Der leise Rückzug der Menschheit: Evolutionärer Selbstmord oder Triumph der Freiheit?

Die Geburtenraten sinken – und das fast überall. Während die Bevölkerung in einigen Ländern Afrikas noch deutlich wächst, schrumpfen wir in den meisten westlichen Staaten und zunehmend auch in Asien und Lateinamerika.

Dieser Trend ist nicht zufällig. Er hat handfeste soziologische und ökonomische Gründe: Ein Leben ohne Kinder bedeutet heute oft mehr individuellen Wohlstand, mehr Zeit für sich selbst und weniger finanzielle Sorgen. Das historische „Versprechen“ von Kindern – nämlich die Absicherung im Alter und die Hilfe im Alltag – hat sich aufgelöst. Staatliche Rentensysteme, private Sparpläne oder Aktienmärkte haben diese Funktion übernommen. Das Prinzip „Ich lebe im Alter von dem, was meine Kinder erwirtschaften“ ist abstrahiert und an den Staat ausgelagert worden. Die direkte Notwendigkeit von Nachwuchs für das eigene Überleben existiert nicht mehr.

Der Faktor Freiheit und die Evolution

Ein noch entscheidenderer Faktor ist die moderne Verhütung. Sie erlaubt es Frauen erstmals in der Geschichte der Menschheit, wirklich selbstbestimmt zu entscheiden, ob sie schwanger werden wollen oder nicht. Das ist zweifellos eine riesige Errungenschaft der Freiheit.

Doch betrachten wir dies einmal nüchtern durch die Brille der Evolution: Die Natur hat diese „Freiwilligkeit“ vermutlich nie vorgesehen. In früheren Zeiten war eine Schwangerschaft für die Frau oft ein lebensgefährliches Risiko. Die Müttersterblichkeit war immens, von der Kindersterblichkeit ganz zu schweigen. In harten Zeiten hätte sich wohl kaum eine Frau rational und freiwillig für eine Schwangerschaft entschieden.

Wäre die Fortpflanzung schon damals eine reine Wahlentscheidung gewesen, wäre die Menschheit vielleicht schon längst ausgestorben. Dass Frauen früher nicht wählen konnten, hat – so zynisch das klingt – unser Überleben als Spezies gesichert.

Die Gefahr der „Kompetenz-Erosion“

Heute sind wir in der komfortablen Lage, dass wir über sichere Verhütung, sozialen Status unabhängig von Mutterschaft und finanzielle Absicherung verfügen. Doch führt diese Freiheit zwangsläufig dazu, dass wir uns abschaffen?

Es geht dabei nicht nur um die reine Anzahl der Menschen. Es geht um die kritische Masse, die notwendig ist, um unsere hochkomplexe Zivilisation am Laufen zu halten. Wenn die Bevölkerung zu stark schrumpft, verlieren wir womöglich die Fähigkeit, ausreichend Experten für all die spezialisierten Bereiche auszubilden, die unsere Technologie und Infrastruktur erfordern. Es droht eine Reduzierung der kollektiven Expertise – eine Art globale „Verdummung“ der Gesamtmenge, schlicht weil die Köpfe fehlen, um das Wissen zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Die große philosophische Frage: Müssen wir gegensteuern?

Hier verlassen wir den Boden der Soziologie und betreten die Philosophie. Wenn wir feststellen, dass wir auf ein langsames Aussterben zusteuern: Sollten oder müssen wir das verhindern?

Hat das Fortbestehen der Spezies Mensch einen intrinsischen Wert, der über das Glück des einzelnen Individuums hinausgeht? Oder ist es egal, ob nach uns das Licht ausgeht?


Und hier hab eich die KI (Gemini) nach der Haltung früherer Philosophen gefragt:

Exkurs: Das Überleben der Menschheit in der Philosophie

1. Die Pflicht zur Zukunft: Hans Jonas

Der deutsche Philosoph Hans Jonas ist wohl der wichtigste Anwalt für den Erhalt der Menschheit. In seinem Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ (1979) formulierte er einen neuen kategorischen Imperativ für das technologische Zeitalter:

„Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Für Jonas ist die Existenz der Menschheit kein „Kann“, sondern ein „Muss“. Sein Argument: Wir dürfen nicht „Vabanque“ (alles auf eine Karte) spielen mit der Existenz künftiger Generationen. Die Menschheit hat eine ontologische Verpflichtung, da zu sein. Das „Nichtsein“ hat keinen Wert, aber das „Sein“ trägt den Wert in sich selbst. Wenn wir die Menschheit aussterben lassen, berauben wir das Universum der einzigen Instanz, die Verantwortung übernehmen und Moral empfinden kann.

2. Der Antinatalismus: David Benatar

Das exakte Gegenteil vertritt der südafrikanische Philosoph David Benatar (Buch: „Better Never to Have Been“). Er vertritt die These des Antinatalismus. Sein Argument ist eine Asymmetrie von Leid und Glück:

  • Leid ist schlecht.
  • Glück ist gut.
  • Die Abwesenheit von Leid ist gut (auch wenn niemand da ist, der sich freut).
  • Die Abwesenheit von Glück ist nicht schlecht (wenn niemand da ist, der das Glück vermisst).

