Wenn ich mich als fast 60-jähriger Mann an die 80er Jahre erinnere, dann merke ich, dass es im öffentlichen Raum durchaus handfest zuging. Zweimal in der Woche gab es eine Schlägerei auf dem Schulhof. Auf den Dorffesten, in denen ich groß geworden bin, gehörten Raufereien fast zum Inventar.
Davon abgesehen ist mir diese Zeit aber nicht als besonders „rau“ oder gefährlich in Erinnerung geblieben. Gewaltkriminalität war kein allgegenwärtiges Thema, das uns Angst machte. Sie war die Ausnahme, nicht die Regel.
Doch wenn ich heute die Kriminalstatistiken sehe, zeigen sie ein völlig anderes Bild: Wir haben angeblich eine vielfach höhere Anzahl an polizeilich erfassten Delikten. Wie passt diese Diskrepanz zwischen meiner Erinnerung an eine eigentlich friedliche Zeit und den heutigen Horror-Zahlen zusammen?
Ich habe diesen Widerspruch zum Anlass genommen, einmal hinter die Kulissen der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) zu blicken. Ich wollte wissen: Hat sich die Anzahl der Delikte tatsächlich so dramatisch erhöht, oder hat sich nur die Definition dessen geändert, was wir als Delikt bezeichnen? Haben wir einfach die Toleranzschwelle gesenkt?
Das Ergebnis einer detaillierten Analyse, gestützt auf kriminologische Langzeitdaten, ist eindeutig: Die Statistik ist kein Spiegel der Realität, sondern ein Spiegel unserer Gesetze und unserer Anzeigebereitschaft.
Drei Beispiele, wie die Zahlen künstlich steigen
Um das zu verdeutlichen, habe ich mir drei Bereiche angesehen, die in den Medien derzeit für die größten Schlagzeilen sorgen: Politische Straftaten, Gewalt gegen Einsatzkräfte und Sexualdelikte. In allen drei Fällen trügt der Schein massiv.
1. Politisch Motivierte Kriminalität (PMK): Meinung als Straftat? Wir hören oft von einer „Explosion“ rechter oder politischer Straftaten. Doch was zählt dazu? Die Analyse der Daten zeigt: Der überwältigende Großteil dieser Delikte sind keine Gewalttaten. Jedes abgerissene Wahlplakat ist eine Sachbeschädigung, die in diese Statistik einfließt. Jede Schmiererei, jedes falsche Symbol und jede Parole, die von der Polizei als illegitim eingestuft wird, treibt die Zahlen nach oben. Bei der „PMK Rechts“ machen Propagandadelikte (wie das Zeigen verbotener Symbole) oft bis zu 70 % der Fälle aus. Eine „Explosion“ der Zahlen dokumentiert hier weniger eine Zunahme physischer Gewalt, sondern oft eher, dass der Staat Dinge kriminalisiert, die früher vielleicht als unschöner, aber tolerierbarer Teil der Meinungsfreiheit oder als bloße Ordnungswidrigkeit galten
2. Gewalt gegen Einsatzkräfte: Das „Knalltrauma-Paradoxon“ Besonders dramatisch klingen die Meldungen über Gewalt gegen Polizisten. Hier liegt eine massive statistische Verzerrung vor, die früher unbekannt war. Ein konkretes Beispiel aus der Analyse: Früher galten Knalltraumata durch Böller oft als Bagatelle; der Fokus lag auf sichtbaren Wunden. Heute ist die Rechtslage und die Zählweise eine andere. Wenn ein Täter im Stadion einen einzigen illegalen Böller zündet und 50 Beamte in der Nähe danach ein Pfeifen im Ohr haben (Knalltrauma), geht das nicht als eine Tat in die Statistik ein. Da die Statistik hier Opfer zählt, erscheinen in den Büchern 50 Fälle von gefährlicher Körperverletzung. Ein einziger Knall erzeugt also eine statistische Explosion der Gewalt, ohne dass 50 Polizisten verprügelt wurden.
