Fachkräftemangel: Warum wir über das Halten sprechen müssen, statt nur über das Holen

Deutschland fehlen Fachkräfte – das ist Fakt. Doch während Politik und Wirtschaft reflexartig nach mehr Migration rufen, ignorieren sie das massive Leck im System.

Die Zahlen sind alarmierend: Trotz einer schwächelnden Konjunktur fehlten uns im Jahresdurchschnitt 2023/2024 rund 532.000 qualifizierte Fachkräfte. Die Antwort der Bundesregierung darauf ist bekannt: Mehr Zuwanderung. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet vor, dass wir jährlich eine Nettozuwanderung von 400.000 Menschen bräuchten. Doch diese einseitige Fokussierung auf das „Holen“ greift zu kurz und verkennt die Realität im Land völlig.

Das Alarmsignal: Jeder Fünfte sitzt auf gepackten Koffern

Was in der Debatte um Fachkräfteanwerbung meist verschwiegen wird, ist die desolate Stimmung im eigenen Land. Aktuelle Umfragen zeichnen ein düsteres Bild:
Jeder fünfte Mensch in Deutschland denkt mittlerweile über das Auswandern nach.

Das ist kein bloßes Abenteuerlust-Phänomen mehr. Die Motive haben sich gewandelt und sind ein vernichtendes Zeugnis für die aktuelle Politik:

  • Wirtschaftliche Perspektivlosigkeit: Hohe Abgaben, sinkende Reallöhne und eine stagnierende Wirtschaft lassen Leistungsträger zweifeln, ob sie sich hier noch etwas aufbauen können.
  • Kriegsangst: Die geopolitische Lage und die Sorge, dass Deutschland tiefer in militärische Konflikte hineingezogen wird, treiben die Menschen um.
  • Mangelnde Freiheit: Immer mehr Bürger empfinden das gesellschaftliche Klima als bedrückend und die staatlichen Eingriffe als übergriffig. Das Gefühl, in seinen Entscheidungen und seiner Meinungsäußerung nicht mehr frei zu sein, wächst.

Wenn sich 20 Prozent der Bevölkerung innerlich bereits verabschieden, hilft keine „Chancenkarte“ für Zuwanderer. Dann haben wir ein fundamentales Standortproblem.

Der Aderlass der Leistungsträger

Deutschland ist längst ein Auswanderungsland. Seit fast zwei Jahrzehnten verlassen mehr Deutsche das Land, als zurückkehren. Allein seit 2003 haben wir so per Saldo fast 180.000 deutsche Staatsbürger verloren.

Viel dramatischer als die reine Anzahl ist jedoch, wer geht. Es sind unsere Leistungsträger. Rund 76 Prozent der deutschen Auswanderer haben einen Hochschulabschluss. Wir erleben einen klassischen „Brain Drain“. Unsere Ingenieure, Ärzte und Informatiker gehen in die Schweiz, die USA oder nach Österreich – Länder, die oft mit besseren Gehältern, weniger Bürokratie und mehr Stabilität locken.

Die absurde Rechnung: Ein schlechtes Geschäft für Deutschland

Betrachtet man das Ganze nüchtern und ökonomisch, leistet sich Deutschland einen massiven Schildbürgerstreich. Die Ausbildung eines Arztes kostet den deutschen Steuerzahler rund 200.000 bis 300.000 Euro. Wenn dieser Arzt nach dem Examen in die Schweiz abwandert, haben wir das Nachbarland effektiv subventioniert. Wir tragen die Kosten, andere ernten die Arbeitskraft.

Gleichzeitig versuchen wir mit Milliardenaufwand, Fachkräfte aus Drittstaaten anzuwerben. Doch hier stoßen wir auf Hürden, die nicht von der Hand zu weisen sind: Sprachbarrieren und fehlende Anerkennung von Abschlüssen machen die Integration teuer und langwierig. Während ein deutscher Ingenieur, der hier bleibt, ab Tag eins voll produktiv wäre, müssen zugewanderte Fachkräfte oft erst mühsam qualifiziert werden.

Wir tauschen also kulturell und sprachlich integrierte Profis gegen Menschen, die wir erst noch integrieren müssen. Das ist ökonomisch ineffizient.

Halten statt Holen: Wir brauchen eine „Bleibestrategie“

Es ist kein Widerspruch, qualifizierte Zuwanderung zu wollen und gleichzeitig Abwanderung verhindern zu wollen. Aber die Prioritäten sind falsch gesetzt. Es wirkt, als würde ein Unternehmen riesige Summen in die Neukundengewinnung stecken, während ihm die Stammkunden scharenweise davonlaufen.

Wir brauchen eine Politik, die sich endlich fragt: Warum gehen unsere Besten? Und warum fühlen sich so viele Menschen hier nicht mehr sicher und frei?

Wäre es nicht sinnvoller – und effizienter –, einen Teil der Mittel, die wir in die Anwerbung stecken, darauf zu verwenden, Deutschland für die hier lebenden Menschen wieder lebenswert zu machen? Eine erfolgreiche Fachkräftestrategie muss beim „Halten“ anfangen. Wer die Abwanderung und die Ängste der eigenen Bevölkerung ignoriert, füllt eine Badewanne, ohne vorher den Stöpsel zu schließen.

Dieser Artikel erschien erstmals am 11.01.2026. Das Artikelbild wurde von Gemini generiert.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de