Daraus folgert er: In die Existenz zu kommen, ist immer ein Schaden („The Harm of Coming into Existence“), weil jedes Leben Leid enthält, das Nicht-Existieren aber leidfrei wäre. Nach dieser Logik wäre ein friedliches Aussterben der Menschheit (indem wir einfach aufhören, Kinder zu bekommen) kein Verlust, sondern moralisch sogar wünschenswert, da kein neues Leid mehr entsteht.

3. Der Utilitarismus und „Longtermism“: Derek Parfit & Nick Bostrom

Moderne Ethiker wie Derek Parfit (Oxford) oder Nick Bostrom (bekannt für seine Thesen zu existentiellen Risiken) argumentieren mathematisch-moralisch. Parfit befasste sich mit der Frage: Ist eine Welt mit 10 Milliarden Menschen, die „sehr glücklich“ sind, besser als eine mit 100 Milliarden Menschen, die „gerade so okay“ leben? (Das sogenannte „Repugnant Conclusion“-Problem). Die Denkrichtung des Longtermism (Langzeit-Ethik) argumentiert so: Wenn die Menschheit überlebt, könnten in der Zukunft noch Billionen von Menschenleben entstehen, die glücklich sind und das Universum erforschen. Wenn wir jetzt aussterben, vernichten wir nicht nur uns, sondern dieses gigantische Potenzial. Das Aussterben wäre demnach ein astronomisch großer moralischer Verlust, weil wir eine fast unendliche Menge an zukünftigem Wert „löschen“.

4. Der Pessimismus: Arthur Schopenhauer

Schon im 19. Jahrhundert sah Arthur Schopenhauer das Leben primär als Leiden, getrieben von einem blinden „Willen“, der nie befriedigt werden kann. Für Schopenhauer ist das Dasein eine Art Fehler. Zwar forderte er nicht aktiv den kollektiven Suizid der Menschheit, aber seine Philosophie legt nahe, dass das „Nichts“ dem qualvollen „Wollen“ des Lebens vorzuziehen wäre. Ein Aussterben wäre für ihn wohl eher eine Erlösung vom „Rad des Ixion“ (dem ewigen, sinnlosen Kreislauf).

5. Der Existenzialismus: Sinn durch Entscheidung (Sartre/Camus)

Für Existenzialisten gibt es keinen vorgegebenen Sinn (keinen Gott, keine Evolution, die uns einen „Wert“ gibt). Jean-Paul Sartre würde sagen: Die Existenz geht der Essenz voraus. Das heißt: Wir sind erst da, und dann müssen wir entscheiden, wofür wir da sind. Wenn wir uns entscheiden, dass das menschliche Abenteuer weitergehen soll, dann hat es einen Wert – weil wir ihn ihm geben. Wenn wir uns dagegen entscheiden, verschwindet der Wert mit uns. Es gibt kein „Buch der Natur“, in dem steht, dass wir überleben müssen. Es ist unsere reine, freie (und oft beängstigende) Wahl.


Im Ergebnis heißt das:

  • Biologisch/Evolutionär ist das Aussterben ein Fehler (Versagen der Reproduktion).
  • Individuell/Freiheitlich ist der Kinderverzicht oft ein Gewinn an Lebensqualität (im Hier und Jetzt).
  • Philosophisch ist die Frage offen: Wollen wir die „Fackel des Bewusstseins“ (Jonas/Longtermism) weitertragen, oder akzeptieren wir, dass mit unserer Freiheit auch die Freiheit endet, sich gegen die Mühsal der Zukunft zu entscheiden (Benatar/Schopenhauer)?

Vielleicht ist die eigentliche Gefahr nicht das Aussterben an sich, sondern dass wir es „aus Versehen“ tun – nicht als weise Entscheidung, sondern als Nebeneffekt von Bequemlichkeit und ökonomischen Fehlanreizen.

Nun habe ich die KI nach den Einstellungen früherer Zivilisationen gefragt:

Der Blick der Alten: Wenn Fortpflanzung kosmische Pflicht ist

Wenn wir heute darüber diskutieren, ob wir Kinder bekommen „möchten“, ist das ein Luxus, den die meisten antiken Kulturen nicht verstanden hätten. Für sie war das Überleben der Menschheit keine Frage der individuellen Freiheit, sondern eine religiöse und staatstragende Pflicht. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die Angst vor dem Verschwinden ist so alt wie die Zivilisation selbst.

1. Das alte China: Unsterblichkeit durch die Ahnenreihe

Im konfuzianischen China wäre die Idee, keine Kinder zu haben, um „mehr Zeit für sich“ zu haben, nicht nur als egoistisch, sondern als moralisches Verbrechen angesehen worden.

