Das Gedächtnis der Menschheit: Was die uralten Untergangsmythen über den heutigen Westen verraten

Wenn wir heute das Wort „Apokalypse“ hören, denken wir an Hollywood-Blockbuster, an Meteoriteneinschläge oder Klimamodelle. Wir verstehen den Untergang meist als ein technisches oder physikalisches Ereignis. Doch unsere Vorfahren sahen das anders. Lange bevor es Soziologie oder Geschichtswissenschaft gab, haben Menschen bereits sehr genau beobachtet, warum Hochkulturen scheitern. Sie haben ihre Erkenntnisse nicht in Statistiken festgehalten, sondern in Erzählungen, die über Jahrtausende weitergegeben wurden.

Blickt man in die Überlieferungen der großen Weltkulturen – von der griechischen Antike über den vorderen Orient bis nach Indien –, stößt man auf ein verblüffendes Phänomen: Sie alle erzählen im Kern dieselbe Geschichte. Es ist das destillierte Erfahrungswissen unzähliger Generationen über den Aufstieg und Fall von Imperien. Diese Texte sind keine frommen Märchen, sondern verdichtete Soziologie. Sie warnen uns: Zivilisationen sterben selten durch Zufall. Sie sterben, weil sie ihren inneren Kompass verlieren.

Um zu verstehen, wie präzise diese Warnungen auf den heutigen Westen passen, lohnt sich ein Blick in die „Akte“ der versunkenen Städte:

  • Atlantis (Griechische Philosophie): In Platons Berichten war Atlantis ursprünglich eine ideale, hochentwickelte Zivilisation. Der Wendepunkt kam nicht durch Armut, sondern durch Überfluss. Platon beschreibt, wie die Bewohner von Gier und dem „frevlem Übermut“ (Hybris) ergriffen wurden. Entscheidend für ihren Untergang war ihr imperialer Anspruch: Sie begannen, andere Völker zu unterjochen und Kriege zu führen, um ihre Machtsphäre rücksichtslos auszudehnen.
  • Sodom und Gomorra (Jüdisch-Christliche Tradition): Jenseits der gängigen Klischees nennt der Prophet Hesekiel den wahren Grund für den Untergang: „Hochmut, Fülle von Brot und sorglose Ruhe“. Es war eine reiche Gesellschaft, die an ihrer eigenen Sattheit und sozialen Kälte zugrunde ging, weil sie den Armen nicht half und das Schutzrecht für Fremde mit Füßen trat.
  • Iram der Säulen (Arabische Überlieferung/Koran): Die Bewohner dieser Stadt bauten monumentale Architektur, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Ihr technischer Fortschritt führte zu einem Gefühl der Unbesiegbarkeit. Ihre zentrale Frage war: „Wer ist mächtiger als wir?“ – ein Ausdruck purer Machtpolitik und Tyrannei gegenüber ihren Nachbarn.
  • Dvaraka (Indische Epen): Die goldene Stadt, die an innerer Zersetzung scheiterte. Obwohl reich und gesegnet, verfiel die Elite der Stadt der Trunkenheit, verlor den Respekt vor der Weisheit der Alten und bekämpfte sich in internen Machtspielen, bis die Gesellschaft implodierte.

Liest man diese uralten Befunde als Diagnose für unsere Gegenwart, blickt man in einen beunruhigenden Spiegel der westlichen Industrienationen. Das „Menetekel“ an der Wand ist keine mystische Drohung, sondern die logische Konsequenz gesellschaftlicher Fehlentwicklungen, die wir heute fast identisch wiederholen.

Wir erkennen fatale Parallelen zu unserer heutigen Situation.

1. Die Arroganz der Sattheit

In fast allen Überlieferungen beginnt der Abstieg nicht mit Mangel, sondern mit extremem Wohlstand, der falsch genutzt wird. Der griechische Philosoph Platon beschrieb, dass Atlantis unterging, als der „göttliche Anteil“ (die Weisheit und Mäßigung) schwand und die Gier nach Macht überhandnahm. Auch die biblischen Texte warnen vor der „Fülle von Brot und sorgloser Ruhe“, während man die Armen vergisst.

Der heutige Westen lebt in genau diesem Zustand. Wir haben einen materiellen Reichtum angehäuft, der historisch beispiellos ist. Doch dieser Wohlstand hat zu einer gefährlichen Illusion geführt: dem Glauben an die eigene Unverwundbarkeit. Eine ökonomische Elite hat sich von der Realität der arbeitenden Bevölkerung entkoppelt. Während Börsenkurse gefeiert werden, bröckelt das Fundament – die Infrastruktur, das Bildungssystem, die Daseinsvorsorge. Die universelle Warnung der Geschichte lautet: Eine Gesellschaft, die Reichtum ansammelt, ohne ihn dem Gemeinwohl dienbar zu machen, wird träge und verliert die Fähigkeit, auf echte Krisen zu reagieren.

2. Der Bruch des gesellschaftlichen Vertrags

Ein zentrales Motiv in den Mythen – von der Odyssee bis zum alten Orient – ist das „Gastrecht“. Das klingt heute harmlos, meinte damals aber den fundamentalen Respekt vor dem Schutzbedürftigen. Wenn eine Stadt Fremde oder Schwache misshandelte, galt das als sicheres Zeichen für ihren baldigen Untergang.

