Albanien als verdeckte Kolonie

Wer über die Erweiterung der EU oder der NATO spricht, hört oft wohlklingende Worte von „Wertegemeinschaften“, „Souveränität“ und „Rechtsstaatlichkeit“. Doch wer hinter die Kulissen blickt, erkennt oft eine ganz andere Realität. Der Fall Albanien ist hierbei keine bloße Randnotiz der Geschichte, sondern ein Lehrstück. Die Analyse interner Abläufe und historischer Daten zeigt: Albanien ist seit 1991 weniger ein souveräner Staat als vielmehr ein Experimentierfeld für westliche Interventionen – von den USA über die EU bis hin zu Stiftungen wie der von George Soros.

Die Geschichte des modernen Albanien ist die Geschichte einer „eingeladenen Hegemonie“. Nach Jahrzehnten der Isolation suchte die albanische Elite die Nähe zu Washington und Brüssel, um ihre eigene Macht zu sichern. Doch der Preis war hoch: Eine progressive Auslagerung der Entscheidungsgewalt an externe Akteure. Was wir dort beobachten, reicht von diplomatischem „Nation Building“ bis hin zur direkten Steuerung von Wahlergebnissen und der Androhung ökonomischer Vernichtung.

Schon die Geburtsstunde der albanischen Demokratie war von massiver Einmischung geprägt. Bei den Wahlen 1991 und 1992 trat der US-Botschafter William Ryerson nicht als Diplomat auf, sondern als Wahlkämpfer. Er stand physisch auf den Bühnen der Oppositionspartei DP neben Sali Berisha und signalisierte den Wählern unmissverständlich: Wer „falsch“ wählt, wählt die Isolation. US-Außenminister James Baker proklamierte vor 300.000 Menschen in Tirana: „Wir sind mit euch, und ihr seid mit uns“. Damit wurde ein Muster etabliert: Politische Legitimität in Albanien entspringt nicht der Wahlurne, sondern der Akkreditierung durch die US-Botschaft.

Parallel zur politischen Einflussnahme exerzierten IWF und Weltbank ihr neoliberales Diktat. Eine radikale „Schocktherapie“ und Privatisierung wurde erzwungen. Während der IWF Albanien als „Erfolgsgeschichte“ feierte, wurde die Bevölkerung in Armut und Emigration getrieben. Diese Deregulierung schuf den Nährboden für die berüchtigten Pyramidensysteme, deren Kollaps 1997 den Staat implodieren ließ.

In diesem Chaos übernahmen westliche Staaten faktisch die Regierungsgeschäfte. Die „Operation Alba“ unter italienischer Führung war offiziell humanitär, diente aber harten nationalen Interessen Roms, um Migrationsströme zu verhindern. Das Abkommen zur Beilegung der Krise war kein albanischer Kompromiss, sondern ein vom österreichischen Ex-Kanzler Vranitzky oktroyiertes Diktat unter Androhung finanzieller Isolation.

Mit dem Kosovo-Krieg 1999 wandelte sich die Rolle des Westens vom Krisenmanager zum militärischen Nutzer. Albanien wurde zur logistischen Basis der NATO. Die Regierung in Tirana trat faktisch die Kontrolle über ihren Luftraum und ihre Häfen an die NATO ab. Brisant dabei: Entgegen UN-Embargos drückten westliche Dienste oft ein Auge zu, wenn Waffen aus geplünderten albanischen Depots an die UÇK flossen.

Bereits Jahre zuvor, in der frühen Phase des Kalten Krieges, hatten CIA und MI6 in der „Operation Valuable“ versucht, durch paramilitärische Subversion das Regime in Tirana zu stürzen – ein frühes Beispiel dafür, wie wenig albanische Leben zählten, wenn es um geopolitische Schachzüge ging.

Nach dem NATO-Beitritt 2009 verlagerte sich die Einmischung auf das „Mikromanagement“ der Gesetzgebung. Kritiker sprechen spöttisch von einer „Ambasadorokracia“ – einer Botschafterherrschaft. Der Höhepunkt war die Justizreform 2016. Um Verfassungsänderungen durchzudrücken, agierte US-Botschafter Donald Lu wie ein politischer Vizekönig.

Abgeordnete erhielten Nachrichten, die mit „schwerwiegenden Konsequenzen“ für ihre Familien drohten, sollten sie gegen die Reform stimmen. Richter, die sich widersetzten, wurden öffentlich durch Visa-Entzug geächtet – eine außergerichtliche Bestrafung. Die Open Society Foundation (OSF) finanzierte nicht nur die Reformarchitektur, sondern ihre Experten besetzten Schlüsselpositionen beim Entwurf der Gesetze. Faktisch hatte hier eine private ausländische Stiftung mehr Einfluss auf die Verfassung als das Parlament.