Der Philosoph Mengzi (Mencius), der bedeutendste Nachfolger Konfuzius‘, formulierte es drastisch:

„Es gibt drei Dinge, die unfilial (pietätlos gegenüber den Eltern) sind, und das schlimmste davon ist, keine Nachkommen zu haben.“

Der Grundgedanke ist hier nicht biologisch, sondern spirituell. Ein Mensch existiert nur als Glied einer unendlichen Kette. Die Ahnen leben weiter, solange die Nachkommen Opferrituale für sie vollziehen. Bricht die Kette ab, werden die Ahnen zu „hungrigen Geistern“, und man selbst verliert jede Chance auf Unsterblichkeit. Das „Aussterben“ einer Familie war im alten China gleichbedeutend mit der Auslöschung der eigenen Seele und der der Vorfahren. Hier ist Fortpflanzung der einzige Weg, den Tod zu besiegen.

2. Das alte Rom: Wohlstand als Geburtenkiller (eine historische Parallele)

Besonders spannend für unsere heutige Situation ist das antike Rom. Denn dort passierte genau das, was wir heute im Westen erleben: Mit steigendem Wohlstand und Luxus sank die Geburtenrate – besonders in der Oberschicht.

Die römischen Eliten der späten Republik und frühen Kaiserzeit fanden Kinder lästig, teuer und hinderlich für den Genuss des Lebens („Otium“). Der erste Kaiser, Augustus, sah darin eine Gefahr für den Staat. Er erließ radikale Sittengesetze (die Leges Iuliae), um die Römer buchstäblich zum Kinderkriegen zu zwingen:

  • Wer unverheiratet war oder keine Kinder hatte, durfte keine Erbschaften annehmen.
  • Wer viele Kinder hatte, bekam politische Privilegien.
  • In einer berühmten Rede schimpfte Augustus die kinderlosen Männer Roms als „Mörder an der Zukunft Roms“ und warf ihnen vor, den Staat durch ihren Egoismus zu vernichten.

Die Philosophie der Stoiker stützte dies: Der Mensch ist Bürger des Kosmos (Kosmopolit). Er hat die Pflicht, seinen Teil zum Erhalt des Ganzen beizutragen. Marcus Aurelius sah das Zeugen von Nachwuchs nicht als private Laune, sondern als Dienst an der Natur, die das Leben fordert.

3. Das alte Ägypten: Der Kampf gegen das Chaos

Für die Ägypter war das Leben ein ständiger Kampf gegen das Chaos (Isfet), um die göttliche Ordnung (Ma’at) zu erhalten. Das Aussterben der Menschheit hätte bedeutet, dass niemand mehr die Götter verehren kann. Ohne Verehrung und Rituale würden die Götter geschwächt, und die Welt würde zurück in den Urzustand des Chaos fallen. Fortpflanzung war ein Akt der „Schöpfung im Kleinen“. Ein Kind zu zeugen, bedeutete, den Sieg des Lebens über den Tod zu wiederholen. Ein bewusster Verzicht wäre als Unterstützung der Chaosmächte interpretiert worden – ein Verrat an der kosmischen Balance.

4. Die Maya und Azteken: Leben auf Abruf

Einen völlig anderen, fast düsteren Blick hatten die Hochkulturen Mittelamerikas. Für die Azteken war der Fortbestand der Menschheit keineswegs garantiert. Sie glaubten, dass wir im Zeitalter der „Fünften Sonne“ leben und dass die vier vorangegangenen Welten bereits untergegangen waren.

Das Ende der Menschheit war hier keine vage Möglichkeit, sondern eine ständige, drohende Realität. Die Götter mussten durch Opfer (oft Blutopfer) „gefüttert“ werden, damit die Sonne weiter aufging. Hier war die Existenz der Menschheit eine Bürde, ein ständiger Kraftakt. Man musste sich das Recht zu existieren jeden Tag neu erkaufen. Die Idee, „freiwillig“ auszusterben, wäre den Azteken absurd vorgekommen – sie kämpften jeden Tag panisch gegen das Aussterben, das sie als Schicksal der Götter fürchteten.

Zusammenfassung: Von der Pflicht zur Wahl

Vergleicht man diese antiken Sichten mit unserer heutigen Situation, fällt der Kontrast scharf ins Auge:

  • Früher war Fortpflanzung eine Pflicht gegenüber den Ahnen (China), dem Staat (Rom), der kosmischen Ordnung (Ägypten) oder den Göttern (Azteken). Der Einzelne war nur ein Rädchen im Getriebe der Ewigkeit.
  • Heute haben wir die Pflicht privatisiert. Wir fragen nicht mehr: „Was braucht der Staat/der Gott?“, sondern „Was brauche ich?“.

Die antiken Kulturen lehren uns, dass der „Rückzug der Menschheit“ oft dann beginnt, wenn das Individuum sich wichtiger nimmt als die Kette der Generationen. Rom hat versucht, politisch dagegen zu steuern – und ist langfristig gescheitert. Es bleibt die Frage, ob wir heute klüger sind.

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de