Die Friedensbewegung in Deutschland weist Eigenheiten auf, die in dieser Schärfe in anderen Ländern kaum zu finden sind: Sie leidet unter einem Drang zur Selbstzerfleischung durch Ausgrenzung.
Wir erleben seit Jahren Akteure innerhalb der Bewegung, die großen Wert darauf legen, dass sich jeder Bündnispartner, oder am besten sogar jeder Teilnehmer einer Demonstration, aber auch Mitzeichner von Aufrufen, Petitionen oder anderen politischen Texten vorab zu einem ganzen Katalog politischer Forderungen bekennen muss. Wer für Frieden stehen will, soll sich gegen Rechts, sowie oft auch für Abtreibung, Feminismus, Trans-Rechte, Klimapolitik bekennen und das, sowie vieles mehr unterschreiben. Das ist keine „Haltung“, das ist ein Einfallstor für den Krieg.
Dabei fallen diese Akteure auf den ältesten Trick der Kriegsgeschichte herein. Welcher Herrscher hat je einen Krieg als „unfair“ oder „böse“ angekündigt? Kriege wurden immer moralisch begründet. Ob Kreuzzüge, Kolonialkriege oder moderne „Interventionen“: Immer gab es eine Erzählung vom „Guten“, das mit Waffen verteidigt werden müsse.
Wer zulässt, dass andere Ziele – so hehr sie klingen mögen – gleichberechtigt neben dem Frieden stehen, tappt genau in diese Falle. Er liefert die moralische Munition, die Kriegstreiber brauchen.
Betrachten wir das nüchtern mathematisch: Wenn Frieden nicht mehr absolut ist, sondern nur ein Ziel neben anderen (wie Feminismus, Klimaschutz, Queer-Rechte), dann wird er zur Verhandlungsmasse. Die Rechnung ist simpel: Wenn ein Land zwar friedlich ist, aber gegen feministische Grundsätze und Klimaziele verstößt, dann geht die Abwägung bei einer Gleichsetzung der Themen plötzlich 2 zu 1 gegen den Frieden aus. In dieser Denkweise muss der Frieden zurückstehen, weil die Mehrheit der „guten Werte“ angeblich verletzt wird. So wird ein Krieg plötzlich wieder denkbar und moralisch begründbar.
Das ist keine Theorie: Wir haben das 1999 beim Jugoslawienkrieg erlebt. Joschka Fischer begründete die deutschen Bomben mit dem Satz: „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz.“ Er stellte zwei moralische Imperative gegeneinander und nutzte den einen, um den anderen auszuhebeln. Der Frieden wurde für ein „höheres Ziel“ geopfert. Was damals viele überzeugt hat, war tatsächlich ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg dar, an dessen Begründung so gut wie nichts stimmte.
Wie weit diese Erosion bereits fortgeschritten ist, zeigte sich erschreckend deutlich im Herbst 2024. In der Debatte innerhalb der DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen), der ältesten Friedensorganisation des Landes, wurde der pazifistische Kern bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht.
Ihr politischer Geschäftsführer, Michael Schulze von Glaßer, sprach im Kontext des Ukraine-Krieges von einer „Dilemma-Situation“ und ließ sich mit dem Satz zitieren, man könne sich auch „schuldig machen“, wenn man keine Waffen liefere. Wenn selbst die organisierten Kriegsdienstgegner anfangen, militärische Logik zu übernehmen und Waffenlieferungen moralisch zu legitimieren, dann haben wir keinen Dammbruch mehr, sondern eine Flut. Hier wird der Frieden nicht mehr verteidigt, hier wird er relativiert.
Es geht mir hierbei nicht um einen abstrakten Pazifismus, sondern um die nackte Realität des Lebens. Willy Brandt hat es einst auf den Punkt gebracht: „Der Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.“ Dieser Satz ist keine politische Floskel, er ist eine existentielle Wahrheit.
Wir müssen den Frieden deshalb solitär an die erste Stelle setzen, weil der Krieg der „große Fresser“ aller anderen Werte ist. Ein Land, das sich im Krieg befindet, kennt keine echte Freiheit mehr. Bürgerrechte werden eingeschränkt oder abgeschafft, bis hin zum ultimativen Zwang, als Wehrpflichtiger an die Front zu gehen und das eigene Leben oder die körperliche Unversehrtheit zu opfern. Wer tot ist, braucht keine Rechte mehr.
Auch sozial und ökonomisch ist der Krieg eine Katastrophe für die breite Masse. Während die Wirtschaft komplett auf Verschleiß und Rüstung umgekrempelt wird und einige wenige Konzerne astronomische Gewinne einfahren, leiden die „kleinen Leute“ massiv. Die Inflation frisst die Löhne, die soziale Infrastruktur blutet aus, das Gesundheitswesen kollabiert unter der Last der Prioritätenverschiebung.
Frieden ist Voraussetzung für das Leben, wie die allermeisten Menschen es führen wollen. Er ist das Fundament für Wohlstand, für soziale Sicherheit, für Freiheit und für Gesundheit. Wer den Frieden aufs Spiel setzt, um andere Ziele zu erreichen, nimmt in Kauf, dass am Ende gar nichts mehr da ist, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Deshalb ist die Forderung nach Frieden nicht verhandelbar und darf nicht relativiert werden.
Ein Vorwurf, mit dem die Spaltung vorangetrieben wird, ist die Behauptung, man müsse sich permanent „gegen Rechts“ abgrenzen und Gesinnungsprüfungen durchführen, um keine Falschen dabei zu haben. Das Schlagwort von der Querfront wird gerne genutzt, um genau das auszudrücken.
Ich sage: Wir brauchen diese Prüfung nicht. Warum? Weil das Ziel „Frieden“ selbst die schärfste Abgrenzung gegen Rechtsextremismus ist. Rechtsextremismus und Faschismus beinhalten in ihrem Kern immer Gewalt und Krieg als Mittel der Politik. Sie basieren auf einer Hierarchie der Wertigkeit von Menschen – die einen sind wertvoll, die anderen „minderwertig“ und dürfen unterdrückt oder vernichtet werden.
Wer aber für Frieden steht, lehnt genau diese Hierarchie ab. Frieden ist halt auch die Bedingung dafür, dass jedes Leben der gleiche Wert beigemessen wird und Gewalt kein poltisches Mittel sein darf. Damit schließen sich Faschismus und konsequente Friedenspolitik logisch aus. Wer wirklich für Frieden ist, kann kein Nazi sein. Wir brauchen keine künstlichen Zäune – die Inhalte selbst sind die Grenze.
Diejenigen, die ständig ausgrenzen, sind oft genau jene, die den Frieden am schnellsten verraten, sobald er ihren anderen Zielen im Weg steht. Für sie ist Frieden nur ein „Nice-to-have“, solange der politische Gegner auch sonst ihre Meinung teilt.
Wir dürfen dieses Spiel nicht mitspielen. Die Spaltung nützt nur denjenigen, die an einer Fortsetzung des Sterbens verdienen. Unsere Antwort muss in gemeinsamer Stärke liegen. Die Verhinderung des Krieges muss als Ziel absolut, einzigartig und singulär bleiben. Nur so verhindern wir, dass wir Teil der Kriegslogik werden.
Dieser Artikel erschien erstmals am 24.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Gregor Ritter auf Pixabay.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de