In den letzten Jahren hat die Einmischung von außen eine Qualität erreicht, die für Außenstehende oft schwer zu durchschauen ist, aber verheerende Folgen für die Demokratie hat. Statt offener Interventionen nutzen Großmächte und lokale Eliten nun subtilere, aber ebenso tödliche Werkzeuge. Ein zentrales Instrument ist dabei die sogenannte „Non-Grata“-Erklärung durch die USA. Was diplomatisch klingt, ist in der Realität eine politische Waffe, um unliebsame Personen ohne Gerichtsverfahren kaltzustellen. Das US-Außenministerium setzt dabei einen Politiker auf eine schwarze Liste und verhängt ein Einreiseverbot, meist mit dem pauschalen Vorwurf der Korruption. In einem Land wie Albanien, das extrem von den USA abhängig ist, kommt dieser Schritt einem politischen Todesurteil gleich.

Besonders drastisch zeigte sich dies am Beispiel des historischen Oppositionsführers Sali Berisha. Nachdem die USA ihn im Jahr 2021 auf diese schwarze Liste gesetzt hatten, beließ es die US-Botschaft nicht dabei. Die Botschafterin übte massiven öffentlichen Druck auf Berishas eigene Partei aus, sich von ihm zu trennen, und drohte unverhohlen damit, dass die Partei andernfalls politisch vernichtet würde – sie müsse dann sprichwörtlich „Gras essen“. Faktisch haben hier also nicht die albanischen Parteimitglieder oder Wähler darüber entschieden, wer die Opposition anführt, sondern eine ausländische Botschaft hat die Führungsspitze einer Partei durch Erpressung ausgetauscht. Dabei entziehen sich die eigentlichen Korruptionsvorwürfe gegen den Politiker, gerade wegen der massiven Einflussnhame von außen, jeder objektiven Beurteilung. Man kann einfach nicht mehr erkennen, ob es sich um einen korrupten Politiker handelt oder um ein Opfer von Einflussnahme.

Doch diese Einflussnahme ist keine Einbahnstraße, sie funktioniert inzwischen auch umgekehrt und gleitet in die offene Krimminalität ab, wie der Skandal um Charles McGonigal beweist. Dieser Fall offenbart eine „inverse Einmischung“, bei der sich die albanische Regierung die Machtapparate der USA zunutze machte. Charles McGonigal war einer der ranghöchsten FBI-Beamten für Spionageabwehr in New York. Er wurde jedoch von der albanischen Regierung unter Premierminister Edi Rama instrumentalisiert. McGonigal ließ sich korrumpieren und nahm Geld von Kontaktleuten an, die der albanischen Regierung nahestanden.

Im Gegenzug nutzte der FBI-Mann seine gewaltige Machtposition in den USA, um eine strafrechtliche Untersuchung gegen den albanischen Oppositionsführer Lulzim Basha einzuleiten. Das Perfide daran war, dass diese US-Ermittlungen auf Informationen basierten, die McGonigal direkt aus dem Büro des albanischen Premierministers zugespielt worden waren. Man muss sich diesen Vorgang vor Augen führen: Ein albanischer Regierungschef besticht einen amerikanischen Top-Agenten, damit dieser die US-Bundespolizei FBI als Waffe gegen den politischen Gegner im eigenen Land einsetzt. So wurde der Anschein erweckt, der Oppositionsführer sei in kriminelle Machenschaften verwickelt, während es in Wahrheit die Regierung war, die sich die Verfolgung beim FBI erkauft hatte.

Die Bilanz nach über drei Jahrzehnten westlicher Dominanz ist ernüchternd. Albanien ist militärisch vollständig integriert, mit der ersten taktischen NATO-Luftbasis des Westbalkans in Kuçova. Doch diese Sicherheit wurde mit der Infantilisierung der eigenen Institutionen erkauft.

Was in Albanien geschieht, ist kein „State Building“, sondern die Etablierung einer Klientel-Souveränität. Die Entscheidungen fallen nicht in Tirana, sondern in den westlichen Botschaften.

Dieser Artikel erschien erstmals am 18.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Pixabay.

Zur Vorbereitung dieses Artikels wurden zwei KI Recherchen durchgeführt, deren Ergebnisse hier zur Verfügung stehen.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de