Oft fragen wir uns: Warum neigt der Mensch eigentlich immer wieder zum Krieg? Warum scheint ein dauerhafter Frieden, nach dem wir uns alle sehnen, schier unmöglich zu sein?
Tatsächlich zieht sich der Krieg wie ein roter Faden durch die Jahrtausende der menschlichen Entwicklung. Aber wir dürfen bei aller Ernüchterung die positiven Zeichen nicht übersehen: Wir haben zumindest eine Zivilisationsstufe erreicht, in der Kriege nicht mehr blind als „erstrebenswert“, „ehrenvoll“ oder als reines Abenteuer angesehen werden. Wer heute Kriege führt, muss sich rechtfertigen. Er muss Gründe konstruieren. Das mag wie ein kleiner Fortschritt wirken, aber es ist einer: Die Moral hat sich verschoben.
Und doch kommen wir aus dem Hamsterrad der Gewalt scheinbar nicht heraus. Der Grund dafür liegt tief in uns selbst.
Das Erbe unserer Vorfahren: Warum wir „Erster“ sein wollen
Die Wissenschaft ist sich weitgehend einig: Das Streben nach Dominanz ist tief in unserer Psyche veranlagt. Das gilt nicht nur für die einzelne Person, die im Beruf oder Verein nach Anerkennung strebt, sondern auch für ganze Nationen.
In der grauen Vorzeit war dieser Drang ein simpler, aber effektiver Überlebensvorteil. Wer dominant war, wer in der Hierarchie oben stand, der sicherte sich und seiner Gruppe den Zugriff auf knappe Ressourcen wie Nahrung und Territorium. Die Evolution hat uns darauf programmiert, Status nicht nur zu wollen, sondern ihn aktiv gegen Konkurrenten zu verteidigen.
Doch was damals das Überleben sicherte, ist heute eine tödliche Falle.
In einer modernen Geopolitik, in der sich Staaten gegenüberstehen, die in der Lage sind, sich gegenseitig und den ganzen Planeten mehrfach auszulöschen, wird der archaische Drang nach der „Nummer Eins“ zum existenziellen Risiko. Untersuchungen zeigen deutlich: Wenn zwei Supermächte gleichzeitig glauben, sie seien die Größten und müssten dies beweisen (das sogenannte „Status-Dilemma“), versagt die Vernunft.
Wir sehen das in der Geschichte: Kriege, die primär aus Statusgründen geführt wurden – um nicht als „schwach“ zu gelten oder um eine abstrakte Vormachtstellung zu wahren – waren oft die blutigsten und irrationalsten. Man denke an den Ersten Weltkrieg oder Vietnam. Es wird geopfert, nur um auf einer Rangliste oben zu stehen, selbst wenn der „Sieg“ keinen echten materiellen Vorteil mehr bietet.
Es gibt einen Ausweg: Dominanz vs. Prestige
Doch der Blick in die Wissenschaft liefert nicht nur düstere Diagnosen, sondern auch Hoffnung. Die Forschung unterscheidet nämlich zwei Wege, wie Menschen und Staaten Status erlangen können: Dominanz und Prestige.
- Der Weg der Dominanz: Das ist der alte Weg. Er funktioniert über Zwang, Drohung und „Hard Power“. Er fordert Opfer.
- Der Weg des Prestige: Das ist die Möglichkeit, Status durch Vorbildfunktion, Kompetenz und „Soft Power“ zu erlangen.
Wir haben historische Beweise, dass dieser zweite Weg funktioniert. Erinnern wir uns an den Kalten Krieg: Neben dem atomaren Wettrüsten gab es den Wettlauf ins All. Ob Sputnik oder die Mondlandung – dieser Wettkampf hat die gleiche aggressive Triebkraft im Menschen genutzt, sie aber zu etwas Konstruktivem geformt. Anstatt sich auf dem Schlachtfeld zu töten, trieben sich die Systeme zu technologischen Höchstleistungen an.
Ein anderes Beispiel für Prestige durch Vorbildfunktion sind globale Gesundheitsinitiativen. Kuba hat sich, bei allen Problemen an anderen Stellen, über Jahrzehnte einen weltweiten Ruf erarbeitet, weil es Ärzte in Krisengebiete schickte. Ein Land kann also Status gewinnen, nicht indem es andere unterwirft, sondern indem es das Leben anderer verlängert. Die Wissenschaft nennt das „Benevolenz“ – Status durch Gemeinwohl.
Ein Wettlauf gegen die Zeit
Die dringlichste Aufgabe unserer Zeit – und auch die Aufgabe einer verantwortungsvollen Politik – ist es also, diese immense menschliche Energie in konstruktive Bahnen zu lenken. Weg von der Destruktivität, hin zum Wettbewerb der besten Ideen und der größten Hilfsbereitschaft.
Ich bin hoffnungsvoll. Wir Menschen entwickeln uns. Auch wenn es sich für den Einzelnen oft so anfühlt, als stünden wir still: Über Generationen hinweg verändern wir uns. Die Akzeptanz von Gewalt sinkt, der Wunsch nach kooperativen Lösungen steigt. Wir haben die Chance, uns zu einer wirklich friedlichen Zivilisation zu entwickeln.
Der Haken dabei ist allerdings: Uns läuft die Zeit davon.
Die biologische und soziale Evolution ist langsam. Sie braucht Generationen. Unsere technische Entwicklung aber ist rasend schnell. Wir sind technisch längst so weit, uns selbst vollständig zu vernichten. Die Atombombe wartet nicht darauf, dass unsere Instinkte friedlicher werden.
Es ist daher jetzt, in diesem Jahrhundert, dringend notwendig, dass wir sozial und kulturell aufholen. Wir müssen aktiv Mechanismen schaffen, die unseren Drang nach Dominanz zivilisieren, bevor unsere uralten Instinkte den Knopf unserer hochmodernen Waffen drücken.
Dieser Artikel erschien erstmal am 06.01.2025. Das Artikelbild ist ein Beispielbild von Heiko Caimi auf Pixabay.
Zur Vorbereitung dieses Artikels wurde mit KI Unterstützung die folgende Arbeit erstellt.
Quelle: Progressive Stimme - Argumente, Fakten, Quellen - https://progressivestimme.de