Übertragen auf heute sehen wir eine Erosion der Solidarität. Das „Wir“ ist dem „Ich“ gewichen. Der Bürger wurde zum Konsumenten, der Nachbar zum Konkurrenten. Wir sehen das in der Kälte gegenüber jenen, die „nicht mithalten“ können – seien es Rentner, die Flaschen sammeln müssen, oder Geringverdiener, die aus den Städten verdrängt werden. Wenn eine Zivilisation ihre Schwächsten vergisst und soziale Härte als Leistung missversteht, bricht sie den unsichtbaren Vertrag, der eine Gesellschaft zusammenhält. Sie wird innerlich hohl.

3. Die Hybris der Macht und der Zwang zur Dominanz

Ein besonders fatales Muster in den Überlieferungen ist der Umschlag von Stärke in imperiale Aggression.

  • Atlantis versank laut Platon nicht einfach so, sondern nachdem es begann, andere Völker zu unterjochen und Kriege zu führen, um seine Machtsphäre rücksichtslos auszudehnen.
  • Die Bewohner von Iram fragten arrogant: „Wer ist mächtiger als wir?“ und unterdrückten ihre Nachbarn.

Das ist das Bild einer Zivilisation, die nicht akzeptieren kann, dass sie nicht mehr der alleinige Herrscher der Welt ist. Blickt man auf den heutigen Westen, sieht man exakt dieses Verhalten: Statt eine multipolare Weltordnung und das Aufstreben anderer Regionen (des „Globalen Südens“) zu akzeptieren, wird versucht, die eigene Hegemonie mit allen Mitteln zu zementieren. Man setzt auf Sanktionen, militärische Drohkulissen und Regimewechsel, um die eigene Vormachtstellung zu sichern. Die alten Mythen warnen eindringlich: Wenn eine Großmacht glaubt, sie stehe über dem Völkerrecht und könne anderen ihren Willen aufzwingen, ist das oft das letzte Stadium vor dem eigenen Zusammenbruch. Die Hybris, „Weltpolizist“ und Richter zugleich zu sein, überdehnt die eigenen Kräfte fatal.

4. Dekadenz als Ablenkung

Schließlich warnen die Mythen vor dem „Taumel“ oder der „Trunkenheit“ kurz vor dem Ende. In der indischen Mythologie erschlagen sich die Clans einer goldenen Stadt im Rausch gegenseitig, weil sie jeden Respekt verloren haben. Modern interpretiert geht es hier um eine Gesellschaft, die sich in Nebenschauplätzen verliert, um nicht über ihren kritischen Zustand nachdenken zu müssen. Während die realen Probleme (Kriegsgefahr, Deindustrialisierung, Wohnungsnot) wachsen, führt der Westen hysterische Debatten über sprachliche Nuancen, Identitätspolitik und Lifestyle-Fragen. Es ist der Tanz auf dem Vulkan. Wir verlieren uns in internen Grabenkämpfen, während am Horizont die dunklen Wolken aufziehen.

5. Der Verlust der Weisheit: Die Verachtung des Alters

Sowohl der griechische Dichter Hesiod als auch die indischen Epen nennen ein klares Warnsignal für das „Eiserne Zeitalter“ des Niedergangs: Wenn die Jungen die Alten nicht mehr ehren, sondern verspotten. Auch hier hält uns die Geschichte einen Spiegel vor. Unsere Gesellschaft pflegt einen obsessiven Jugendkult. Erfahrungswissen, Lebensleistung und historische Lehren (etwa die Mahnungen der Kriegsgeneration zu Frieden und Diplomatie) werden oft als „veraltet“ oder „naiv“ weggewischt. Eine Zivilisation, die glaubt, die Geschichte beginne jeden Tag neu, und die den Rat ihrer Ältesten ignoriert, verliert ihre Wurzeln. Sie wiederholt blind die Fehler der Vergangenheit, weil sie zu arrogant ist, von denen zu lernen, die sie schon einmal gemacht haben.

Die Geschichten vom Untergang enden meist katastrophal – mit Fluten, Feuer oder Stürmen. Aber sie wurden nicht erzählt, um Fatalismus zu verbreiten. Sie sind Warnschilder, aufgestellt von Generationen vor uns, die diesen Zyklus bereits durchlebt haben.

Die Botschaft an uns ist säkular und politisch hochaktuell: Eine Zivilisation ist keine Hardware, die ewig hält. Sie basiert auf Kooperation, Maßhalten und Gerechtigkeit. Wenn wir den „Hochmut“ ablegen und Politik wieder für die breite Mehrheit und nicht für elitäre Zirkel machen, dann ist das Ende nicht vorherbestimmt. Der Untergang ist in den Augen unserer Vorfahren die Strafe für die Weigerung, vernünftig und solidarisch zu handeln.

Dieser Artikel erschien erstmals am 13.01.2026. Das Artikelbild ist ein Beispielbild, welches von DallE generiert wurde,

Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de