3. Sexualdelikte: Vom „Altherrenwitz“ zur Straftat Auch im Bereich der sexuellen Selbstbestimmung sind die Zahlen rasant gestiegen. Bedeutet das, dass es heute mehr Vergewaltigungen gibt als früher? Kriminologische Dunkelfeldstudien sagen: Nein, die tatsächliche Opferwerdung ist über die Jahrzehnte relativ stabil geblieben. Was sich geändert hat, ist das Gesetz. In den 80er Jahren war die Vergewaltigung in der Ehe schlichtweg nicht strafbar. Zudem gab es eine viel höhere – und aus heutiger Sicht falsche – Toleranz gegenüber Anzüglichkeiten. Der „Altherrenwitz“ und das „Begrapschen“, das früher gesellschaftlich oft ignoriert wurde, sind heute zurecht Straftaten (z. B. als sexuelle Belästigung nach § 184i StGB seit 2016). Der Anstieg der Kurven zeigt also primär, dass wir sensibler geworden sind und Gesetzeslücken geschlossen haben, nicht dass die Menschen gewalttätiger geworden sind.
Wenn Statistik auf die Wirklichkeit trifft: Der Fall Ruppichteroth
Wie sehr lokale Besonderheiten die Statistik verzerren können, habe ich hier bei uns in Ruppichteroth erlebt. Vor etwa zwei Jahren hatten wir plötzlich einen enormen Ausschlag in der Kriminalitätsstatistik im Bereich Betrug bzw. Beförderungserschleichung („Schwarzfahren“). Wir haben uns im Gemeinderat gewundert: Haben wir plötzlich ein Nest von Kriminellen? Die Polizei klärte uns auf: Die Kontrolleure in den Bussen stiegen mit den erwischt Schwarzfahrern meist an einer bestimmten Haltestelle in Ruppichteroth aus, um den Bus in die Gegenrichtung zu nehmen. Da der Ort der Sachbearbeitung oft als Tatort erfasst wird, explodierte rein statistisch die Kriminalität an dieser einen Haltestelle. Dass „Schwarzfahren“ überhaupt als Straftat und nicht als zivilrechtliche Angelegenheit (Nichtbezahlen einer Leistung) gewertet wird, ist dabei ein weiteres politisches Thema, das die Statistik unnötig aufbläht.
Der gefährliche Kreislauf
Wir müssen also feststellen: Die polizeilichen Statistiken sind kein nützliches Werkzeug, um die tatsächliche gesellschaftliche Entwicklung über Jahrzehnte hinweg zu vergleichen. Sie täuschen uns.
Das wirkliche Problem daran ist jedoch politischer Natur. Diese aufgeblähten Statistiken fließen in die politische Diskussion ein und dienen als Begründung für immer schärfere Gesetze. Hier entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf, der unsere Freiheit bedroht.
Es ist wie mit einer Straße, in der alle etwas unordentlich parken, sich aber niemand beschwert. Wenn der Bürgermeister nun eine Politesse einstellt, die genau diese Straße überwacht, wird sie – wenn sie ihren Job gut macht – Dutzende Verstöße finden. Sei es nur, dass jemand zwei Zentimeter über der Linie steht. Die Statistik springt von „Null Verstöße“ auf „Hundert Verstöße“. Das dient dem Bürgermeister dann als Argument: „Seht her, hier herrscht Chaos, wir brauchen mehr Politessen!“
Diesen Kreislauf erleben wir gerade im Großen. Die Statistik zu politischen Straftaten wird genutzt die Strafbarkeit angeblicher Beleidigungen gegen Politiker (§ 188 StGB) zu verschärfen und Hausdurchsuchungen wegen Online-Kommentaren zu rechtfertigen. Eine ganze Industrie aus Anwälten und Politikern ist entstanden, die fast jede Unmutsäußerung zur Anzeige bringt. Das erhöht zerstört Freiheit und Demokratie, erhöht aber die Statistik, was wiederum als Beweis für die „Verrohung“ dient, was wiederum noch härtere Maßnahmen rechtfertigt.
Dieser Artikel erschien erstmals am 09.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Gerd Altmann auf Pixabay.
Zur Recherche in Vorbereitung dieses Artikels wurde die folgende Ausarbeitung mit Hilfe einer KI (Gemini) erstellt.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de