerhaft war, oder es sich um ein bewusst gewähltes Ziel handelte, in beiden Fällen jedoch vermag ich darin keinen erstrebenswerten Fortschritt zu erkennen. Und trotz der extremen technologischen Asymmetrie zugunsten Israels und der USA hat der Iran durch die Stärke und Effizienz seiner Gegenwehr extrem überrascht. Mit asymmetrischer Kriegführung, Raketenschlägen und der Blockade wichtiger globaler Nadelöhre bringt das Land seine hochgerüsteten Gegner massiv in Bedrängnis und droht, die USA in einen langen, kräftezehrenden Konflikt zu ziehen. Wir können derzeit noch nicht absehen, wie dieser Krieg ausgeht, aber für unsere Betrachtung ist das auch zweitrangig. Festzustellen ist jedoch: Offenbar war die KI eben nicht das erhoffte Allheilmittel. Die modernsten Algorithmen haben die USA und Israel weder vor dieser strategischen Überraschung bewahrt, noch haben sie den schnellen Sieg gebracht – und das trotz erdrückender Überlegenheit.

Das führt mich zu einer abschließenden Schlussfolgerung: Ich glaube, dass wir den tatsächlichen Nutzen von Künstlicher Intelligenz oftmals massiv überschätzen, während wir die gesellschaftlichen, kognitiven und strukturellen Veränderungen, die durch sie ausgelöst werden, noch immer massiv unterschätzen.

Dieser Artikel erschien erstmals am 30.03.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Nadine Doerlé auf Pixabay.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de